Neu im Kino/Buch- und Filmkritik: Die Bestseller-Verfilmung „Girl on the Train“

Oktober 27, 2016

Jeden Wochentag fährt Rachel im Pendlerzug nach London (im Film New York) und beobachtet dabei ein verliebtes Paar in einem lauschigen Vorstadthaus. Sie malt sich in den rosigsten Farben deren glückliches und erfülltes Leben aus.

Eines Tages beobachtet sie Megan beim Sex mit einem anderen Mann. Rachel ist schockiert, dass ihre Seifenblasen über das glückliche Eheleben von Megan und Scott zerplatzen.

Kurz darauf ist Megan spurlos verschwunden – und Rachel wacht in ihrem Bett mit einem Riesenkater, Verletzungen und einem Blackout auf.

Vor dem Film meinte ich, ohne das Buch zu kennen und ohne die Synopse genau studiert zu haben, zu einem Kumpel, die Lösung sei offensichtlich und nannte den Bösewicht, der es dann auch war.

Nach dem Film grummelte ich „typische missratene Bestseller-Verfilmung, die zu nah am Buch bleibt“. Und dabei hatte Drehbuchautorin Erin Cressida Wilson doch versucht aus einer Charakterstudie einen Thriller zu machen. Sie änderte auch etliche Details in der Geschichte.

Aber sie übernahm, anstatt beherzt und nach Lust und Laune die Romangeschichte so lange zu ändern, bis eine mitreisende Filmgeschichte entsteht, die Struktur des Romans, die im Roman besser als auf der Leinwand funktioniert. Die Geschichte wird aus den Perspektiven von Rachel Watson (Emily Blunt), Megan Hipwell (Haley Bennett) und Anna Watson (Rebecca Ferguson) erzählt. In der Gegenwart und der Vergangenheit. Und, bei Rachel, mit einigen Flashbacks, die mehr oder weniger wahr sind. Man ist also, auch wenn im Film immer wieder die Handlungszeit eingeblendet wird, mehr mit dem Auseinanderfriemeln der verschiedenen Zeitebenen und Perspektiven, als mit dem Sich-Einlassen in die Geschichte beschäftigt. Dass Megan und Anna, wie im Roman, zwei gutaussehende, schlanke, gleichaltrige Blondinen sind, sorgt immer wieder für kurzzeitige Irritationen, in denen man sich fragt, ob man jetzt gerade Megan oder Anna in der Gegenwart oder der Vergangenheit sieht. Entsprechend distanziert und gelangweilt folgt man den durchschaubaren Geschehnissen auf der Leinwand, die Tate Taylor („The Help“, „Get on Up“) reichlich uninspiriert in Richtung austauschbarer ‚TV-Film der Woche für weibliche Zuschauer‘ inszenierte. Für die Frauen im Publikum gibt es dann auch mehrere Identifikationsangebote.

Da ist Rachel, eine schon seit Langem arbeitslose Alkoholikerin, die immer noch ihrer Ehe mit Tom Watson (Justin Theroux) hinterhertrauert, ihren Erinnerungen nicht trauen kann und die versucht, zu helfen. Denn selbstverständlich muss der Liebhaber, den sie auf der Terrasse gesehen hat, der Mörder sein. Nur: wen hat sie wirklich auf der Terrasse beim Sex mit Megan gesehen? Und woher kommen die Verletzungen, die sie sich an dem Abend als Megan verschwand zufügte oder ihr zugefügt wurden?

Da ist Megan, die verschwundene Frau, die unter dem Kontrollwahn von ihrem Mann Scott (Luke Evans) leidet und bei einem Psychiater (Edgar Ramírez) war, den sie bei den Sitzungen versuchte, zu verführen. Außerdem arbeitete sie kurz als Babysitterin bei den Watsons.

Und da ist Anna, die jetzige Frau von Tom, die ihm das Kind schenkte, das Rachel ihm nicht schenken konnte. Sie ist verärgert über Rachels ständige SMS-Nachrichten und nächtlichen Anrufe.

Weil die Polizei keine Hinweise auf Megans Liebhaber findet, richtet sich ihr Interesse schnell auf Rachel, die sich ungefragt, mit oft falschen Angaben, in die Ermittlungen einmischt. Ungefähr ebensoschnell können wir uns ausrechnen, wer der Täter ist. Auch wenn die drei Damen, die im Roman alle unzuverlässige Ich-Erzählerinnen sind, noch ein, zwei weitere Geheimnisse haben.

Für mich sind diese Krimischmonzetten, die auch als Romantic-Thriller beworben werden und in denen es nur um die Probleme der labilen Protagonistin mit ihrem Traummann geht, nichts. Dabei fehlen im Roman sogar die wenigen Spannungsmomente des Films. Hawkins‘ enorm erfolgreicher Bestseller, weltweit 15 Millionen verkaufte Exemplare und der am schnellsten verkaufte Roman für Erwachsene in der Geschichte, ist vor allem eine langweilige Charakterstudie dreier einsamer, in der Vorstadt lebender, gut situierter, junger Frauen.

girl-on-the-train-hauptplakat

Girl on the Train (Girl on the Train, USA 2016)

Regie: Tate Taylor

Drehbuch: Erin Cressida Wilson

LV: Paula Hawkins: Girl on the Train, 2015 (Girl on the Train)

mit Emily Blunt, Rebecca Ferguson, Haley Bennett, Justin Theroux, Luke Evans, Allison Janney, Edgar Ramírez, Lisa Kudrow, Laura Prepon, Darren Goldstein

Länge: 113 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Die Vorlage mit Filmcover

Girl on the TrainDu kennst sie nicht aber sie kennt dich von Paula Hawkins

Paula Hawkins: Girl on the Train

(übersetzt von Christoph Göhler)

Blanvalet, 2016

448 Seiten

12,99 Euro

Deutsche Erstausgabe

Blanvalet, 2015

Originalausgabe

Girl on the Train

Doubleday, 2015

Hinweise

Deutsche Facebook-Seite zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Girl on the Train“

Metacritic über „Girl on the Train“

Rotten Tomatoes über „Girl on the Train“

Wikipedia über „Girl on the Train“ (deutsch, englisch)

Homepage von Paula Hawkins

Perlentaucher über „Girl on the Train“

Meine Besprechung von Tate Taylors „The Help“ (The Help, USA 2010)

Meine Besprechung von Tate Taylors „Get on Up“ (Get on Up, USA 2014)

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Neu im Kino/Filmkritik: „Get on Up“ für das mitreißende funky James-Brown-Biopic

Oktober 9, 2014

Bei Clint Eastwoods „The Four Seasons“-Biopic „Jersey Boys“ fragte ich mich, warum ich mir einen Film über eine nette, erfolgreiche, aber musikhistorisch belanglose Boy-Band ansehen und was mir die Geschichte dieser netten Jungs sagen soll.
Bei Tate Taylors „Get on Up“ stellt sich, auch wenn man der einzige Mensch im Universum ist, der noch nie etwas von James Brown hörte, die Frage überhaupt nicht. Wie schon in seinem vorherigem Film „The Help“ geht es um afroamerikanische Geschichte, den Kampf um Anerkennung und das Selbstbewusstsein der Afroamerikaner und James Brown (1933 – 2006), dessen Geschichte in dem Film erzählt wird, hat nie ein Problem mit seinem Ego, das mehr als Übergroß war. Immerhin war (?) er der „Godfather of Soul“, ein grandioser Showman, der Konzerthallen zum Kochen brachte und ein Vorbild für seine schwarzen Brüder. Er setzte sich, als es noch nicht zum Mainstream gehörte, für seine und ihre Rechte ein. Er forderte Schüler auf, die Schule abzuschließen. Während Aufständen in den Ghettos forderte er seine Soul Brothers auf, sich nicht abschlachten zu lassen. Nach der Ermordung von Martin Luther King gab er in Boston, gegen den Willen der Polizei, die Unruhen befürchtete, ein Freikonzert. Die befürchteten Unruhen blieben aus. Er war die Stimme der Underdogs – „Say it loud – I’m Black and I’m Proud“ – und sie hörten auf ihn.
Er selbst wuchs ärmlich in einer mitten im Wald gelegenen Holzhütte in Barnwell, South Carolina, auf, verbrachte seine Kindheit und Jugendjahre im Bordell seiner Tante Handsome ‚Honey‘ Washington in Augusta. Seine Mutter hatte inzwischen das Weite gesucht. Sein Vater, ein gewalttätiger Trinker, ebenso.
Im Gefängnis traf James Brown Bobby Byrd, der mit seiner Band ein Konzert im Gefängnis gab. Byrd erkannte das Talent und das Bühnencharisma von James Brown. In den folgenden Jahren wurden sie zu einer erfolgreichen Funk’n’Soul-Band, deren Sound, wie der Film mit seinen zahlreichen Konzertszenen und die von „Rolling Stone“ Mick Jagger gut zusammengestellte Soundtrack-CD zeigen, keine Patina angesetzt hat. Wenn man nicht wüsste, dass Songs wie „Sex Machine“, „Caldonia“, „Cold Sweat“, „Super Bad“ und „Say it loud – I’m Black and I’m Proud“ schon vor vierzig bis fünfzig Jahren entstanden, könnte man sie für neue Songs halten.
Zwischen den Songs gibt es, essaystisch-assoziativ verbunden, Anekdoten aus dem Leben von James Brown (grandios gespielt von „42“ Chadwick Boseman), die sich auf seine Jugend, seine Anfangsjahre und seine Karriere bis in die siebziger Jahre konzentrieren, keiner strikten Chronologie gehorchen und zu einem Porträt eines Mannes werden, der seinen Weg als Musiker und Geschäftsmann ging. Es werden auch seine problematischen Seiten, sein oft tyrannisches Verhalten gegenüber Frauen und Bandmitgliedern, nicht ausgespart. Seine Band bestand aus Könnern wie Bobby Byrd, Pee Wee Ellis, Maceo Parker, Fred Wesley und Bootsy Collins, die teilweise auch Solo erfolgreich waren und sind und begehrte Sidemen sind.
Es wird auch gezeigt, wie er sich von Gospel-Gottesdiensten für seine Bühnenperformance inspirieren ließ. Seine Auftritte waren Messen und in einer der zahlreichen witzigen Szenen des Films soll James Brown in einer TV-Sendung vor den „Rolling Stones“, die gerade ihr erstes US-Gastspiel absolvieren, auftreten. Für Brown ist es eine unfassbare Beleidigung, dass er nicht der Höhepunkt der Sendung sein soll. Mit seiner Band betritt er die Bühne mit einem Ziel: diese britische Band hinwegfegen – und (was historisch wohl falsch ist) Mick Jagger steht hinter der Bühne und sieht sich die Show dieses wildgewordenen Negers an, der sich bewegt, wie wir es inzwischen von Mick Jagger oder auch Michael Jackson kennen.
Auch James Browns Auftritt in Vietnam, mit dem das Biopic beginnt, ist legendär. Inclusive der Ansage, dass niemand James Brown sagt, wie lange er auf der Bühne bleiben soll.
Wer sich den Musikfilm nur ansieht, um eine faktengetreue, biedere Biographie von James Brown zu sehen, wird mit Tate Taylors „Get on Up“ wenig anfangen können. Es ist eine assoziative Collage von Anekdoten und mitreisender Musik.

Get on Up - Plakat

Get on Up (Get on Up, USA 2014)
Regie: Tate Taylor
Drehbuch: Jez Butterworth, John-Henry Butterworth
mit Chadwick Boseman, Nelsan Ellis, Dan Aykroyd, Viola Davis, Craig Robinson, Octavia Spencer, Lennie James, Jill Scott, Tika Sumpter, Lennie James
Länge: 139 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Get on Up“

Moviepilot über „Get on Up“

Metacritic über „Get on Up“

Rotten Tomatoes über „Get on Up“

History vs. Hollywood über „Get on Up“

Wikipedia über „Get on Up“ und James Brown (deutsch, englisch)

AllMusic über James Brown

Meine Besprechung von Tate Taylors „The Help“ (The Help, USA 2010)

Zum Anhören

Get on Up - Soundtrack

Der Filmsoundtrack besteht aus zwanzig Songs, neun davon sind Live-Aufnahmen, zwei Erstveröffentlichungen und vier in der Soundtrack-Version, d. h. sie unterscheidet sich in der Abmischung von den bekannten Versionen. Aufgenommen wurden die Songs zwischen 1956 und 1976; die meisten davon in den Sechzigern oder frühen Siebzigern.
„Get on Up“ ist eine gelungene Soundtrack-CD und ein gelungenes James-Brown-Best-of-Album, das ein guter Einstieg in die Welt von „Soul Brother Number One“ ist.

Get on Up – The James Brown Story (Original Motion Picture Soundtrack)
Universal Records, 2014
73 Minuten

Und hier das schon angesprochene Boston-Konzert:


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