Neu im Kino/Filmkritik: Nicole Kidmans Tough-Cop-Show „Destroyer“

März 14, 2019

Den Abschluss der kleinen Reihe von Filmen, die in den vergangenen Wochen in unseren Kinos anliefen („Aquaman“, „Der verlorene Sohn“, „Mein Bester & Ich“) und in denen Nicole Kidman ihre schauspielerische Bandbreite zeigt, endet mit „Destroyer“.

Der harte Neo-Noir-Cop-Thriller verlangt ihr in puncto Aussehen das Meiste ab. Denn bei den in der Gegenwart spielenden Teilen ist sie auch auf den zweiten und dritten Blick kaum zu erkennen. Sie ist ein klappriges Alkoholwrack, das seit Jahren nur noch mit der Hilfe von Drogen den Tag überlebt. Als Mutter und Kollegin ist Erin Bell die Totalkatastrophe, die den „Bad Lieutenant“ (egal ob in der Version von Abel Ferrara oder Werner Herzog) zum Mitarbeiter des Monats macht.

Als junge FBI-Agentin war Erin Bell Teil eines gefährlichen Undercover-Einsatz gegen Silas und seine skrupellose Bankräuberbande. Der Einsatz ging schief. Wie und warum verrät der Neo-Noir erst gegen Ende.

Siebzehn Jahre später kehrt Silas zurück nach Los Angeles. Er raubt weiterhin Banken aus und es können alte Rechnungen beglichen werden. Aber zuerst muss LAPD Detective Bell Silas finden. Und wie es sich für einen harten Cop gehört, geht Bell nicht zimperlich vor.

Viel mehr kann über Karyn Kusamas „Destroyer“ nicht verraten werden, ohne den gesamten Film zu spoilern. Denn sie erzählt die letztendlich sehr einfache Geschichte durchgehend und in jeder Beziehung fragmentarisch. Das entspricht der Wahrnehmung eines Drogensüchtigen.

Gleichzeitig ist es schwer, sich mit Bell zu identifizieren. Nicht weil sie drogensüchtig und konsequent unhöflich ist, sondern weil ihre Handlungsmotive teilweise bis zum Ende rätselhaft bleiben. So werden die Ereignisse der siebzehn Jahre zurückliegenden Undercover-Operation, die auch der Beginn ihrer Suchtbiographie ist, erst langsam enthüllt. Das ganze Bild hat man erst am Ende. Und erst in der letzten Minute weiß man, wie die verschiedenen Zeitebenen zusammenhängen. Das ist, wenn man Filme gerne mit einem Notizblock ansieht, interessant. Aber emotional involviert ist man nicht. Jedenfalls nicht in diesem Fall.

Dazu kommen im Rahmen des sich realistisch gebenden Noirs hoffnungslos unrealistische Szenen. Zum Beispiel beobachtet Bell bei einer Observation einen Banküberfall. Anstatt auf das Spezialeinsatzkommando zu warten, stürmt sie mit einer Maschinenpistole im Arm und zwei zufällig anwesenden Streifenpolizisten im Schlepptau in die Bank und beginnt eine Schießerei, die eindeutig von „Heat“ inspiriert ist. Menschen sterben. Panik bricht aus. Und sie befördert am helllichten Tag auf einem gut einsehbarem Parkplatz mitten in der Stadt einen der Bankräuber in den Kofferraum ihres Autos. Später im Film wird diese Schießerei und ihre Entführung (Verhaftung kann es nicht genannt werden) nicht einmal erwähnt. Es ist, als habe es den Schusswechsel und die zahlreichen Toten niemals gegeben.

Karyn Kusama, die nach ihren Spielfilmen „Girlfight“, „Æon Flux“ und „Jennifer’s Body“ in den vergangenen Jahren vor allem Episoden für Serien wie „Chicago Fire“, „Halt and Catch Fire“, „The Man in the High Castle“ und „Billions“ inszenierte, ist durch diese TV-Arbeiten den schnellen, effektiven Dreh mit einem überschaubarem Budget gewohnt. Auch bei „Destroyer“ war das Budget mit neun Millionen Dollar überschaubar. Aber dem an ausschließlich an Originalschauplätzen in Los Angeles gedrehtem Film sieht man das niedrige Budget nicht an.

Die Bilder und vor allem Nicole Kidman überzeugen. Sie hält den Film zusammen. Sie ist unbestritten das Zentrum des Films, der seine altbekannte Geschichte viel zu umständlich erzählt.

Destroyer (Destroyer, USA 2018)

Regie: Karyn Kusama

Drehbuch: Phil Hay, Matt Manfredi

mit Nicole Kidman, Toby Kebbell, Tatiana Maslany, Sebastian Stan, Scott McNairy, Bradley Whitford, Toby Huss, James Jordan, Beau Knapp, Bradley Whitford

Länge: 122 Minuten

FSK: ab 12 Jahre (hätte eher mit FSK-16 gerechnet)

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Destroyer“

Metacritic über „Destroyer“

Rotten Tomatoes über „Destroyer“

Wikipedia über „Destroyer“ (deutsch, englisch)

Ein Mini-Werbe-Making-of

Ein Q&A beim TIFF mit Karyn Kusama, Nicole Kidman, Tatiana Maslany, Sebastian Stan, Phil Hay und Matt Manfredi

Scott Feinberg unterhält sich mit Karyn Kusama und Nicole Kidman

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DVD-Kritik: Das Ende von „Orphan Black“

März 5, 2018

Als Sarah Manning vor fünf Jahren auf einem Bahnsteig den Suizid einer Frau beobachtete, klaute sie anschließend die Tasche der Toten. Sie will die Identität der Toten, die wie ihr Zwilling aussieht,annehmen und sich so aus ihrer desaströsen finanziellen Lage zu retten.

Das war der Auftakt zu der von John Fawcett und Graeme Manson erfundenen und, abgesehen von der zerfaserten dritten Staffel, durchgehend auf hohem Niveau erzählten Science-Fiction-Serie, „Orphan Black – Ein Klon ist niemals allein“, die jetzt mit der fünften Staffel ihren würdigen und spannenden Abschluss findet.

Schnell fand Sarah Manning heraus, dass sie Teil eines Klon-Experiments ist, dass es noch weitere identische Klone gibt (die alles von Tatiana Maslany gespielt werden), dass dahinter der Konzern Dyad steckt und dass dieser über gute Kontakte zur Regierung, zur Polizei und zum Militär verfügt. Es gibt sogar eine Versuchsreihe mit männlichen Klonen, die hochgezüchtete Soldaten waren. Dieser Erzählstrang mit den männlichen Klonen in der dritten Staffel führte allerdings ins Nichts und wurde schnell fast vollständig fallengelassen.

Zusammen mit ihren Klon-Schwestern, ihrer Pflegemutter Mrs. S., die als Mitglied der „Birdwatchers“-Freiheitskämpfer immer noch über gute Kontakte zu einem Untergrund-Netzwerk verfügt, ihrem Pflegebruder Felix und einigen Freunden und Vertrauten, wie dem Polizisten Art Bell, versucht Sarah Manning in der SF-Serie herauszufinden, wer sie warum gemacht hat. Und sie kämpft um ihr Leben und ihre Identität. Denn wie kann sie eine eigenständige Person sein, wenn sie nur der identische Klon eines andere Klons ist?

Am Ende der vierten Staffel waren Sarah und Cosima (ihre Wissenschaftler-Klonschwester) auf einer malerischen Insel, auf der Percival Westmoreland leben soll. Sarah war schwer verletzt.

Westmoreland, der Gründer des Neolutionismus, hat, wie wir in der fünften Staffel erfahren, auf der Insel sein Reich errichtet. Wie Dr. Moreau experimentiert er an und mit Menschen. Er hat eine treue Gefolgschaft, die zu ihm auf die Insel gekommen sind. Sie wollen, wie er, ewig leben.

Die fünfte „Orphan Black“-Staffel schließt unmittelbar an die vierte Staffel an und bringt die Geschichte zu einem befriedigendem Ende. Auch wenn die große Verschwörung am Ende erstaunlich leicht aufgedeckt und die Verantwortlichen besiegt werden können. Und die Öffentlichkeit sich danach, was ich für sehr unglaubwürdig halte, nicht für die Klonschwestern und -brüder und die illegalen Klonexperimente von Westmoreland und dem Dyad-Konzern zu interessieren scheint.

Gelungen ist die Idee der Macher, in dieser Staffel in mehreren Episoden einzelne Klone und für die Serie wichtige Charaktere in den Mittelpunkt zu stellen. In diesen Episodengeschichte und den Rückblenden sehen wir, wie sehr sie sich in den vergangenen Staffeln veränderten und was für sie jetzt auf dem Spiel steht.

Durch diese Entscheidung steuert die finale Staffel nicht gradlinig auf das Finale zu, sondern sie nimmt sich viel Zeit und lässt einen noch einmal in die unterschiedlichen Welten der verschiedenen Charaktere eintauchen. Damit ist diese Staffel immer wieder sehr kontemplativ.

Zu dieser Stimmung passt auch die Entscheidung der Macher, die Serie nicht mit einer großen Konfrontation, einem Kampf, bei dem kein Stein mehr auf dem anderen bleibt, sondern mit einem langen gemeinsamen Abhängen der Klone und ihrer Familie im Garten von Soccer-Mum Alison Hendrix (die inzwischen auch etwas lockerer geworden ist), zu beenden. In dem Moment kann Tatiana Maslany in einer Szene in einem halben Dutzend Rollen brillieren.

Das Bonusmaterial der DVD besteht aus fünf Featurettes, die insgesamt gut siebzig Minuten dauern und sehr informativ auf die Hintergründe zu bestimmten Episoden eingehen. Mal sind es technische Fragen (wie die Szene, in der zwei Klone in einer ungeschnittenen Szene ihre Kleider tauschen), meistens werden aber bestimmte Aspekte der Geschichte erklärt. Und mehr kann ich über die Featurettes ohne massive Plot-Spoiler nicht sagen. Deshalb sollte das Bonusmaterial auch erst nach dem Genuss der Serie angesehen werden.

Orphan Black: Ein Klon ist niemals allein – Staffel 5 (Orphan Black, Kanada 2017

Regie: John Fawcett, David Wellington, Helen Shaver, Grant Harvey, David Frazee, Aaron Morton

Drehbuch: Graeme Manson, Jeremy Boxen, Alex Levine, Greg Nelson, Jenn Engels, David Bezmozgis, René St. Cyr, Aisha Porter-Christie

Erfinder: John Fawcett, Graeme Manson

Mit Tatiana Maslany (Sarah Manning/Alison Hendrix/Cosima Niehaus/Rachel Duncan/Helena), Jordan Gavaris (Felix ‚Fee‘ Dawkins), Kevin Hanchard (Detective Art Bell), Evelyne Brochu (Delphine Cormier), Maria Doyle Kennedy (Siobhán Sadler, aka Mrs. S), Ari Millen (Ira Blair), Skyler Wexler (Kira Manning), Kristian Bruun (Donnie Hendrix), James Frain (Ferdinand Chevalier), Rosemary Dunsmore (Susan Duncan), Lauren Hammersley (Adele), Josh Vokey (Scott Smith), Cynthia Galant (Junge Rachel Duncan/Charlotte Bowles), Matt Frewer (Dr. Aldous Leekie), Rosemary Dunsmore (Susan Duncan), Kyra Harper (Virginia Coady), Stephen McHattie (Percival ‚P. T.‘ Westmoreland/John Paterick Mathieson), Elyse Levesque (Detective Maddy Enger)

DVD

Polyband

Bild: 1,78:1 (16:9)

Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 5.1)

Untertitel: Deutsch, Englisch)

Bonusmaterial (67 Minuten): Island of lost souls, The epic clone shot, Clone-centric, The Beginning of the End, Out of the Black

Länge: 450 Minuten (10 x 45 Minuten) (3 DVDs)

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

BBC über „Orphan Black“

BBC America über “Orphan Black”

Moviepilot über “Orphan Black”

Rotten Tomatoes über “Orphan Black” (bei Serien ist die Bewertung einfach zu positiv)

Wikipedia über „Orphan Black“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von „Orphan Black – Ein Klin ist niemals allein: Staffel 1“ (Orphan Black, Kanada 2013)

Meine Besprechung von „Orphan Black – Ein Klon ist niemals allein: Staffel 2“ (Orphan Black, Kanada 2014)

Meine Besprechung von „Orphan Black – Ein Klon ist niemals allein: Staffel 4“ (Orphan Black, Kanada 2016)


TV-Tipp für den 27. September: Die Frau in Gold

September 26, 2017

RBB, 23.00

Die Frau in Gold (Woman in Gold, GB/USA 2015)

Regie: Simon Curtis

Drehbuch: Alexi Kaye Campbell

Die im Zweiten Weltkrieg in die USA geflohene Jüdin Maria Altmann hätte gerne wieder das titelgebende Klimt-Gemälde von ihre Tante Adele. Dummerweise ist das Jugendstilgemälde inzwischen zu einer Ikone der österreichischen Identität geworden und Österreich denkt gar nicht daran, Altmann das Gemälde zurückzugeben.

Gutes, gefällig inszeniertes, auf einem wahren Fall basierendes britisches Schauspielerkino mit entsprechend pointierten Dialogen und einem noblen Anliegen.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Helen Mirren, Ryan Reynolds, Daniel Brühl, Max Irons, Elizabeth McGovern, Katie Holmes, Tatiana Maslany, Antje Traue, Justus von Dohnányi, Tom Schilling, Charles Dance, Jonathan Pryce, Frances Fisher, Moritz Bleibtreu

Hinweise
Englische Homepage zum Film
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „Die Frau in Gold“
Moviepilot über „Die Frau in Gold“
Metacritic über „Die Frau in Gold“
Rotten Tomatoes über „Die Frau in Gold“
Wikipedia über „Die Frau in Gold“ (deutsch, englisch)
History vs. Hollywood über „Die Frau in Gold“
Meine Besprechung von Simon Curtis‘ „My Week with Marilyn“ (My Week with Marilyn, GB 2011)

Meine Besprechung von Simon Curtis‘ „Die Frau in Gold“ (Woman in Gold, GB/USA 2015)


TV-Tipp für den 16. Juli: Die Frau in Gold

Juli 15, 2017

Wer den Film am Mitwoch verpasste

One, 20.15

Die Frau in Gold (Woman in Gold, GB/USA 2015)

Regie: Simon Curtis

Drehbuch: Alexi Kaye Campbell

Die im Zweiten Weltkrieg in die USA geflohene Jüdin Maria Altmann hätte gerne wieder das titelgebende Klimt-Gemälde von ihre Tante Adele. Dummerweise ist das Jugendstilgemälde inzwischen zu einer Ikone der österreichischen Identität geworden und Österreich denkt gar nicht daran, Altmann das Gemälde zurückzugeben.

Gutes, gefällig inszeniertes, auf einem wahren Fall basierendes britisches Schauspielerkino mit entsprechend pointierten Dialogen und einem noblen Anliegen.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Helen Mirren, Ryan Reynolds, Daniel Brühl, Max Irons, Elizabeth McGovern, Katie Holmes, Tatiana Maslany, Antje Traue, Justus von Dohnányi, Tom Schilling, Charles Dance, Jonathan Pryce, Frances Fisher, Moritz Bleibtreu

Wiederholung: Samstag, 22. Juli, 10.00 Uhr

Hinweise
Englische Homepage zum Film
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „Die Frau in Gold“
Moviepilot über „Die Frau in Gold“
Metacritic über „Die Frau in Gold“
Rotten Tomatoes über „Die Frau in Gold“
Wikipedia über „Die Frau in Gold“ (deutsch, englisch)
History vs. Hollywood über „Die Frau in Gold“
Meine Besprechung von Simon Curtis‘ „My Week with Marilyn“ (My Week with Marilyn, GB 2011)

Meine Besprechung von Simon Curtis‘ „Die Frau in Gold“ (Woman in Gold, GB/USA 2015)


TV-Tipp für den 12. Juli: Die Frau in Gold

Juli 11, 2017

ARD, 20.15

Die Frau in Gold (Woman in Gold, GB/USA 2015)

Regie: Simon Curtis

Drehbuch: Alexi Kaye Campbell

Die im Zweiten Weltkrieg in die USA geflohene Jüdin Maria Altmann hätte gerne wieder das titelgebende Klimt-Gemälde von ihre Tante Adele. Dummerweise ist das Jugendstilgemälde inzwischen zu einer Ikone der österreichischen Identität geworden und Österreich denkt gar nicht daran, Altmann das Gemälde zurückzugeben.

TV-Premiere. Gutes, gefällig inszeniertes, auf einem wahren Fall basierendes britisches Schauspielerkino mit entsprechend pointierten Dialogen und einem noblen Anliegen.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Helen Mirren, Ryan Reynolds, Daniel Brühl, Max Irons, Elizabeth McGovern, Katie Holmes, Tatiana Maslany, Antje Traue, Justus von Dohnányi, Tom Schilling, Charles Dance, Jonathan Pryce, Frances Fisher, Moritz Bleibtreu

Wiederholung: Donnerstag, 13. Juli, 00.30 Uhr (Taggenau!)

Hinweise
Englische Homepage zum Film
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „Die Frau in Gold“
Moviepilot über „Die Frau in Gold“
Metacritic über „Die Frau in Gold“
Rotten Tomatoes über „Die Frau in Gold“
Wikipedia über „Die Frau in Gold“ (deutsch, englisch)
History vs. Hollywood über „Die Frau in Gold“
Meine Besprechung von Simon Curtis‘ „My Week with Marilyn“ (My Week with Marilyn, GB 2011)

Meine Besprechung von Simon Curtis‘ „Die Frau in Gold“ (Woman in Gold, GB/USA 2015)


DVD-Kritik: „Orphan Black“ geht in die vierte Runde

März 22, 2017

Jeder glaubt, dass er einzigartig sei. Aber ein Blick in verschiedene Statistiken zeigt, dass man dann doch nicht so einzigartig ist. Es kann auch passieren, dass man in einer Menschenmenge jemand sieht, der einem auf den ersten Blick zum Verwechseln ähnlich sieht. Normalerweise ist das kein großes Drama.

Für Sarah Manning ist die erste Begegnung mit ihrem ‚Zwilling‘ schon unangenehmer. Denn ihr ‚Zwilling‘ springt vor einen fahrenden Zug.

In der ersten Staffel der grandiosen Science-Fiction-TV-Serie „Orphan Black“ nahm die Teilzeit-Mutter, Betrügerin und kleine Drogenhändlerin Sarah Manning dann, in der Hoffnung auf etwas Geld, die Identität der Toten an. Schnell erfuhr sie, dass die tote Polizistin ihr nicht zufällig zum Verwechseln ähnlich sah. Sie ist ein Klon und es gibt noch über zwei Dutzend Klone von ihr, die irgendwo auf der Welt herumlaufen. Mit einigen ihrer Klonschwestern will sie herausfinden, wer sie warum erzeugte und jetzt töten will.

Inzwischen ist die vierte Staffel der mit zahlreichen Preisen ausgezeichneten BBC-America-Serie auf DVD erschienen. Sie beginnt mit einer fast die gesamte erste Folge einnehmenden Rückblende, in der wir mehr über die Ereignisse erfahren, die zum Suizid der Kriminalpolizistin Beth Childs führten. Dieser Plot wird in der vierten Staffel immer wieder aufgenommen, während im Hauptplot Sarah versucht herauszufinden, was die Neolution plant. Sie experimentiert inzwischen mit biotechnischen Implantate und leitet eine Geburtsklinik, die einwandfreie Babys garantiert.

Nach der hoffnungslos vergurkten dritten Staffel, die in ihren zahllosen Subplots ertrank, ohne den Hauptplot erkennbar zu befruchten, haben die „Orphan Black“-Macher sich jetzt wieder auf die Sarah-Klone konzentriert. Die männlichen Castor-Klone, die Teil eines geheimen Militärprojektes waren/sind, wurden ersatzlos aus der Geschichte gestrichen. Nur ein Castor-Klon, der nie Teil des Militärprojekts war, ist Teil der Geschichte der vierten Staffel. Er pflegt auf einer Insel Sarahs skrupellose Klonschwester Rachel, die sich langsam von ihren Verletzungen erholt und eine wichtige Position bei den Neolutionisten übernehmen möchte.

Die vierte Staffel konzentriert sich – und das ist gut so – auf Machtkämpfe innerhalb der Neolution, den damit zusammenhängenden geheimen Forschungen und, auf der Seite von Sarah und ihren Klon-Schwestern, auf ihre Versuche, mehr über ihre Vergangenheit herauszufinden und die Angriffe der Neolution zu überleben. Die hat anscheinend überall Verbündete.

Auch durch die Rückblenden tauchen in der vierten Staffel viele altbekannte, teils schon verstorbene Charaktere, wie Dyad-Chef und bekennender Neolutionist Aldous Leekie, wieder auf.

Im Mittelpunkt der Serie steht immer und in fast jeder Szene Hauptdarstellerin Tatiana Maslany, die alle weiblichen Klone spielt; teilweise in der gleichen Szene. Mit ihrem facettenreichen Spiel (und Kleidung und Frisur) porträtiert sie die verschiedenen Klone so unterschiedlich, dass man sie nicht miteinander verwechselt und sie immer als individuelle Charaktere begreift. Das gilt natürlich auch für die neuen Sarah-Klone.

Die Serie selbst entwickelt in der vierten, teils sehr elliptisch erzählten Staffel wieder den Sog, den man aus den ersten beiden Staffeln kennt, in denen sich die Geschichte unerbittlich fortbewegte. Deshalb sollte man sich vor der vierten Staffel auch die erste und zweite Staffel ansehen. Die dritte Staffel, so meine derzeitige Meinung, kann man dagegen getrost ignorieren.

Die finale fünfte, wieder aus zehn Episoden bestehende Staffel wird in Kanada und den USA ab dem 10. Juni 2017 ausgestrahlt. Ein deutscher Sendetermin steht noch nicht fest.

Das Bonusmaterial ist dieses Mal mit einer Stunde Laufzeit deutlich umfangreicher als bei den vorherigen Staffeln ausgefallen. Es ist, mit ganz wenigen Überschneidungen (insgesamt zwei, drei Minuten), unterteilt in drei längere Features und zehn kurze Featurettes, in den über bestimmte Details jeder Episode gesprochen wird und in denen wichtige Details der Handlung verraten werden.

Orphan Black – Ein Klon ist niemals allein: Staffel 4 (Orphan Black, Kanada 2016)

Regie: John Fawcett, Ken Girotti, Peter Stebbins, David Wellington, Grant Harvey, David Frazee, Aaron Morton

Drehbuch: Graeme Manson, Russ Cochrane, Aubrey Nealon, Alex Levine, Kate Melville, Chris Roberts, Nikolijne Troubetzkoy, Peter Mohan

Erfinder: John Fawcett, Graeme Manson

Mit Tatiana Maslany (Sarah Manning/Alison Hendrix/Cosima Niehaus/Rachel Duncan/Helena/Elizabeth ‚Beth‘ Childs/Krystal Goderitch/Veera ‚M. K.‘ Suominen), Dylan Bruce (Paul Dierden), Jordan Gavaris (Felix Dawkins), Kevin Hanchard (Detective Art Bell), Evelyne Brochu (Delphine Cormier), Maria Doyle Kennedy (Mrs. S), Ari Millen (Ira), Skyler Wexler (Kira Manning), Kristian Bruun (Donnie Hendrix), James Frain (Ferdinand Chevalier), Rosemary Dunsmore (Susan Duncan), Lauren Hammersley (Adele), Alison Steadman (Kendall Malone), Jessalyn Wanlin (Evie Cho), Gord Rand (Detective Duko), Matt Frewer (Dr. Aldous Leekie)

DVD

Polyband

Bild: 1,78:1 (16:9)

Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 5.1)

Untertitel: Deutsch, Englisch

Bonusmaterial (60 Minuten): Back to the Beginning, Body Horror, Closer Looks

Länge: 420 Minuten (10 x 42 Minuten, 3 DVDs)

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

BBC über „Orphan Black“

BBC America über “Orphan Black”

Space über “Orphan Black”

ZDF über “Orphan Black”

Moviepilot über “Orphan Black”

Rotten Tomatoes über “Orphan Black” (bei Serien ist die Bewertung einfach zu positiv)

Wikipedia über „Orphan Black“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von „Orphan Black – Ein Klin ist niemals allein: Staffel 1“ (Orphan Black, Kanada 2013)

Meine Besprechung von „Orphan Black – Ein Klon ist niemals allein: Staffel 2“ (Orphan Black, Kanada 2014)


Neu im Kino/Filmkritik: Helen Mirren ist nicht „Die Frau in Gold“

Juni 4, 2015

Wem gehört das Bild „Adele Bloch-Bauer I“ (auch „Goldene Adele“) von Gustav Klimt? Viele Jahre war es in Wien in der Österreichischen Galerie Belvedere ausgestellt. 1998 behauptete eine alte, in Kalifornien lebende Dame, die rechtmäßige Besitzerin des Gemäldes zu sein. Die 1916 geborene Maria Altmann war während der Nazi-Diktatur mit ihrem Mann Fritz Altmann, einem Opernsänger, aus Wien in die USA geflüchtet.
Als ihre Schwester stirbt, findet sie in ihren Briefen Hinweise, dass ihr, neben weiteren Klimt-Werken, das Bild, ein Porträt ihrer über alles geliebten Tante Adele, gehört.
Zusammen mit dem jungen Anwalt Randy Schoenberg (ein Enkel von Arnold Schönberg) nimmt sie den Kampf auf. Dabei will er, weil er gerade am Anfang einer Karriere als Anwalt in einer großen Kanzlei steht, mit dieser alten und auf den ersten Blick hoffnungslosen Geschichte nichts zu tun haben. Dennoch verbeißt er sich zunehmend in den Fall; ohne zu ahnen, dass er über mehrere Jahre und durch alle Instanzen und mit allen juristischen Finessen um die Rückgabe der Kunstwerke an ihre rechtmäßige Besitzerin kämpfen muss. Denn der österreichische Staat spekuliert in einer perfiden Hinhaltetaktik auf den Tod der betagten Klägerin. Immerhin geht es für Österreich nicht nur um ein wichtiges Werk von Klimt, sondern auch um eine Ikone der österreichischen Identität und die gibt man nicht so einfach weg in die Hände einer im Ausland lebenden Privatperson.
Simon Curtis‘ „Die Frau in Gold“ erzählt diese wahre Geschichte als David-gegen-Goliath-Kampf, in dem die Rollen entsprechend klar verteilt sind. Mit den elegant in die Erzählung eingefügten Rückblenden verleiht er der Geschichte eine zusätzliche emotionale Dimension. So erfahren wir, welche Erinnerungen Maria Altmann an dieses Bild hat, wie wohlhabend sie als Tochter einer kunstinteressierten Großbürgertumfamilie war und wie begeistert die Österreicher sich Hitler-Deutschland anschlossen und bei der Unterdrückung und Verfolgung der Juden mitmachten.
Vor diesem historischen Hintergrund wird die Politik Östereichs, die in der Öffentlichkeit vollmundig behauptete, Raubkunst ihren rechtmäßigen Besitzern zurückzugeben, noch unmoralischer. Denn Österreich will aus rein egoistischen Motiven so ein wertvolles und identitätsstiftendes Gemälde keinesfalls ihrer Besitzerin zurückgeben, von der ein sehr altruistisches Bild gezeichnet wird.
Getragen wird der Film von den vielen guten, teilweise nur in kleinen Rollen auftretenden Schauspielern. Im Zentrum stehen dabei die beidne Hauptdarsteller: Ryan Reynolds als junger, pausbäckiger Anwalt und Helen Mirren als resolute alte Dame, die ihn zurecht weist und ihm auch schon einmal ungefragt die Brille putzt, wenn sie nach ihrer Ansicht schmutzig ist.
Das ist gutes, gefällig inszeniertes britisches Schauspielerkino mit entsprechend pointierten Dialogen und einem noblen Anliegen. Allerdings ist „Die Frau in Gold“ auch, in bester Hollywood-Tradition, immer einen Tick zu eindeutig und damit ist die Geschichte zu fein säuberlich in Gut und Böse getrennt.
P. S.: Ich empfehle die Originalfassung. In ihr wird deutsch (bei den in der Vergangenheit in Wien spielenden Teilen) und englisch (fast durchgängig bei den in der Gegenwart spielenden Teilen) gesprochen. Diese Zweisprachigkeit macht die Geschichte authentischer.
P. P. S.: Ja, es wurden einige Details geändert. „Die Frau in Gold“ ist ein Spielfilm, der von der BBC-Dokumentation „Stealing Klimt“ inspiriert ist.

Die Frau in Gold - Plakat

Die Frau in Gold (Woman in Gold, GB/USA 2015)
Regie: Simon Curtis
Drehbuch: Alexi Kaye Campbell
mit Helen Mirren, Ryan Reynolds, Daniel Brühl, Max Irons, Elizabeth McGovern, Katie Holmes, Tatiana Maslany, Antje Traue, Justus von Dohnányi, Tom Schilling, Charles Dance, Jonathan Pryce, Frances Fisher, Moritz Bleibtreu
Länge: 110 Minuten
FSK: ab 6 Jahre

Hinweise
Englische Homepage zum Film
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „Die Frau in Gold“
Moviepilot über „Die Frau in Gold“
Metacritic über „Die Frau in Gold“
Rotten Tomatoes über „Die Frau in Gold“
Wikipedia über „Die Frau in Gold“ (deutsch, englisch)
History vs. Hollywood über „Die Frau in Gold“
Meine Besprechung von Simon Curtis‘ „My Week with Marilyn“ (My Week with Marilyn, GB 2011)

Die Doku „Art of the Heist: The Lady in Gold“ (2007) über die wahren Hintergründe

Ein Intervies mit Simon Curtis über den Film (bescheidener Ton)


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