TV-Tipp für den 16. Juli: Big Eyes

Juli 15, 2019

ZDF, 23.45

Big Eyes (Big Eyes, USA 2014)

Regie: Tim Burton

Drehbuch: Scott Alexander, Larry Karaszewski

Schönes, im quietschbunten Fünfziger-Jahre-Hollywood-Stil inszeniertes Biopic über die Malerin Margaret Keane, die mit ihren Kitsch-Bildern von Kindern mit riesengroßen Augen bekannt wurde.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung des untypischen, aber selbstverständlich sehenswerten Tim-Burton-Films.

Dass das ZDF den Film als TV-Premiere um Mitternacht versendet, ist eine Frechheit.

mit Amy Adams, Christoph Waltz, Danny Huston, Jon Polito, Krysten Ritter, Jason Schwartzman, Terence Stamp, Delaney Raye, Madeleine Arthur, Elisabetta Fantone, James Saito, Guido Furlani

Hinweise

Moviepilot über „Big Eyes“

Metacritic über „Big Eyes“

Rotten Tomatoes über „Big Eyes“

Wikipedia über „Big Eyes“ (deutsch, englisch)

History vs. Hollywood über „Big Eyes“

Meine Besprechung von Tim Burtons “Frankenweenie” (Frankenweenie, USA 2012, nach einem Drehbuch von John August)

Meine Besprechung von Tim Burtons „Big Eyes“ (Big Eyes, USA 2014)

Meine Besprechung von Tim Burtons „Die Insel der besonderen Kinder“ (Miss Peregrine’s Home for Peculiar Children, USA 2016)

Meine Besprechung von Tim Burtons „Dumbo“ (Dumbo, USA 2019)

Tim Burton in der Kriminalakte

 


TV-Tipp für den 8. Juli: Teorema – Geometrie der Liebe

Juli 7, 2019

Arte, 22.15

Teorema – Geometrie der Liebe (Teorema, Italien 1968)

Regie: Pier Paolo Pasolini

Drehbuch: Pier Paolo Pasolini (nach seinem Roman)

Ein junger Schönling verdreht den Frauen und Männer einer Mailänder Industriellenfamilie den Kopf. Als er wieder aus ihrem Leben verschwindet, hat das Folgen.

Pasolinis Abrechnung mit der Moral der Bourgeoisie war damals ein Skandalfilm, der in Italien zeitweise verboten war.

ein enigmatisches, hermetisches Werk von kristalliner Struktur und Klarheit.“ (Wolfram Schütte, in Peter W. Jansen/Wolfram Schütte: Pier Paolo Pasolini, 1977/1985)

mit Terence Stamp, Massimo Girotti, Silvana Mangano, Anne Wiazemsky, Laura Betti, Andrès José Soublette Cruz

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Teorema“

Wikipedia über „Teorema“ (deutsch, englisch)


Neu im Kino/Buch- und Filmkritik: Die Agatha-Christie-Verfilmung „Das krumme Haus“

November 29, 2018

Während Kenneth Branagh noch mit der Verfilmung des Agatha-Christie-Romans „Tod auf dem Nil“ beschäftigt ist, läuft bei uns mit „Das krumme Haus“ eine andere Agatha-Christie-Verfilmung an.

In dem jetzt erstmals verfilmten Einzelwerk geht es um den Mord an dem vermögenden Geschäftsmann Aristide Leonidas. Der aus Griechenland stammende Selfmade-Millionär lebte mit seiner jüngeren Frau, seinen erwachsenen Kindern, ihren Ehepartnern und Kindern in dem titelgebenden krummen Haus. Ermordet wurde er mit Eserin. Die Augentropfen waren mit dem Insulin vertauscht worden.

Weil jeder der Hausbewohner die Flüssigkeit irgendwann hätte vertauschen können, erübrigt sich die Frage nach dem Alibi. Aber wer von ihnen hatte ein Motiv?

Im Buch und der Verfilmung ermittelt beide Male Charles Hayward. Er ist auch der Erzähler des Romans. Im Ende der vierziger Jahre spielendem Roman ist er der künftige Gatte von Sophia Leonidas, der Enkelin des Toten, und sein Vater ist Assistant Commissioner bei Scotland Yard. Beide halten es für eine gute Idee, dass er sich in dem Haus umhört und so Dinge erfährt, die die Polizei nicht erfährt.

Im Film wurde der Mordfall aus keinem wirklich ersichtlichem Grund in die späten fünfziger Jahre verlegt und aus dem Liebhaber wurde ein Privatdetektiv, der in schönster Hardboiled-Tradition in seinem Büro lebt. Seine frühere Geliebte Sophia Leonidas beauftragt ihn, herauszufinden, wer ihren Großvater ermordete. Durch diese Änderung können die Filmemacher – Regisseur Gilles Paquet-Brenner (zuletzt „Dark Places“) und die Drehbuchautoren Julian Fellowes (u. a. „Gosford Park“ [der ist sehr Christie] und „Downtown Abbey“) und Tim Rose Price (u. a. „Rapa Nui“, „Der Schlangenkuss“) – viel stärker mit den Privatdetektiv-Klischees spielen. So ist Hayward im ständigen Kleinkrieg mit der Polizei über Kompetenzen und Informationen. Und die naseweise zwölfjährige Josephine Leonidas darf noch mehr auf den Klischees des Rätselkrimis herumreiten, die Ermittlungen kommentieren und dem Privatdetektiv altkluge Ratschläge geben.

Im Film – und das kann mühelos als ätzender Kommentar zum Brexit und dem Gehabe von vor allem konservativen Oberschicht-Politikern gesehen werden – sind Leonidas‘ Kinder und ihre Ehepartner alle ziemliche Schnösel, die ihre Unfähigkeit, ihre Lebensunterhalt alleine zu verdienen, mit einer Überheblichkeit kompensieren, die ihre Unsicherheit kaum kaschieren kann.

Und weil eine durchaus erkleckliche Zahl bekannter Schauspieler (nicht die A-Liga aus dem „Mord im Orient-Express“, sondern ein, zwei Nummern kleiner) engagiert wurde, die die Mordverdächtigen in kurzen Szenen zum Leben erweckt, entsteht bei Haywards Ermittlungen vor mondäner Landhauskulisse ein kleines Sittengemälde einer sich im Abstieg befindenden Klasse (und damit Empires). Wobei die Ermittlungen vor allem im Haus stattfinden.

Allerdings ist die Geschichte des Rätselkrimis sehr vorhersehbar. Nicht nur ich wusste nach dem ersten, spätestens nach dem zweiten Auftritt des Mörders, wer der Mörder ist; – wobei, wie ein Blick auf das Plakat zeigt, ich besser von Mörderin spreche. Denn das Plakat zeigt neben dem Ermittler nur noch einen weiteren Mann. Und auch wer den Roman kennt, kennt die Lösung. Denn die Macher des Films verpflichten sich, mit der Nennung von Agatha Christie auch die Identität des Mörders beizubehalten.

Erzählerisch hangelt sich der Film in moderater Noir-Optik von einer aus Privatdetektiv-Krimis bekannten Situation zur nächsten und präsentiert alles so, als habe sich in den vergangenen Jahrzehnten erzählerisch nichts geändert. Da darf dann auch ein Auto, das über einen Abhang fährt, beim Aufprall in Flammen aufgehen und fotogen explodieren.

Aber im Gegensatz zu einem richtigen Privatdetektiv-Krimi ist im Roman und im Film der Ermittler eine passive Figur, die am Ende noch nicht einmal die Verdächtigen in einem Raum versammeln und seinem staunendem Publikum den Mörder präsentieren darf. Ob er seine kleinen grauen Zellen anstrengt ober es bleiben lässt, ändert nichts am Ergebnis: Beide Male löst sich der Fall ohne ihn und auch die Frage nach der Bestrafung des Mörders wird ohne ihn geklärt.

So ist „Das krumme Haus“ ein konventioneller, bräsiger Rätselkrimi, der bis auf einige kleine Änderungen dem Roman folgt.

Der Roman ist, vor allem wenn man vorher Rex Stouts Nero-Wolfe-Krimi „Der rote Siter“ (1938/1939) (Besprechung folgt) gelesen hat, ein langweiliger Rätselkrimi. Das liegt an dem passiven Ermittler, den vor sich hin plätschernden Ermittlungen, bei denen es nur eine überschaubare Zahl falscher Fährten und gut aufgebauter Verdächtiger gibt, und der Sprache. Während bei Rex Stout Humor und ein genauer Blick auf die Verdächtigen und ihr Leben den glänzend konstruierten Rätselkrimi zu einem Lesevergnügen machen, wirkt bei Christie alles verstaubt und zufällig. Das gilt auch für das Mordmotiv.

Agatha Christie hält „Das krumme Haus“ für eines ihrer besten Werke. Nun, ja.

Das krumme Haus (Crooked House, USA 2017)

Regie: Gilles Paquet-Brenner

Drehbuch: Julian Fellowes, Gilles Paquet-Brenner, Tim Rose Price

LV: Agatha Christie: Crooked House, 1949 (Das krumme Haus)

mit Max Irons, Stefanie Martini, Glenn Close, Honor Kneafsey, Christina Hendricks, Terence Stamp, Julian Sands, Gillian Anderson, Christian McKay, Amanda Abbington, Preston Nyman, John Heffernan, Jenny Galloway, David Kirkbride, Tina Gray, Roger Ashton-Griffiths, Andreas Karras, Gino Picciano

Länge: 116 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Die Vorlage

(neu übersetzt und aktuell als Movie Tie-in)

Agatha Christie: Das krumme Haus

(übersetzt von Giovanni und Ditte Bandini)

Atlantik, 2017

256 Seiten

10 Euro

Originalausgabe

Crooked Hous

Dodd, Mead & Company, 1949

Zahlreiche deutsche Veröffentlichungen in verschiedenen Übersetzungen.

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Das krumme Haus“

Metacritic über „Das krumme Haus“

Rotten Tomatoes über „Das krumme Haus“

Wikipedia über „Das krumme Haus“ (englisch)

Homepage von Agatha Christie

Krimi-Couch über Agatha Christie

Meine Besprechung von Agatha Christies „Mord im Orientexpress“ (Murder on the Orient Express, 1934)

Meine Besprechung von Kenneth Branaghs Agatha-Christie-Verfilmung „Mord im Orientexpress“ (Murder on the Orient Express, USA 2017)

Meine Besprechung von Gilles Paquet-Brenners „Dark Places – Gefährliche Erinnerung“ (Dark Places, USA/Frankreich 2015)


Neu im Kino/Buch- und Filmkritik: „Die Insel der besonderen Kinder“ und die besonderen Bedrohungen

Oktober 6, 2016

Wenn man durch Ransom Riggs‘ Debütroman „Die Insel der besonderen Kinder“ blättert und sich die vor Jahrzehnten entstandenen, von Riggs auf Flohmärkten gesammelten Bilder ansieht, glaubt man, Bilder aus einem Tim-Burton-Film vor sich zu haben – und Tim Burton verfilmte jetzt auch den Roman, der bis auf das Ende der Vorlage ziemlich genau folgt. Der dritte Akt fällt im Film wesentlich pompöser als im Roman aus.

Als Kind lauschte Jake fasziniert seinem Großvater Abraham und seinen abenteuerlichen Erzählungen von einer Insel mit besonderen Kindern und seinen Kämpfen gegen Monster lauschte. Aber das – schwebende Mädchen, ein unsichtbarer Junge, ein Junge, aus dessen Mund, wenn er ihn öffnet, Bienen fliegen – sind nur Gute-Nacht-Geschichten, die Großvater Abraham mit Vintage-Fotos illustrierte.

Als Jake ein Teenager ist, wird Abraham ermordet. Offiziell wurde er von einem Rudel Hunde getötet, aber Jake sah die Monster. Allerdings hat nur er die Monster gesehen. Kurz darauf erhält er eine mysteriöse Nachricht und er macht sich, begleitet von seinem Vater, einem Vogelbeobachter, auf den Weg nach Cairnholm Island, der walisischen Insel, auf der Abraham während des Zweiten Weltkriegs als Flüchtling einige Zeit in einem Kinderheim war. Und dort trifft Jake in einer Zeitschleife, die immer wieder einen Kriegstag wiederholt, all die Kinder, von denen Abraham ihm erzählte, und die Schulleiterin, Miss Peregrine, die sich – und das ist eine ihrer besonderen Fähigkeiten – in einen Wanderfalken (Falco Peregrinus) verwandeln kann. Eine andere Fähigkeit von ihr ist, dass sie eine Zeitschleife, die eine kleine Verbindung zur Außenwelt und Gegenwart hat, einrichten und so die Kinder vor Gefahren schützen kann.

Riggs‘ Roman, selbstverständlich der Beginn einer Trilogie, dessen letzter Band im November als „Die Bibliothek der besonderen Kinder“ bei Knaur erscheint, ist ein Fantasy-Roman für Jugendliche, geschrieben mit überschaubaren literarischen Ambitionen und einer überschaubaren Spannungskurve. Das und dass sich alles recht langsam entwickelt (so betritt Jacob erst auf Seiten 80 die Insel und erst auf Seite 172, nachdem er einige Seiten vorher von den besonderen Kindern geschnappt wurde, trifft er Headmistress Peregrine) ist in dem Roman nicht so nachteilig.

Aber in dem Film fällt dann auf, dass es ewig dauert, bis Jacob mit seinem Vater Florida verlässt und nach England fliegt. Dort trifft er zwar ziemlich schnell auf Miss Peregrine und ihre besonderen Kinder, aber weil ihre Charakterisierung niemals tiefer als ihre besondere Fähigkeit geht (Wie oft müssen wir den Unsichtbaren sehen? Wie oft muss Fiona Pflanzen wachsen lassen? Wie oft muss Emma schwerelos gen Himmel schweben, bis wir ihre Fähigkeit verstanden haben?), langweilt dieser Teil schnell. Es gibt einfach keinen Konflikt. Alles spielt sich in einer Bilderbuchidylle ab. Nie ist der typische bizarre und schwarze Humor von Burton spürbar. Nie gibt es einen irgendwie produktiven oder verstörenden Austausch zwischen der normalen Welt und den besonderen Kindern. Auch Jakob, der anfangs behauptet, keine besonderen Fähigkeiten zu haben, nimmt die Fähigkeiten der besonderen Kinder und ihrer Betreuerin als gottgegeben hin. Er staunt noch nicht einmal eine Zehntelsekunde, dass die Fotografien seines Großvaters keine Fälschungen waren.

Und beim großen Finale, wenn dann endlich die Bösewichter auftauchen, die sich vorher gut versteckten, scheint Tim Burton sein Storyboard an die CGI-Abteilung mit dem Kommentar „macht mal, wird schon passen“ abgegeben zu haben. Dabei waren gerade in früheren Tim-Burton-Filmen die liebevoll animierten oder mit Puppen in Stop-Motion-Technik nachgestellten Monsterszenen unvergessliche Höhepunkte.

Die namhaften Schauspieler bleiben durchgehend blass. Nur Samuel L. Jackson als Bösewicht Barron hat einen eindrucksvollen Auftritt. Allerdings erst im Finale. Bis dahin tritt er, abgesehen von einem kurzen Moment am Filmanfang, nicht auf.

Die Musik plätschert ohne irgendeinen Eindruck zu hinterlassen vor sich hin. Sie ist auch nicht von Burton-Hauskomponist Danny Elfman, sondern von Michael Higham und Matthew Margeson.

Damit bleibt Tim Burton zwar der Vorlage treu, aber für diesen seelenlosen Film hätte man keinen Tim Burton gebraucht, der uns zuletzt mit „Frankenweenie“ in eine andere Welt entführte und in „Big Eyes“ sogar dem Fünfziger-Jahre-Amerika mild absurde Seiten abgewann.

Die Insel der besonderen Kinder“ ist da nur Malen nach Zahlen. Daran ändert auch das so entstandene farbenprächtige Bild nichts.

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Die Insel der besonderen Kinder (Miss Peregrine’s Home for Peculiar Children, USA 2016)

Regie: Tim Burton

Drehbuch: Jane Goldman

LV: Ransom Riggs: Miss Peregrine’s Home for Peculiar Children, 2011 (Die Insel der besonderen Kinder)

mit Eva Green, Asa Butterfield, Samuel L. Jackson, Judi Dench, Rupert Everett, Allison Janney, Chris O’Dowd, Terence Stamp, Ella Purnell, Finlay MacMillan, Lauren McCrostie, Hayden Keeler-Stone, Georgia Pemberton, Milo Parker, Raffiella Chapman, Pixie Davies, Joseph Odwell, Thomas Odwell, Cameron King, Louis Davison, Kim Dickens, O-Lan Jones

Länge: 127 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Die Vorlage (zum Filmstart mit besonderem Cover)

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Ransom Riggs: Die Insel der besonderen Kinder

(übersetzt von Silvia Kinkel)

Knaur, 2016

416 Seiten

12 Euro

Deutsche Erstausgabe

Pan-Verlag, 2011

Taschenbuchausgabe

Knaur, 2013

Originalausgabe

Miss Peregrine’s Home for Peculiar Children

Quirk Books, Philadelphia 2011

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Die Insel der besonderen Kinder“

Metacritic über „Die Insel der besonderen Kinder“

Rotten Tomatoes über „Die Insel der besonderen Kinder“

Wikipedia über „Die Insel der besonderen Kinder“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Tim Burtons “Frankenweenie” (Frankenweenie, USA 2012, nach einem Drehbuch von John August)

Meine Besprechung von Tim Burtons „Big Eyes“ (Big Eyes, USA 2014)

Tim Burton in der Kriminalakte

Homepage von Ransom Riggs


TV-Tipp für den 25. Mai: Der Plan

Mai 25, 2015

ZDF, 23.35

Der Plan (USA 2011, Regie: George Nolfi)

Drehbuch: George Nolfi

LV: Philip K. Dick: Adjustment Team, 1954 (Kurzgeschichte)

Politiker David Norris verliebt sich in die Tänzerin Elise. Da tauchen einige seltsame Männer bei ihm auf, die behaupten, von einem Planungsbüro zu kommen und Norris’ Leben nachzujustieren. Denn nach dem Plan gibt es zwischen David und Elise keine Liebesgeschichte.

Bei Kritik und Publikum ziemlich gut angekommenes Spielfilmdebüt von George Nolfi, dem Drehbuchautor von „Das Bourne Ultimatum“, „The Sentinel – Wem kannst du trauen?“ und „Ocean’s Twelve“, über die Frage, ob wir unser Schicksal selbst in der Hand haben.

„Der Plan“ reiht sich mit seiner guten Story, den guten Schauspielern, der gelungenen Inszenierung und den gelungenen Tricks (es gibt wenige Tricks und die fügen sich organisch in die Geschichte ein) in die Reihe der gelungenen Philip-K.-Dick-Verfilmungen ein.

mit Matt Damon, Emily Blunt, Anthony Mackie, John Slattery, Michael Kelly, Terence Stamp

Wiederholung: Mittwoch, 27. Mai, 01.05 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Film-Zeit über „Der Plan“

Metacritic über „Der Plan“

Rotten Tomatoes über „Der Plan“

Wikipedia über „Der Plan“ (deutsch, englisch)

Homepage von Philip K. Dick

Meine Besprechung von Len Wisemans Philip-K.-Dick-Verfilmung „Total Recall“ (Total Recall, USA 2012)

Mein Hinweis auf die Neuauflage der Philip-K.-Dick-Romane „Marsianischer Zeitsturz“, „Ubik“ und „Der dunkle Schirm“

Philip K. Dick in der Kriminalakte


Neu im Kino/Filmkritik: Tim Burton macht „Big Eyes“

April 23, 2015

Die Bilder von den Kindern mit den großen Augen dürften auch bei uns bekannt sein. Aber der Name der Zeichnerin und die Geschichte hinter den Kitsch-Bildern dürften bei uns unbekannt sein. Wahrscheinlich haben auch in den USA bis zu Tim Burtons „Big Eyes“ nur wenige Menschen die Geschichte dieses Kunstschwindels gekannt; obwohl die Zeichnungen von Margaret Keane seit Jahrzehnten bekannt sind, in den Sechzigern wohl allgegenwärtig waren und auch heute noch bekannt sind. Immerhin ist Margaret Keane immer noch als Malerin aktiv und erfolgreich.
Das war, als Margaret in den frühen Fünfzigern mit ihrer Tochter Jane ihren damaligen Mann verläßt und nach San Francisco flüchtet, nicht absehbar. Für ein Kleingeld verkauft sie auf Märkten ihre Bilder und lernt ihren späteren Mann Walter Keane kennen, der als Maler auftritt, aber vor allem ein Verkaufsgenie ist. Sie verlieben sich ineinander, heiraten 1955 und als bei einer Ausstellung ihre Bilder besser als seine Stadtansichten von Paris (die erstens kitschig und zweitens nicht von ihm sind) ankommen, gibt er sich kurzerhand als der Zeichner der Kinderbilder aus. Immerhin wollen die Käufer mit dem Künstler reden und eine Frau würde niemals als Künstlerin anerkannt werden. Er verkauft ihre Bilder für eine erstaunliche Summe und baut, dank seines Geschäftssinns, in den folgenden Jahren ein kleines Imperium auf. Denn die Leute sind süchtig nach Keane-Bildern. Mit Nachdrucken befriedigt er die durch seine publikumswirksamen Auftritte angestachelte Nachfrage, während die Druckerpressen heiß laufen und die schüchterne Margaret zu Hause Originale malt, bis sie die Lüge nicht mehr vor ihrer pubertierenden Tochter verbergen kann. 1964 verlässt sie Walter und flüchtet mit ihrer Tochter nach Hawaii. Dort lernt sie auch ihren jetzigen Mann Dan McGuire kennen (der im Film keine Rolle spielt), wird Zeugin Jehovas (was angesprochen wird) und sagt der Öffentlichkeit schließlich, dass sie die bekannten Keane-Bilder gemalt hat. Es kommt zu einem Prozess, den ihr Ex-Mann, der sich selbst verteidigt, grandios verliert und sie als Erschafferin der Keane-Bilder anerkannt wird.
Diese Fakten bilden, mit gewissen Freiheiten, das erzählerische Rückgrat von „Big Eyes“, den Keane-Bewunderer Tim Burton, als eher milde Satire auf den Kunstbetrieb der sechziger Jahre (mit Jason Schwartzman als blasierten Galerist, Terence Stamp als Kunstkritikpapst und Danny Huston als Keane fördernder Klatschkolumnist als Triumvirat des Kunstbetriebs), als Emanzipationsdrama und als bittere Studie über Träume inszenierte. Burton ließ die Schauspieler immer einen kleinen Tick neben der Rolle spielen und zeigt so ihren Selbstbetrug. Amy Adams ist als Margaret Keane eine Spur zu sehr die schüchterne Doris-Day-Hausfrau, die eben diesen Traum von der perfekten Familie hat, aber sich in die falschen Männer verliebt. Christoph Waltz ist als Walter Keane immer eine Spur zu großspurig als frankophoner Künstler. Schon bei seinem ersten Auftritt ist seine Fassade brüchig. Er wäre gerne ein großer Maler. In Wirklichkeit ist er aber ein großer Verkäufer, der sich nie eingestehen will, dass er kein Künstler ist. Er ist ein Nachfolger von Ed Wood, bei dem sich – im Gegensatz zu Walter Keane – der Traum auf eine große Karriere als Künstler niemals erfüllen wird.
Obwohl das Drehbuch für „Big Eyes“ von den „Ed Wood“-Drehbuchautoren Scott Alexander und Larry Karaszweski ist, ist „Big Eyes“ kein zweiter „Ed Wood“. Der Geschichte von Margaret Keane fehlt letztendlich die dramatische Fallhöhe von Ed Wood. Während bei ihm alles schief geht, was schief gehen kann, geht bei ihr alles gut aus. Auch dank der Hilfe einiger Männer.
Tim Burton inszeniert diese wahre Geschichte im quietschbunten Stil damaliger Hollywood-Kitschfilme, mit, bei der Ehegeschichte, einem größeren Realismus, einem oft ironischen Ton und einer bittersüßen Note. Denn die unschuldigen fünfziger und sechziger Jahre, als der amerikanische Traum noch intakt war und Kunst von den Museen zum Alltagsgegenstand wurde, sind vorbei.

Big Eyes - Plakat

Big Eyes (Big Eyes, USA 2014)
Regie: Tim Burton
Drehbuch: Scott Alexander, Larry Karaszewski
mit Amy Adams, Christoph Waltz, Danny Huston, Jon Polito, Krysten Ritter, Jason Schwartzman, Terence Stamp, Delaney Raye, Madeleine Arthur, Elisabetta Fantone, James Saito, Guido Furlani
Länge: 107 Minuten
FSK: ab 0 Jahre

Hinweise
Amerikanische Homepage zum Film
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „Big Eyes“
Moviepilot über „Big Eyes“
Metacritic über „Big Eyes“
Rotten Tomatoes über „Big Eyes“
Wikipedia über „Big Eyes“ (deutsch, englisch)
History vs. Hollywood über „Big Eyes“
Meine Besprechung von Tim Burtons „Frankenweenie“ (Frankenweenie, USA 2012)

Tim Burton in der Kriminalakte

DP/30 spricht mit Tim Burton über „Big Eyes“


Blu-ray-Kritik: Drei Kult-Regisseure erzählen „Außergewöhnliche Geschichten“

Mai 21, 2014

Das ist schon etwas außergewöhnlich: Jane Fonda, Alain Delon, Brigitte Bardot, Terence Stamp und ein vor „Easy Rider“noch unbekannter Peter Fonda in einem Film, der 1968 seine Premiere auf dem Filmfest in Cannes hatte; der von Roger Vadim, Louis Malle und Federico Fellini inszeniert wurde; dessen Geschichten, wie einige damals erfolgreiche Filme von Roger Corman, die heute Kultfilme sind, auf Erzählungen von Edgar Allan Poe basierten, und der Film erscheint erst jetzt in Deutschland.
Das wäre eine außergewöhnliche Geschichte, ein lange vergessener filmischer Missing Link, wenn „Außergewöhnliche Geschichten“ keiner dieser Omnibusfilme wäre, in denen bekannte Regisseure Kurzfilme drehen, die dann hintereinander als ein Film gezeigt werden. In den sechziger Jahren war das ein bei Produzenten seltsamerweise beliebtes Subgenre, das sich meistens kommerziell nicht besonders lohnte und auch künstlerisch höchstens zwiespältige Ergebnisse zustande brachte.
Sowohl als Einzelfilm, bei dem die verschiedenen Herangehensweisen der Regisseure für produktive Reibungen sorgen könnten, als auch im Oeuvre des Regisseurs, wo es oft noch nicht einmal als Nebenwerk oder Experiment interessant ist. Da ist es fast überflüssig zu sagen, dass Omnibusfilme fast nie im Fernsehen gezeigt werden und als Einzelfilm fast unbekannt sind. Manchmal sind einzelne Kurzfilme, die dann auch als Einzelwerk gezeigt werden, beliebter. Auch „Außergewöhnliche Geschichten“ gehört in diese Kategorie der von der Allgemeinheit schnell vergessenen Filme.
Roger Vadim erzählt in „Metzengerstein“ die Geschichte der schönen Contessa Frederique de Metzengerstein (Jane Fonda), die noch nie von einem Mann zurückgewiesen wurde. Als ihr Cousin, mit dessen Familien die Metzengersteins schon seit Generationen verfeindet sind, es doch tut, nimmt das Schicksal, also eine von ihr angestoßene Verkettung unglücklicher Umstände die immer weiter ins Verderben führt, seinen Lauf.
Wer von einem Film mehr als eine durch die Landschaft reitende und alte Gemäuer stolzierende Jane Fonda erwartet, wird enttäuscht werden.
Der zweite Kurzfilm, „William Wilson“ von Louis Malle, ist die beste außergewöhnliche Geschichte. Zum ersten Mal begegnete der Sadist William Wilson (Alain Delon) seinem Doppelgänger in der Schule. Schon damals sabotierte der Doppelgänger Wilsons Stellung. Später begegnet er ihm immer wieder und ihr Kampf findet seinen Höhepunkt, als er, inzwischen ein geachtet-gefürchteter Offizier, gegen eine dunkelhaarige Schönheit (Brigitte Bardot mit schwarzen Haaren) Karten spielt.
„William Wilson“ ist ein schöner, eher kühl inszenierter Abstieg in den Wahnsinn eines arroganten Arschlochs, der von seinen Dämonen gejagt wird. Louis Malle inszenierte die Geschichte in Rückblenden. Der ängstliche Wilson beichtet einem Priester seine Sünden. Er behauptet, von einem Dämon verfolgt zu werden, dem er zum ersten Mal als Jugendlicher begegnete. Durch diese Struktur stehen wir auf der Seite des verfolgten Wilson und wir sind gespannt auf die Auflösung der Geschichte.
Federico Fellinis „Toby Dammit“ ist ein Über-Fellini, der Rom als eine alptraumhafte Dystopie zeichnet und auch eine Satire auf den Kunstbetrieb ist. In diesem Film wird der englische Filmstar Toby Dammit (Terence Stamp), eine Art Über-Richard-Burton-Marlon-Brando-auf-Droge, nach Italien eingeladen, um dort einen Film zu drehen. Doch vor dem Dreh muss er in einer TV-Sendung auftreten und einer Preisverleihung beiwohnen. Gut, dass es überall Drogen und Frauen gibt.
„Toby Dammit“ ist, wie Vadims „Metzengerstein“ eindeutig zu lang geraten, was auch daran liegen kann, dass diese Geschichte, wie die beiden vorherigen, zielstrebig auf den Tod des nicht besonders liebenswerten Protagonisten zusteuert. Aber während man bei William Wilson noch, bedingt durch die Struktur der Geschichte – sie entfaltet sich in Rückblenden während einer Beichte -, sein Leid mitfühlen kann und Contessa Frederique de Metzengerstein als zurückgewiesene Braut immerhin schön anzusehen ist, ist Toby Dammit einfach nur ein seelisches Wrack auf Droge. Immerhin benimmt er sich so schlecht, dass das schon wieder witzig ist.
Im Bonusmaterial besteht die Möglichkeit, die Filme einzeln anzusehen. Und wahrscheinlich sollte man die Filme als Einzelwerke genießen.
Insgesamt ist es schön, dass diese Lücke geschlossen wurde, aber letztendlich ist „Außergewöhnliche Geschichten“ doch nur etwas für Komplettisten, die jeden Film von Louis Malle oder Federico Fellini haben wollen. Bei Roger Vadim genügt wohl „Barbarella“ mit Jane Fonda.

Außergewöhnliche Geschichten - Blu-ray

Außergewöhnliche Geschichten (Histoires Extraordinaires, Frankreich/Italien 1968)
Regie: Roger Vadim, Louis Malle, Federico Fellini
Drehbuch: Roger Vadim, Pascal Cousin, Louis Malle, Daniel Boulanger, Clement Biddle Wood, Federico Fellini, Bernardino Zapponi
LV: Edgar Allan Poe: Metzengerstein (1832), William Wilson (1839), Never bet the Devil your Head (1841)
mit Jane Fonda, Peter Fonda, Philippe Lemaire, Alain Delon, Brigitte Bardot, Katia Cristina, Umberto d’Orsi, Terence Stamp, Vincent Price (Erzähler in der englischen Version)

Blu-ray
Koch Media (Masterpieces of Cinema)
Bild: 1.78:1 (16:9)
Ton: Deutsch, Französisch, Englisch (DTS-HD Master Audio 2.0)
Untertitel: Deutsch, Englisch
Bonusmaterial: Französischer Trailer, Bildergalerie
Länge: 121 Minuten
FSK: frei ab 16 Jahre

Hinweise
Rotten Tomatoes über „Außergewöhnliche Geschichten“
Wikipedia über „Außergewöhnliche Geschichten“ (deutsch, englisch, französisch)
Die Geschichten „Metzengerstein“ (1832) (deutsch), „William Wilson“ (1839) (deutsch) und „Never bet the Devil your Head“ (1841) von Edgar Allan Poe
Meine Besprechung von Louis Malles „Fahrstuhl zum Schafott“ (L’Ascenceur pour l’échafaud, Frankreich 1957)


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