Neu im Kino/Filmkritik: Kreative Titelwahl, Folge ichhabeschonlangeaufgehörtzuzählen: „Deadpool 2“

Mai 17, 2018

Vor zwei Jahren war „Deadpool“ ein Überraschungserfolg. Ein R-rated-Superheldenfilm, der Gewalt zelebriert, respektlos über alles herzieht und der einen sehr robusten Humor hat, das klang in der gepflegten Marvel-, X-Men-, Spider-Man- und Supermansuperheldenwelt nach dem Rezept für ein kommerzielles Desaster. An dieser kommerziellen Prognose änderte auch die Beliebtheit der quasi unverfilmbaren Deadpool-Comics nichts. Wer will auf der Leinwand schon einen Helden sehen, der ständig mit dem Publikum redet, kein Interesse an Weltrettung hat und dessen Zimmer wie eine Studentenbude aussieht?

Entsprechend lange musste Hauptdarsteller Ryan Reynolds nach seinem ersten, kurzen Auftritt als Deadpool in „X-Men Origins: Wolverine“ (2009) für den Film kämpfen. Letztendlich erhielt er ein überschaubares Budget, setzte alles auf eine Karte und gewann. Denn schon die ersten Minuten von „Deadpool“ zeigten: der Kampf hat sich gelohnt und der Comic-Deadpool wurde ohne große Veränderungen zum Film-Deadpool. Das weltweite Einspielergebnis von über 750 Millionen Dollar machte die Fortsetzung zu einen No Brainer. Und weil „Deadpool“ damit auch der R-rated-Film mit dem höchsten Einspiel war, wurde das Erfolgsrezept nicht geändert. Man liefert einfach das gleiche noch einmal ab. Nur eine Nummer größer.

Dieses Mal will Deadpool, nach dem gewaltsamen Tod seiner schwangeren Freundin, einen Teenager beschützen. Im Broadstone House, Essex School for the Young, wird ‚Firefist‘ Russell (Julian Dennison) von allen gemobbt. Vor allem der Direktor dieser Mutantenschule (Eddie Marsan!) malträtiert ihn. Er verfolgt auch ein gänzlich anderes Erziehungskonzept als Professor Xavier mit seiner noblen X-Men-Mutantenschule.

Als Russell ausflippt und Feuerkugeln durch die Luft schleudert, versucht Deadpool ihn zu beruhigen. Die eh schon chaotische Situation gerät vollkommen außer Kontrolle und Deadpool und Russell werden in ein Hochsicherheitsgefängnis gesteckt. Dort besucht Cable, der Soldat aus der Zukunft (Josh Brolin), sie. Er will Russell töten – und schon sind wir mitten drin in einer wunderschönen Endlosklopperei, in der Deadpool auch ein Superheldenteam, die X-Force (weil X-Men ein so laaangweiliger Name ist), zusammenstellt. Dessen erster Einsatz verläuft dann auch wie der erste Einsatz der Avengers. Nur anders. Außer für Domino (Zazie Beetz), deren Superkraft „Glück“ ist.

‚Nur anders‘ bezeichnet ziemlich treffend, was „Deadpool 2“ von anderen Superheldenfilmen unterscheidet. Es ist zwar alles da, was man aus den Marvel-Filmen kennt, aber „John Wick“- und „Atomic Blonde“-Regisseur David Leitch und die Drehbuchautoren Rhett Reese, Paul Wernick und Ryan Reynolds bürsten alles hemmungslos gegen den Strich und runden es mit einem Pennälerwitz und einem Insider-Witz ab.

Das ist, wie die „Deadpool“-Comics, ein großer Spaß für Fans von Superheldengeschichten, die sich eine wohltuende Distanz und ein kindliches Gemüt bewahrt haben. Denn alle kriegen ihr Fett weg. Auch „Green Lantern“, der Film. Und es gibt, nach dem Tod von ‚Deadpool‘ Wade Wilson (Keine Panik. Deadpool ist unsterblich.) eine wunderschöne James-Bond-Titelsequenz, mit Deadpool als Objekt des Begehrens.

Bei dieser ununterbrochenen Abfolge von Gags und Action bemerkt man kaum, dass sogar eine ziemlich komplizierte Geschichte erzählt wird, die auch einige überraschende Wendungen hat. Und dass nebenbei einige sehr ernste Themen angesprochen werden. Nicht mit einem erhobenen Zeigefinger, sondern im Deadpool-Stil.

Nach all dem Werbeoverkill in den letzten Tagen und Wochen, wo Deadpool anscheinend überall war und auf YouTube ein „Deadpool 2“-Clip nach dem nächsten auftauchte, kann ich euch beruhigt versichern, dass „Deadpool 2“ den Hype aushält Es gibt immer noch etliche Gags und Plotwendungen, die man aus den Trailern und Clips nicht ahnt. Die Gags im Film sind besser als die aus den Clips und der Film ist in jeder Beziehung besser als die ganze Werbemaschinerie für das Franchise, dessen nächsten Filme schon, mehr oder weniger offiziell, angekündigt sind.

Deadpool: Gut gemacht, du XXXXX.

Deadpool 2 (Deadpool 2, USA 2018)

Regie: David Leitch

Drehbuch: Rhett Reese, Paul Wernick, Ryan Reynolds

LV: Charaktere von Rob Liefeld und Fabian Nicieza

mit Ryan Reynolds, Josh Brolin, Zazie Beetz, Julian Dennison, Morena Baccarin, Brianna Hildebrand, Shioli Kutsuna, Karan Soni, Leslie Uggams, Eddie Marsan, T. J. Miller, Andre Tricoteux, Jack Kesy, Terry Crews, Lewis Tan, Bill Skarsgård, Rob Delaney

Länge: 120 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

 

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Deadpool 2“

Metacritic über „Deadpool 2“

Rotten Tomatoes über „Deadpool 2“

Wikipedia über „Deadpool 2“ (deutsch, englisch)

Wikipedia über Deadpool

Meine Besprechung von Victor Gischler (Autor)/Bong Dazo (Zeichner): Deadpool – Der Söldner mit der großen Klappe: Kopfsprung (Band 1 von 2) (Deadpool: Merc with a Mouth 1 – 6: Headtrip, 2009/2010)

Meine Besprechung von Victor Gischler (Autor)/Bong Dazo (Zeichner)/Kyle Baker (Zeichner): Deadpool – Der Söldner mit der großen Klappe (Band 2 von 2) (Deadpool: Merc with a Mouth 7: Are you there? It’s me, Deadpool; Deadpool: Marc with a Mouth 8 – 15: Next Stop: Zombieville, 2010)

Meine Besprechung von Daniel Way (Autor)/ Shawn Crystal (Zeichner)/Paco Medina (Zeichner): Deadpool 1 (Deadpool 13/14: Wave of Mutilation; Deadpool 15: Want you to want me, Part 1: The complete idiot’s guide to metaphers, 2009)

Meine Besprechung von Duane Swierczynski (Autor)/Jason Pearson (Zeichner): Deadpool: Weiber, Wummen & Wade Wilson! (Sonderband 1) (Deadpool: Wade Wilson’s War, Vol. 1 – 4, 2010)

Meine Besprechung von Victor Gischler (Autor)/Rob Liefeld/Whilce Portacio/Philip Bond/Paco Medina/Kyle Baker (Zeichner) „Deadpool Corps (Deadpool Sonderband 2)“(Prelude to Deadpool Corps, Vol. 1 – 5, März 2010)

Meine Besprechung von Victor Gischler (Autor)/Rob Liefeld/Marat Mychaels (Zeichner) “Deadpool Corps 2 (Deadpool Sonderband 3)” (Deadpool Corps 1 – 6, Juni 2010 – November 2010)

Meine Besprechung von Victor Gischler (Autor)Rob Liefeld/Marat Mychaels (Zeichner) “Deadpool Corps 3: You say you want a Revolution (Deadpool Sonderband 4)” (Deadpool Corps 7 – 12: You say you want a Revolution (Part 1 – Part 6), Dezember 2010 – Mai 2011)

Meine Besprechung von Duane Swierczynski (Autor)/Leandro Fernandez (Zeichner): Deadpool: Das Film-Special (X-Men Origins: Deadpool: The Major Motion Picture, 2010)

Meine Besprechung von Cullen Bunn/Ramon Rosanas „Night of the Living Deadpool“ (Night of the Living Deadpool # 1 – 4, März 2014 – Mai 2014)

Meine Besprechung von Cullen Bunn/Nik Virellas „Return of the Living Deadpool“ (Return of the Living Deadpool # 1 – 4, April 2015 – Juli 2015)

Meine Besprechung von „Deadpool: Greatest Hits – Die Deadpool-Anthologie“ (2016, Sammelband mit vielen Deadpool-Geschichten)

Meine Besprechung von Mike Benson/Adam Glass/Laurence Campbells „Deadpool Pulp“ (Deadpool Pulp 1 – 4, 2010/2011)

Meine Besprechung von Tim Millers „Deadpool“ (Deadpool, USA 2016)

Meine Besprechung von David Leitchs „Atomic Blond“ (Atomic Blonde,USA 2017)

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Neu im Kino/Filmkritik: „The Expendables 3“ – Same procedure as last time

August 21, 2014

In den USA wird derzeit über das maue Einspielergebnis von „The Expendables 3“ diskutiert, weil der Film vor dem Kinostart bereits im Netz in guter Qualität verfügbar war und deshalb so wenige Menschen den Film im Kino ansahen. Immerhin wurde der Film in den USA für eine PG-13-Freigabe verharmlost und damit das potentielle Publikum enorm vergrößert. Das war der Plan.

Aber die Fans der ersten beiden nicht jugendfreien „Expendables“-Filme waren deshalb schon lange vor dem Kinostart verkrätzt. Denn der Charme der ersten beiden „Expendables“-Filme bestand gerade in seiner ungehemmten Glorifizierung der Achtziger-Jahre-Action-Filme mit den von damals bekannten Schauspielern. Sie zeigten noch einmal einfache handgemachte Action.

Für die PG-13-Freigabe wurde in der Originalfassung vor allem auf Schimpfworte, vor allem das immer einsetzbare „Fuck“, verzichtet. Wegen diesem Wort hatten auch „The King’s Speech“ und „Der Ghostwriter“ in den USA Probleme mit der Freigabe. „The King’s Speech“ wurde um einige Schimpfworte gekürzt. Bei „Der Ghostwriter“ führte das zu einer liebevoll erstellten US-Version, die mir sogar besser gefällt, weil es auch im englischen viele schöne Schimpfworte gibt, die nicht mit „f“ anfangen und „k“ enden.

In einem zweiten Schritt wurde dann auf jegliches spritzende Blut verzichtet. Ich habe nicht nachgezählt, aber mehr als drei Blutspritzer habe ich nicht gesehen. Die Action besteht sowieso hauptsächlich auf endlosen Endlosballereien, erledigt von Männern in schwarzen Anzügen. Da sieht man Blut und Einschusslöcher sowieso nicht.

Bei dem Gejammer über das schlechte Einspielergebnis – es reichte immerhin für den vierten Platz – wurde vergessen, dass nicht nur die Kritiker nicht begeistert waren, sondern auch die Begeisterung der Fans sich, wie ein Blick Richtung IMDB und Rotten Tomatoes, in überschaubaren Grenzen hält.

Und sie haben recht: „The Expendables 3“ ist ein überlanger, zugequasselter Action-Film. Der Film dauert epische 127 Minuten, während die beiden Vorgänger ihre Geschichte in hundert Minuten erzählten; also ungefähr der 80er-Jahre-Actionfilm-Länge, was auch für diesen Film eine deutlich bessere Laufzeit gewesen wäre.

Die Story ist noch vernachlässigbarer als in den ersten beiden Filmen. Es beginnt mit einer pompösenen Gefangenenbefreiung von Doctor Death (Wesley Snipes), bei der die „Expendables“-Söldner angführt von Barney Ross (Sylvester Stallone) und Lee Christmas (Jason Statham) einen fahrenden Zug entern, die Wachen töten (meisten erschießen), Doctor Death befreien und schließlich den Zug mit großem Wumm in den Zielbahnhof, ein einsam gelegenes Gefängnis, fahren lassen. Das Gebäude geht in die Luft. Die Bösewichter sind tot. Die Mission ist erfüllt.

Schon bei dieser Action-Szene fällt auf, dass Regisseur Patrick Hughes (Red Hill) so viele Schnitte setzt, dass man nicht mehr richtig nachverfolgen kann, wer was macht. Die weiteren Actionszenen, vor allem in einem Hafen und in einer stillgelegten Fabrik, sind ebenfalls reine Schnittgewitter, die mit Schnitten, Wackelkamera und Nahaufnahmen mal wieder nur ein Gefühl von der Action vermitteln, aber niemals zeigen, was die Stuntmänner wirklich leisten und wie fit die Schauspieler sind. Genau deshalb enttäuscht dann auch das große Action-Finale: es wird endlos geballert, Bomben gehen hoch, Raketen werden abgeschossen und Patrick Hughes schneidet atemlos zwischen den verschiedene Schauplätzen und ungefähr einem halben Dutzen gleichzeitig stattfindender Kämpfe gegen gesichtslose Bösewichter, vulgo „Expendables“-Kanonenfutter, hin und her. Das ist so laut wie langweilig.

In Somalia sollen sie, kurz nach Deaths Befreiung, im Hafen einen Waffendeal verhindern und Conrad Stonebanks (Mel Gibson), hm, ich glaube, in dem Moment noch töten. Bei dem Einsatz, der bombig schiefgeht, entdeckt Expendables-Chef Barney Ross, dass Stonebanks ein alter Kumpel und Gründungsmitglied der Expendables ist. Bis dahin glaubte Ross, dass er Stonebanks vor Jahren, als Stonebanks auf die schiefe Bahn geriet, tötete.

Jetzt will Ross den skrupellosen Stonebanks erledigen, aber CIA-Mann Max Drummer (Harrison Ford) sagt ihm, dass sie Stonebanks lebendig wollen, um ihn als Kriegsverbrecher anzuklagen (Yeah, etwas Suspension of Disbelief ist in dem Moment nötig).

Ross entlässt, weil Stonebanks ein so schlimmer Gegner ist, seine alten Expendables (auch hier ist etwas Suspension of Disbelief hilfreich) und heuert eine Gruppe neuer Expendables an, die dann sofort von Stonebanks gefangen genommen werden.

Also müssen wieder die alten Expendables ran und es kommt zu einer großen Schlacht in einem einsam gelegenem Fabrikgelände, das dem Erdboden gleich gemacht werden kann.

Zwischen den raren Action-Szenen, die eigentlich alles Baller-Szenen sind, gibt es dann, wieder einmal, viele Gespräche der Söldner über ihren Beruf und ihr Leben. Da sind die Rekrutierungen der neuen Expendables fast schon eine willkommene Entspannung.

Wie schon bei den ersten beiden „Expendables“-Filmen beruht ein großer Teil des Charmes der Filme auf der großen Starparade, die dieses Mal aus Sylvester Stallone, Jason Statham, Antonio Banderas, Jet Li, Wesley Snipes, Dolph Lundgren, Kelsey Grammer, Randy Couture, Mel Gibson, Harrison Ford, Arnold Schwarzenegger, Terry Crews, Kellan Lutz, Ronda Roosey, Glen Powell, Victor Ortiz und Robert Davi besteht. Dabei haben die meisten Auftritte ungefähr die Länge eines längeren Cameos und gerade die neuen Expendables (vulgo die Neuzugänge) bleiben vollkommen austauschbar. Auch die aus den vorherigen Filmen bekannten Stars, wie Jason Statham, Dolph Lundgren und Jet Li, kommen kaum über Cameo-Länge hinaus.

Antonio Banderas spielt einen hyperagilen, ewig plappernden und extrem begeisterten Söldner. Das ist anfangs als Comic-Relief witzig, wird aber mit der Zeit nervig. Wenn die Söldner sich durch ein Waldgebiet anschleichen und er dabei endlos plappert, dann ist wieder einmal viel Suspension of Disbelief gefragt.

Mel Gibson als meistens schweigsamer Bösewicht überzeugt; – aber in „Machete Kills“ konnte er ja schon für die Rolle als Bösewicht üben.

Am Ende von „The Expendables 3“ fühlt man sich wie einer der Söldner im Film: man hat die Schlacht überlebt, sie war größtenteils chaotisch und man ist nur froh, noch am Leben zu sein.

The Expendables 3 - Plakat

 

The Expendables 3 (The Expendables 3, USA 2014)

Regie: Patrick Hughes

Drehbuch: Sylvester Stallone, Creighton Rothenberger, Katrin Benedikt (nach einer Geschichte von Sylvester Stallone)

mit Sylvester Stallone, Jason Statham, Antonio Banderas, Jet Li, Wesley Snipes, Dolph Lundgren, Kelsey Grammer, Randy Couture, Mel Gibson, Harrison Ford, Arnold Schwarzenegger, Terry Crews, Kellan Lutz, Ronda Roosey, Glen Powell, Victor Ortiz, Robert Davi (für jeden eine Szene, einmal Ballern, einmal Abtreten)

Länge: 127 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „The Expendables 3“

Moviepilot über „The Expendables 3“

Metacritic über „The Expendables 3“

Rotten Tomatoes über „The Expendables 3“

Wikipedia über „The Expendables 3“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Simon Wests „The Expendables 2“ (The Expendables 2, USA 2012)


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