TV-Tipp für den 22. Mai: Stammheim – Die Baader-Meinhof-Gruppe vor Gericht

Mai 21, 2020

Wegen des neunzigsten Geburtstag von Clint Easwood am 31. Mai dachte ich daran, sein Drama (man sollte das Wort „Meisterwerk“ nicht zu inflationär verwenden) „Million Dollar Baby“ zum Tagestipp zu machen und in den nächsten Tagen munter weitere Clint-Eastwood-Filme zu empfehlen. Aber weil das Boxerdrama, das 3sat heute um 22.25 Uhr zeigt, öfter läuft (und es mir bis jetzt gelang, immer einen anderen Film zum Tagestipp zu machen [Yeah, das ist ein wirkliches, unerklärbares Rätsel]) und Reinhard Hauffs „Stammheim“ nur alle Jubeljahre gezeigt wird, ist der heutige Tagestipp

One, 22.30

Stammheim (Deutschland 1985)

Regie: Reinhard Hauff

Drehbuch: Stefan Aust

LV: Stefan Aust: Der Baader Meinhof Komplex, 1985

Eigentlich ist “Stammheim” ein abgefilmtes Theaterstück: Aust und Hauff konzentrierten sich auf die Verhandlung gegen die Baader-Meinhof-Gruppe und nahmen die Gerichtsprotokolle als Grundlage für die Dialoge.

Damals irritierte die Kritiker, dass Schauspieler anders aussehende Personen spielten, die im öffentlichen Bewusstsein noch sehr präsent waren.

Heute ist “Stammheim” ein Stück Zeitgeschichte und ein Blick in eine für uns inzwischen sehr fremde Zeit.

“Es ist ein Film über die Unfähigkeit der Politik und der Justiz, die Verhältnisse zu reflektieren, in denen Gewalt entsteht. Ein Film über die Ungeduld und Unduldsamkeit derjenigen, die erklärten, das Volk befreien zu wollen und am Ende mehr Zwänge und staatliche Repression erreichen.

Wie in einem Mikrokosmos findet der Kampf zwischen dem Staat und seinen radikalsten Gegner in einem Gerichtssaal statt. Keine Seite geht daraus unbeschädigt hervor. Die einen bekämpfen das Recht und die Ordnung des bürgerlichen Staates und berufen sich gleichzeitig auf seine Gesetze. Die anderen vertreten die Gesetze und verletzen dennoch das Recht (…)

Hauff und Aust haben den mutigsten Film über unsere politische Gegenwart gemacht.“ (Fischer Film Almanach 1987)

„Stammheim“ erhielt 1986 auf der Berlinale den Goldenen Bären. Während der Preisverleihung sagte Jurypräsidentin Gina Lollobrigida – ein grober Verstoß gegen die Etikette -, dass sie gegen den Film gestimmt habe.

mit Ulrich Pleitgen, Ulrich Tukur, Therese Affolter, Sabine Wegner, Hans Kremer, Dominique Horwitz

Hinweise

Wikipedia über „Stammheim“

Wolfram Schütte in der Frankfurter Rundschau vom 30. Januar 1986 über „Stammheim“


TV-Tipp für den 11. März: Die göttliche Ordnung

März 10, 2020

Arte, 20.15

Die göttliche Ordnung (Schweiz, 2017)

Regie: Petra Volpe

Drehbuch: Petra Volpe

Schweiz, 1971: in einem Bergdorf im Appenzell ist die Zeit stehen geblieben. Der Mann ist der unumstrittene Herr im Haus und Frauen dürfen nicht wählen. Als die junge Nora Ruckstuhl wieder arbeiten möchte, erfährt sie, dass sie dafür die Erlaubnis ihres Mannes benötigt. Sie empfindet diese Regel als ungerecht. Als ihr Mann für einige Tage auf einer Militärübung ist, hat sie die Zeit sich immer mehr zu politisieren und in den Kampf um das Frauenwahlrecht einzumischen.

TV-Premiere. Wundervolle, nah an den historischen Fakten entlang erzählte, sehr aufbauende Komödie über Frauen, die beginnen für ihre Rechte zu kämpfen.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Marie Leuenberger, Max Simonischek, Rachel Braunschweig, Sibylle Brunner, Marta Zoffoli, Bettina Stucky, Peter Freiburghaus, Therese Affolter, Ella Rumpf, Nicholas Ofczarek, Sofia Helin

Hinweise

Schweizer Homepage zum Film

Moviepilot über „Die göttliche Ordnung“

Wikipedia über „Die göttliche Ordnung“

Meine Besprechung von Petra Volpes „Die göttliche Ordnung“ (Schweiz 2017)


Neu im Kino/Filmkritik: Was ist „Die göttliche Ordnung“? Und sollte sie bestehen bleiben?

August 4, 2017

1971: Die Jugend probiert den Aufstand. Freie Liebe. Hippies. Woodstock. Janis Joplin. Jim Morrison. Jimi Hendrix. Grenzen werden niedergerissen. Traditionen und Konventionen missachtet. Schwule gehen auf die Straße. Schwarze träumen von der Revolution. Frauen zeigen ihre Brüste. Auch in Europa ist etwas von dem revolutionären Zeitgeist zu spüren. In Deutschland bombt die RAF sich durch die Bundesrepublik.

Und in der Schweiz gibt es eine eidgenössische Abstimmung zum Frauenwahlrecht.

An dieser Volksabstimmung sind selbstverständlich nur Männer stimmberechtigt. Trotzdem gab es eine Mehrheit für das Frauenstimmrecht. Auf kantonaler Ebene wurde es Frauen dagegen teilweise noch lange verwehrt. Als letzter Kanton führt 1990 Appenzell Innerrhoden, gezwungen durch einen Entscheid des Bundesgerichts, das Stimmrecht für Frauen auf kantonaler Ebene ein.

Im Appenzell, das optisch eine richtige Postkarten-Schweiz ist, drehte Petra Volpe ihren neuesten Film „Die göttliche Ordnung“, in dem sie vom Kampf um die Abstimmung für das Frauenwahlrecht 1971 erzählt. In dem im Film nicht genannten Ort ist damals die Welt noch in Ordnung. Die Straßen sind sauber. Die Männer arbeiten. Die Frauen machen den Haushalt und kümmern sich um die Kinder. Sonntags wird in die Kirche gegangen und der Pfarrer predigt über die göttliche Ordnung. Das Frauenwahlrecht und die Ideen von Gleichberechtigung sind Verstöße dagegen. Einige Frauen, wie Dr. Charlotte Wipf, Firmenchefin und Vorsteherin des „Aktionskomitees gegen die Verpolitisierung der Frau“, sind gegen ein Frauenwahlrecht.

Nora Ruckstuhl macht sich darüber keine Gedanken. Aber dass sie ihren Mann Hans darum bitten muss, wieder in ihrem Ausbildungsberuf arbeiten zu dürfen, empfindet sie als ungerecht.

Als Hans für einige Tage zu einer Militärübung muss, kann sie sich ungestört politisieren. Sie nimmt immer mehr Ungerechtigkeiten des unumstritten herrschenden Patriarchats wahr. Der Mann ihrer Schwägerin kann seine Tochter wegsperren lassen, weil sie ihm zu aufständig ist. Die ehemalige Bären-Wirtin Vroni ist von ihrer Tochter finanziell abhängig, weil ihr Mann das gesamte Geld verschleuderte. Der gesamte Haushalt und die Kindererziehung wird von den Frauen gemacht, aber das ist ja keine Arbeit, weil nur die Männer arbeiten; – das klingt jetzt vielleicht urig schweizerisch, aber auch in Deutschland wurde damals ähnlich gedacht.

Als Nora sich auf einer öffentlichen Veranstaltung für das Frauenwahlrecht ausspricht, wird sie, von anderen Frauen mehr gezwungen und gedrängt, als aus eigenem Antrieb, im Dorf zur Sprecherin für das Frauenwahlrecht. Die Bären-Wirtschaft, jetzt geführt von der alleinstehenden Italienerin Graziella, die aus dem Gasthof eine Pizzeria machen will, wird zum Zentrum des Widerstandes, in dem sich immer mehr Dorffrauen versammeln. Aber können sie in ihrem Kanton unter den Männern eine Mehrheit für das Frauenwahlrecht herstellen? Denn den Männern gefällt die bisherige gesellschaftliche Ordnung, die sie zur göttlichen Ordnung verklären, sehr gut.

Petra Volpe („Traumland“, Drehbücher für „Lovely Louise“ und „Heidi“) inszenierte einen liebevoll nostalgischen, im Zeitkolorit badenden und die Solidarität zwischen Frauen beschwörenden Blick zurück in eine andere Zeit, in der die Enge (in jeder Beziehung) auch immer etwas heimeliges hat. Dass die Männer Probleme mit ihrer Rolle als Familienoberhaupt haben und vom Haushalt keine Ahnung haben, verschweigt sie nicht. Aber weil Volpe niemanden verurteilen will und für alle Verständnis hat, ist ihr Film dann auch immer harmloser als nötig. „Die göttliche Ordnung“ ist keine Anklage gegen die männliche Vorherrschaft, sondern nostalgisch gefärbtes Feelgood-Kino.

Das liegt auch daran, dass heute niemand das Frauenwahlrecht abschaffen will.

Die Argumente, die im Film gegen das Frauenwahlrecht vorgebracht werden, – um endlich den Sprung in die Gegenwart (und auch nach Deutschland) zu schaffen -, werden heute, wie ein Blick auf die „Wir wählen“-Seite zeigt, gegen ein Ausländerwahlrecht vorgebracht.

Und natürlich ist der Kampf um Gleichberechtigung noch nicht vorbei. Aber dafür interessiert sich „Die göttliche Ordnung“ nicht.

In unseren Kinos läuft der Schweizer Kinohit in der schweizerdeutschen Originalversion und einer auf Hochdeutsch synchronisierten Version. Wer das Schweizerdeutsche versteht, sollte sich die authentischere Originalversion ansehen.

Die göttliche Ordnung (Schweiz, 2017)

Regie: Petra Volpe

Drehbuch: Petra Volpe

mit Marie Leuenberger, Max Simonischek, Rachel Braunschweig, Sibylle Brunner, Marta Zoffoli, Bettina Stucky, Peter Freiburghaus, Therese Affolter, Ella Rumpf, Nicholas Ofczarek, Sofia Helin

Länge: 96 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Schweizer Homepage zum Film

Moviepilot über „Die göttliche Ordnung“

Wikipedia über „Die göttliche Ordnung“

Hier, zum Vergleichen, der Originaltrailer


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