Neu im Kino/Buch- und Filmkritik: „The Sisters Brothers“ reiten durch den Wilden Westen

März 12, 2019

Wir sind die Sisters Brothers“ rufen sie durch die Nacht und normalerweise reicht die Nennung ihres Namens, um für klare Verhältnisse zu sorgen. Wenn nicht helfen einige Kugeln nach.

Eli (John C. Reilly) und Charlie Sisters (Joaquin Phoenix) sind psychopathische Killer, die für den Commodore (Rutger Hauer) im Wilden Westen Männer jagen und normalerweise töten. Warum sie diese Männer töten sollen, ist ihnen egal. Jetzt sollen sie Hermann Kermit Warm (Riz Ahmed) töten. Davor soll er ihnen seine Wunderformel zum Goldwaschen verraten. John Morris (Jake Gyllenhaal), der ebenfalls für den Commodore arbeitet, hat sich bereits auf die Suche nach Warm gemacht. Er soll herausfinden, wo Warm sich aufhält und das den Sisters-Brüder sagen. Die Jagd geht dabei von Oregon bis nach Kalifornien, wo um 1851 gerade unzählige Goldsucher und Strauchdiebe nach dem kostbaren Metall suchen.

Beginnen wir mit den netten Paradoxien. In Interviews betont Jacques Audiard, er habe keine Beziehung zu dem Genre. Gedreht wurde der Film in Spanien, Rumänien und Frankreich. Das Geld für den Film stammt aus Frankreich, Spanien, Rumänien, Belgien und, immerhin auch, den USA. Und die Vorlage für den Film schrieb ein Kanadier.

Gestandene Westernfans wird nichts davon sonderlich irritieren. Denn der Western gehört schon lange nicht mehr exklusiv Hollywood und den USA. Wenn gewisse Elemente erhalten bleiben, kann ein Western auch im Weltall spielen. Und spätestens seit den Spaghetti-Western ist klar, dass bei einem Western die Optik wichtiger als der Drehort ist.

Und die stimmt in „The Sisters Brothers“. Der mit dem Silbernen Löwen für die beste Regie bei den Filmfestspielen von Venedig 2018 ausgezeichnete Film hat alles, was zu einem Western dazu gehört: fotogene Landschaften, viel Sand, Goldsucher, dreckige Männer und Schießereien. Nur die Indianer fehlen. Aber die fehlen auch in fast jedem Hollywood-Western.

Im Roman noch mehr als in Film erscheint der Wilde Westen als eine fast schon überbevölkerte Gegend. Denn ständig treffen die Sisters-Brüder auf andere Menschen. Fast immer enden diese Begegnungen, aus den verschiedensten Gründen, tödlich für die Menschen, die die Sisters-Brüder treffen. Mal weil sie die Sisters-Brüder umbringen wollen, mal weil sie ihnen etwas nicht geben wollen.

Während Charlie Alkohol und andere Drogen in rauen Mengen konsumiert, ist sein älterer Bruder Eli der sensiblere. Er trägt einen Schal, den er von einer Frau erhielt und, nachdem ihm ein Händler eine Zahnbürste verkaufte, pflegt er mit der Sorgfalt eines Kindes, das gerade etwas Faszinierendes entdeckte, seine Zähne. Diese Zahnpflege ist gleichzeitig ein Bote der Zivilisation. Ein Zeichen, dass die gesetzlose Zeit des Wilden Westens langsam endet.

Die beiden Brüder sind dabei wie kleine Kinder, die zwar auf dem Weg von Oregon nach Kalifornien unglaublich viele Menschen umbringen, aber auch immer wieder naiv-staunend durch den Wilden Westen reiten. Man muss diese beiden Psychopathen, wundervoll gespielt von Joaquin Phoenix und John C. Reilly, einfach ins Herz schließen.

Während der Roman von Eli erzählt wird, erhalten im Film John Morris und Hermann Kermit Warm ein größeres Gewicht. Warm ist nicht mehr nur die Person, die Charlie und Eli Sisters jagen, sondern Teil eines eigenen Plots. Gleichzeitig ist Warm als Entrepreneur, der mit seiner Intelligenz und seinen Händen auf ehrliche Weise ein Vermögen aufbauen will, die Verkörperung eines neuen Geistes, der sich deutlich von der Raubrittermentalität des Commodore unterscheidet.

Und so erzählt Jacques Audiard („Ein Prophet“, „Der Geschmack von Rost und Knochen“, „Dämonen und Wunder“) nur auf den ersten Blick eine typische Western-Geschichte mit Pferden und Killern. Auf den zweiten Blick ist es eine vielschichtige, sehr vergnügliche, kurzweilige und witzige Abhandlung über das Erwachsenwerden von zwei Brüdern und einer Gesellschaft. Mit unklaren Erfolgsaussichten, aber einem großen Vergnügen am Unterlaufen der Zuschauererwartungen an einen typischen Western.

The Sisters Brothers (The Sisters Brothers, Frankreich/Spanien/Rumänien/USA/Belgien 2018)

Regie: Jacques Audiard

Drehbuch: Jacques Audiard, Thomas Bidegain

LV: Patrick deWitt: The Sisters Brothers, 2011 (Die Sisters Brothers)

mit John C. Reilly, Joaquin Phoenix, Jake Gyllenhaal, Riz Ahmed, Rutger Hauer, Rebecca Root, Carol Kane

Länge: 121 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Die lesenswerte Vorlage

Patrick deWitt: Die Sisters Brothers

(übersetzt von Marcus Ingendaay)

Goldmann, 2013

352 Seiten

9,99 Euro

Deutsche Erstausgabe

Manhattan/Goldmann, 2012

Originalausgabe

The Sisters Brothers

ecco/HarperCollins Publishers, New York 2011

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „The Sisters Brothers“

Metacritic über „The Sisters Brothers“

Rotten Tomatoes über „The Sisters Brothers“

Wikipedia über „The Sisters Brothers“ (deutsch, englisch)

 

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TV-Tipp für den 26. April: Ein Prophet

April 26, 2017

Arte, 22.30

Ein Prophet (Un Prophète, Frankreich/Italien 2009)

Regie: Jacques Audiard

Drehbuch: Jacques Audiard, Thomas Bidegain

Ein Bildungsroman der anderen Art: der 19-jährige Malik kommt in den Knast und lernt dort alles, was er für das Leben braucht. Dummerweise macht ihn nichts davon zu einem wertvollen Mitglied der Gesellschaft.

In Cannes erhielt „Ein Prophet“ den Großen Preis der Jury, bei den Cesars und den Étoiles d’Or (dem Preis der französischen Filmjournalisten) räumte er ab, er war den Oscar und Golden Globe als bester ausländischer Film nominiert, die Kritiker feiern den Film ab, Knackis (von denen etliche bei der Produktion beteiligt waren) loben die Authentizität des Films, es wurde über den Zustand und die Lebensbedingungen in den Knästen diskutiert und über 1,5 Millionen Franzosen lösten ein Kinoticket. In Deutschland war er nicht so erfolgreich und heute ist die TV-Premiere des Knastdramas.

mit Tahra Rahim, Nils Arestrup, Adel Bencherif, Reda Kateb

Hinweise

Film-Zeit über „Ein Prophet“

Moviepilot über „Ein Prophet“

Metacritic über „Ein Prophet“

Rotten Tomatoes über „Ein Prophet“

Wikipedia über „Ein Prophet“ (deutsch, englisch, französisch)


Neu im Kino/Filmkritik: Die französische Komödie „Verstehen Sie die Béliers?“

März 6, 2015

Die Béliers sind eine ganz normale Bauernfamilie mit einem kleinen Handicap. Bis auf ihre Tochter Paula sind sie alle taub. Deshalb muss der Teenager nicht nur auf dem Wochenmarkt dolmetschen, sondern auch – neben der Schule – alle Telefonate mit den Geschäftspartnern erledigen. Dennoch ist sie zufrieden. Sie hat eine tolle Familie, die eisern zusammen hält, und gute Freunde. Vor allem mit ihrer Freundin kann sie den Frust, nicht zu einer Party eingeladen werden, zu der sie eh nicht hingehen wollte, weglästern.
Den Musikkurs an der Schule belegt sie dann auch nicht, weil sie singen will, sondern weil sie in der Nähe von ihrem Schwarm sein will. Der fliegt allerdings schon beim Vorsingen aus dem Chor und der Chorleiter, Monsieur Thomasson, ist von ihrer Stimme begeistert. Endlich hört er eine talentierte Stimme. Paula könnte sogar in Paris an einer renommierten Musikakademie aufgenommen werden. Paris würde natürlich bedeuten, dass sie ihre Familie verlassen muss.
Zur gleichen Zeit entschließt sich ihr Vater gegen den von allen gehassten Bürgermeister zu kandidieren. Rodolphe sieht keine Probleme bei diesem Selbstmordkommando. Dass er sich bislang nicht politisch engagierte, dass er von Politik keine Ahnung hat, dass er in keiner Partei ist, dass er taub ist; all das stört ihn nicht. Er hat ja Paula, die seine Reden übersetzen kann. Seine Frau Gigi hält zu ihm. Und dann ist da ja noch Paulas Bruder Quentin.
Außerdem steht dieser Polit-Plot, der im Trailer ja ausführlich angesprochen wird, nicht im Mittelpunkt der Komödie „Verstehen Sie die Béliers?“. Es ist ein verzichtbarer Subplot, der nur für einige schnelle Lacher eingefügt wurde. Was schade ist. Denn aus diesem Wahlkampf hätten die Macher viel Komödiengold schöpfen können. Da wäre ein kleines Sittenbild der Provinzpolitik und ein differenziertes Statement zum Umgang der Gesellschaft mit Behinderten möglich gewesen.
Im Mittelpunkt steht dagegen die Tochter Paula, die sich entscheiden muss, ob sie bei ihrer Familie auf dem Land bleibt oder ihr Glück in Paris versuchen soll. Außerdem verliebt sie sich in einen Klassenkameraden.
Éric Lartigau reichert diese durchaus feinfühlig erzählte Coming-of-Age-Geschichte mit einigen witzigen bis klamaukigen Episoden an, die sich immer um die tauben Mitglieder der glücklichen Familie Béliers drehen. Sie unterhalten sich in Gebärdensprache lauter als einige normale Familien. Leider – auch wenn im Presseheft gesagt wird, dass alle Hauptdarsteller längere Zeit in der Gebärdensprache unterrichtet wurden – erinnert ihr Spiel vor allem an das übertriebene, nervig exaltierte Spiel von Stummfilmschauspielern.
Und immer wieder spricht Paula laut aus, was sie ihren Eltern oder ihrem Bruder in Gebärdensprache sagt. Das ist als Service am Untertitel-lesefaulen Publikum zwar okay, aber es stört mich immer wieder, weil es unrealistisch ist. Genauso wie ein normaler Mensch sich selbst keinen Text laut vorliest. Und es zeugt vom mangelnden Mut der Macher, eine Idee konsequent durchzuhalten.
Wobei „Verstehen Sie die Béliers?“ auch kein tiefschürendes Drama sein will. Es ist eine auf Harmonie getrimmte Sommerkomödie, die einige ungewöhnliche Menschen in den Mittelpunkt stellt, ihre Behinderung vor allem als Anlass für Witze sieht und eine ziemlich biedere Moral hat, die so ähnlich auch in anderen französischen Erfolgskomödien auftaucht, die wenig bis nichts mit der aktuellen Wirklichkeit zu tun haben. Denn das glückliche Leben der Béliers auf ihrem Bauernhof und das lauschige Provinzdorf gehören in die fünfziger Jahre, als die Welt noch in Ordnung war.
In Frankreich wurde Lartigaus Film inzwischen von fast sieben Millionen Zuschauern gesehen.

Ach ja: die Idee von Monsieur Bélier, in die Politik zu gehen, ist gar nicht so unrealistisch. In Deutschland zog 2011 Martin Zierold als erster Gehörloser in ein deutsches Parlament, in Berlin in die Bezirksverordnetenversammlung Mitte ein. Und, ich kenne ihn von einigen Veranstaltungen: er ist ein sehr ruhiger Typ.

Verstehen Sie die Beliers - Plakat

Verstehen Sie die Béliers? (La Famille Béliers, Frankreich 2014)
Regie: Éric Lartigau
Drehbuch: Victoria Bedos, Stanislas Carré de Malberg, Éric Lartigau (Adaption), Thomas Bidegain (nach einer Originalgeschichte von Victoria Bedos)
mit Karin Viard, Francois Damiens, Éric Elmosnino, Louane Emera, Luca Gelberg, Roxane Durand, Ilian Bergala, Stephan Wojtowicz
Länge: 106 Minuten
FSK: ab 0 Jahre

Hinweise
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „Verstehen Sie die Béliers?“
Moviepilot über „Verstehen Sie die Béliers?“
Rotten Tomatoes über „Verstehen Sie die Béliers?“
AlloCine über „Verstehen Sie die Béliers?“
Wikipedia über „Verstehen Sie die Béliers?“ (englisch, französisch)


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