DVD-Kritik: Der Noir-Klassiker „Detour – Umleitung“

Dezember 27, 2013

 

Mit „Detour – Umleitung“ veröffentlichte Koch-Media in seiner „Film Noir Collection“ einen echten Noir-Klassiker, der damals ultra-billig gedreht wurde, wie viele Filme in der Versenkung verschwand und später von Noir-Fans zum Kultfilm, zu einem der quintessiellen Noirs, erhoben wurde. Ob zu Recht konnten deutschsprachige Noir-Fans bislang nur herausfinden, wenn sie sich entweder ausländische DVD-Veröffentlichungen des Films (die anscheinend alle von bescheidener Bildqualität, ohne Untertitel und ohne Extras sind) besorgten oder den Film bei Archive.org in einer gotterbärmlichen Bildqualität (die aber anscheinend dennoch für einige DVD-Veröffentlichungen okay war) herunterluden. Natürlich die Originalfassung.

Denn „Detour“ lief erstmals am 12. Dezember 1978 im NDR und seitdem gab es anscheinend keine weiteren Ausstrahlungen im TV. Daher ist diese DVD-Veröffentlichung ein längst überfälliger Lückenschluss in der Noir-Geschichte und „Detour“ erzählt auch eine; fast schon die archetypische Noir-Geschichte.

Al Roberts (Tom Neal) ist in New York Barpianist und verliebt in die Sängerin Sue (Claudia Drake), die seine Liebe erwidert, aber in Hollywood ihr Glück versuchen will. Roberts will ihr so schnell wie möglich folgen. Weil er kein Geld hat, trampt er. Er wird von dem redseligem Buchmacher Charles Haskell jr. (Edmund MacDonald) mitgenommen, der während der Fahrt durch einen blöden Unfall in einer verregneten Nacht stirbt. Weil Roberts glaubt, dass niemand seine Geschichte glauben wird, versteckt er die Leiche in der Wüste und nimmt die Identität des Toten an. In Los Angeles will er dann das Auto stehen lassen und sein altes Leben wieder aufnehmen.

An einer Tankstelle nimmt Roberts die Tramperin Vera (Ann Savage) mit. Sie war, wie das Noir-Glück so spielt, vorher mit Haskell zusammen und erpresst Roberts. Zuerst um Haskells Auto zu versilbern, dann, als sie in der Zeitung liest, dass Haskells vermögender Vater im Sterben liegt, um Roberts als Erben zu präsentieren.

Edgar G. Ulmer („Die schwarze Katze“) erzählt mit wenig Geld, aber erkennbarem Stilwillen in dem vor fast siebzig Jahren gedrehtem Film gradlinig die Geschichte, die alle Noir-Klischees, die damals noch keine Klischees waren, vereinigt. Fast der gesamte Film spielt in geschlossenen Räumen (vor allem einem Hotelzimmer), im Auto (ebenfalls im Studio aufgenommen) und in der menschenleeren Wüste, meisten nachts. Keiner dieser Drehorte kostete viel Geld. Massenszenen gibt es auch nicht. Und die in einer früheren Fassung des Drehbuchs enthaltenen Erzählungen von Sue und ihrer Karriere in Hollywood wurden auf einige Telefonate gekürzt. Diese Reduktion lenkt natürlich die Aufmerksamkeit umso stärker auf den willensschwachen Musiker Roberts und wie er sich, anfangs unschuldig immer mehr in Schuld verstrickt und am Ende Vera tötet; auch wenn es sich um einen dummen Zufall handelt, weil er sie nicht mit dem Telefonkabel erwürgen wollte. Und so wird er für einen Mord, den er nicht begangen hat, gesucht, während er für einen Mord, den er begangen hat, nicht gesucht wird. Sehr Noir eben.

Die Bildqualität des Noir-Klassikers ist nicht besonders bemerkenswert, auch wenn ich den Eindruck habe, dass sie besser als bei den frei verfügbaren Fassungen des Films ist. Trotzdem ist immer wieder offensichtlich, dass die Kopie nicht besonders pfleglich behandelt wurde.

Trotzdem ist „Detour – Umleitung“ eine für uns längst überfällige DVD-Veröffentlichung mit einem informativem Booklet von Thomas Willmann und einer Bildergalerie.

Ein kleines Noir-Fest.

Detour - Umleitung - DVD-Cover

Detour – Umleitung (Detour, USA 1946)

Regie: Edgar G. Ulmer

Drehbuch: Martin M. Goldsmith

LV: Martin M. Goldsmith: Detour, 1939

mit Tom Neal, Ann Savage, Claudia Drake, Edmund MacDonald, Tim Ryan

DVD

Koch-Media (Film Noir Collection 13)

Bild: 1.33:1 (4:3)

Ton: Englisch (Dolby Digital 2.0)

Untertitel: Deutsch, Englisch

Bonusmaterial: Bildergalerie, 12-seitiges Booklet

Länge: 65 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Moviepilot über „Detour“

Rotten Tomatoes über „Detour“

Wikipedia über „Detour“ (deutsch, englisch)

Der Film Noir über „Detour“

Noir of the Week über „Detour“

Detour bei Archive.org (der ganze Film)

Mystery File über Martin M. Goldsmith

Wikipedia über Edgar G. Ulmer (deutsch, englisch)

Senses of Cinema über Edgar G. Ulmer

 

 

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