Blu-ray-Kritik: „John Wick: Kapitel 3“ wird jetzt im Wohnzimmer aufgeschlagen

Oktober 14, 2019

Zum Kinostart schrieb ich über den an der Kinokasse sehr erfolgreichen und von der Kritik abgefeierten Actionkracher:

Am Ende von „John Wick: Kapitel 2“ hatte der ehemalige Profikiller John Wick (Keanu Reeves) es sich mit der Hohen Kammer, dem obersten Entscheidungsgremium der streng geheimen, obskuren Regeln folgenden und Killern umfassenden Schutz gebenden Assassinen-Gilde, gründlich verscherzt. Er hatte am falschen Ort ein anderes Mitglied der Profikiller-Gilde getötet. Die Strafe dafür ist ein Ausschluss aus dem Verein. Und als ob das noch nicht genug wäre, setzt die Hohe Kammer ein Kopfgeld von vierzehn Millionen auf ihn aus.

John Wick: Kapitel 3“ beginnt unmittelbar danach. In einem verregneten „Blade Runner“-New York läuft John Wick um sein Leben. In wenigen Minuten, um 18.00 Uhr, ist er excommunicado und damit Freiwild. Ab diesem Moment werden aller Killer und Möchtegernkiller in der Millionenstadt versuchen, ihn zu töten.

Nach dem ersten Kampf, einer epischen, in einer Bibliothek beginnenden Schlacht durch halb Manhattan, geht Wick zum Angriff über. Er will ein Gespräch mit The Elder, einem der wichtigsten und respektiertesten Mitglieder der Hohen Kammer. Er will, dass sein Todesurteil rückgängig gemacht wird.

Sein Reise führt ihn zunächst nach Marokko, wo schon die nächsten Killer auf ihn warten.

Viel mehr Plot benötigen Autor Derek Kolstad und Regisseur Chad Stahelski, von denen auch die ersten beiden „John Wick“-Filme sind, nicht. Der erste Film erzählte noch eine klassische B-Picture-Rachegeschichte, in der John Wicks Rache für seinen toten Hund für einen grotesk-blutigen Gewaltexzess sorgte. In „John Wick: Kapitel 3“ haben sie sich von traditionellen Hollywood-Erzählmustern verabschiedet. Die Geschichte und damit die Logik des Filmplots gehorcht der Dramaturgie von Comicheften, die weitgehend unabhängig voneinander gelesen werden können. Es gibt grandiose Actionszenen, garniert mit kurzen Auftritten bekannter Schauspieler (als überzeugende und erinnerungswürdige Neuzugänge sind Anjelica Huston und Halle Berry dabei), und einem Minimalplot, der die Action immer vor einem Abgleiten in das reine l’art pour l’art abhält. Dabei sind die Charaktere höchst sparsam charakterisiert. Laurence Fishburne heißt nur Bovery King, Anjelica Huston ist The Director (vom der Tarkovsky Ballettschule/Theater), Asia Kate Dillon ist The Adjudicator, Mark Dascados ist Zero, Saïd Taghmaoui ist The Elder, Ian McShane ist immer noch Winston, der Manager des New Yorker Continental Hotel, und Lance Reddick ist immer noch Charon, der überaus diskrete und höfliche Concierge des Continental Hotel.

Allein schon die Namen deuten an, wie viel Spaß die Macher beim Entwerfern ihrer Comicwelt hatten, in der Killer Mitglieder einer quasi-religiösen Gilde sind, deren Regeln befolgen und niemals Ärger mit der Polizei haben. Denn in der Welt von John Wick gibt es keine Polizei.

Und die Action – mit Fäusten, Messern, Schusswaffen, zu Fuß, auf dem Pferd und Motorrad – ist mal wieder grandios mit wenigen Schnitten und viel Stilbewusstsein inszeniert. Sie sind hyper-ästhetisiert, einfallsreich, abwechslungsreich und sie liefern den Fans der ersten beiden „John Wick“-Filme das, was sie und Actionfilmfans lieben: handgemachte Action, die zwar unwahrscheinlich, aber nicht vollkommen unmöglich ist. Sie wurde auch, teils mit der Hilfe von Drähten, durchgehend live vor Kamera ausgeführt.

Neben den Kämpfen in „John Wick: Kapitel 3“ wirkt der Schlusskampf in „Avengers: Endgame“ wie ein schlecht choreographiertes, zu dunkel inszeniertes, mit CGI zugekleistertes laues Lüftchen.

Insgesamt entwickelt „John Wick: Kapitel 3“ konsequent die Stärken der vorherigen beiden „John Wick“-Filme weiter. Stahelski nimmt sich dabei noch mehr Zeit für die Actionszenen. Die stilisierte Neo-Noir-Optik gefällt. Die von Kolstak erfundene Mythologie entwirft eine vergnügliche, aber auch vollkommen abstruse Parallelwelt. Und die Schauspieler sind mit offensichtlichem Vergnügen dabei. Mit 132 Minuten ist „John Wick: Kapitel 3“ der längste Film der Serie.

Vor „John Wick: Kapitel 3“ sagten die Macher zwar, dass sie das „John Wick“-Franchise nicht bis in alle Ewigkeit fortführen würden und deuteten an, dass der dritte „John Wick“-Film auch der letzte sei.

Das Ende von „John Wick: Kapitel 3“ ist allerdings so, dass es unbedingt nach einem vierten „John Wick“-Film verlangt. Inzwischen und nach dem überaus erfolgreichen Kinostart in den USA ist der vierte „John Wick“-Film für den 21. Mai 2021 angekündigt.

 

Letzte Woche veröffentlichte Lionsgate die Meldung, dass sie mit „Ballerina“ ein weibliches „John Wick“-Spinoff produzieren. Über die Handlung ist bis jetzt nur bekannt, dass die Ballerina die Mörder ihrer Familie töten will. Die Regie soll „Underworld“-Regisseur Len Wiseman übernehmen. Mehr ist noch nicht bekannt.

Zum DVD- und Blu-ray-Start von „John Wick: Kapitel 3“ wiederholt sich das für Fans von Bonusmaterial inzwischen allzu vertraute Spiel. Während auf der DVD dieses Mal gerade einmal zwei Featurettes sind, gibt es auf der Blu-ray und allen anderen Ausgaben des Actionkrachers umfangreiches und in diesem Fall sogar interessantes Bonusmaterial.

In neun Featurettes, die insgesamt gut achtzig Minuten lang sind, wird auf einige Hintergründe der Welt von John Wick eingegangen. Im Mittelpunkt stehen die Stunts und wie sie so gemacht wurden, dass die Schauspieler sie machen durften. Es gibt auch Behind-the-Scenes-Aufnahmen vom Dreh und den Vorbereitungen. Hier sind vor allem Regisseur Chad Stahelski, Keanu Reeves und Halle Berry auskunftfreudig. Je nach dem Schwerpunkt des Featurettes sind dann auch andere am Film beteiligte Menschen im Bild. Insgesamt ergeben die Featurettes einen Überblick über den Film von der ersten Idee bis zum Schnitt und gleichzeitig von der ersten bis zur letzten Actionsequenz; – was in diesem Fall auch bedeutet: vom ersten bis zum letzten Bild. In einer Welt, in der DVD-Featurettes zunehmend lieblos präsentierte Zweitverwertung des Werbematerials sind, ist das bei einem neuen Film eine erfreuliche Ausnahme.

John Wick: Kapitel 3 (John Wick: Chapter 3 – Parabellum, USA 2019)

Regie: Chad Stahelski

Drehbuch: Derek Kolstad, Shay Hatten, Chris Collins, Marc Abrams (nach einer Geschichte von Derek Kolstad) (basierend auf von Derek Kolstad erfundenen Charakteren)

mit Keanu Reeves, Halle Berry, Ian McShane, Laurence Fishburne, Mark Dacascos, Asia Kate Dillon, Lance Reddick, Tobias Segal, Anjelica Huston, Saïd Taghmaoui, Jerome Flynn, Randall Duk Kim, Margaret Daly, Robin Lord Taylor, Susan Blommaert

Blu-ray

Concorde Home Entertainment

Bild: 1080p High Definition, 2,40:1 (16:9)

Ton: Deutsch (DTS-HD Master Audio 7.1, Dolby Digital 2.0), Englisch (DTS-HD Master Audio 7.1)

Untertitel: Deutsche Untertitel für Hörgeschädigte (ausblendbar)

Bonusmaterial: Featurettes (Parabellum: Das Vermächtnis der Hohen Kammer; Excommunicado; Das Ziel vor Augen; Aufsatteln, Mr. Wick!; Motorräder, Klingen, Brücken und Bits; Das Continental in der Wüste; Dog Fu; Das Haus aus Glas; Aufnahme für Aufnahme) Deutscher Kinoteaser; Deutsche und Original-Kinotrailer

Länge: 132 Minuten

FSK: ab 18 Jahre

Der Film ist außerdem erhältlich als DVD, Limited Blu-ray Edition im Steelbook, 4K UHD und 4K UHD Limited Edition im Steelbook.

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „John Wick: Kapitel 3“

Metacritic über „John Wick: Kapitel 3“

Rotten Tomatoes über „John Wick: Kapitel 3“

Wikipedia über „John Wick: Kapitel 3“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Chad Staheskis „John Wick“ (John Wick, USA 2014)

Meine Besprechung von Chad Stahelskis „John Wick: Kapitel 2“ (John Wick: Chapter 2, USA 2017)

Meine Besprechung von Chad Stahelskis „John Wick: Kapitel 3“ (John Wick: Chapter 3 – Parabellum, USA 2019)


Neu im Kino/Filmkritik: „John Wick: Kapitel 3“ wird aufgeschlagen

Mai 23, 2019

Am Ende von „John Wick: Kapitel 2“ hatte der ehemalige Profikiller John Wick (Keanu Reeves) es sich mit der Hohen Kammer, dem obersten Entscheidungsgremium der streng geheimen, obskuren Regeln folgenden und Killern umfassenden Schutz gebenden Assassinen-Gilde, gründlich verscherzt. Er hatte am falschen Ort ein anderes Mitglied der Profikiller-Gilde getötet. Die Strafe dafür ist ein Ausschluss aus dem Verein. Und als ob das noch nicht genug wäre, setzt die Hohe Kammer ein Kopfgeld von vierzehn Millionen auf ihn aus.

John Wick: Kapitel 3“ beginnt unmittelbar danach. In einem verregneten „Blade Runner“-New York läuft John Wick um sein Leben. In wenigen Minuten, um 18.00 Uhr, ist er excommunicado und damit Freiwild. Ab diesem Moment werden aller Killer und Möchtegernkiller in der Millionenstadt versuchen, ihn zu töten.

Nach dem ersten Kampf, einer epischen, in einer Bibliothek beginnenden Schlacht durch halb Manhattan, geht Wick zum Angriff über. Er will ein Gespräch mit The Elder, einem der wichtigsten und respektiertesten Mitglieder der Hohen Kammer. Er will, dass sein Todesurteil rückgängig gemacht wird.

Sein Reise führt ihn zunächst nach Marokko, wo schon die nächsten Killer auf ihn warten.

Viel mehr Plot benötigen Autor Derek Kolstad und Regisseur Chad Stahelski, von denen auch die ersten beiden „John Wick“-Filme sind, nicht. Der erste Film erzählte noch eine klassische B-Picture-Rachegeschichte, in der John Wicks Rache für seinen toten Hund für einen grotesk-blutigen Gewaltexzess sorgte. In „John Wick: Kapitel 3“ haben sie sich von traditionellen Hollywood-Erzählmustern verabschiedet. Die Geschichte und damit die Logik des Filmplots gehorcht der Dramaturgie von Comicheften, die weitgehend unabhängig voneinander gelesen werden können. Es gibt grandiose Actionszenen, garniert mit kurzen Auftritten bekannter Schauspieler (als überzeugende und erinnerungswürdige Neuzugänge sind Anjelica Huston und Halle Berry dabei), und einem Minimalplot, der der Action immer vor einem Abgleiten in das reine l’art pour l’art abhält. Dabei sind die Charaktere höchst sparsam charakterisiert. Laurence Fishburne heißt nur Bovery King, Anjelica Huston ist The Director (vom der Tarkovsky Ballettschule/Theater), Asia Kate Dillon ist The Adjudicator, Mark Dascados ist Zero, Saïd Taghmaoui ist The Elder, Ian McShane ist immer noch Winston, der Manager des New Yorker Continental Hotel, und Lance Reddick ist immer noch Charon, der überaus diskrete und höfliche Concierge des Continental Hotel.

Allein schon die Namen deuten an, wie viel Spaß die Macher beim Entwerfern ihrer Comicwelt hatten, in der Killer Mitglieder einer quasi-religiösen Gilde sind, deren Regeln befolgen und niemals Ärger mit der Polizei haben. Denn in der Welt von John Wick gibt es keine Polizei.

Und die Action – mit Fäusten, Messern, Schusswaffen, zu Fuß, auf dem Pferd und Motorrad – ist mal wieder grandios mit wenigen Schnitten und viel Stilbewusstsein inszeniert. Sie sind hyper-ästhetisiert, einfallsreich, abwechslungsreich und sie liefern den Fans der ersten beiden „John Wick“-Filme das, was sie und Actionfilmfans lieben: handgemachte Action, die zwar unwahrscheinlich, aber nicht vollkommen unmöglich ist. Sie wurde auch, teils mit der Hilfe von Drähten, durchgehend live vor Kamera ausgeführt.

Neben den Kämpfen in „John Wick: Kapitel 3“ wirkt der Schlusskampf in „Avengers: Endgame“ wie ein schlecht choreographiertes, zu dunkel inszeniertes, mit CGI zugekleistertes laues Lüftchen.

Insgesamt entwickelt „John Wick: Kapitel 3“ konsequent die Stärken der vorherigen beiden „John Wick“-Filme weiter. Stahelski nimmt sich dabei noch mehr Zeit für die Actionszenen. Die stilisierte Neo-Noir-Optik gefällt. Die von Kolstak erfundene Mythologie entwirft eine vergnügliche, aber auch vollkommen abstruse Parallelwelt. Und die Schauspieler sind mit offensichtlichem Vergnügen dabei. Mit 132 Minuten ist „John Wick: Kapitel 3“ der längste Film der Serie.

Vor „John Wick: Kapitel 3“ sagten die Macher zwar, dass sie das „John Wick“-Franchise nicht bis in alle Ewigkeit fortführen würden und deuteten an, dass der dritte „John Wick“-Film auch der letzte sei.

Das Ende von „John Wick: Kapitel 3“ ist allerdings so, dass es unbedingt nach einem vierten „John Wick“-Film verlangt. Inzwischen und nach dem überaus erfolgreichen Kinostart in den USA ist der vierte „John Wick“-Film für den 21. Mai 2021 angekündigt.

John Wick: Kapitel 3 (John Wick: Chapter 3 – Parabellum, USA 2019)

Regie: Chad Stahelski

Drehbuch: Derek Kolstad, Shay Hatten, Chris Collins, Marc Abrams (nach einer Geschichte von Derek Kolstad) (basierend auf von Derek Kolstad erfundenen Charakteren)

mit Keanu Reeves, Halle Berry, Ian McShane, Laurence Fishburne, Mark Dacascos, Asia Kate Dillon, Lance Reddick, Tobias Segal, Anjelica Huston, Saïd Taghmaoui, Jerome Flynn, Randall Duk Kim, Margaret Daly, Robin Lord Taylor, Susan Blommaert

Länge: 132 Minuten

FSK: ab 18 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „John Wick: Kapitel 3“

Metacritic über „John Wick: Kapitel 3“

Rotten Tomatoes über „John Wick: Kapitel 3“

Wikipedia über „John Wick: Kapitel 3“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Chad Staheskis „John Wick“ (John Wick, USA 2014)

Meine Besprechung von Chad Stahelskis „John Wick: Kapitel 2“ (John Wick: Chapter 2, USA 2017)


TV-Tipp für den 24. November: The Drop – Bargeld

November 24, 2017

Pro7, 23.25

The Drop – Bargeld (The Drop, USA 2014)

Regie: Michaël R. Roskam

Drehbuch: Dennis Lehane

LV: Dennis Lehane: Animal Rescue, 2009 (erschienen in Dennis Lehane, Hrsg.: Boston Noir, Kurzgeschichte)

Bob ist etwas langsam und arbeitet als allseits beliebter Barkeeper in der Bar von seinem Vetter Marv, die von der Mafia auch als Ablageort für Bargeld benutzt wird. Als einige Gangster die Bar überfallen und das Geld stehlen, beginnen die Mafia und die Polizei die Diebe zu suchen. Zur gleichen Zeit lernt Bob Nadia kennen.

Langsam erzählter, in Brooklyn spielender Gangsterfilm, der sich mit seiner hochkarätigen Besetzung förmlich in der Atmosphäre suhlt.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit James Gandolfini, Tom Hardy, Noomi Rapace, Matthias Schoenaerts, John Ortiz, Elizabeth Rodriguez, Michael Aronov, Morgan Spector, Michael Esper, Ross Bickell, James Frecheville, Tobias Segal, Patricia Squire, Ann Dowd

Hinweise
Amerikanische Homepage zum Film
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „The Drop“
Moviepilot über „The Drop“
Metacritic über „The Drop“
Rotten Tomatoes über „The Drop“
Wikipedia über „The Drop“ (deutsch, englisch)

Homepage von Dennis Lehane

Meine Besprechung von Dennis Lehanes „Coronado“ (Coronado, 2006)

Meine Besprechung von Dennis Lehanes „Moonlight Mile“ (Moonlight Mile, 2010)

Meine Besprechung von Dennis Lehanes „Shutter Island“ (Shutter Island, 2003)

Meine Besprechung von Dennis Lehanes “In der Nacht” (Live by Night, 2012)

Meine Besprechung von Dennis Lehanes „The Drop“ (The Drop, 2014) (Buch und Film)

Meine Besprechung von Ben Afflecks Dennis-Lehane-Verfilmung „Gone Baby Gone – Kein Kinderspiel“ (Gone Baby Gone, USA 2007)

Meine Besprechung von Ben Afflecks Dennis-Lehane-Verfilmung „Live by Night“ (Live by Night, USA 2016)

Meine Besprechung von Christian De Metter/Dennis Lehanes Comic „Shutter Island“ (Shutter Island, 2008)

Dennis Lehane in der Kriminalakte


Neu im Kino/Buch- und Filmkritik: James Gandolfinis Abschiedsvorstellung in Dennis Lehanes „The Drop – Bargeld“

Dezember 4, 2014

Der Schock war groß, als James Gandolfini am 19. Juni 2013 in Italien an einem Herzinfarkt starb. Er war erst 51 Jahre alt und, nach seinem Durchburch als Mafiosi Tony Soprano in „Die Sopranos“, ein allseits beliebter Schauspieler, der in Spielfilmen oft einprägsame Nebenrollen hatte. Zuletzt war er in „Zero Dark Thirty“ der CIA-Direktor oder in „Killing them softly“ ein Killer mit Burn-Out-Syndrom und Alkoholproblem. In der Liebeskomödie „Genug gesagt“ spielte er, untypisch für ihn, einen Liebhaber und in „The Drop“, seinem letzten Film, den desillusionierten Barbesitzer Marv (oder Cousin Marv, wie ihn allen nennen), dessen Lokal in Brooklyn eine Drop Bar ist. Also eine Bar, in der die Mafia für einen Abend ihr Straßengeld lagert und später abholt. Eines Abends, kurz nach Weihnachten, wird die Bar überfallen und eine Serie von tödlichen Ereignissen beginnt. Denn selbstverständlich will der tschetschenische Gangsterboss Chovka (Michael Aronov) sein Geld haben und „Skrupel“ ist dabei für ihn ein Fremdwort.
Marvs langjähriger und mit ihm verwandter Barkeeper Bob Saginowski (Tom Hardy), ein introvertierter Mann, der bei dem Überfall dabei war und Detective Torres (John Ortiz) sagte, dass einer der Gangster eine kaputte Uhr gehabt hatte, findet auf seinem Heimweg in einer Mülltonne einen Hund, den er, eher widerwillig, bei sich aufnimmt. Er befreundet sich mit Nadia (Noomi Rapace), die sich gut mit Hunden versteht und in deren Mülltonne der kleine Pitbull war.
Kurz darauf will Eric Deeds (Matthias Schoenaerts) seinen Hund wieder haben. Er ist der frühere Besitzer von Rocco, wie Bob das Welpen nannte, und Nadias gewalttätiger Ex-Freund. Bob weigert sich, aber Eric, der damit prahlt, den vor Jahren spurlos verschwundenen Richie ‚Glory Days‘ Whelan ermordet zu haben, wird nicht lockerlassen.
Und dann liegt im Hof von Cousin Marvs ein abgehackter Arm auf. An seinem Handgelenk ist die kaputte Uhr. Bob entsorgt das Körperteil ohne zu Zögern und ohne ein Wort zu sagen. Aber Marv ist nervös.
„The Drop“ ist ein düsterer, ruhig erzählter, in Brooklyn spielender Gangsterfilm, der nicht thrillen, sondern ein alltägliches Porträt eines Viertels und einiger seiner Bewohner entwerfen will. Das gelingt Michaël R. Roskam in seinem US-Debüt, nach seinem Spielfilmdebüt „Bullhead“ (Rundskop, 2011), auch vorzüglich. Dank der minimalistisch spielenden Schauspieler und der knappen Dialoge von Dennis Lehane („Mystic River“), der hier eine auf den ersten Blick einfache Geschichte erzählt, die dann doch ziemlich komplex und verdammt gut konstruiert ist.
Die Filmgeschichte basiert auf seiner Kurzgeschichte „Animal Rescue“, die Lehane zuerst zu einem Drehbuch ausbaute und dann als Roman wiedererzählte, wobei der Roman und der Film in einem interessanten Spannungsverhältnis stehen. Denn Lehane veränderte einige Details (so spielt der Roman nicht in Brooklyn, sondern in Boston) und plötzlich erscheint in der kleinen Gangstergeschichte vieles in einem anderen Licht, weshalb sich ein Vergleich von Buch und Film lohnt.

The Drop - Plakat

The Drop – Bargeld (The Drop, USA 2014)
Regie: Michaël R. Roskam
Drehbuch: Dennis Lehane
LV: Dennis Lehane: Animal Rescue, 2009 (erschienen in Dennis Lehane, Hrsg.: Boston Noir, Kurzgeschichte)
mit James Gandolfini, Tom Hardy, Noomi Rapace, Matthias Schoenaerts, John Ortiz, Elizabeth Rodriguez, Michael Aronov, Morgan Spector, Michael Esper, Ross Bickell, James Frecheville, Tobias Segal, Patricia Squire, Ann Dowd
Länge: 107 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

Der Roman zum Film

Lehane - The Drop - Bargeld - 4

Dennis Lehane: The Drop – Bargeld
(übersetzt von Steffen Jacobs)
Diogenes, 2014
224 Seiten
19,90 Euro

Originalausgabe
The Drop
William Morrow, New York, 2014

Hinweise
Amerikanische Homepage zum Film
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „The Drop“
Moviepilot über „The Drop“
Metacritic über „The Drop“
Rotten Tomatoes über „The Drop“
Wikipedia über „The Drop“ (deutsch, englisch)

Homepage von Dennis Lehane

Meine Besprechung von Dennis Lehanes „Coronado“ (Coronado, 2006)

Meine Besprechung von Dennis Lehanes „Moonlight Mile“ (Moonlight Mile, 2010)

Meine Besprechung von Dennis Lehanes „In der Nacht“ (Live by Night, 2012)

Meine Besprechung der Dennis-Lehane-Verfilmung „Gone Baby Gone – Kein Kinderspiel“ (Gone Baby Gone, USA 2007)

Meine Besprechung von Christian De Metters Comicversion von Dennis Lehanes “Shutter Island” (Shutter Island, 2008 [Comic])

Dennis Lehane in der Kriminalakte

Die Pressekonferenz zum Film beim diesjährigen Toronto International Film Festival (TIFF) mit Michaël R. Roskam, Dennis Lehane, Tom Hardy, Noomi Rapace und Matthias Schoenarts


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