Neu im Kino/Filmkritik: „Irre sind männlich“ und Frauen sind bekloppt

April 24, 2014

Beginnen wir mit dem Positiven. Das Apartment von Daniel sieht wirklich wie eine Wohnung aus, in der jemand lebt.
Aber der Rest ist mit „eine deutsche Komödie“ nur unzureichend beschrieben. Denn „Irre sind männlich“ ist ein unwitziger Kladderadatsch, der sich auch irgendwie an Wochenendpsychotherapien abarbeiten will, aber nur sattsam bekannte Klischees ohne weiteren Erkenntniswert reproduziert, als hätte es nie Edward Nortons Gang durch die Selbsthilfegruppen in David Finchers grandioser Chuck-Palahniuk-Verfilmung „Fight Club“ gegeben.
Aber Regisseur Anno Saul („Kebab Connection“, „Wo ist Fred?“) und die Drehbuchautoren Philip Voges und Ilja Haller wollten mit „Irre sind männlich“ keine bitterböse Satire, sondern eine deutsche RomCom abliefern.
Denn eigentlich ist Daniel Lukas (Fahri Yardim) ein Traummann, wenn er nicht so furchtbar anhänglich wäre. Deshalb verlässt ihn seine Freundin Mia (Josefine Preuß). Sein Freund Thomas Vierzig (Milan Peschel), gleichzeitig Geschäftspartner in ihrer Computerspielefirma, überredet ihn, mit ihm während verschiedener Wochenendtherapien möglichst viele Frauen flach zu legen. Dafür melden sie sich mit falschen Namen und erfundenen Lebensläufen bei den Therapien an.
Bei einem Therapiewochenende trifft Thomas wieder auf Sylvie (Marie Bäumer), die er bei einem früheren Therapiewochenende versetzte, weil die gleichaltrige Wuchtbrumme nach seiner Berechnung viel zu alt für ihn ist. Sie, die die Wochenenden ebenfalls für folgenlose Bettgeschichten benutzt, will sich jetzt an Thomas rächen und erpresst ihn zum Geschlechtsverkehr.
Gleichzeitig trifft Daniel wieder auf Bernadette (Peri Baumeister), eine bekannte Schauspielerin – und die beiden Kontrollfreaks verlieben sich ineinander.
Uups, habe ich jetzt etwas verraten?
Die interessantere Liebesgeschichte in dem Film ist die zwischen Thomas und Sylvie, zwei vergnügungssüchtigen Menschen, die Bindungen wie der Teufel das Weihwasser fürchten.
Aber im Rahmen einer erfolgreichen Konfliktvermeidungsstrategie wird sich auf das langweilige Paar konzentriert, es gibt einige Witzeleien über die Psychotherapie und etwas RomCom-Sauce, wobei die Konflikte, die von Anno Saul, Philip Voges und Ilja Haller aufgebaut werden, noch nicht einmal als Scheinkonflikte taugen.
„Irre sind männlich“ ist ein deprimierender, in einem Paralleluniversum spielender Film, in dem schon andere furchtbare deutsche Filme entstanden, die heute niemand gesehen haben will.

Irre sind männlich - Plakat

Irre sind männlich (Deutschland 2014)
Regie: Anno Saul
Drehbuch: Philip Voges, Ilja Haller
mit Fahri Yardim, Milan Peschel, Marie Bäumer, Peri Baumeister, Josefine Preuß, Tom Beck, Carolin Kebekus, Herbert Knaup, Gitta Schweighöfer
Länge: 93 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

Hinweise
Homepage zum Film
Film-Zeit über „Irre sind männlich“
Moviepilot über „Irre sind männlich“

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Neu im Kino/Filmkritik: „Vaterfreuden“ für Matthias Schweighöfer

Februar 6, 2014

Ich erwartete wirklich kein Meisterwerk, keine hohe Filmkunst, aber „Vaterfreuden“, der neue Film des so sympathisch verpeilt in die Kamera guckenden Schwiegermutterlieblings Matthias Schweighöfer ist dann doch ungefähr so unterhaltsam wie ein Zugunglück; – was vielleicht die Zuschauerzahlen erklärt.

Denn die Macher erwischen zielsicher in fast jeder Szene den falschen Ton und es gelingt ihnen nie, den gar nicht so komplexen Stoff, immerhin will „Vaterfreuden“ nie mehr als eine RomCom sein, in eine sinnvolle Reihenfolge zu bringen.

Dabei werden die größten Fehler in den ersten Minuten gemacht und der gesamte restliche Film leidet dann an diesen grundlegenden Story-Problemen. Dabei gab es, laut Abspann, fünf Drehbuchautoren, eine Drehbuch-Mitarbeit, einem Script Consultant und eine dramaturgischen Beratung.

Vaterfreuden“ beginnt nämlich mit einer dieser heißen Sexszenen, in denen sie jugendfrei-züchtig ihren BH anbehält (Oder wird das neuerdings so gemacht?). Während des Geschlechtsverkehrs sagt sie ihm, dass sie ihren Eisprung habe und jetzt ein Kind will. Felix (Matthias Schweighöfer) kriegt eine Panikattacke und versucht sie möglichst schnell aus dem Bett zu werfen. Es gelingt ihm und sie faselt nachher, seltsamerweise überhaupt nicht wütend, etwas von Rodeo-Sex. Später erfahren wir, dass seine Freundin verheiratet ist. Jetzt erscheint ihr Kinderwunsch in einem anderen und die Panikattacke von Felix in einem arg irrationalem Licht.

Jedenfalls wissen wir nach der ersten Szene: Felix will keine Kinder haben.

Danach geht es etwas rein ins schöne Junggesellenleben und der immer wieder – glaubhaft – betonten Freude, kein Vater zu sein und keinen Beziehungsstress zu haben.

Felix wird von seinem blöden, älteren Bruder Henne (Friedrich Mücke) besucht, der auch gleich sein Haustier, ein Frettchen, mitbringt und Felix von einem seiner Jobs erzählt: Samenspender. Felix, chronisch pleite, aber in einer dieser loftartigen Dachwohnungen, hier in der Ausführung mit viel Holz, die in München wohl für ein Taschengeld zu bekommen sind, lebend, spendet ebenfalls seinen Samen. Der Klinikleiter ist begeistert von der hohen Qualität von Felix‘ Samen.

Unsere Lehre nach dieser Szene: Felix hat einen exorbitant guten Samen und, nach anfänglichem Zögern, gefällt ihm diese Arbeit. Denn Samenspenden ist viel Geld für wenig Arbeit und garantiert ohne Verantwortung.

Kurz darauf startet seine Freundin einen zweiten Rodeo-Reiten-Versuch. Sie fesselt Felix, träufelt eine Flasche Honig auf seinen Bauch und geht auf den Balkon, um mit ihrem Freund zu telefonieren. Anschließend verschwindet sie aus der Geschichte.

Während des Telefonats beißt sich das Frettchen in Felix‘ honigverschmiertem Geschlechtsteil fest – und er ist danach impotent.

Eigentlich müsste Felix sich jetzt freuen. Ihm ist zwar eben eine Verdienstmöglichkeit abhanden gekommen (die er eh etwas suspekt beurteilte), aber ab jetzt kann er jederzeit Sex haben und muss sich nicht mehr um die Folgen kümmern.

Aber weil das Drehbuch es so will, will er jetzt unbedingt Vater werden und weil sein gespendeter Samen bereits im Körper der „Sky“-Moderatorin Maren (Isabell Polak) ist, versucht er ihr Herz zu gewinnen. Die ist schon in festen Händen und hält Felix für einen vollkommen unmöglichen Trottel.

Ab jetzt folgt der Film den ausgetretenen RomCom-Pfaden, in denen die Szenen mit den Kindern ganz nett sind und das Product-Placement ungeahnte und oft peinliche Höhen erreicht. Besonders unangenehm wird es, wenn zweimal schamlos im Stil eines Werbeclips für eine Fast-Food-Kette geworben wird. Das ist Werbung als Teil des Films und nicht als Unterbrechung des Films.

Ach, ja: später, viel später, erfahren wir, dass Felix vor zehn Jahren eine schwangere Freundin hatte, die bei einem Autounfall starb. Seitdem fährt er Fahrrad und trauert ihr immer noch nach. Dieses traumatische Erlebnis könnte wirklich als Erklärung für seine Bindungsscheu und seine Panik, als er von seiner Impotenz erfährt, erklären. Aber wenn die Macher dieses Erlebnis wirklich als Erklärung für sein jetziges Leben hätte nehmen wollen, dann hätten die vielen Drehbuchautoren und dramaturgischen Berater die im Abspann genannt werden, das doch sicher am Anfang des Films gesagt.

Eine Komödie hätte es danach immer noch werden können. Wobei „Vaterfreuden“ eine ziemlich witzarme Komödie voller Klischees ist. So sind alle Frauen, die nicht gerade Playmate-taugliche Maße haben, dumm. Bei dem Entsetzen über dieses unstimmige Werk mit Fünfziger-Jahre-Moral und biederem Humor (garniert mit einigen Schimpfworten) blieb mir das Lachen im Hals stecken.

Dabei gehöre ich wirklich nicht zu den Menschen, die einen Film schon allein wegen des Hauptdarstellers ablehnen.

Vaterfreuden - Plakat

Vaterfreuden (Deutschland 2013)

Regie: Matthias Schweighöfer, Torsten Künstler (Co-Regie)

Drehbuch: Sebastian Wehlings, Christian Lyra, Andrea Willson, Murmel Clausen, Matthias Schweighöfer, Simon Verhoeven (Script Consultant), Sarah Altmann (Drehbuch-Mitarbeit)

LV: Murmel Clausen: Frettsack, 2012 (wegen der Verfilmung jetzt „Vaterfreuden“)

mit Matthias Schweighöfer, Isabell Polak, Friedrich Mücke, Tom Beck, Katharina Schüttler, Luise Bähr, Alexander Khuon, Moritz Grove, Margarita Broich, Detlev Buck, Michael Gwisdek

Länge: 110 Minuten

FSK: ab 6 Jahre (erstaunlich)

Hinweise

Homepage zum Film

Film-Zeit über „Vaterfreuden“

Moviepilot über „Vaterfreuden“

Wikipedia über „Vaterfreuden“

Homepage von Murmel Clausen


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