TV-Tipp für den 11. November: Glücklich wie Lazzaro

November 10, 2020

Arte, 22.00

Glücklich wie Lazzaro (Lazzaro felice, Italien/Deutschland/Frankreich/Schweiz 2018)

Regie: Alice Rohrwacher

Drehbuch: Alice Rohrwacher

In einem abgelegenem Bergdorf leben die Menschen noch wie vor hundert Jahren. Als der naive Arbeiter Lazzaro sich mit dem Sohn der sie wie Sklaven haltenden Marquesa anfreundet und von ihm zu einer Schein-Entführung angestiftet wird, bricht die Gegenwart in ihre Welt ein.

TV-Premiere. Trotz einer schwachen zweiten Hälfte sehenswertes poetisches Drama, das in Cannes den Drehbuchpreis erhielt.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Adriano Tardiolo, Agnese Graziani, Alba Rohrwacher, Luca Chikovani, Tommaso Ragno, Sergi Lopez, David Bennet, Nicoletta Braschi

Hinweise

Arte über den Film (in der Mediathek bis zu 17. November 2020)

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Glücklich wie Lazzaro“

Metacritic über „Glücklich wie Lazzaro“

Rotten Tomatoes über „Glücklich wie Lazzaro“

Wikipedia über „Glücklich wie Lazzaro“ (deutsch, englisch, italienisch)

Meine Besprechung von Alice Rohrwachers „Glücklich wie Lazzaro“ (Lazzaro felice, Italien/Deutschland/Frankreich/Schweiz 2018)


Neu im Kino/Filmkritik: Der Cannes-Drehbuchgewinner „Glücklich wie Lazzaro“

September 17, 2018

Es ist ein schweres Leben, das die Landarbeiter auf dem Landgut der Marquesa Alfonsina de Luna irgendwo in Italien haben. Es ist auch ein einfaches Leben, das mehr an das 19. als an das 21. Jahrhundert erinnert. Auf den ersten Blick, auch weil der Gesandte der Marquesa mit einem Moped in das abgeschiedene Dorf einfährt und Transporte mit einem alten Laster erledigt werden, dürfte es sich um die fünfziger Jahr handeln. Also eine Zeit, als die alten Herrschaftsverhältnisse noch existierten und Männer den armen Süden verließen, um im Norden zu arbeiten. Wobei es dort auch nicht unbedingt besser war. Cineasten fallen jetzt etliche neorealistische Meisterwerke ein und in dieser Tradition steht Alice Rohrwachers neuer, in Cannes mit dem Preis für das beste Drehbuch ausgezeichneter,handlungsarmer, poetischer Film „Glücklich wie Lazzaro“. Der titelgebende Lazzaro ist ein junger, schüchterner Mann, der am Ende immer die Drecksarbeit machen muss. Er beklagt sich allerdings nie darüber. Und, selbstverständlich, ist sein Name nicht zufällig ausgewählt.

Langsam schleichen sich Irritationen in das immer wieder poetisch überhöht gezeichnete Bild des Landlebens. Tancredi, der Sohn der Marquesa, der gegen seinen Willen den Sommer auf dem Landgut verbringen muss, hat eine Frisur und ein T-Shirt, das nach den achtziger Jahren aussieht und es gibt Telefone, die noch moderner sind. Und je näher der Film so an die Gegenwart rückt, desto unglaubwürdiger wird das Bild der abgeschieden auf dem Land in einer selbstverschuldeten Unmündigkeit lebenden Gemeinschaft, die noch so lebt, wie vor hundert Jahren. Jedenfalls wenn man „Glücklich wie Lazzaro“ als neorealistischen Film und nicht als Märchen, als eine italienische Version des magischen Realismus, betrachtet.

Tancredi befreundet sich mit Lazzaro. Gleichzeitig nutzt er ihn aus, indem er ihn anstiftet, mit ihm seine Entführung vorzutäuschen. Tancredi will so eigentlich nur seine Mutter ärgern. Aber die Situation eskaliert so sehr, dass nach einem Anruf die Polizei auftaucht und die Herrschaft der Marquesa beendet. Denn sie hielt ihren Arbeiter unmündig wie Sklaven und enthielt ihnen Rechte vor, die sie schon lange hatten.

In dem Moment beginnt die zweite, deutlich schwächere Hälfte des Films. Während in der ersten Hälfte alles zusammen passte, erscheint hier vieles nur noch skizziert und viel zu oft widersprüchlich.

Jahre nachdem sie aus der Knechtschaft der Marquesa befreit wurden, leben die Landarbeiter in tiefster Armut in einer anonymen Großstadt. Eines Tages taucht Lazzaro wieder auf. Nach dem Sturz von einer Klippe müsste er eigentlich tot sein. Aber er überlebte den Sturz und, während die anderen Landbewohner älter wurden, sieht er noch so aus wie damals.

Während die erste Hälfte des Films tief im Neorealismus und dem Magischen Realismus steckt und ein sehr stimmungsvolles Bild des Landlebens und ein klares Bild feudaler Strukturen und Machtverhältnisse zeichnet, spielt die zweite Hälfte in der Welt von Aki Kaurismäki. Nur funktionieren hier die in der ersten Hälfte gesetzten Parameter nicht mehr. Auch das naive Verhalten von Lazzaro nervt zunehmend. Jedenfalls wenn man auf seiner Seite stehen soll. War er im ersten Teil noch der glückliche Naivling, ist er jetzt eine Art fehlgeleiteter Wiedergänger von Jesus. Seine Taten werden zunehmend unverständlicher und auch irrationaler. Außer man geht davon aus, dass dieser Lazarus den Herrschenden helfen will und er, wie ein Roboter, über keinen Hauch von Intelligenz verfügt. Nur: Soll das, in einer „Geschichte, die von der Möglichkeit des Gutseins erzählt“ (Rohrwacher), die Mission eines Heiligen sein?

Diese missglückte zweite Hälfte verdirbt sehr viel von dem guten Eindruck der ersten Hälfte des Films.

Glücklich wie Lazzaro (Lazzaro felice, Italien/Deutschland/Frankreich/Schweiz 2018)

Regie: Alice Rohrwacher

Drehbuch: Alice Rohrwacher

mit Adriano Tardiolo, Agnese Graziani, Alba Rohrwacher, Luca Chikovani, Tommaso Ragno, Sergi Lopez, David Bennet, Nicoletta Braschi

Länge: 128 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Glücklich wie Lazzaro“

Metacritic über „Glücklich wie Lazzaro“

Rotten Tomatoes über „Glücklich wie Lazzaro“

Wikipedia über „Glücklich wie Lazzaro“ (deutsch, englisch, italienisch)


Neu im Kino/Filmkritik: Der italienische Mafiathriller „Das Land der Heiligen – La terra dei santi“

Juni 23, 2017

Vittoria ist die neue Staatsanwältin in Kalabrien. Die süditalienische Region wird seit Ewigkeiten von der ‚Ndrangheta, der dortigen Version der Mafia beherrscht. Alle halten zusammen und schweigen gegenüber der Polizei. Die Kinder der Verbrecher werden früh zu einem Leben als Verbrecher erzogen; falls sie nicht in jungen Jahren ermordet werden. Oft von anderen Verbrechern. Die Frauen werden zwangsverheiratet und sie halten zu ihren Männern. Bis der Tod sie scheidet. Es ist ein gut abgeschottetes verbrecherisches System, das gegen Angriffe von außen gut geschützt ist.

Vittoria will die ‚Ndrangheta bekämpfen und sie hat eine Idee, wie sie an die teilweise untergetauchten Bosse herankommen kann. Sie will die Ehefrauen der Verbrecher zu Aussagen bewegen.

Weil dies nicht mit moralischen Appellen funktioniert, nimmt sie ihnen die minderjährigen Söhne weg und stellt sie unter staatliche Aufsicht. So zeigt sie, was in „Das Land der Heiligen“ nicht weiter vertieft wird, den Kindern der Verbrecher erstmals, dass es ein Leben außerhalb des Clans gibt. Ihr Ziel sind allerdings deren Mütter, die ihre Kinder über alles lieben und die ihre Kinder wieder sehen können, wenn sie gegen ihre Männer aussagen. Sie hofft, mit dieser Erpressung das Schweigekartell zu brechen. Besonders zwei Frauen stehen im Zentrum ihres Interesses: Caterina, die Frau des untergetauchten ‚Ndrangheta-Bosses Alfredo, und ihre jüngere, 35-jährige Schwester Assunta, die zwei Kinder hat, kürzlich Witwe wurde und schon wieder mit einem Verbrecher, den sie abgrundtief hasst, zwangsverheiratet wurde.

Trotzdem sind, als Vittoria ihnen ihre Söhne per Gerichtsbeschluss wegnimmt, die Mütter erbost und die ‚Ndrangheta überlegt, was sie gegen die junge Staatsanwältin tun können.

Indem Regisseur Fernando Muraca in seinem Spielfilmdebüt „Das Land der Heiligen“ die Mütter und ihre Beziehung zu ihren Söhnen in den Mittelpunkt rückt, verschafft er seinem Mafiathriller eine neue Perspektive. Gleichzeitig zeigt er, in welchem totalitären System die Ehefrauen der Mafiosi leben. Sie erziehen ihre Söhne zu Verbrechern, anstatt ihnen einen Weg zu einem anderen Leben aufzuzeigen. Um ihre Familie und den Clan zu schützen, lassen sie lieber ihre Kinder sterben, als sie vor dem Tod zu beschützen.

Dieser Einblick in das Leben der ‚Ndrangheta-Frauen und das soziale Gefüge der Verbrecher gelingt Muraca gut. Allerdings bleibt er über weite Strecken des Films bei einer analytischen Situationsbeschreibung. Das und weil die Geschichte ohne große Wendungen oder Überraschungen auf ihr offensichtliches Ende zusteuert, wirkt „Das Land der Heiligen“ trotzt seiner kurzen Laufzeit arg zäh.

Insofern ist „Das Land der Heiligen“ durchaus interessant, aber eher für einen TV-Abend geeignet.

Das Land der Heiligen – La terra dei santi (La terra dei santi, Italien 2015)

Regie: Fernando Muraca

Drehbuch: Fernando Muraca, Monica Zapelli

mit Valeria Solarino, Lorenza Indovina, Antonia Daniela Marra, Ninni Bruschetta, Francesco Colella, Marco Aiello, Tommaso Ragno, Piero Calabrese

Länge: 81 Minuten

FSK: ?

Hinweise

Deutsche Verleihseite zum Film

Italienische Homepage zum Film

Moviepilot über „Das Land der Heiligen“

Wikipedia über „Das Land der Heiligen“ (englisch, italienisch)


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