Neu im Kino/Filmkritik: „Lloronas Fluch“ verbreitet vertrauten Geisterhorror

April 19, 2019

Los Angeles, 1973: Die Sozialarbeiterin Anna Tate Garcia (Linda Cardellini) befreit zwei Kinder aus einem Kleiderschrank. Offensichtlich wurden sie von ihrer Mutter dort eingesperrt. Sie behauptet, ihre verängstigten Kinder so vor irgendeinem gefährlichen Geist zu beschützen.

Wenige Stunden später sind die Kinder tot. Ertrunken in einem der die Millionenstadt durchziehenden Wasserkanäle. Und wir wissen, dass „Lloronas Fluch“ jetzt ein Problem für Tate Garcia ist.

Llorona, oder La Llorona, ist eine in der lateinamerikanischen Folklore bekannte Schreckensfigur. Sie ist eine Frau, die um ihre Kinder weint, die sie in einem Bach ertränkte. Wie bei allen Legenden wird die Geschichte in verschiedenen Variationen erzählt und die Ursprünge sind unklar. In dem Horrorfilm wird die Geschichte so erzählt, dass La Llorona (Die Weinende) eine im siebzehnten Jahrhundert in Mexiko lebende wunderschöne Mexikanerin ist, die, nachdem sie von der Untreue ihres Mannes erfuhr, ihre gemeinsamen Kinder in einem Bach ertränkte. Seit ihrem Tod streift ihr furchterregend aussehender Geist umher. Sie sucht nach Erlösung, beklagt lautstark kreischend den Verlust ihrer Kinder und tötet weitere Kinder. Sie ist ein sehr mächtiger und böser Geist, der jetzt die beiden Kinder von Tate Garcia töten will.

Tate Garcia ist eine alleinerziehende Mutter. Ihr Mann, ein Polizist, starb im Dienst. Für die Filmgeschichte ist das egal. Es erklärt nur, warum Tate Garcia alleinerziehend ist und arbeitet.

Weil La Llorona ihr tödliches Werk innerhalb weniger Tage vollbringt, kann Tate Garcia sich nicht an die katholische Kirche wenden und einen regelkonformen Exorzismus durchführen lassen. Die Mühlen der kirchlichen Verwaltung mahlen dafür zu langsam. Aber Rafael Olvera (Raymond Cruz), ein ehemaliger Priester, der jetzt außerhalb der strengen Regeln der Kirche gegen böse Geister kämpft, ist vor Ort.

Das liest sich jetzt sicher wie Geisterhorror nach bekanntestem Muster, garniert mit einer höchst unplausiblen Mythologie. Und so ist es auch. „Lloronas Fluch“ bietet nichts, was der Horrorfilmfan nicht schon tausendmal gesehen hat. Michael Chaves hangelt sich in seinem mit viel Retro-Feeling inszeniertem Spielfilmdebüt an der bekannten Geschichte entlang. Da überrascht nichts. Thematisch vertieft wird auch nichts. Die Geschichte soll nur die vertrauten Spannungsmomente und Jump Scares auf dem kürzesten Weg miteinander verbinden. Dazwischen gibt es einige schöne Bildkompositionen aus einem dauerverregnetem Los Angeles.

Letztendlich ist „Lloronas Fluch“ nur ein weiterer professionell inszenierter Horrorfilm, der auf der technischen Ebene überzeugt, auf der inhaltlichen Ebene vertraute Storyelemente mechanisch aneinanderreiht, niemals erschreckt, aber einige Male gekonnt an der Suspense-Schraube dreht.

Lloronas Fluch“ ist lose mit dem von James Wan gestarteten, enorm erfolgreichen und expandierendem „Conjuring“-Universum verbunden. Die einzige Verbindung zum „Conjuring“-Universum ist ein Bild der Puppe Annabelle, das in eine Erzählung von Father Perez (Tony Amendola) eingeblendet wird. Dieses Bild von Annabelle verrät uns, dass Amendola, der nur einen Kurzauftritt hat, hier wieder eine aus einem anderen Film bekannte Rolle spielt. Denn nur weil ein Schauspieler in einem anderen Film ebenfalls einen Geistlichen spielte, bedeutet das nicht, dass beide Filme miteinander verbunden sind.

Lloronas Fluch (The Curse of La Llorona, USA 2019)

Regie: Michael Chaves

Drehbuch: Mikki Daughtry, Tobias Iaconis

mit Linda Cardellim, Raymond Cruz, Patricia Velasquez, Marisol Ramirez, Sean Patrick Thomas, Jaynee-Lynne Kinchen, Roman Christou, Tony Amendola

Länge: 94 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Englische Facebook-Seite zum Film

Moviepilot über „Lloronas Fluch“

Metacritic über „Lloronas Fluch“

Rotten Tomatoes über „Lloronas Fluch“

Wikipedia über „Lloronas Fluch“ (deutsch, englisch)

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Neu im Kino/Filmkritik: „Annabelle“ ist keine nette Puppe

Oktober 10, 2014

In „The Conjuring – Die Heimsuchung“ war Annabelle eine Puppe, die in einem Glasschrank eingesperrt war. Sie war das eindrucksvollste Objekt im Keller der Geisterjäger Ed und Lorraine Warren.
In „Annabelle“ erfahren wir jetzt etwas mehr über die Puppe, die auch ohne Dämonenhokuspokus ziemlich gruselig aussieht. Trotzdem freut sich in den späten Sechzigern, als Charles Manson und seine Familien in der Nachbarschaft wüteten, die hochschwangere Mia Form, als ihr Mann John ihr die Puppe schenkt. Denn die Annabelle-Puppe fehlte noch in ihrer Puppensammlung.
Kurz darauf ermorden Satanisten mitten in der Nacht ihre netten Nachbarn. Anschließend dringen sie in das Haus der Forms ein. Die Polizei erschießt die Täter in ihrer Wohnung. Mia fühlt sich, auch weil es einige rätselhafte Ereignisse gibt, Unwohl in ihrer Vorstadt-Wohnung. Sie glaubt, dass Annabelle etwas damit zu tun hat. Ihr Mann wirft sie weg.
Kurz darauf ziehen sie, als umfassender Neustart, in eine riesige Mietwohnung in einem Hochhaus um. Annabelle ist in einem der Umzugkartons und Mia setzt die Puppe, jetzt hocherfreut, dass sie doch mitgekommen ist, in das Regal zu ihren anderen Puppen, die alle im Kinderzimmer stehen.
Aber auch in ihrer neuen Wohnung in Pasadena geschehen, immer wenn ihr Mann als Arzt in der Klinik arbeitet, unheimliche Dinge. Gegenstände bewegen sich. Elektrogeräte springen von alleine an. Manchmal, so erfährt sie von einer Buchhändlerin und einem Pater, sind nicht Häuser, sondern Gegenstände von Dämonen besessen und der in Annabelle lebende Dämon ist ein sehr böser Dämon, der es auf Frau und Kind abgesehen hat.
Wie schon „The Conjuring“ und die beiden „Insidious“-Filme, die alle von James Wan inszeniert wurden, ist der von ihm produzierte „Annabelle“ ein altmodischer Geisterhorrorfilm. Und während „The Conjuring“ in den Siebzigern spielte, geht es dieses Mal, optisch überzeugend, zurück in die Sechziger an die Westküste in eine WASP-Familie, weshalb auch die innige Freundschaft von Mia zur afroamerikanischen Buchhändlerin unstimmig erscheint.
Weil „Annabelle“ in jeder Beziehung an die damaligen Horrorfilme anknüpft, ist der Film sehr unblutig und es dauert, abgesehen von den Satanistenmorden, schon eine Weile, bis etwas Schreckliches passiert, wobei die Tonspur für die größten Schreckmomente sorgt. Wenn plötzlich Türen von alleine auf und zu gehen, Elektrogeräte ein Eigenleben entwickeln oder auch Geister durch die Wohnung schleichen, toben die Soundleute sich schamlos und überlaut aus.
Die Story ist spätestens seit „Rosemary’s Baby“ (mit Mia Farrow), bis auf einige, wenige Überraschungen altbekannt. Eigentlich gibt es nur zwei Überraschungen: dass bereits nach wenigen Minuten die Nachbarn ermordet werden und dass es am Ende keinen pompösen Exorzismus gibt.
Oh, und wie schlimm eine eigentlich harmlose Nähmaschine sein kann. Jedenfalls wenn man jede Sekunde erwartet, dass Mia sich in den Finger sticht.
„Annabelle“ ist ein vernachlässigbarer Horrorfilm über eine sich nie bewegende, trotzdem Angst und Schrecken verbreitende Puppe, der niemals auch nur halbwegs die Qualität von dem grandiosen „The Conjuring“ erreicht.
Und weil Annabelle am Ende des Films noch nicht bei der Familie Warren gelandet ist, kann es noch viele weitere Filme mit ihr geben, die sich wahrscheinlich im plumpen Wiederkäuen der bekannten Geschichte – Puppe kommt in Familie, schlimme Dinge geschehen, Mensch(en) sterben, Puppe verschwindet – erschöpfen.

Annabelle - Plakat

Annabelle (Annabelle, USA 2014)
Regie: John R. Leonetti
Drehbuch: Gary Dauberman
mit Annabelle Wallis, Ward Horton, Tony Amendola, Alfre Woodard, Kerry O’Malley, Brian Howe, Eric Ladin
Länge: 99 Minuten
FSK: ab 16 Jahre

Hinweise
Amerikanische Homepage zum Film
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „Annabelle“
Moviepilot über „Annabelle“
Metacritic über „Annabelle“
Rotten Tomatoes über „Annabelle“
Wikipedia über „Annabelle“
History vs. Hollywood untersucht den Fall „Annabelle“


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