Neu im Kino/Filmkritik: The Sound of „Waves“

Juli 20, 2020

Ich stelle mir vor, dass Trey Edward Shults sein Material in einer frühen Fassung Trent Reznor und Atticus Ross mit dem Kommentar „macht was draus“ gegeben hat. Die beiden Musiker schufen eine Bild- und Toncollage die an Reznors Arbeit für „Natural Born Killers“ anknüpft.

Die intensive Zusammenarbeit zwischen „Nine Inch Nails“ Trent Reznor und Atticus Ross begann erst später. Ihre bekanntesten Filmarbeiten sind für die David-Fincher-Filme „The Social Network“ (Oscar-prämiert), „The Girl with the Dragon Tattoo“ und „Gone Girl“.

In Wirklichkeit hat Shults Reznor und Ross natürlich nicht einen Haufen belichtetes Zelluloid gegeben und dann den Sonnenuntergang genossen. Die Songs werden schon in seinem Drehbuch genannt. Die Struktur des Films stand schon fest. Nur die Länge noch nicht. Reznor und Ross begannen ihre Arbeit ausgehend von einzelnen Szenen und später einem vierstündigem Rohschnitt und der Aufgabe, eine Score zu entwerfen, der beide Filmhälften miteinander verbindet.

Denn „Waves“ zerfällt in zwei weitgehend unverbundene Teile, die auch einen anderen Ton anschlagen. Es ist, als habe man zwei Filme zu einem Double-Feature zusammengeklebt. Der erste Film ist ein fiebriges Drama, eine Kriminalgeschichte über einen drogensüchtigen und straffälligen Jugendlichen. Der zweite Film ist ein zuckriger Liebesfilm über das berühmte erste Mal. Zufällig wurden beide Filme mit den gleichen Schauspielern im gleichen Haus gedreht. Es ist das durchaus noble Anwesen der in Südflorida lebenden afroamerikanischen Familie Williams. Sie gehört zum oberen Mittelstand und hat keine drängenden finanziellen Probleme. Das Familienoberhaupt ist ein Unternehmer, der ein gutes Verhältnis zu seinen Kindern hat, sie aber auch fordert. Die Kinder, der siebzehnjährige Tyler und seine jüngere Schwester Emily, gehen in die gleiche Schule.

Im ersten Teil steht Tyler im Mittelpunkt. Er ist Ringer, Star der Schulmannschaft, nimmt nach einem Sportunfall Schmerzmittel gegen die Schmerzen, hat eine Freundin und ist cholerisch und eifersüchtig.

Im zweiten Teil steht seine Schwester Emily im Mittelpunkt. Und während sie in der ersten Stunde keine Rolle spielte, spielt er in der zweiten Stunde keine Rolle. Sie verliebt sich in Luke, der mit ihrem Bruder im Ringerteam war.

Mehr muss man nicht über die Filmgeschichte wissen. Sie bleibt rudimentär und Shults verweigert die üblichen Ursache-Wirkung-Erklärungen. Tylers Schmerzmittelkonsum wird zwar einmal gezeigt, aber ein Statement zur Opioid-Krise entwickelt sich daraus nicht. Es geht auch nicht um die Wirkung von Drogen. Eine wichtige Gerichtsverhandlung wird einfach ausgelassen. Irgendwann wird uns mitgeteilt, wie das Verfahren für Tyler ausging.

Aber in dem Moment ist schon lange offensichtlich, dass Shults kein konventionelles Drama über eine afroamerikanische, vom Leid geprüfte Familie drehen wollte.

Er wollte einen Trip drehen, der durch Ton und Bild zusammengehalten wird. Und wer „Waves“ als musikalischen Trip genießt, wird begeistert sein.

Waves (Waves, USA 2019)

Regie: Trey Edward Shults

Drehbuch: Trey Edward Shults

mit Sterling K. Brown, Taylor Russel, Kelvin HarrisonJr., Alexa Demie, Lucas Hedges

Länge: 137 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Facebook-Seite zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Waves“

Metacritic über „Waves“

Rotten Tomatoes über „Waves“

Wikipedia über „Waves“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Trey Edward Shults‘ „It comes at Night“ (It comes at Night, USA 2017)


Neu im Kino/Filmkritik: „It comes at Night“ und tagsüber ist man auch nicht in Sicherheit

Januar 22, 2018

Paul (Joel Edgerton), seine Frau Sarah (Carmen Ejogo) und ihr siebzehnjähriger Sohn Travis (Kelvin Harrison, Jr.) leben in einem großen Farmhaus im Wald. Die nächsten Häuser sind, in den USA nicht ungewöhnlich, meilenweit weg. Es ist einsam, aber – auf den ersten Blick – ein guter Ort zum Leben. Wenn es nicht einige seltsame Dinge gäbe. Im Freien tragen sie oft Gasmasken. Die Fenster und Türen sind verbarrikadiert. Sie haben eine panische Angst vor dem Einbruch der Dunkelheit. Als ob dann Monster kämen.

Und so ist es auch. Anscheinend – das wird im Film nie geklärt – vernichtete eine tödliche Infektionskrankheit, gegen die es kein Gegenmittel gibt, die Menschheit. Es muss noch weitere ‚Dinge‘ geben, die Paul, Sarah und Travis bedrohen und die nur nach Einbruch der Dunkelheit auftauchen. Um sich und seine Familie vor der Bedrohung zu schützen, hat Paul ein entsprechend rigides Regelwerk etabliert.

Eines Nachts hören sie Geräusche. Sie finden heraus, dass ein Mensch bei ihnen eingebrochen ist. Es ist Will (Christopher Abbott), der für sich und seine Familie etwas zu Essen sucht.

Nachdem Paul sich überzeugt hat, dass Will gesund ist, nehmen sie ihn, seine Frau Kim (Riley Keough) und ihr kleines Kind bei sich auf. Es könnte der Beginn einer neuen Gemeinschaft sein.

Aber können sie ihnen wirklich vertrauen? Und können sie sich vor dem Virus schützen?

Troy Edward Shults‘ Horrorfilm „It comes at Night“ ist ein extrem düsteres Kammerspiel voller Suspense, das mit zunehmender Laufzeit auch zunehmend frustrierender wird. Denn Shults liefert keine Erklärung für die Katastrophe. Er liefert keine wirklich handfesten Informationen über sie und den durch sie verursachten Zusammenbruch der Zivilisation. Die Bedrohung für die sechs freiwillig in dem Haus lebenden Menschen bleibt anonym. Sie ist zugleich unsichtbar für das menschliche Auge und kann durch eine Holztür abgehalten werden. Deshalb ist auch unklar, wie sehr die Bedrohung real und wie sehr sie ein paranoides Wahngebilde von Paul ist. Es gibt, das wird mit zunehmender Laufzeit immer deutlicher, keine Hoffnung für die Bewohner des Hauses, die trotzdem nicht daran denken, es zu verlassen.

So überzeugt „It comes at Night“ vor allem als kompromisslos auf ein düsteres Ende hin erzählte fatalistische Noir-Geschichte. Shults‘ zweiter Spielfilm ist die perfekte Feelbad-Unterhaltung für notorische Schwarzseher.

It comes at Night (It comes at Night, USA 2017)

Regie: Trey Edward Shults

Drehbuch: Trey Edward Shults

mit Joel Edgerton, Riley Keough, Christopher Abbott, Carmen Ejogo, Kelvin Harrison Jr., Griffin Robert Faulkner

Länge: 91 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Deutsche Facebook-Seite zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „It comes at Night“

Metacritic über „It comes at Night“

Rotten Tomatoes über „It comes at Night“

Wikipedia über „It comes at Night“ (deutsch, englisch)

Ein Gespräch mit Trey Edward Shults, Joel Edgerton, Kelvin Harrison Jr. und Carmen Ejogo


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