Neu im Kino/Filmkritik: „Nico, 1988“ – am Ende ihres Lebens, immer noch vom Ruhm ihrer ersten Aufnahmen zehrend

Juli 18, 2018

Schon zu Lebzeiten hatte Nico eine treue Fangemeinde, deren Verhältnis zur Hitparade ganz einfach war: wenn der Song in den Charts ist, ist er Mist.

Neben der Fangemeinde, die sie kultisch verehrt – was ein höflicher Ausdruck für kaum vorhandene Plattenverkäufe und Auftritte in kleinen Locations ist -, kennt die breitere Öffentlichkeit Nico vor allem als Sängerin von Velvet Underground. So auch die Ein-Satz-Biographie bei AllMusic: „Model, actress, chanteuse, and former Velvet Underground frontwoman known for her sultry voice and ice-goddess presence.“ Dabei ist sie auf der ersten Platte von „Velvet Underground“ (die mit dem Bananen-Cover) nur bei den Songs „Femme Fatale“, „All tomorrow’s parties“ und „I’ll be your mirror“ zu hören. Und das auch nur, weil Produzent Andy Warhol das unbedingt wollte. Die Band – Lou Reed, John Cale, Sterling Morrison und Maureen ‚Moe‘ Tucker – hätte schon damals gerne auf das Model verzichtet.

Die am 16. Oktober 1938 in Köln als Christa Päffgen geborene Sängerin „stilisierte ihr kaum vorhandenes Diseusen-Talent zum Mysterium. Mit einer Wisperstimme, die in Bassregionen jenseits der Hörgrenze reichte, hauchte das ehemalige Fotomodell abstrakte Klagen und surrealistischen Weltschmerz zu delikater Orchesterbegleitung.“ (Barry Graves/Siegfried Schmidt-Joos/Bernward Halbscheffel: Das neue Rock-Lexikon, 1998)

Ihre ersten beiden Solo-LPs „Chelsea Girl“ (1967) und „The Marble Index“ (1968, produziert von John Cale) haben einen gewissen allgemein akzeptierten Klassikerstatus. Die beiden nachfolgenden, ebenfalls von Cale produzierten LPs „Desertshore“(1970) und „The End“ (1974) schließen an „The Marble Index“ an und sind fast unbekannt. Danach versandete die Karriere der Chanteuse. In den frühen Achtzigern wurde sie vom Gothic-Publikum wiederentdeckt und fortan kultisch verehrt.

Jetzt, dreißig Jahre nach ihrem Tod am 18. Juli 1988 auf Ibiza läuft „Nico, 1988“ in unseren Kinos an und der Film, der letztes Jahr auf den Internationalen Filmfestspielen in Venedig seine Premiere hatte, ist ein Denkmal der besonderen Art. Es ist eine Liebeserklärung an eine Sängerin, die letztendlich am Tiefpunkt ihres Lebens gezeigt wird; – was dann doch eine etwas seltsame, verquere und fast schon feindselige Liebeserklärung ist, die Nico wahrscheinlich genau deshalb gefallen hätte. Immerhin wird sie als eine Frau porträtiert, die kompromisslos ihre künstlerische Vision verfolgt und an ihrer aktuellen Arbeit gemessen werden will. Auch wenn die niemand hören will.

Susanna Nicchiarellis im heute ungewöhnlichen, hier sehr passendem 1.37:1 „Academy“-Filmformat gedrehtes Biopic „Nico, 1988“ beginnt mit einer Wohnungsbesichtigung einer etwas renovierungsbedürftigen Arbeiterwohnung in Greater Manchester, wo sie ihre letzten Jahre lebte. Während der Besichtigung zieht sie sich auf die Toilette zurück: um Geräusche aufzunehmen und Drogen zu konsumieren. Damit sind in den ersten Minuten die Themen des Films schon umrissen. Während Nico mit ihrer Band quer durch Europa und hinter den damals noch vorhandenen Eisernen Vorhang tourt, muss sie in Interviews immer wieder Fragen zu Velvet Underground und Andy Warhol beantworten. Dabei würde die launenhafte Diva, die nur noch ein Schatten ihrer früheren Schönheit ist, lieber über ihre aktuellen Klangexperimente reden.

Nico-Darstellerin Trine Dyrholm interpretiert bei den zahlreichen Auftritten von Nico und ihrer Band die Songs selbst. Die im Film ausführlich präsentierten Songs sind ein Best-of-Nico, inclusive der mit ihr verbundenen Velvet-Underground-Songs, in gemäßigt experimentellen, rockig mitreisenden Arrangements. Die Soundtrack-CD scheint es nur als Stream bzw. Download zu geben.

Zwischen den Konzerten konsumiert Nico Heroin. Sie, die in ihren jungen Jahren die Geliebte und Muse von ungefähr jedem angesagten Künstler war (von Alain Delon hat sie einen von ihm nie anerkannten Sohn), hat jüngere Liebhaber und erinnert sich schlaglichtartig an ihre Vergangenheit. Vor allem an ihre Zeit im Umfeld von Andy Warhol und ihre Kindheit in Berlin, das von den Alliierten bombardiert wird. Diese alptraumartigen Erinnerungen sind, so der Film, der Nukleus ihres künstlerischen Schaffens.

Aus diesen Episoden ergibt sich ein faszinierendes Porträt einer drogenabhängigen Künstlerin, die stur bis zu ihrem überraschenden, durch einen Fahrradsturz verursachten Tod, ihren Weg verfolgt.

Nico, 1988 (Nico, 1988, Italien/Belgien 2017

Regie: Susanna Nicchiarelli

Drehbuch: Susanna Nicchiarelli

mit Trine Dyrholm, John Gordon Sinclair, Anamaria Marinca, Sandor Funtek, Thomas Trabacchi, Karina Fernandez

Länge: 94 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Nico, 1988“

Metacritic über „Nico, 1988“

Rotten Tomatoes über „Nico, 1988“

Wikipedia über Nico (deutsch, englisch)

AllMusic über Nico

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TV-Tipp für den 7. Januar: The Cut

Januar 7, 2018

ARD, 00.05

The Cut (Deutschland/Frankreich 2014)

Regie: Fatih Akin

Drehbuch: Fatih Akin, Mardik Martin

Türkei, 1915: der armenische Schmied Nazaret sucht viele Jahre seine beiden Töchter, die den Völkermord der Türken an den Armeniern überlebtet haben sollen. Dafür reist er um die halbe Welt bis in die USA.

Gelungenes, episches Unterhaltungskino, das seine TV-Premiere zu einer wahrhaft unchristlichen Zeit erlebt.

Mehr in meiner epischen Besprechung.

mit Tahar Rahim, Simon Abkarian, Makram J. Khoury, Hindi Zahra, Kevork Malikyan, Bartu Kücükcaglayan, Trine Dyrholm, Moritz Bleibtreu, Akin Gazi, George Georgiou

Hinweise
Homepage zum Film
Film-Zeit über „The Cut“
Moviepilot über „The Cut“
Rotten Tomatoes über „The Cut“
Wikipedia über „The Cut“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Fatih Akins „Müll im Garten Eden“ (Deutschland 2012)

Meine Besprechung von Fatih Akins „The Cut“ (Deutschland/Frankreich 2014)

Meine Besprechung von Fatih Akins „Tschick“ (Deutschland 2016)

Meine Besprechung von Fatih Akins „Aus dem Nichts“ (Deutschland 2017)


Neu im Kino/Filmkritik: Thomas Vinterbergs „Die Kommune“ lebt – in den Siebzigern

April 21, 2016

Wie war das Leben damals in den Siebzigern in einer Kommune? Regisseur Thomas Vinterberg, der in einer solchen Wohngemeinschaft aufwuchs, fand diese Zeit zwischen seinem siebten und neunzehnten Lebensjahr ganz normal. Aber er wurde immer wieder danach gefragt. Also schrieb er zunächst ein Theaterstück und dann, zusammen mit Tobias Lindholm, dessen Drama „A War“ gerade im Kino läuft, ein Drehbuch, das er verfilmte und auf der Berlinale im Wettbewerb präsentierte. Trine Dyrholm wurde als beste Darstellerin ausgezeichnet.

Mitten in den Siebzigern erbt der Architekt und Universitätsdozent Erik (Ulrich Thomsen) das im Kopenhagener Nobelviertel liegende elterliche Anwesen. Er möchte es sofort gewinnbringend verkaufen. Aber seine Frau Anna (Trine Dyrholm), eine TV-Nachrichtensprecherin, überzeugt ihn, dass sie mit ihrer vierzehnjährigen Tochter einziehen und, um die Kosten zu senken, ihre Freunde als Mitbewohner einladen sollen. Kurz gesagt: sie gründen mit ihren alten und einigen neuen Freunden eine Kommune, in der alles herrschaftsfrei ausdiskutiert und geteilt werden soll. Denn damals war eine Wohngemeinschaft kein Zweckbündnis, sondern ein politisches Statement und ein Gegenentwurf zur bürgerlichen Gesellschaft und zur ebenso bürgerlichen Familie mit ihrem repressiven Charakter. Eine Kommune war die Gegenwart gewordene Utopie einer anderen, besseren, egalitären Gesellschaft.

Das, was auch in Vinterbergs Film so paradiesisch beginnt, böte natürlich die Möglichkeit, mit den Ideen vom Zusammenleben in Kommunen, mehr oder weniger witzig, mehr oder weniger boshaft und mehr oder weniger analytisch, abzurechnen. Immerhin scheiterten die Experimente des herrschaftsfreien Zusammenlebens. Die egalitären und in jeder Beziehung neidfreien Idealvorstellungen erwiesen sich als nicht alltagstauglich. In den real existierenden Kommunen bildeten sich Herrschafts- und Machtstrukturen, die fast immer auch zu einem Ende der Kommune führten. Seltener wurden, beginnend bei Mietzahlungen und Putzplänen, Verfahren entwickelt. „Die Kommune“ könnte auch zur Metapher für das Zusammenleben im Allgemeinen und im Besonderen werden.

Aber für Vinterberg ist seine Jugend eine Zeit voller goldener Erinnerungen und absurder Momente, die – auch wenn der Film höchstens autobiographisch inspiriert ist – einen sehr liebevollen Blick auf die Zeit wirft. Die Filmgeschichte konzentriert sich dabei auf Erik und Anna und ihre Beziehung. Denn Erik verliebt sich in eine seiner Studentinnen. Eine gut aussehende Brigitte-Bardot-Kopie. Als ihre Tochter seine Affäre entdeckt, steht Anna vor der Frage, wie sie damit umgeht. Sie schlägt vor, dass Emma (Helene Reingaard Neumann) bei ihnen einzieht.

Spätestens ab diesem Moment ist offensichtlich, dass „Die Kommune“ kein Ensemblestück ist, in dem die einzelnen Mitglieder der Kommune zu komplexen Charakteren werden, sondern dass es ein Nicht-Ensemble-Ensemblefilm ist. Die anderen Hausbewohner liefern einen zeitgeschichtlichen Hintergrund. Sie sind zusätzliche Farben für ein doch eher banales Ehedrama. Denn selbstverständlich führt die Anwesenheit von Emma in der Kommune zu einigen Problemen und weitreichenden Entscheidungen.

Das gesagt ist „Die Kommune“ auch ein leicht sentimental-verklärender, anekdotischer Rückblick auf eine Zeit, als neue Formen des Zusammenlebens ausprobiert wurden

Die Kommune - Plakat

Die Kommune (Kollektivet, Dänemark 2016)

Regie: Thomas Vinterberg

Drehbuch: Thomas Vinterberg, Tobias Lindholm

mit Trine Dyrholm, Ulrich Thomsen, Helene Reingaard Neumann, Martha Sofie Wallstrom Hansen, Lars Ranthe, Fares Fares, Magnus Millang, Julie Agnete Vang, Anne Gry Henningsen

Länge: 112 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Die Kommune“

Rotten Tomatoes über „Die Kommune“

Wikipedia über „Die Kommune“ (englisch, dänisch)

Berlinale über „Die Kommune“

Meine Besprechung von Thomas Vinterbergs „Am grünen Rand der Welt“ (Far from the Madding Crowd, USA/Großbritannien 2015)


Neu im Kino/Filmkritik: Über Fatih Akins „The Cut“

Oktober 17, 2014

Wer sich Fatih Akins neuen Film „The Cut“ ansieht, weil er etwas über den Völkermord an dem Armeniern erfahren will, wird enttäuscht werden. Auch wer eine Neuauflage von „Gegen die Wand“ mit seinen hochschwappenden Emotionen erwartet, wird mit „The Cut“ wenig anfangen können. Denn „The Cut“ ist in erster Linie ein ruhig und mit überschaubarer emotionaler Wucht erzähltes Epos über die jahrelange Suche eines Vaters nach seinen beiden Töchtern, das vor gut hundert Jahren spielt. Es ist ein Fest für das Auge, das ein breites Publikum ansprechen soll. Auf der ganzen Welt. Deshalb wurde der Film auf Englisch gedreht, was auch die Suche nach den richtigen Darstellern erleichterte. Obwohl der von Tahar Rahim (Ein Prophet, Black Gold, Le Passé – Das Vergangene) gespielte Protagonist Nazaret Mannoogian, nach einem Mordversuch, die meiste Zeit stumm ist.
Der Film beginnt 1915 in Mesopotamien in Mardin, als der junge, nette Schmied Nazaret von seiner Familie getrennt wird. Die türkische Gendarmerie treibt alle armenischen Männer zusammen. Fortan müssen sie in der Wüste Frondienste leisten. Die meisten sterben. Nazaret überlebt. Allerdings hört er, dass alle Bewohner seiner Heimatstadt tot sind. Erst später erfährt er, dass seine beiden Töchter die Massaker doch überlebten. Er beginnt, sie zu suchen. Seine Reise, die den Hauptteil des Filmes ausmacht, führt ihn immer weiter nach Westen, bis er, via Havanna, in den USA, in North Dakota, ankommt, wo er – das dürfte jetzt wirklich niemand überraschen – nach einer fast zehnjährigen Suche seine Töchter findet.
Akin erzählt, basierend auf einem von ihm und Mardik Martin („Hexenkessel“, „New York, New York“, „Wie ein wilder Stier“) geschriebenem Drehbuch, eine private Geschichte vor einem historischen Hintergrund, der immer nur die austauschbare Kulisse für die Filmgeschichte bleibt. Akins Film ist eine episodische Reiseerzählung mit vielen gelungenen Episoden, Die verzweifelte Suche von Nazaret nach seinen Kindern erinnert an die manische Suche von Ethan Edwards (John Wayne) nach seiner Nichte in John Fords „Der schwarze Falke“. Auch optisch ist „The Cut“ vom Western inspiriert. Immerhin spielen große Teile des Films in der Wüste, in menschenleeren Landschaften, an und auf Eisenbahngleisen (in den USA ist Nazareth auch Gleisbauarbeiter und er hilft einer Indianerin) und die Cinemascope-Aufnahmen erinnern natürlich an die klassischen Westernbilder.
Es ist auch ein Film, der Akins direkte emotionale Betroffenheit vermissen lässt. „The Cut“ ist kein kleiner, persönlicher Film. Er will es auch in keiner Sekunde sein. Er will ein breites Publikum ansprechen und dafür bedient er sich gelungen der Erzähltopoi und Erzählmechanismen des klassischen Hollywood-Kinos, wie es zuletzt Philipp Stölz mit „Der Medicus“ tat.
„The Cut“ ist gelungenes Unterhaltungskino. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

The Cut - Plakat

The Cut (Deutschland/Frankreich 2014)
Regie: Fatih Akin
Drehbuch: Fatih Akin, Mardik Martin
mit Tahar Rahim, Simon Abkarian, Makram J. Khoury, Hindi Zahra, Kevork Malikyan, Bartu Kücükcaglayan, Trine Dyrholm, Moritz Bleibtreu, Akin Gazi, George Georgiou
Länge: 139 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

Hinweise
Homepage zum Film
Film-Zeit über „The Cut“
Moviepilot über „The Cut“
Rotten Tomatoes über „The Cut“
Wikipedia über „The Cut“ (deutsch, englisch)
Meine Besprechung von Fatih Akins „Müll im Garten Eden“ (Deutschland 2012)


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