Neu auf Netflix/Filmkritik: Der grandiose Science-Fiction-Film „Auslöschung“

März 13, 2018

Ich gebe es zu: ich verstehe es nicht. Da haben die Produzenten einen hochkarätig besetzten Science-Fiction-Film, inszeniert von einem interessanten, für seine vorherigen Werke hochgelobten Autor und Regisseur, der eine frenetisch abgefeierte Romantrilogie teilweise verfilmte und dann wird der Film ohne Umweg zwischen Test-Screenings (die wohl schlecht verliefen, aber gerade bei diesem Film wenig aussagen) und potentieller Kinoauswertung gleich an Netflix verkauft. Dass danach Filmkritiker von dem Film begeistert waren und in den USA, wo „Auslöschung“ im Februar sogar einen Mini-Kinostart hatte, SF-Fans seitdem intensiv über den Film diskutieren, ist egal. Aus Sicht der Geldgeber wurden potentielle Verluste erfolgreich vermieden.

Aus Sicht des SF-Fans bleibt nur das Bedauern, dass er einen Film, der von der ersten bis zur letzten Minute für eine Auswertung auf der großen Leinwand inszeniert wurde, jetzt auf einem kleinen Bildschirm sehen muss. Gerade bei den Landschaftsaufnahmen fällt das besonders negativ auf.

Der Film „Auslöschung“ erzählt, wie Jeff VanderMeer in seinem gleichnamigen Roman, die Geschichte einer Expedition von mehreren Frauen in die Area X. Das ist ein Gebiet in den Südstaaten der USA, in dem die Natur sich seltsam verhält. Seit Jahren wächst das Gebiet stetig und unaufhaltsam. Mehrere Expeditionen, an denen nur Männer teilnahmen, wurden schon in das Gebiet geschickt. Sie kehrten nicht zurück.

Alex Garland, dessen Spielfilmdebüt „Ex Machina“ breit abgefeiert wurde, verfilmte jetzt VanderMeers Geschichte frei und doch sehr nah an dem Roman. Dafür gibt es mehrere, sogar ziemich offensichtliche Gründe. Garland kannte, als er sein Drehbuch schrieb, den zweiten und dritten Band nicht. Sein Film muss als Einzelwerk nach zwei Stunden Antworten liefern, die VanderMeer sich für die den zweiten und dritten Band seiner Trilogie, die im Abstand weniger Monate erschienen, aufheben konnte. Deshalb können sich Garlands Antworten von denen VanderMeers unterscheiden. Und ein Roman ist kein Film ist. Der Roman ist vor allem eine Meditation, die in unheimlichen Stimmungen badet und wenig erklärt. Eine Geschichte im herkömmlichen Sinn wird nicht erzählt. Am Ende des Romans ahnt man, was die Area X mit seinen menschlichen Besuchern macht, aber nicht warum.

In Garlands äußerst gelungener und sehenswerter Version ist die Biologin Lena (Natalie Portman) als einzige Überlebende einer fünfköpfigen, nur aus Frauen bestehenden Expedition aus der Area X zurückgekehrt. Sie soll berichten, was geschah.

Lena hat sich entschlossen, an der Expedition teilzunehmen, weil ihr Mann Kane (Oscar Isaac) nach einer Expedition verändert aus der Area X zurückkehrte und jetzt, todsterbenskrank, im Southern Reach Institut im Koma liegt. Sie hofft auf Antworten. Schnell bemerken die fünf Frauen, dass sich die Tier- und Pflanzenwelt in der Area X auf seltsame Art verändert. Mutiert. Auch sie beginnen auf die Umwelt zu reagieren.

Da werden sie von einem seltsamen Krokodil angegriffen und entdecken eine Videoaufnahme der vorherigen Expedition, in der Kane und die anderen Teammitglieder panisch und anscheinend wahnsinnig sind. Anders lässt sich nicht erklären, dass sie einem anderen Teammitglied den Bauch aufschneiden, um zu dokumentieren, dass sich in dem Körper des Teammitglieds ein anderes Wesen eingenistet hat.

Lena und die anderen Expeditionsteilnehmerinnen – die Leiterin Dr. Ventress (Jennifer Jason Leigh), Anya Thorensen (Gina Rodriguez), Josie Radek (Tessa Thompson) und Cass Sheppard (Tuva Novotny) – fragen sich, ob sie das Rätsel von Area X lösen können, bevor sie sterben oder zu einem anderen Wesen mutieren.

Dabei, und hier ist Garlands Film deutlich eindeutiger als VanderMeers Roman, der die Frage offen lässt, geht es in „Auslöschung“ um die Begegnung mit ‚einem‘ ‚Alien‘, das im Trailer sehr bedrohlich wirkt. Im Film ist das dann nicht so einfach, sondern eher wie die Begegnung zwischen Menschen und Aliens in Denis Villeneuves „Arrival“.

Auslöschung“ ist ein zum Nachdenken anregender, rätselhafter Science-Fiction-Film mit wunderschön-beängstigenden Bildern eines Südstaaten-Urwalds, der sich die von Menschen gebauten Wege und Häuser zurückerobert und in dem die Expeditionsteilnehmerinnen auf Pflanzen treffen, die wie Menschen aussehen.

Auslöschung (Annihilation, USA 2018)

Regie: Alex Garland

Drehbuch: Alex Garland

LV: Jeff VanderMeer: Annihilation, 2014 (Auslösung)

mit Natalie Portman, Jennifer Jason Leigh, Gina Rodriguez, Tessa Thompson, Tuva Novotny, Oscar Isaac, Benedict Wong, Sonoya Mizuno, David Gyasi, John Schwab

Länge: 115 Minuten

Die Vorlage

Jeff VanderMeer: Auslöschung – Southern-Reach-Trilogie I

(übersetzt von Michael Kellner)

Knaur, 2017

240 Seiten

9,99 Euro

Originalausgabe

Annihilation

Farrar, Straus & Giroux, New York, 2014

Deutsche Erstausgabe

Verlag Antje Kunstmann, 2014

Hinweise

Homepage von Jeff VanderMeer

Perlentaucher über Jeff VanderMeer

Moviepilot über „Auslöschung“

Metacritic über „Auslöschung“

Rotten Tomatoes über „Auslöschung“

Wikipedia über Jeff VanderMeer (deutsch, englisch), die Southern-Reach-Trilogie und die Verfilmung (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Jeff VanderMeers „Auslöschung – Southern-Reach-Trilogie I“ (Annihilation, 2014)

Meine Besprechung von Alex Garlands „Ex Machina“ (Ex Machina, USA/Großbritannien 2014)

Ein Gespräch mit Alex Garland über den Film

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Neu im Kino/Filmkritik: „Borg/McEnroe“ duellieren sich in Wimbledon

Oktober 20, 2017

Mein Desinteresse am Tennisinteresse begann erst später, aber Björn Borg und John McEnroe waren auch für Nicht-Sportfans Tennisstars, an denen man nicht vorbeikam. Schließlich kämpften sie um den ersten Platz auf der Weltrangliste. Und John McEnroes Wutanfällen auf dem Platz waren schon damals legendär. In den Achtzigern berichtete die Presse immer wieder darüber. Dass beide Sportler gleich reihenweise die wichtigsten Preise abräumten interessierte in dem Moment vor allem die Sport- und Tennisfans.

Außerdem waren beide, im Gegensatz zu heutigen Sportlern, echte Charaktere, die in diesem Fall ihre unterschiedlichen Stile und Feindschaften auch in der Öffentlichkeit pflegten. Wobei das Pflegen von publikumswirksamen Feindschaften auch in anderen Sportarten, vor allem im Boxen, dazu gehört und gut für die Quoten ist. Damals waren Quoten, vor allem TV-Quoten, noch nicht so wichtig.

Erstmals trafen Björn Borg und John McEnroe 1980 in Wimbledon aufeinander. Borg war damals ein großer Star. Ein vierfacher Wimbledon-Gewinner, der mit einem fünften Sieg Tennisgeschichte schreiben könnte. Er ist ein ruhiger, überlegter Spieler. Ein Eisberg, der keine Gefühle zeigt.

Früher war er im Training unbeherrscht wie John McEnroe und wie ihm sein Trainer Lennart Bergelin diese Unbeherrschtheit austreibt, geschieht in Janus Metz‘ Film „Borg/McEnroe“ mit einer Gardinenpredigt Bergelins etwas zu schnell. Hier hätte Metz Borg ein, zwei Szenen mehr gönnen können. Schließlich zeichnet er Borgs Aufstieg an die Weltspitze und sein Privatleben detailverliebt und, wie man hört, auch sehr faktengetreu nach.

Borg pflegt während des 1980er Wimbledon-Turniers auch seine Marotten: er besteht auf dem immergleichen Auto und Hotelzimmer. In der bis zum Waschlappen immergleichen Ausstattung. Jeden Abend prüft er in einer langwierigen Prozedur mit Bergelin die Spannung seiner Schläger. Von dem ganzen Rummel um ihn herum und dass seine Mitarbeiter für ihn sein Leben von Tennisturnieren bis zur Hochzeit durchplanen, ist er genervt.

John McEnroe ist in dem Moment das junge aufstrebende Talent aus New York. Er kann sich noch unbeobachtet durch die Stadt bewegen und sein billiges Hotelzimmer mühelos in eine typische Studentenbude verwandeln. Auch auf dem Platz ist er das genaue Gegenteil von Björn Borg. McEnroe ist ein unbeherrschter Choleriker, der alles und jeden beleidigt. Der Zwanzigjährige ist kein beliebter, aber ein sehr guter Tennisspieler, der jetzt den vierundzwanzigjährigen Björn Borg besiegen will.

Diese beiden unterschiedlichen Charaktere und die klare Struktur des Wettkampfs bieten das erzählerische Gerüst für „Borg/McEnroe“, das allein schon spannend genug ist. Das Zeitkolorit (die Kleider, die Frisuren, das Design, die Autos) erledigt den Rest. Hier liefert der Däne Janus Metz, der bislang vor allem als Dokumentarfilmer arbeitete, alles, was man erwartet. Über Björn Borg und seine Lehrjahre erfährt man auch einiges. Im Gegensatz zu John McEnroe halfen er und seine Familie den Filmemachern mit Hintergrundinformationen.

Dagegen erfährt man im Film wenig bis nichts über John McEnroes Weg nach Wimbledon.

Auch über das Spiel, die Spielregeln und das spezifische Denken eines Tennisspielers erfährt man fast nichts.

Das gelang Ron Howard in seinem fantastischen Formel-1-Thriller „Rush“ (über Niki Lauda und James Hunt) und Edward Zwick in seinem ebenso fantastischem Schach-Thriller „Bauernopfer – Spiel der Könige“ (über Bobby Fisher und Boris Spassky) besser.

In „Borg/McEnroe“ geht es mehr um die Herausforderungen des Ruhms, den unbedingten Willen zu Siegen und unterschiedliche Wege, ans Ziel zu kommen. Insofern unterscheiden sich Björn Borg und John McEnroe kaum von Niki Lauda und James Hunt, der den Ruhm als Formel-1-Fahrer genießt.

Insgesamt ist „Borg/McEnroe“ auch für Nicht-Tennsfans ein mitreisender Sportfilm und ein Retro-Fest.

Am 23. November startet mit „Battle of the Sexes“ ein weiterer Tennisfilm in unseren Kinos. Dann geht es um das Aufeinandertreffen von Bobby Riggs und Billie Jean King 1973. Er behauptet, dass Männer auf dem Tennisplatz besser als Frauen sind und er jede Frau mühelos besiegen könne. Die erfolgreiche Spielerin King (u. a. zwanzig Titel in Wimbledon und mehrere Grand-Slams) nahm die Herausforderung an. In dem ebenfalls sehenswertem Film geht es dann auch um „Sex“.

Borg/McEnroe (Borg/McEnroe, Dänemark/Finnland/Schweden 2017)

Regie: Janus Metz

Drehbuch: Ronnie Sandahl

mit Sverrir Gudnason, Shia LaBeouf, Stellan Skarsgård, Tuva Novotny, Ian Blackman, Robert Emms, Scott Arthur

Länge: 108 Minuten

FSK: ab 0 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Borg/McEnroe“

Metacritic über „Borg/McEnroe“

Rotten Tomatoes über „Borg/McEnroe“

Wikipedia über „Borg/McEnroe“ (deutsch, englisch) und das Wimbledon-Tennisspiel (deutsch, englisch – Achtung, der Artikel spoilt das Ende des Films!)

Die TIFF-Pressekonferenz


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