Neu im Kino/Filmkritik: Ein junger Mexikaner will nach „Los Ángeles“

Januar 30, 2015

Zuerst einige Fakten:
„Los Ángeles“ ist das Spielfilmdebüt des in Boulder, Colorado, geborenen Damian John Harper. Vorher drehte er einige Dokumentar- und Kurzfilme. Vor seinem Studium an der Hochschule für Film und Fernsehen München (HFF) studierte er Anthropologie. Nach seinem Studienabschluss im Jahr 2000 ging er als Ethnologe für ein Jahr nach Santa Ana Del Valle, einem Dorf in der Provinz Oaxaca im Süden Mexikos. Für „Los Ángeles“ kehrte er nach Santa Ana Del Valle zurück und drehte, mit Dorfbewohnern, einen Film, dessen Geschichte mit dem Ort und seinen Bewohnern verwurzelt ist.
„Los Ángeles“ wurde vom ZDF Das kleine Fernsehspiel coproduziert. Auch die anderen Geldgeber haben deutsche Anschriften. Das erklärt, warum ein Film eines US-Amerikaners, der in Mexiko gedreht wurde und in dem Spanisch und Zapotekisch, der Dorfdialekt, gesprochen werden, als deutsche Produktion firmiert. Und wenn sie demnächst im Fernsehen gezeigt wird, wird sie im Rahmen des Kleinen Fernsehspiels ausgestrahlt werden. Also an einem Montagabend nach Mitternacht.
„Los Ángeles“ erzählt die Geschichte des siebzehnjährigen Mateo, der aus seinem Dorf nach Los Angeles, der Chiffre für ein besseres Leben, aufbrechen will. Von dort aus will er seine Familie unterstützen. Der Weg dorthin ist gefährlich und lang und in Los Angeles kann man nur als Mitglied einer Gang überleben.
Der Film erzählt nicht die Geschichte der Reise, sondern was vor der Reise geschieht. Und diese Geschichte wurde schon oft erzählt. Oft auch besser. Denn um in Los Angeles überleben zu können, muss Mateo sich schon im Dorf einer Verbrecherbande anschließen, die ihn dann in der Großstadt beschützen kann. Um ein vollwertiges Mitglied der Bande zu werden, muss er drei Mutproben absolvieren. Die erste ist noch einfach. Als er ein Mitglied einer gegnerischen Bande töten soll, zweifelt Mateo.
Diese Initiationsgeschichte mit den sich betont wie US-Ghettogangster gebenden mexikanischen Verbrechern ist nie glaubwürdig. Die Kleinstadtgangster wirken immer wie eine Gruppe großmäuliger Raudis. Dass Mateo schon im Dorf ein Mitglied dieser Verbrecherbande werden muss, um in Los Angeles überleben zu können, wirkt immer wie eine Drehbuchanweisung, um die angedachte Migrationsgeschichte (immerhin spielt der gesamte Film in dem Dorf) und Gangsterdrama zusammenzufügen. Vor allem angesichts der letzten Minuten wird diese Konstruktion noch offensichtlicher. Und natürlich stellt sich von der ersten Minute an die Frage, was das für ein Paradies ist, in dem man nur als Gangmitglied überleben kann.
Diese Geschichte stört auch immer wieder den quasi dokumentarischen Blick auf die Bewohner und die Sozialstrukturen in Santa Ana Del Valle, einem noch stark den Traditionen verhaftetes Dorf mit ärmlich lebenden Bewohnern. Aber sie werden immer wieder in eine Geschichte gepresst, die eher Genreanforderungen genügt, die Harper dann doch nicht erfüllen will.
So ist „Los Ángeles“ ein Zwitter, der Erwartungen weckt, die er dann nicht erfüllt. Für einen Genrefilm ist Mateos Geschichte zu langatmig und zu klischeetriefend. Für einen Arthouse-Film schielt Regisseur Harper zu sehr in Richtung Gangsterfilm. Für eine ethnographische Studie eines Dorfes ist der Film dann zu sehr auf fehlgeleitete Thrills bedacht.
Wobei ich auch kein Freund dieser Geschichten bin, in denen der Protagonist während des gesamten Film in seinem Heimatort darüber räsoniert, dass er das Dorf unbedingt verlassen muss und es am Ende, nach einem zufälligem Ereignis (meist ein Unfall), dann auch tut. Wenn er nicht bei diesem Unfall stirbt.

Los Angeles - Plakat neu

Los Ángeles (Deutschland 2014)
Regie: Damian John Harper
Drehbuch: Damian John Harper
mit Mateo Bautista Matias, Marcos Rodriguez Ruiz, Lidia Garcia, Daniel Bautista, Donaciano Bautista Matias, Valentina Ojeda
Länge: 100 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

Hinweise
Homepage zum Film
Filmportal über „Los Ángeles“
Film-Zeit über „Los Ángeles“
Moviepilot über „Los Ángeles“
Rotten Tomatoes über „Los Ángeles“ (derzeit noch keine Kritiken)
Berlinale über „Los Ángeles“
Homepage von Damian John Harper

Ein kurzes Gespräch mit Damian John Harper

Das ist wohl das Berlinale-Plakat, das definitiv ein anderes Publikum anspricht

Los Angeles - Plakat


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