Neu im Kino/Filmkritik: „Eyjafjallajökull – Der unaussprechliche Vulkanfilm“ und die unglaubliche Reise eines Paares

Juli 31, 2014

Eyjafjallajökull heißt der Vulkan, dessen Ausbruch 2010 den gesamten europäischen Flugverkehr zum Erliegen brachte, was für viele Reisende ärgerlich, aber für Alain (Dany Boon) und Valérie (Valérie Bonneton) eine Katastrophe ist. Sie sind nämlich auf dem Weg nach Griechenland zur Hochzeit ihrer Tochter, die in drei Tagen auf Korfu stattfindet. Also wird ein Auto organisiert und – nun, Alain versucht schon in München am Flughafen Valérie zu versetzen. Denn beide sind seit zwanzig Jahren geschieden und anscheinend wuchs ihre Abneigung in den vergangenen Jahren vom Hass zu etwas viel Schlimmerem.

Immerhin bringen die beiden vollkommen gegensätzlichen Charaktere sich nicht gegenseitig um.

Aber sie versuchen es. Zum Beispiel im Wohnmobil von Ezechiel, einem ziemlich durchgeknallten Gläubigem mit Knastvergangenheit. Als sie sich zufällig im Wohnteil seines Wohnmobil treffen, gehen sie gleich aufeinander los und zerstören dabei, während der Fahrt, zuerst das Mobiliar und dann das Wohnmobil. Davor wurde schon ein gemieteter Porsche, den es normalerweise nur für VIPs gibt, auf der Autobahn geschrottet und danach legt Fahrlehrer Alain in einem Kleinflugzeug, mit seiner Ex-Frau als Kopilotin, kurz vor ihrem Ziel eine Bruchlandung in einem einsamen Waldgebiet hin.

Während das frühere Liebespaar auf dem Weg von München nach Korfu munter die Fahrzeuge wechselt, versuchen sie immer wieder, den anderen hereinzulegen. Da ist dann jede Freundlichkeit das Vorspiel für eine weitere Bosheit, die man ungeachtet der Folgen für einen selbst, dem anderen zufügt.

Eyjafjallajökull – Der unaussprechliche Vulkanfilm“ steht im Geist der überdrehten französischen der siebziger Jahre, in denen ein nicht zusammenpassendes, in tiefer Abneigung zueinander stehendes Paar auf eine Reise geschickt wird und sie ihr bestes tun, um die Vorhaben des anderen zu sabotieren. Das machte damals Spaß und macht auch in der aktuellen Ausgabe, wenn Alain und Valérie quer durch Deutschland, Österreich, das ehemalige Jugoslawien bis nach Griechenland mit allen zur Verfügung stehenden Fahrzeugen eine Spur der Verwüstung hinterlassen, Spaß.

Diese Reise wird mit so vielen spitzen Bemerkungen, Bosheiten und Action garniert, dass man gerne die unplausible Prämisse vergisst. Denn natürlich könnten Alain und Valérie jederzeit getrennte Wege gehen. Und beide sind in ihrer Gegensätzlichkeit vollkommen überspitze Karikaturen, die im wirklichen Leben niemals mehr als zwei Sätze miteinander gesprochen hätten.

Aber als durchaus klamaukige Action-Comedy mit herrlich abgedrehten Szenen funktioniert der Film, der auch nie behauptet mehr zu sein, als er ist.

Eyjafjallajoekull - Plakat

 

Eyjafjallajökull – Der unaussprechliche Vulkanfilm (Eyjafjallajökull, Frankreich/Deutschland 2013)

Regie: Alexandre Coffre

Drehbuch: Laurent Zeitoun, Yoann Gromb, Alexandre Coffre (nach einer Originalidee von Yoann Gromb)

mit Dany Boon, Valérie Bonneton, Denis Ménochet, Albert Delpy, Bérangère McNeese, Malik Bentalha

Länge: 92 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

AlloCine über „Eyjafjallajökull – Der unaussprechliche Vulkanfilm“

Film-Zeit über „Eyjafjallajökull – Der unaussprechliche Vulkanfilm“

Moviepilot über „Eyjafjallajökull – Der unaussprechliche Vulkanfilm“

Wikipedia über „Eyjafjallajökull – Der unaussprechliche Vulkanfilm“ (deutsch, französisch)


Neu im Kino/Filmkritik: Die Neustarts „Sabotage“, „SuperHypochonder“, „Spuren“ und „Die Poetin“

April 12, 2014

Zwischen schneuzen und husten und nach einem Brüssel-Ausflug, bei dem ich, vor allem im Zug, viel weniger tun konnte, als ich tun wollte, gibt es jetzt einige Kurzkritiken zu den Neustarts der Woche:

„Sabotage“ heißt der neue Arnold-Schwarzenegger-Film. Er spielt John „Breacher“ Wharton, den Leiter eines Special Operations Team der Anti-Drogen-Behörde DEA. Mit seinem Team klaut er bei einem Einsatz gegen einen Drogenbaron zehn Millionen Dollar. Dummerweise ist das Geld, als sie es abholen wollen, verschwunden. Die Untersuchung der Internen Ermittler, die vermuten, dass Breachers Team Geld geklaut hat, überstehen sie, aber danach beginnt jemand sie der Reihe nach umzubringen.
David Ayer, der auch „Training Day“, „Dark Blue“, „Street Kings“ und „End of Watch“ machte, inszeniert Arnold Schwarzenegger. Das weckt Erwartungen, die der Film in keiner Sekunde erfüllt. Anstatt eines intelligenten Noir-Cop-Thrillers ist „Sabotage“ ist ein dumpfes Macho-Abenteuer (auch die einzige Frau in Breachers Team ist ein Vorzeigemacho), das seine wahre Heimat irgendwo im TV-Spätprogramm hat.
Denn der Gegner ist ohne Gesicht, die Konflikte im Team sind banal, ihre nie glaubwürdige Kameradie peinlich dick aufgetragen, die Handlung schleppt sich zäh wie erkaltete Lava vor sich hin. Nein, das alles hat man schon unzählige Male besser gesehen in unzähligen Cop-Thrillern, auch von Ayer, oder der grandiosen TV-Serie „The Shield“, die ähnliche Themen ungleich gelungener durchbuchstabiert. Dass der Film nicht, wie Ayers vorherige Filme, in Los Angeles, sondern in Atlanta, Georgia, spielt, erfährt man durch einige Wald- und Brückenbilder. Dabei lebten Ayers bisherige Filme gerade von seiner symbiotischen Beziehung zwischen Handlungsort und Filmgeschichte. „Sabotage“ könnte dagegen überall spielen.
Nein, von dem Team Ayer-Schwarzenegger hatte ich mehr erwartet. So ist „Sabotage“ der schlechteste Film von Arnold Schwarzenegger nach seiner politikverordneten Pause und ein Werk der verschenkten Möglichkeiten.

Sabotage - Plakat - 4

Sabotage (Sabotage, USA 2014)
Regie: David Ayer
Drehbuch: Skip Woods, David Ayer
mit Arnold Schwarzenegger, Sam Worthington, Joe Manganiello, Josh Holloway, Terrence Howard, Max Martini, Kevin Vance, Mark Schlegel, Martin Donovan, Mireille Enos, Olivia Williams
Länge: 109 Minuten
FSK: ab 18 Jahre

Hinweise
Englische Homepage zum Film
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „Sabotage“
Moviepilot über „Sabotage“
Metacritic über „Sabotage“
Rotten Tomatoes über „Sabotage“
Wikipedia über „Sabotage“ (deutsch, englisch)
Meine Besprechung von David Ayers „End of Watch“ (End of Watch, USA 2012)


„Super-Hypochonder“ ist der neue Film der „Willkommen bei den Sch’tis“-Macher und während mir die Prämisse von „Willkommen bei den Sch’tis“ zu altmodisch und damit für einen zeitgenössischen Film zu weit hergeholt war, hat mir „Super-Hypochonder“ wesentlich besser gefallen. Dabei basiert auch diese Geschichte in der guten alten Komödien- und Klamauk-Tradition der fünfziger und sechziger Jahre: Romain Faubert ist der titelgebende Superhypochonder, dessen sozialen Kontakte sich hauptsächlich auf seine Treffen mit seinem Arzt Dr. Dimitri Zvenka beschränken. Der will jetzt seinen besten Patienten, der kerngesund ist, endlich loswerden. Die Idee mit einer Freundin schlägt fehl. Als er ihn mit zu einem Flüchtlingsschiff schleppt, auf dem er und andere Ärzte ehrenamtlich die Flüchtlinge medizinisch versorgen, geraten die Dinge außer Kontrolle. Faubert wird nach einem dummen Zufall für Anton Miroslav, den Anführer der Revolution in Tscherkistan gehalten – und Zvenkas revolutionsbegeisterte Schwester Anna verliebt sich sofort in den sympathischen Revolutionär, den sie, vor seinen Verfolgern, bei sich zu Hause versteckt.
Der Revolutionär versteckt sich währenddessen, schwer verletzt, in Fauberts Wohnung und ist von der gut ausgestatteten Hausapotheke begeistert. Natürlich fliegt der Schwindel auf. Dennoch wird Faubert nach Tscherkistan ausgeliefert.
Ein kurzweiliger Klamauk.

SuperHypochonder - Plakat

Super-Hypochonder (Supercondriaque, Frankreich 2013)
Regie: Dany Boon
Drehbuch: Dany Boon
mit Dany Boon, Alice Pol, Kad Merad, Jean-Yves Berteloot, Judith El Zein, Valérie Bonneton, Bruno Lochet
Länge: 108 Minuten
FSK: ab 6 Jahre

Hinweise
Französische Homepage zum Film
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „Super-Hypochonder“
Moviepilot über „Super-Hypochonder“
Wikipedia über „Super-Hypochonder“ (deutsch, französisch)


Und dann gibt es noch zwei Biopics.
In „Spuren“ wird die Geschichte der 27-jährigen Robyn Davidson erzählt, die 1977 mit vier Kamelen in neun Monaten die australische Wüste von Alice Springs bis zum Indischen Ozean durchquerte. Die Reportage über ihre Reise wurde zu einem Verkaufserfolg für das „National Geographic“-Magazin. Ihr kurz darauf geschriebenes Buch ein Bestseller.
Der Film selbst ist eine höchst zwiespältige Angelegenheit. Denn den Machern gelingt es nie, zu zeigen, warum Davidson die gefährliche Reise unternimmt. In den anderen Ein-Personen-Stücken, die in letzter Zeit im Kino liefen, wie „Buried“, „Gravity“ und „All is Lost“ war das klar: der Protagonist wollte überleben. Aber bei Davidson ist es unklar. Am Filmanfang sagt sie, fast schon schnippisch: „Warum nicht?“ Denn warum soll eine Frau nicht auch eine Reise unternehmen können, wenn ein Mann das kann? Ein guter Punkt, der allerdings nicht über einen ganzen Film trägt, sondern, als Gegenfrage, eine klassische Nicht-Antwort ist.
Außerdem scheint in „Spuren“ die einsame Wüste ein Ort des Lebens zu sein. Denn es gibt kaum eine Szene, in der Davidson allein ist. Immer wieder trifft die Frau, die die Einsamkeit sucht, Menschen. Aber auch aus diesem Konflikt schlägt der Film keine dramaturgischen Funken.
Immerhin gibt es einige schöne Landschaftsaufnahmen und Mia Wasikowska in der Hauptrolle.

Spuren - Plakat

Spuren (Tracks, Australien 2013)
Regie: John Curran
Drehbuch: Marion Nelson
LV: Robyn Davidson: Tracks, 1980 (Spuren – Eine Reise durch Australien)
mit Mia Wasikowska, Adam Driver, Rainer Bock, Rolley Mintuma, John Flaus, Robert Coleby, Tim Rodgers
Länge: 113 Minuten
FSK: ab 6 Jahre

Hinweise
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „Spuren“
Moviepilot über „Spuren“
Metacritic über „Spuren“
Rotten Tomatoes über „Spuren“
Wikipedia über „Spuren“
Meine Besprechung von John Currans “Stone” (Stone, USA 2010)


In „Die Poetin“ ist dagegen die dramaturgische Klammer sehr deutlich: „The art of losing isn’t hard to master.“
Es ist die erste Zeile von Elizabeth Bishops Gedicht „The art of losing“ und der Film erzählt, wie sie das lernte: 1951 ist sie in einer Schaffenskrise. Als sie mit diesem Gedicht nicht weiterkommt, entschließt sie sich zu einer Reise. In Rio de Janeiro besucht sie ihre alte Studienfreundin Mary, die mit Lota de Macedo Soares liiert ist. Die burschikose Architektin kann zuerst nichts mit der sanften Dichterin und ihrem elitärem Künstlergehabe anfangen. Sie verlieben sich dann doch ineinander und der Film zeichnet ihre Beziehung, die am Anfang auch eine lesbische Dreiecksbeziehung ist, nach.
Lota de Macedo Soares (1910 – 1967) schuf später den zum UNESCO-Weltkulturerbe gehörenden Flamengo Park in Rio de Janeiro.
Elizabeth Bishop (1911 – 1979) erhielt 1956 den Pulitzer-Preis für ihrem Gedichtzyklus „North & South – A Cold Spring“. Weitere wichtige Literaturpreise folgten.
Konventionell, fast schon unterkühlt inszeniert, bietet das Biopic, das sich auf Bishops fünfzehnjährigen Aufenthalt in Brasilien konzentriert, einen gelungenen Einblick in das Leben von zwei Frauen – und wie Bishop „the art of losing“ erlernte.

Die Poetin - Plakat

Die Poetin (Flores Raras/Reaching for the Moon, Brasilien 2013)
Regie: Bruno Barreto
Drehbuch: Matthew Chapman, Julie Sayres (basierend auf dem Drehbuch von Carolina Kotscho)
mit Miranda Otto, Glória Pires, Tracy Middendorf, Marcello Airoldi, Treat Williams
Länge: 120 Minuten
FSK: ab 6 Jahre

Hinweise
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „Die Poetin“
Moviepilot über „Die Poetin“
Metacritic über „Die Poetin“
Rotten Tomatoes über „Die Poetin“
Wikipedia über „Die Poetin“


%d Bloggern gefällt das: