TV-Tipp für den 10. April: A most wanted man

April 9, 2019

Arte, 20.15

A most wanted man (A most wanted man, Deutschland/Großbritannien 2014)

Regie: Anton Corbijn

Drehbuch: Andrew Bovell

LV: John le Carré: A most wanted man, 2008 (Marionetten)

Als der militante Tschetschene und Islamist Issa Karpov in Hamburg auftaucht, ist Geheimagent Günther Bachmann (Philip Seymour Hoffman) alarmiert. Mit seinem Team und anderen Geheimdiensten heftet er sich an Karpovs Fersen. Der behauptet, nur ein Flüchtling zu sein.

Überfällige TV-Premiere einer sehr gelungenen, top besetzten John-le-Carré-Verfilmung und einer der letzten Leinwandauftritte des viel zu früh verstorbenen Philip Seymour Hoffman.

Eine kleine Episode aus dem unglamourösen Agentenleben, die in erster Linie ein intellektuelles Vergnügen ist, bei der wir beobachten, wie die Dienste, unter ständiger Berücksichtigung ihrer Eigeninteressen, zusammenarbeiten und im entscheidenden Moment eiskalt ihre Chance nutzen. Da ist der Einzelne, wie man es auch aus den anderen Romanen von John le Carré kennt, nur ein von anderen benutzter Spielball.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Philip Seymour Hoffman, Rachel McAdams, Grigoriy Dobrygin, Willem Dafoe, Robin Wright, Homayoun Ershadi, Nina Hoss, Franz Hartwig, Daniel Brühl, Kostja Ullmann, Vicky Krieps, Rainer Bock, Herbert Grönemeyer, Charlotte Schwab, Martin Wuttke

Hinweise
Englische Homepage zum Film
Moviepilot über „A most wanted man“
Metacritic über „A most wanted man“
Rotten Tomatoes über „A most wanted man“
Wikipedia über „A most wanted man“ (deutsch, englisch)

Homepage von John le Carré

Meine Besprechung von John le Carrés „Geheime Melodie“ (The Mission Song, 2006)

Meine Besprechung von John le Carrés “Marionetten (A most wanted man, 2008)

Meine Besprechung von John le Carrés “Verräter wie wir” (Our kind of traitor, 2010)

Meine Besprechung von John le Carrés “Empfindliche Wahrheit” (A delicate truth, 2013)

Meine Besprechung von John le Carrés „Das Vermächtnis der Spione“ (A Legacy of Spies, 2017)

Meine Besprechung der John-le-Carré-Verfilmung “Bube, Dame, König, Spion” (Tinker, Tailor, Soldier, Spy, Großbritannien/Frankreich/Deutschland 2011)

Meine Besprechung der John-le-Carré-Verfilmung “A most wanted man” (A most wanted man, Deutschland/Großbritannien 2014) und der DVD

Meine Besprechung der John-le-Carré-Verfilmung „Verräter wie wir“ (Our Kind of Traitor, Großbritannien 2016)

Meine Besprechung der ersten beiden Episoden von Susanne Biers „The Night Manager“ (The Night Manager, Großbritannien/USA 2016) und der gesamten Miniserie

John le Carré in der Kriminalakte

Meine Besprechung von Anton Corbijns John-le-Carré-Verfilmung „A most wanted man“ (A most wanted man, Deutschland/Großbritannien 2014) (DVD-Kritik)

Meine Besprechung von Anton Corbiijns „Life“ (Life, Kanada/Deutschland/Österreich 2015)


Neu im Kino/Filmkritik: Lisbeth Salander kehrt zurück und deckt eine „Verschwörung“ auf

November 22, 2018

Lisbeth Salander ist zurück im Kino und obwohl einiges neu ist, bewegt sich auch vieles in „Verschwörung“ auf vertrautem Terrain.

Doch beginnen wir mit den Änderungen. Nachdem die drei posthum erschienenen „Millennium“-Romane „Verblendung“ (2005), „Verdammnis“ (2006) und „Vergebung“ (2007) von Stieg Larsson weltweit unglaublich erfolgreich waren, wurden sie verfilmt. Zunächst in einer gekoppelten Kino- und TV-Auswertung (in längeren Fassungen) von Niels Arden Oplev und Daniel Alfredson mit Noomi Rapace als Lisbeth Salander und Michael Nyqvist als Mikael Blomkvist. David Fincher verfilmte 2011 „Verblendung“ noch einmal. Mit Rooney Mara als Lisbeth Salander und Daniel Craig als Mikael Blomkvist. Seine Version ist etwas polierter, aber sonst unterscheidet sie sich kaum von der schwedischen Originalversion. Die damals geplante und, seien wir ehrlich, überflüssigen Verfilmungen von „Verdammnis“ und „Vergebung“ in einer US-Version wurden so lange auf die lange Bank geschoben, dass inzwischen die Erbstreitigkeiten um Stieg Larssons Vermögen so weit beigelegt wurden, dass David Lagercrantz den Auftrag erhielt, weitere „Millennium“-Romane zu schreiben. 2015 erschien, weltweit beachtet, „Verschwörung“. In dem ziemlich missratenen Thriller (meine Besprechung) fällte er eine sehr gute Entscheidung. Er verlegte, ohne die Hauptcharaktere merklich altern zu lassen, die Handlung in die Gegenwart.

Und Hollywood entschloss sich, die noch ausstehenden Larsson-Verfilmung zu überspringen und gleich mit „Verschwörung“ weiterzumachen. Mit einem neuen Team vor und hinter der Kamera. Claire Foy spielt jetzt Lisbeth Salander und Sverrir Gudnason Mikael Blomkvist. Das ist eine sehr unglückliche Besetzungsentscheidung, weil Gudnason zu jung für die Rolle des altgedienten Investigativjournalisten ist. Und Foy in diesem Moment zu alt für Salander ist. Sie sind nicht mehr das seltsame Gespann von altgedientem Profi und junger Hackerin, sondern eher Bruder und Schwester.

Dass auch die „Millennium“-Herausgeberin Erika Berger mit Vicky Krieps eine massive Verjüngungskur erfuhr, ist da folgerichtig. Sie ist in „Verschwörung“ noch mehr eine Nebenfigur als Mikael Blomkvist. Und auch er ist in diesem Film nur eine Nebenfigur.

Eine kluge Entscheidung ist allerdings, den sechshundertseitigen Roman deutlich zu straffen und sich auf den Thrillerplot zu konzentrieren, der auch thrillen soll. Außerdem – und das dürfte die beste Entscheidung der Macher gewesen sein – konzentriert sich der Thriller auf Lisbeth Salander. „Verschwörung“ erzählt ihre Geschichte. Und die ihrer Schwester.

Dabei beginnt alles mit einem kleinen Auftrag. Salander soll für Frans Balder (Stephen Merchant) das von ihm geschriebene Programm Firefall beschaffen. Mit dem Programm kann man alle Atomraketen kontrollieren. Ein solches Programm ist der Traum jedes James-Bond-Schurken. Es sollte daher nicht in die falschen Hände fallen.

Salander kann das Programm aus dem NSA-Server stehlen. Dummerweise wird sie dabei entdeckt (Okay, sie stellte sich bei ihrem Diebstahl auch ziemlich dämlich an).

Jetzt wollen der NSA-Agent Ed Needham (Lakeith Stanfield), ein Ex-Navy-Seal, der schwedische Geheimdienst und eine Verbrecherbande, die von Salanders tot geglaubter Schwester Camilla (Sylvia Hoeks) angeführt wird, die Datei haben.

Fede Alvarez, der sich mit den Horrorfilmen „Evil Dead“ (ein respektables Remake eines Klassikers) und „Don’t breathe“ einen guten Ruf erarbeitete, inszenierte mit „Verschwörung“ eine Nordic Noir, der sich in keiner Sekunde vor den anderen, von der Kritik oft hochgelobten Nordic Noirs unterscheidet. Dazu gehört auch die teilweise krachende, jede Glaubwürdigkeit strapazierende Unlogik.

Die im Gegensatz zum Roman vollständig in sich abgeschlossene Filmgeschichte spielt in einem Stockholm, das weniger wie das reale Stockholm, sondern wie eine sauber abgewrackte Science-Fiction-Metropole aussieht, in der auch der Teufelsberg, eine Berliner Sehenswürdigkeit, problemlos als Teil Stockholms akzeptiert wird. Aus den unterschiedlichen Drehorten (es wurde auch in Hamburg gedreht) entsteht eine in sich geschlossene Noir-Dystopie mit dunkler Farbpalette und einem aus halb Europa stammendem Schauspielerensemble.

Am Ende ist „Verschwörung“ ein guter Nordic Noir, den man sich ansehen kann, ohne vorher die Romane oder die anderen Filme gesehen zu haben. Mit einer coolen Actionheldin, die vor allem das tut, was Actionheldinnen halt so tun.

Verschwörung (The Girl in the Spider’s Web: A New Dragon Tattoo Story, USA 2018)

Regie: Fede Alvarez

Drehbuch: Fede Alvarez, Jay Basu, Steven Knight

LV: David Lagercrantz: Det some ine dödar oss, 2015 (Verschwörung)

mit Claire Foy, Sverrir Gudnason, Sylvia Hoeks, Lakeith Stanfield, Claes Bang, Stephen Merchant, Christopher Convery, Vicky Krieps, Cameron Britton, Synnøve Macody Lund,

Mikael Persbrandt

Länge: 116 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Die Vorlage im Filmcover

David Lagercrantz: Verschwörung

(Filmausgabe)

(übersetzt von Ursel Allenstein)

Heyne, 2018

608 Seiten

22,99 Euro (gebundene Ausgabe)

9,99 Euro (Taschenbuch)

Gebundene Ausgabe

Heyne, 2015

Originaltitel

Det some ine dödar oss

Norstedts, Stockholm, 2015

Der fünfte Roman mit Lisbeth Salander

David Lagercrantz: Verfolgung

(übersetzt von Ursel Allenstein)

Heyne, 2017

480 Seiten

22,99 Euro (gebundene Ausgabe)

9,99 Euro (Taschenbuch, erscheint am 10. Dezember 2018)

Originalausgabe

Mannen som sökte sin skugga

Norsteds, Stockholm 2017

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Verschwörung“

Metacritic über „Verschwörung“

Rotten Tomatoes über „Verschwörung“

Wikipedia über „Verschwörung“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Stieg Larssons „Verblendung“ (Buch und Film)

Meine Besprechung von Stieg Larssons „Verdammnis“ (Buch und Film)

Meine Besprechung von Stieg Larssons „Vergebung“ (Buch und Film)

Homepage von Stieg Larsson

Heyne über Stieg Larsson

Krimi-Couch über Stieg Larsson

Wikipedia über Stieg Larsson (deutsch, englisch)

Stieg Larsson in der Kriminalakte

Meine Besprechung der Stieg-Larsson-Parodie „Verarschung“ (The Girl with the Sturgeon Tattoo, 2011) von Lars Arffssen

Meine Besprechung von Dan Burstein/Arne de Keijzer/John-Henri Holmbergs “Die Welt der Lisbeth Salander” (The Tattooed Girl, 2011)

Meine Besprechung von David Finchers Stieg-Larsson-Verfilmung “Verblendung” (The Girl with the Dragon Tattoo, USA 2011)

Meine Besprechung von Denise Mina (Autor)/Leonardo Manco/Andrea Mutti (Zeichner) „Stieg Larsson – Millennium: Verblendung – Band 1“ (The Girl with the Dragoon Tattoo – Book One, 2012 )

Meine Besprechung von Denise Mina/Leanardo Manco/Andrea Muttis “Stieg Larsson- Millennium: Verblendung – Band 2″ (The Girl with the Dragoon Tattoo – Book Two, 2013)

 Meine Besprechung von Denise Mina/Leonardo Manco/Andrea Mutti/Antonio Fusos “Stieg Larsson – Millennium: Verdammnis – Band 1” (The Girl who played with Fire – Book One, 2014)

Meine Besprechung von David Lagercrantz‘ „Verschwörung“ (Det some ine dödar oss, 2015)

Meine Besprechung von Fede Alvarez‘ „Don’t Breathe“ (Don’t Breathe, USA 2016)

Eine Frage an den Regisseur und die Hauptdarstellerinnen, die hier tun, was sie im Film nicht tun


DVD-Kritik: „3 Tage in Quiberon“ mit Romy Schneider

September 29, 2018

Beim diesjährigen Deutschen Filmpreis war Emily Alefs „3 Tage in Quiberon“ der große Abräumer. Zuerst mit rekordverdächtigen zehn Nominierungen und dann mit sieben Auszeichnungen. Und zwar in den Kategorien Bester Film, Regie, Hauptdarstellerin (Marie Bäumer), Nebendarstellerin (Birgit Minichmayr), Nebendarsteller (Robert Gwisdek [Warum nicht Hauptdarsteller?]), Kamera (Thomas W. Kiennast) und Filmmusik (Christoph M. Kaiser und Julian Maas).

Und dennoch ist es schon vor dem Ansehen ein zwiespältiger Film, der zu den Biopics gehört, die die Porträtierte nicht beim Aufstieg, auf dem Höhepunkt ihrer Karriere oder vor einer schweren, ihr Leben bestimmenden Entscheidung zeigt, sondern sie an einem Tiefpunkt, kurz vor ihrem Tod, zeigt, Das war zuletzt bei „Nico, 1988“ so. Und ist auch bei „3 Tage in Quiberon“ so. Alef zeigt Romy Schneider 1981 während einer längeren Auszeit in Quiberon. Sie versucht in dem französischen Kurort von den Drogen, – Alkohol und Tabletten -, wegzukommen und gesund zu leben. Erfolglos. Emotional ist sie ein Wrack.

Trotzdem hat sie zugestimmt, ein Interview mit dem Stern-Reporter Michael Jürgs zu führen. Der Film zeigt diese sich über drei Tage erstreckende Begegnung zwischen ihnen in der bretonischen Hafenstadt Quiberon.

Am 29. Mai 1982 starb Romy Schneider in Paris unter mehr oder weniger ungeklärten Umständen. Offiziell starb sie an Herzversagen.

3 Tage in Quiberon“ ist als Trip in eine gequälte, zwischen den verschiedenen Anforderungen zerrissene Seele vor allem Marie Bäumers Film. Sie spielt die Hauptrolle und jede Emotion zeigt sich auf ihrem Gesicht.

Robert Gwisdek als Stern-Reporter Michael Jürgs kann neben ihr bestehen als eine Art verhinderter Mini-Stromberg mit furchtbarer Frisur (Perücke?). Er ist das Abbild eines schmierigen Boulevard-Journalisten, dem man nicht über den Weg trauen kann.

Birgit Minichmayer als Romy Schneiders Freundin Hilde Fritsch und Charly Hübner als der mit Schneider befreundete Fotograf Robert Lebeck verblassen dagegen. Fritsch besucht Schneider auf ihren Wunsch und versucht erfolglos, die schlimmsten Selbstentblößungen ihrer Freundin zu verhindern. Lebeck ist dagegen eher der stille Beobachter, der große Bruder, der sich tröstend zu seiner Schwester ins Bett legt und nie eingreift.

Weil man das von Jürgs nach dem Interview publizierte und von Romy Schneider abgesegnete Porträt nicht lesen kann (es erscheint jetzt als Reprint im Bonusmaterial der DVD- und Blu-ray-Ausgabe des Films), kann man auch nicht überprüfen, wie sehr sich die publizierte Fassung von dem Gespräch, wie es im Film gezeigt wird, unterschied. Weil der Film keinen Anhaltspunkt gibt, wie sehr sich Jürgs Porträt von seiner Begegnung mit Romy Schneider unterschied, ist es auch unmöglich zu sagen, wie sehr die im Film gezeigten Szenen irgendeiner Form von Wahrheit entsprechen. Das hinterlässt ein unangenehmes Gefühl und auch eine Leere beim Beurteilen des Wahrheitsgehalts des Films. Sehen wir im Film das wahre Interview oder das publizierte Interview oder eine mehr oder weniger erfundene Fassung des Interviews? Es kann nicht gesagt werden.

So hat man am Ende weniger den Eindruck, etwas über Romy Schneider erfahren zu haben, als einen Spielfilm über eine berühmte, todunglückliche, drogenabhängige Schauspielerin und einen schmierigen Journalisten gesehen zu haben, bei dem unklar ist, wer jetzt wen mehr ausnutzt.

Die von Lebecks SW-Fotografien inspirierten SW-Bilder des Films sehen zwar gut aus, aber es entsteht nie das Gefühl, den Film im Kino sehen zu müssen. Ästhetisch ist es, trotz der heute unüblichen SW-Fotografie, ein Fernsehfilm. Es ist auch ein Film, bei dem ich mich fragte, wie die Bilder in Farbe aussähen und ob man damit Akzente hätte setzen können, die hier im Schwarz-Weiß fehlen. Und das sage ich als SW-Fan.

3 Tage in Quiberon“ sieht nämlich wie ein Farbfilm aus, den man zufälligerweise auf einem SW-Fernseher sieht.

Das auf den ersten Blick umfangreiche Bonusmaterial enttäuscht dann. So gibt es im „Making-of“ und dem Featurette „Hinter den Kulissen“, mal in SW, mal in Farbe, nur musikalisch unterlegte Bilder von den Dreharbeiten.

3 Tage in Quiberon (Deutschland 2018)

Regie: Emily Atef

Drehbuch: Emily Atef

mit Marie Bäumer, Birgit Minichmayr, Charly Hübner, Robert Gwisdek, Denis Lavant, Yann Grouhel, Christopher Buchholz, Vicky Krieps

DVD im Schuber

Prokino Home Entertainment

Bild: 2,40:1

Ton: Deutsch (Deutsch 5.1 Dolby Digital)

Untertitel: Deutsch, Deutsch für Hörgeschädigte

Länge: 112 Minuten

FSK: ab 0 Jahre

Bonusmaterial (auf Extra-DVD, 113 Minuten, angekündigt): Zusätzliche unveröffentlichte Szenen, kommentiert von der Regisseurin Emily Atef, Verleihung des Deutschen Filmpreis 2018, Making-of, Hinter den Kulissen, Interviews mit Marie Bäumer, Emily Atef, Robert Gwisdek und Charly Hübner, Audiokommentar von Emily Atef und dem Produzenten Karsten Stöter, Trailer

Blu-ray im Schuber

Prokino Home Entertainment

Bild: HD1080 (2,40:1)

Ton: Deutsch (5.1 DTS-HD Master Audio)

Untertitel: Deutsch, Deutsch für Hörgeschädigte

Länge: 116 Minuten

FSK: ab 0 Jahre

Bonusmaterial (116 Minuten, angekündigt): Zusätzliche unveröffentlichte Szenen, kommentiert von der Regisseurin Emily Atef, Verleihung des Deutschen Filmpreis 2018, Making-of, Hinter den Kulissen, Interviews mit Marie Bäumer, Emily Atef, Robert Gwisdek und Charly Hübner, Audiokommentar von Emily Atef und dem Produzenten Karsten Stöter, Trailer

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „3 Tage in Quiberon“

Moviepilot über „3 Tage in Quiberon“

Rotten Tomatoes über „3 Tage in Quiberon“

Wikipedia über „3 Tage in Quiberon“ (deutsch, englisch)

Berlinale über „3 Tage in Quiberon“


Neu im Kino/Filmkritik: „Der seidene Faden“ der Liebe zwischen Daniel Day-Lewis und Vicky Krieps, beobachtet von Lesley Manville

Februar 5, 2018

Das ist also der Film, mit dem Daniel Day-Lewis seine Schauspielerkarriere beenden will. Sagt in Interviews der am 29. April 1957 in London geborene, inzwischen zum irischen Staatsbürger gewordene hochgelobte Schauspieler. Er vertieft sich oft für Ewigkeiten in seine Rollen. Er war schon immer sehr wählerisch. Er legte deshalb immer wieder lange Pausen zwischen den Filmen ein, in denen er sich aus dem Filmgeschäft zurückzog. Entsprechend schmal ist seine Filmographie. Die IMDB listet gerade einmal dreißig Filmauftritte auf. Sie ist allerdings auch ungewöhnlich hochkarätig. Zu seinen Filmen gehören „Mein wunderbarer Waschsalon“, „Zimmer mit Aussicht“, „Mein linker Fuß“, „Der letzte Mohikaner“, „Im Namen des Vaters“, „Gangs of New York“ und „Lincoln“. Mit Paul Thomas Anderson, dem Regisseur von „Der seidene Faden“, arbetete er bereits 2007 in „There will be Blood“ zusammen. Für sein Porträt eines skrupellosen Öl-Magnaten erhielt er seinen zweiten Oscar als bester Hauptdarsteller.

Er erhielt insgesamt drei Oscars und gewann weitere 140 Filmpreise, unter anderem zwei Golden Globes und vier Baftas.

Wenn die diesjährigen Preisverleihungen abgeschlossen sind, dürfte Day-Lewis, der selbstverständlich für „Der seidene Faden“ das Schneiderhandwerk erlernte, für sein Porträt des Modemachers Reynolds Woodcock einige weitere Trophäen erhalten haben.

Woodcock ist im London der fünfziger Jahre ein Schneider für die High Society. Er und seine Schwester Cyril (Lesley Manville) leben in einem für die Londoner Couturier-Szene typischen kleinem Modehaus in Mayfair. Es ist gleichzeitig Wohn- und Arbeitshaus und Produktionsstätte. Sie leben dort in einem von der Welt abgeschotteten Welt. Sie führt die Geschäfte, organisiert das tägliche Leben und achtet darauf, dass ihr Bruder die von ihm gewünschten Bedingungen für seine Kreativität hat. Sie achtet darauf, dass alle seine Regeln penibel eingehalten und seine Schrullen klaglos toleriert werden. So verlangt er beim Frühstück absolute Ruhe. Nur so kann er sich auf seinen Tag einstimmen und kreativ sein. Für Fremde ist das tägliche gemeinsame Frühstück eine Tortur, die in einem Mikrokosmos die Welt des „House of Woodcock“ zeigt.

Als Woodcock einen Wochenendauflug in ihr Landhaus Owlpen Manor unternimmt, trifft er in einem Fischerdorf in einem Restaurant die junge, etwas unbeholfene Kellnerin Alma (Vicky Krieps). Er ist von ihr fasziniert, lädt sie für den Abend ein, verführt sie (was angesichts seiner gesellschaftlichen Stellung leicht ist) und erwählt sie zu seiner neuen Muse.

Sie zieht bei ihm ein und muss als erstes die vielen Hausregeln lernen, wozu unter anderem die schon erwähnte absolute Stille beim gemeinsamen Frühstück gehört; – und wahrscheinlich wurde noch nie so ausdauernd und nervig ein Brötchen mit Butter bestrichen, bis auch der letzten Zuschauer im Saal verstanden hat, dass diese Art des Brötchenstreichens der Horror ist. Jedenfalls für einen Feingeist wie Woodcock, der in einer Zeit lebte, als Kreative wegen ihres Künstlertums jede Marotte und Neurose ausleben durften, weil sie nur so kreativ sein konnten.

Alma ist allerdings nicht bereit, sich klaglos den Hausregeln unterzuordnen.

Der seidene Faden“ ist eine Gothic Romance, die immer wieder an Alfred Hitchcocks Daphne-du-Maurier-Verfilmung „Rebecca“, die Urmutter aller Gothic Romances, erinnert. Schließlich ist Alma im Woodcock-Haus quasi gefangen und den Launen des Hausherrn und seiner strengen Schwester gnadenlos ausgesetzt. Jedenfalls bis Woodcock genug von ihr hat und sich seine nächste Muse sucht. Nur dass dieses Mal die Muse das nicht akzeptieren möchte. Sie kämpft um ihren Platz an Woodcocks Seite und um ihre Eigenständigkeit. Und wer will kann diesen Kampf auch als den Kampf der weitgehend unbekannten Luxemburgerin Vicky Krieps („Der junge Karl Marx“, „Colonia Dignidad“, „A most wanted Man“) gegen Daniel Day-Lewis interpretieren. In jedem Fall behauptet sie sich erfolgreich gegen den älteren Mann, der, das muss auch gesagt werden, in einer Welt voller Frauen lebt, die ihn bewundern, seine Kreationen wollen, aber auch über ihn bestimmen. Ob das seine Schneiderinnen sind, die in einer hierarchisch fein abgestuften Klassengesellschaft im House of Woodcock arbeiten, oder seine vermögenden Kundinnen oder seine verstorbene Mutter oder seine Schwester, die als Haushälterin alles so organisiert, dass er für seine Kundinnen seine beste Leistung erbringen kann.

Paul Thomas Anderson erzählt diese letztendlich sehr verquere, dunkle Liebesgeschichte mit grandiosen Schauspielern, der sich bewusst in den Vordergrund spielenden Musik von „Radiohead“-Musiker und Anderson Hauskomponist Jonny Greenwood, einer prächtigen Ausstattung und einem sehr präzisen Blick auf kleinste Details. Die zahlreichen Anspielungen, erzählerischen Verschränkungen und Doppeldeutigkeiten machen „Der seidene Faden“ zu einem sehr komplexen und bezugreichen Werk. Allerdings erzählt Anderson seine Geschichte sehr langsam. Am Ende dauert der Film über hundertdreißig Minuten, aus denen man mindestens dreißig Minuten hätte herausschneiden können.

Der seidene Faden (Phantom Thread, Großbritannien 2017)

Regie: Paul Thomas Anderson

Drehbuch: Paul Thomas Anderson

mit Daniel Day-Lewis, Vicky Krieps, Lesley Manville, Brian Gleeson, Sue Clark, Harriet Sansom Harris, Lujza Richter

Länge: 131 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Hinweise

Deutsche Facebook-Seite zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Der seidene Faden“

Metacritic über „Der seidene Faden“

Rotten Tomatoes über „Der seidene Faden“

Wikipedia über „Der seidene Faden“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Paul Thomas Andersons „Inherent Vice – Natürliche Mängel“ (Inherent Vice, USA 2015)

Zwei Gespräche mit Paul Thomas Anderson über den Film

Zwei Gespräche mit Vicky Krieps über den Film


TV-Tipp für den 13. Dezember: Colonia Dignidad – Es gibt kein Zurück

Dezember 13, 2017

Pro7, 20.15

Colonia Dignidad – Es gibt kein Zurück (Deutschland/Luxemburg/Frankreich 2015)

Regie: Florian Gallenberger

Drehbuch: Torsten Wenzel, Florian Gallenberger

Chile, 1973: Als ihr Freund während des Militärputschs verschwindet, macht Lena sich auf die Suche nach ihm. Sie glaubt, dass er in der Colonia Dignidad festgehalten wird. Als unlängst zum Christentum Bekehrte schleust sie sich in die von dem Deutschen Paul Schäfer geleitete, abgeschottet im Süden Chiles residierende Sekte ein. Dort entdeckt sie ein Terrorregime, das eine äußerst genaue Beschreibung des Lebens in der Colonia Dignidad ist. Sie wurde 1961 von dem ehemaligen evangelischen Jugendpfleger, Laienprediger und Pädophilen Paul Schäfer gegründet. In ihr sollte ein urchristliches Leben geführt werden. Seine Jünger, alles Deutsche, verehrten ihn.

Insgesamt sehenswerter Polit-Thriller, der zum Kinostart mit einer erfundenen Geschichte (Lena und ihr Freund Daniel sind erfundene Charaktere) ein unrühmliches Kapitel der deutschen Nachkriegsgeschichte wieder ins öffentliche Bewusstsein zurückholte: die Colonia Dignidad, ihre Unterstützung durch die deutsche Politik (vor allem CSUler) und ihre Beziehungen zum chilenischen Pinochet-Folterregime.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

Es kann sein, dass um 20.15 Uhr eine gekürzte Fassung gezeigt wird. Die Nachtwiederholung müsste dann die ungekürzte Kinofassung sein.

mit Emma Watson, Daniel Brühl, Michael Nyqvist, Richenda Carey, Vicky Krieps, Jeanne Werner, Julian Ovenden, August Zirner, Martin Wuttke

Wiederholung: Donnerstag, 14. Dezember, 00.55 Uhr (Taggenau!)

Hinweise
Homepage zum Film
Filmportal über „Colonia Dignidad“
Moviepilot über „Colonia Dignidad“
Rotten Tomatoes über „Colonia Dignidad“
Wikipedia über „Colonia Dignidad“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Florian Gallenbergers „Colonia Dignidad – Es gibt kein Zurück“ (Deutschland/Luxemburg/Frankreich 2015)


Neu im Kino/Filmkritik: Über den Thriller „Colonia Dignidad – Es gibt kein zurück“

Februar 22, 2016

Chile, 11. September 1973: General Augusto Pinochet putscht sich gegen den demokratisch gewählten, sozialistischen Präsident Salvador Allende an die Macht und errichtet eine Militärdiktatur, die erst 1990 endet. Der junge, deutsche, linksgerichtete Fotograf und Politkünstler Daniel (Daniel Brühl) wird verhaftet. Er verschwindet, wie unzählige andere Menschen, spurlos. Seine Freundin, die unpolitische Stewardess Lena (Emma Watson), will ihn finden. Er soll in der Colonia Dignidad, einer von dem deutschen Paul Schäfer (Michael Nyqvist) geleiteten, abgeschottet im Süden Chiles residierenden Sekte, sein. Lena schleust sich als unlängst zum Christentum Bekehrte ein und was sie dort entdeckt, ist eine äußerst genaue Beschreibung des Lebens in der Colonia Dignidad, die 1961 von dem ehemaligen evangelischen Jugendpfleger, Laienprediger und Pädophilen Paul Schäfer gegründet wurde und in der ein urchristliches Leben geführt werden sollte. Seine Jünger, alles Deutsche, verehrten ihn. Seine guten Verbindungen zur Pinochet-Diktatur und zu wichtigen CDU- und vor allem CSU-Mitgliedern schützen ihn und die weitgehend autark lebende ‚Kolonie der Würde‘ vor staatlichen Eingriffen. Gleichzeitig wurde sie zu einem Foltergefängnis, in dem Regimekritiker illegal gefangen gehalten und ermordet wurden. Schon seit den siebziger Jahren gab es zahlreiche Berichte und Bücher über die Sekte, ihre Verflechtungen mit dem Staat und ihrer absolut unchristlichen Umtriebe. Am 24. Mai 2006 wurde der am 24. April 2010 verstorbene Paul Schäfer wegen Kindesmissbrauchs in 25 Fällen zu 20 Jahren Haft verurteilt wurde. Heute nennt sich die Colonia Dignidad „Villa Baviera“ (Dorf Bayern – kein Kommentar) und sie ist fast vollständig aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwunden.
Das kann sich durch Florian Gallenbergers Film ändern, der zwar den Pfaden des Polit-Thrillers folgt, über die Sekte und die Pinochet-Diktatur aufklärt und auch die damalige revolutionäre Zeit wieder ins Bewusstsein ruft, aber die faschistische Seite der Colonia Dignidad, die Verbindungen der Sekte nach Deutschland, ihre Menschenversuche und auch ihre Giftgas- und Waffengeschäfte weitgehend ignoriert. Das wäre zwar ein anderer Film, aber so ist „Colonia Dignidad“ vor allem ein Einblick in eine etwas skurrile Sekte, die schon damals in der Vergangenheit lebt und einen Führerkult pflegt, der es dem Führer ermöglicht, Herr über Leben und Tod zu sein. Das ist in seiner Beschreibung eines totalitären Systems, das seine Absichten mit hehren Absichten kaum verhüllt, auch gelungen.
Allerdings bleibt man als Zuschauer immer auf der sicheren Seite. Sympathien und Antipathien sind in Gallenbergers Film eindeutig verteilt. Die beiden Protagonisten Lena und Daniel geraten daher nie auch nur ansatzweise in Versuchung ein Mitglied der Sekte zu werden. Denn die Sekte und ihr Anführer wirken von der ersten Sekunde an so abstoßend, dass niemand dort freiwillig Mitglied werden möchte. Entsprechend rätselhaft ist, weil der historische Hintergrund letztendlich mit bekannten Bildern operierendes Zeitkolorit bleibt, dann auch warum jemals irgendjemand dort Mitglied werden möchte und was die Mitglieder so an ihrem Oberhaupt, das sie eiskalt manipulierte, faszinierte. Immerhin verließen die Sektengründer und die ersten Gemeindemitglieder 1961 Deutschland, weil sie eine kommunistische Invasion befürchteten und der Hitler-Faschismus war in Deutschland noch nicht einmal im Ansatz verarbeitet.
Weniger gelungen ist im Rahmen der einfachen Gut-Böse-Zuschreibung und der historisch verbürgten Beschreibung des Sektenlebens, dann die Filmgeschichte. Also Lenas Versuche ihren Freund Daniel zu befreien und auch Daniels Versuche, aus der Sekte zu fliehen. Beide Erzählstränge plätschern eher so vor sich hin. Anstatt aktiv nach einer Fluchtmöglichkeit zu suchen (wie die Gefangenen in „Gesprengte Ketten“, die schon beim Betreten des Lagers versuchen, aus ihm zu flüchten), warten sie geduldig ab, ob sich gerade eine günstige Gelegenheit ergibt. Damit wird der Konflikt zwischen Freiheit und Unfreiheit weit unter seinen erzählerischen Möglichkeiten verkauft.

Colonia Dignidad - Plakat 4

Colonia Dignidad – Es gibt kein zurück (Deutschland/Luxemburg/Frankreich 2015)
Regie: Florian Gallenberger
Drehbuch: Torsten Wenzel, Florian Gallenberger
mit Emma Watson, Daniel Brühl, Michael Nyqvist, Richenda Carey, Vicky Krieps, Jeanne Werner, Julian Ovenden, August Zirner, Martin Wuttke
Länge: 110 Minuten
FSK: ab 16 Jahre

Hinweise
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Filmportal über „Colonia Dignidad“
Moviepilot über „Colonia Dignidad“
Rotten Tomatoes über „Colonia Dignidad“
Wikipedia über „Colonia Dignidad“ (deutsch, englisch)


DVD-Kritik: Die John-le-Carré-Verfilmung „A most wanted Man“ mit Philip Seymour Hoffman

Februar 27, 2015

Zwischen den beiden abschließenden „Die Tribute von Panem“-Spektakelfilmen kann man, in aller Ruhe, noch einmal oder – was wahrscheinlich für die meisten gilt – erstmals einen Blick auf die heute als DVD und Blu-ray und als VoD erschienene John-le-Carré-Verfilmung „A most wanted man“ werfen. Über Philip Seymour Hoffmans letzten wirklich wichtigen Film schrieb ich zum Kinostart:

Auch wenn es noch zwei „Die Tribute von Panem“-Filme mit Philip Seymour Hoffman gibt, ist Anton Corbijns John-le-Carré-Verfilmung „A most wanted man“ der letzte richtige Film des am 2. Februar 2014 verstorbenen Charakterschauspielers. Denn in dem Film spielt er, der oft prägnante Nebenrollen hatte und großartige Bösewichter spielte, die Hauptrolle: den deutschen Geheimagenten Günther Bachmann, der in Hamburg eine kleine Agenteneinheit leitet. Im Film wird die Einheit nicht genauer spezifiziert. Im Roman ist es, bitte nicht Lachen, die Spezialeinheit Hintergrund des Hamburger Landesamtes für Verfassungsschutz. Bachmann will nicht den kurzfristigen Erfolg, sondern die Hintermänner des islamistischen Terrors finden. Als Issa Karpov auftaucht, wittert er seine große Chance.
Karpov, ein über den Hafen illegal eingereister Flüchtling mit deutlichen Spuren von Folter an seinem Körper, will an das Geld von seinem Vater, einem Russen, der nach dem Ende der Sowjetunion Geschäfte mit der russischen Mafia machte und vermögend wurde. Das Geld ist bei einer auf Diskretion bedachten Privatbank.
Bachmann glaubt, dass der Halbtschetschene Karpov mit dem Geld den internationalen Terrorismus fördern will.
Auch andere Geheim- und Sicherheitsdienste und die Amerikaner glauben das. Aber die Ansichten, wie man Karpov behandeln soll, gehen auseinander und schnell erleben wir ein Karussell von Geheimdienstintrigen, in die auch eine junge, idealistische Anwältin und ein älterer Bankierssohn, verwickelt werden, während Karpov immer nur die Projektionsfläche der verschiedenen Dienste bleibt. Denn es gibt absolut keinen handfesten Beweis für die Vermutungen der Agenten.
Das alles ist bester le-Carré, der von „Lantana“-Drehbuchautor Andrew Bovell sparsam von 2008 (Prä-NSA, Prä-NSU) in die Gegenwart (Post-NSA, Post-NSU) übertragen wurde. Wahrscheinlich deshalb wirkt die Geschichte, die politischen Hintergründe und die verwandte Technik etwas anachronistisch. Die Schauspieler sind gut. Neben US-Stars wie Hoffman (dem unumstrittenem Zentrum des Films), Rachel McAdams, Willem Dafoe und Robin Wright, spielen auch deutsche Stars, wie Nina Hoss, Daniel Brühl (der zwar viel Screentime, aber nur ungefähr einen Dialogsatz hat), Rainer Bock und Martin Wuttke, mit. Die Bilder (Kamera: Benoit Delhomme) sind, wie bei Corbijn gewohnt, prächtig. Corbijn war vorher ein bekannter Fotograf und so ist auch jedes Bild von „A most wanted man“ geeignet, als Einzelbild gedruckt zu werden. Es gibt auch einen Bildband zum Film.
Aber diese Bilder von Hamburg erinnern in ihrer Stilisierung immer an das Berlin der achtziger Jahre; jedenfalls wie wir es heute von SW-Fotos kennen. Es sieht nie – obwohl ich schon länger nicht mehr in Hamburg war – wie das heutige Hamburg aus.
Außerdem irritiert in der Originalfassung, dass alle Englisch sprechen. Denn es wird eine deutsche Geschichte erzählt wird, die in Deutschland spielt mit deutschen Charakteren, die in der Realität natürlich in ihrer Landessprache sprechen würden. Bis auf die von Robin Wright gespielte CIA-Mitarbeiterin sind die Hauptcharaktere Deutsche, die in den wichtigen Rollen von US-Amerikanern gespielt werden, und alle reden immer Englisch. Deutsch wird höchstens bei der Getränkebestellung gesprochen. Das fühlt sich dann, jedenfalls für uns Deutsche, schon sehr seltsam an.
Corbijn will, wie schon in seinem vorherigen Film „The American“ (mit George Clooney), nicht thrillen. Er inszeniert deshalb diese Episode aus dem Kampf der Geheimdienste, die wie der Roman abrupt endet, in einem getragenen Tempo, in dem jeder Schauspieler seinen langsam gesprochenen Sätzen hinterherlauscht und es meist eine Kunstpause vor dem nächsten Satz gibt. Das ist als Schauspielerkino nicht ohne Reiz, aber es ist auch teilweise genauso spannend, wie Farbe beim Trocknen zuzusehen.
„A most wanted man“ ist ein Agententhriller der im Ränkespiel der Dienste konsequent jeden Thrill vermeidet und so nicht so gut ist, wie er hätte sein können.

Beim zweiten Ansehen, dieses Mal in der deutschen Fassung, gefiel mir der Film besser. Denn der in der Originalfassung für uns vorhandene und immer irritierende Verfremdungseffekt ist nicht mehr vorhanden. Es ist immer noch eine kleine Episode aus dem unglamourösen Agentenleben, die in erster Linie ein intellektuelles Vergnügen ist, bei der wir beobachten, wie die Dienste, unter ständiger Berücksichtigung ihrer Eigeninteressen, zusammenarbeiten und im entscheidenden Moment eiskalt ihre Chance nutzen. Da ist der Einzelne, wie man es auch aus den anderen Romanen von John le Carré kennt, nur ein von anderen benutzter Spielball.
Außerdem können unsere deutschen Schauspieler, befreit von den Fesseln schlechter deutscher Drehbücher, endlich einmal ihr Können zeigen.
Das Bonusmaterial, ein fünfzehnminütiges „Making-of“ und das neunminütiges Featurette „Spy Master – John le Carré in Hamburg“ bieten interessante Einblicke in die Hintergründe des Films. Immerhin kommen Anton Corbijn und John le Carré zu Wort.
Corbijn nächster Film „Life“ über einen Fotografen des Life Magazine, der 1955 eine Fotostrecke über den aufstrebenden Schauspieler James Dean machen soll, lief bereits auf der Berlinale. In Deutschland soll der Film am 1. Oktober anlaufen.

A most wanted man - DVD-Cover
A most wanted man (A most wanted man, Deutschland/Großbritannien 2014)
Regie: Anton Corbijn
Drehbuch: Andrew Bovell
LV: John le Carré: A most wanted man, 2008 (Marionetten)
mit Philip Seymour Hoffman, Rachel McAdams, Grigoriy Dobrygin, Willem Dafoe, Robin Wright, Homayoun Ershadi, Nina Hoss, Franz Hartwig, Daniel Brühl, Kostja Ullmann, Vicky Krieps, Rainer Bock, Herbert Grönemeyer, Charlotte Schwab, Martin Wuttke

DVD
Senator
Bild: 2,35:1 (16:9)
Ton: Deutsch, Englisch (DD 5.1)
Untertitel: Deutsch, Deutsch für Hörgeschädigte
Bonusmaterial: Making-of; Featurette: Spy Master – John le Carré in Hamburg
Länge: 117 Minuten
FSK: ab 12 Jahre (Hauptfilm ab 6 Jahren)

Hinweise
Englische Homepage zum Film
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „A most wanted man“
Moviepilot über „A most wanted man“
Metacritic über „A most wanted man“
Rotten Tomatoes über „A most wanted man“
Wikipedia über „A most wanted man“ (deutsch, englisch)

Homepage von John le Carré

Meine Besprechung von John le Carrés „Geheime Melodie“ (The Mission Song, 2006)

Meine Besprechung von John le Carrés “Marionetten (A most wanted man, 2008)

Meine Besprechung von John le Carrés “Verräter wie wir” (Our kind of traitor, 2010)

Meine Besprechung von John le Carrés “Empfindliche Wahrheit” (A delicate truth, 2013)

Meine Besprechung der John-le-Carré-Verfilmung “Bube, Dame, König, Spion” (Tinker, Tailor, Soldier, Spy, Großbritannien/Frankreich/Deutschland 2011)

Meine Besprechung der John-le-Carré-Verfilmung „A most wanted man“ (A most wanted man, Deutschland/Großbritannien 2014)

John le Carré in der Kriminalakte


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