Neu im Kino/Filmkritik: Wie sieht es „Inside WikiLeaks“ aus?

Oktober 31, 2013

 

Inside WikiLeaks – Die fünfte Gewalt“, der erste Spielfilm über die Enthüllungsplattform, ist kein guter Film und dennoch ist es ein sehenswerter Film.

Die Geschichte von WikiLeaks dürfte in großen Zügen ja bekannt sein: der australische Hacker Julian Assange (grandios gespielt von Benedict Cumberbatch) gründet eine Plattform, auf der er Geheimdokumente online stellt. Daniel Domscheit-Berg (damals Daniel Berg, ebenfalls grandios von Daniel Brühl gespielt) wird sein Vertrauter. Mit ihren Enthüllungen bringen sie die Julius-Bär-Bank in die Bredouille (im Film übergibt ein von Axel Milberg gespielter Banker Domscheit-Berg bei seiner ersten Übergabe von Geheiminformationen im Januar 2008 das Material), leaken Informationen über die isländische Kaupthing Bank, veröffentlichen das „Collateral Murder“ genannte Video über einem US-Militäreinsatz, bei dem mehrere Zivilisten und zwei Reuters-Angestellte ermordet wurden, und stellen Tonnen von US-Regierungsdokumenten online. Diese vom US-Soldaten Bradley Manning beschafften Dokumente werden auch, zeitgleich zur WikiLeaks-Veröffentlichung im Juli 2010 in mehreren Zeitungen, wie „The Guardian“ und „Der Spiegel“, veröffentlicht. Die US-Regierung beginnt gegen den Störenfried vorzugehen. Die Wege von Assange und Domscheit-Berg trennen sich. Fast gleichzeitig werfen zwei Schwedinnen Assange vor, sie vergewaltigt zu haben. Assange will nicht in Schweden aussagen und sitzt seit über einem Jahr, als politischer Flüchtling, in der ecuadorianischen Botschaft in London fest.

Bill Condons Film folgt dieser Geschichte, erzählt dabei von der Freundschaft zwischen Assange und Berg, die als platonische Liebesgeschichte mit all ihren Verwerfungen und Problemen quasi im Mittelpunkt des Films steht, entwirft ein Psychogramm von Assange als charismatisches, von seiner Mission überzeugtes Arschloch und erzählt von der großen Enthüllung der US-Regierungsdokumente und damit der Beziehung zwischen Assange und dem Guardian. Die New York Times und der Spiegel, die daran auch beteiligt waren, bleiben Zaungäste – und den anonymen Whistleblowern gebührt während des gesamten Films kaum ein Halbsatz.

Das ist viel Stoff für einen Film und mit über zwei Stunden ist „Inside WikiLeaks“ auch zu lang geraten. Er franst an allen Ecken und Enden aus, weil Regisseur Bill Condon („Gods and Monsters“, „Kinsey“, „Breaking Dawn – Bis(s) zum Ende der Nacht“) und Drehbuchautor Josh Singer („The West Wing“, „Lie to me“, „Fringe“) alles erzählen wollen; jedenfalls soweit die Geschichte bis jetzt bekannt ist und das innerhalb von zwei Stunden. Man merkt daher auch immer, dass in diesem mit entsprechend heißer Nadel gestricktem Film eine ordentliche Überarbeitung des Drehbuchs, die zu einer eindeutigen erzählerischen Perspektive geführt hätte, fehlt. Ein Mangel, den „Inside WikiLeaks“ mit anderen Filmen, die unmittelbar nach den Ereignissen gedreht wurden, teilt. Denn der historische Abstand, der dazu führt, dass man Fakten von Fiktion trennen kann und dass man die Ereignisse und ihre Bewertung in Ruhe einsortieren kann, fehlt. Die Reflektion über das Ausmaß des Umbruchs fehlt noch. Die Zeit und der Wille, sich für eine Geschichte zu entscheiden fehlt und wahrscheinlich wäre „Inside WikiLeaks“ in der jetzigen Form als drei- oder vierstündiger TV-Film, in dem dann die Zeit gewesen wäre, tiefer in die Materie einzusteigen und man auch ganz anders zwischen Haupt- und Nebenplots wechseln kann, gelungener.

Dennoch und trotz seiner üppigen Laufzeit bleibt „Inside WikiLeaks“ oberflächlich und ist, soweit das bei den sich widersprechenden Statements der mehr oder weniger in die Ereignisse verwickelten realen Personen, die in herzlicher Abneigung miteinander verbunden sind und ihren Streit öffentlich austragen, eindeutig gesagt werden kann, sicher oft historisch nicht besonders akkurat. So ist, um nur ein Beispiel zu nennen, Daniel Domscheit-Bergs damalige Freundin und heutige Ehefrau in Wirklichkeit zehn Jähre älter als er; im Film ist sie deutlich jünger und sie wirkt wie eine x-beliebige, unpolitische Studentin. Julian Assange, dem wahrscheinlich nur ein vom ihm geschriebener und inszenierter Film mit ihm in der Hauptrolle gefallen könnte, hat schon mehrmals sein Missfallen über den Film geäußert und auch andere in die WikiLeaks-Geschichte involvierte Menschen zählen in liebenswerter Genauigkeit die Fehler des Films auf. Als gäbe es nur eine Wahrheit. Als sei ein Spielfilm ein Dokumentarfilm, wie Alex Gibneys kürzlich im Kino gelaufene und demnächst auf DVD erscheinende sehr gelungene Dokumentation „We steal Secrets: Die WikiLeaks-Geschichte“ (We steal Secrets: The Story of WikiLeaks, USA 2013), die auch dem Whistleblower Bradley Manning, der WikiLeaks die zahlreichen US-Dokumente gab, seinen gebührenden Platz gibt. In „Inside WikiLeaks“ wird er nur in einem Halbsatz erwähnt und die Vergewaltigungsvorwürfe, die in Gibneys Doku ausführlich geschildert werden, werden in „Inside WikiLeaks“ mit einer Texttafel abgehandelt, weil er letztendlich die gemeinsame Zeit von Julian Assange und Daniel Domscheit-Berg von Dezember 2007 bis zu ihrer Trennung im Spätsommer 2010 schildert.

Nachdem Condon zunächst die üblichen Bildern von jungen Männern, die enthemmt die Tastatur malträtieren und Buchstaben und Zahlen über den Bildschirm flackern, zeigt, gelingen ihm später zahlreiche sehr gelungene Visualisierungen des Cyberspace. Das erste Privatgespräch von Assange und Domscheit-Berg, nachdem sie sich Ende Dezember 2007 in Berlin auf dem Chaos Commmunications Congress (24C3) kennen lernen, ist so grotesk, dass es wahrscheinlich wahr ist: Assange und Domscheit-Berg ziehen sich im nicht mehr existierendem alternativen Künstlerhaus „Tacheles“ in ein Nebenzimmer, in dem sie allein sind, zurück, um sich, an einem Tisch sitzend, via Computer zu unterhalten. Treffender wurde das Lebensgefühl dieser Computernerds wahrscheinlich noch nie gezeigt. Später springt Condon in den Cyberspace und findet für komplexe Vorgänge grandios einfache und eindrückliche Bilder. Zum Beispiel wenn Domscheit-Berg erkennt, dass hinter den vielen WikiLeaks-Mitarbeitern, mit denen er in den vergangenen Monaten eifrig elektronisch kommunizierte und von denen er nur die Namen kannte, immer Assange steckte. Dann erscheint hinter jedem Schreibtisch und hinter jedem Namen, die in einem anonymen, raum- und fensterlosem Großraumbüro stehen, das Gesicht von Assange.

Trotz aller Fehler, die „Inside WikiLeaks“ hat, gelingt es dem Film, vor allem im letzten Drittel, wenn es um die Veröffentlichung von Dokumenten im Guardian und auf WikiLeaks geht, zum Nachdenken über den Wert und die Gefahren von Transparenz anzuregen. Er erzählt auch von den persönlichen Verwerfungen, die es in Projekten immer wieder gibt und wie ein Charismatiker Menschen begeistern kann.

Damit bietet der sich an ein breites Publikum richtende Film, der definitiv kein Anti-WikiLeaks-Film ist, genug Stoff für eine ordentliche Diskussion nach dem Filmende – und das ist dann wieder mehr, als andere Filme liefern.

Inside Wikileaks - Plakat

Inside WikiLeaks – Die fünfte Gewalt (The Fifth Estate, USA 2013)

Regie: Bill Condon

Drehbuch: Josh Singer

LV: Daniel Domscheit-Berg (mit Tina Klopp): Inside WikiLeaks: Meine Zeit bei der gefährlichsten Webseite der Welt, 2011; David Leigh/Luke Harding: WikiLeaks: Inside Julian Assange’s War on Secrecy, 2011 (WikiLeaks: Julian Assanges Krieg gegen Geheimhaltung)

mit Benedict Cumberbatch, Daniel Brühl, Anthony Mackie, Laura Linney, Stanley Tucci, David Thewlis, Peter Capaldi, Alan Rusbridger, Alicia Vikander, Carice van Houten, Moritz Bleibtreu, Axel Milberg, Ludger Pistor, Lisa Kreuzer, Edgar Selge, Alexander Siddig (viele bekannte Namen, aber viele haben nur kurze Auftritte)

Länge: 128 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Englische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Inside WikiLeaks“

Moviepilot über „Inside WikiLeaks“

Metacritic über „Inside WikiLeaks“

Rotten Tomatoes über „Inside WikiLeaks“

Wikipedia über „Inside WikiLeaks“ (deutsch, englisch), WikiLeaks (deutsch, englisch) und Julian Assange (deutsch, englisch

Homepage von Wikileaks

Meine Besprechung von Alex Gibneys „We steal Secrets: Die WikiLeaks-Geschichte“ (We steal Secrets: The Story of WikiLeaks, USA 2013)

 

 


Neu im Kino/Filmkritik: Über Alex Gibneys Wikileaks-Dokumentation „We steal secrets: Die Wikileaks-Geschichte“

Juli 11, 2013

 

Die Geschichte von Wikileaks und Julian Assange kennen wir doch. Immerhin haben in den vergangenen Jahren genug Medien darüber berichtet und viele Menschen haben ihre Meinung über das Veröffentlichen von Staatsgeheimnissen geäußert.

Bradley Manning ist dagegen vergessen worden. Der Gefreite gab Wikileaks hunderttausende Geheimdokumente, unter anderem auch das bekannte 17-minütige Video „Collateral Murder“ über einen Militäreinsatz 2007 in Bagdad, bei dem auch zwei Reuters-Journalisten erschossen wurden. Er wurde Ende Mai 2010 verhaftet, verbrachte die folgenden Jahre teilweise in Isolationshaft und als Alex Gibney seine Dokumentation „We steal Secrets: Die Wikileaks-Geschichte“ im März 2013 beendete, wartete Manning immer noch auf seinen Prozess. Der begann am 3. Juni 2013 vor einem Kriegsgericht, aber die deutsche Presse berichtete kaum darüber.

Dass Gibney in seiner Dokumentation nicht nur dem vergessenen Whistleblower viel Zeit widmet, ist nicht die einzige Überraschung. Die andere ist, – falls man noch keinen Film von Gibney, wie die Oscar-nominierte Doku „Enron: The smartest Guys in the Room“ (2005) und die Oscar-prämierte Doku „Taxi zur Hölle“ (Taxi to the Dark Side, USA 2007), gesehen hat -, wie viele neue oder wenig bekannte Informationen er zusammengetragen hat, wen er alles interviewen konnte (Julian Assange verlangte für ein Interview eine Unsumme und Einfluss auf den Schnitt. Gibney lehnte dankend ab.) und wie er die Informationen strukturiert. Weitgehend folgt er dabei der Chronologie vom rasanten Aufstieg von Wikileaks, dem großen Erfolg mit der Veröffentlichung von US-Geheimdokumenten, der Diskussion über Transparenz und Staatsgeheimnisse und, nachdem die Vergewaltigungsvorwürfe gegen Julian Assange bekannt wurden, dem Abstieg der Plattform. Gleichzeitig erzählt er die Geschichte von Bradley Manning, der die Informationen für den großen medialen Erfolg von Wikileaks beschaffte und als Landesverräter wahrscheinlich einer langen Haftstrafe entgegenblickt. Es ist die Geschichte von zwei gegensätzlichen Charaktere und einer Idee.

Der Anfang der mit über zwei Stunden etwas lang geratenen Dokumentation liefert interessante Einblicke in das Leben und die Psyche von Julian Assange, dem paranoid-egomanischen Kopf von Wikileaks, und die Arbeitsweise und den Ethos von Wikileaks. In der Mitte erfahren wir viel über Bradley Manning, den jungen, homosexuellen Geheimdienst-Analytiker, der sein Geschlecht wechseln wollte und in der Militärbasis bei Bagdad ein mit sich selbst hadernder Außenseiter war, der nur im Internet einen Gesprächspartner fand, der ihn später an die Regierung verriet.

Am Ende beleuchtet Gibney dann die Vergewaltigungsvorwürfe gegen Assange und hier wird die Dokumentation zu einem länglichen er-sagte/sie-sagte, dem eben der dramaturgische Fokus, den der Film vorher hatte, fehlt. Denn dass Julian Assange die Vorwürfe als von den USA lancierte Sexfalle umstandslos in sein paranoides Weltbild einfügte und weltweit seine Anhänger für seine Interessen mobilisierte, wird schnell deutlich. Ebenso, dass Assange die Situation einfach hätte entschärfen können.

Er tat es nicht und sitzt seit Juni 2012 als Flüchtling in London in der Botschaft von Ecuador.

Das Gerichtsverfahren gegen Bradley Manning, den Whistleblower, dem eine lebenslange Gefängnisstrafe droht, läuft derzeit quasi unter Ausschluss der Öffentlichkeit.

Die von Alex Gibney in seinem informativen und sehenswerten Film angesprochenen Fragen, wie Regierungen mit dem Verrat von Staatsgeheimnissen umgehen, wie viel Transparenz nötig ist und welchen Wert die Bürgerrechte künftig haben werden, werden uns noch weiter beschäftigen. Im Moment anhand der von Edward Snowden veröffentlichten Dokumente über die Überwachung des Internets durch amerikanische und britische Geheimdienste, von der die Bundesregierung nicht gewusst haben will.

We steal secrets - Plakat

We steal Secrets: Die Wikileaks-Geschichte (We steal Secrets: The Story of Wikileaks, USA 2013)

Regie: Alex Gibney

Drehbuch: Alex Gibney

mit Julian Assange, Adrian Lamo, Bradley Manning, James Ball, Michael Hayden, Timothy Douglas Webster, Smári McCarthy, Daniel Domscheit-Berg, Jihrleah Showman, Nick Davies, Mark Davis, James Ball

Länge: 130 Minuten

FSK: ?

Hinweise

Amerikanische Facebook-Seite zum Film

Deutsche Facebook-Seite zum Film

Film-Zeit über „We steal Secrets: Die Wikileaks-Geschichte“

Metacritic über „We steal Secrets: Die Wikileaks-Geschichte“

Rotten Tomatoes über „We steal Secrets: Die Wikileaks-Geschichte“

Wikipedia über „We steal Secrets: Die Wikileaks-Geschichte“ (deutsch, englisch), Wikileaks (deutsch, englisch), Julian Assange (deutsch, englisch) und Bradley Manning (deutsch, englisch)

Homepage von Wikileaks

 

 


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