Neu im Kino/Filmkritik: Ein „Unknown User“ stört

Juli 16, 2015

Spoilerwarnung!!!

Vor einem Jahr brachte Laura Barns sich um. Sie konnte nicht mit der Schande – einem entblößendem Video und den hämischen Kommentaren im Netz– leben.
Jetzt hängen einige ihre Schulfreunde vor dem Computer ab und chatten miteinander, bis sie plötzliche „Billie 227“ in ihrem Gespräch haben. Zuerst bemerken Blaire, ihr Freund Mitch und ihre Freunde Jess, Adam, Ken und Val den unbekannten Gast nicht. Dann glauben sie an einen Fehler, den sie mit einem Abbruch und Neuaufnahme ihres Gesprächs beseitigen können. Aber er ist immer noch da und er meldet sich jetzt zu Wort. Er will wissen, wer von ihnen Laura in den Tod trieb. Er weiß Dinge über sie, die er nicht wissen kann. Und er droht jeden, der den Chat vorzeitig verlässt, umzubringen.
Nachdem der Störenfried einen von ihnen vor laufender Kamera tötet, glauben sie ihm. Die noch überlebenden Teenager (Hey, wir wissen doch alle, dass kleine Sünden mit dem Tod bestraft werden!) lassen sich, notgedrungen, auf sein Wahrheitsspielt ein.
Gut, das erinnert etwas ältere Horrorfilmfans an „Ich weiß, was du letzten Sommer getan hast“ (I know what you did last summer, USA 1997). Nur dass dieses Mal die Teenager die ganze Zeit in ihren Zimmern vor ihren Computerbildschirmen verharren müssen. Auf dieser erzählerischen Ebene hat „Unknown User“ auch keine Überraschungen: die Teenager waschen ihre schmutzige Wäsche und sterben dabei der Reihe nach. Meistens schnell und unblutig.
Aber auf der formalen Ebene ist Levan Gabriadzes US-Debüt ist überaus gelungen. Der gesamte Film spielt vor dem Computerbildschirm von Blaire Lily. Wir sehen, wie sie die Maus bewegt. Bilder und Icons vergrößert und verkleinert, zwischen Programmen hin und her switcht und was sie schreibt. Manchmal auch, wie sie etwas geschriebenes vor dem Absenden wieder löscht. In der deutschen Fassung sind dabei alle von ihr benutzten Programme eingedeutsch. Es gibt also keine lästigen Untertitel. Und dieses Beobachten eines Bildschirms ist überhaupt nicht langweilig.
Außerdem gelingen Gabriadze immer wieder köstliche Zuspitzungen, wenn Connie Conways „How you lie, lie, lie“ zu einer Montage der Charaktere, die sich ängstlich anbrüllen und dabei ihrer Lügen überführt werden, als sarkastischer Kommentar abläuft. Da zeigt sich ein inszenatorisches Geschick, das aus „Unknown User“ eine kostengünstig produzierte Talentprobe macht.
Als Film hadert er mit dem üblichen Found-Footage-Overacting, den banalen Teenager-Dialogen (die Schauspieler durften sie improvisieren) und einer letztendlich unbefriedigenden Geschichte. Denn Drehbuchautor Nelson Greaves liefert im Film (es gab verschiedene Fassungen) keine Auflösung. Der Täter, sein Motiv und wie er Teenager umbringt, bleibt vollkommen im Dunkeln. Am Ende sind einfach alle tot. Das ist eine ziemliche Verarschung des Zuschauers. Denn wir müssen annehmen, dass die Teenager in verschiedenen mehr oder weniger weit voneinander entfernt liegenden Häusern leben (Okay, ich dachte mir irgendwann: die Teenies stehen auf, öffnen ihre Zimmertür und treffen sich auf dem Flur des Hauses) und dass der Täter ein Einzeltäter ist. Und da stellt sich die Frage: wie konnte er, solange er kein Geist ist (was im Rahmen eines sich bis zur vorletzten Minute realistisch gebenden Films keine Erklärung ist), seine Taten begehen?

Unknown User - Plakat

Unknown User (Unfriended, USA 2014)
Regie: Levan Gabriadze
Drehbuch: Nelson Greaves
mit Shelley Henning, Moses Storm, Rene Olstead, will Peltz, Jacob Wysocki, Courtney Halverson, Heather Sossaman

Länge: 83 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

Hinweise
Amerikanische Facebook-Seite zum Film
Deutsche Facebook-Seite zum Film
Film-Zeit über „Unknown User“
Moviepilot über „Unknown User“
Metacritic über „Unknown User“
Rotten Tomatoes über „Unknown User“
Wikipedia über „Unknown User“ (deutsch, englisch)


Neu im Kino/Filmkritik: „#Zeitgeist – Von digitaler Nähe und analoger Entfremdung“ erzählt von Männern, Frauen und ihren Kindern

Dezember 11, 2014

„#Zeitgeist“ ist kein wirklich schlechter Film. Immerhin ist er von Jason Reitman, der mit „Thank you for Smoking“, „Juno“, „Up in the Air“ und „Young Adult“ einige äußerst gelungene satirische Komödien inszenierte. Und auch „Labor Day“ war kein vollkommener Reinfall. Es war nur eine äußerst kitschige und unglaubwürdige Schmonzette, gewohnt feinfühlig, aber auch todernst und bieder bis zum Abwinken erzählt. Sein neuester Film „#Zeitgeist“ soll nun eine Bestandsaufnahme der Gegenwart sein, indem er anhand von sieben WASP-Familien, die in einer Vorstadt von Austin, Texas, leben, über die Beziehungen von Eltern zu ihren Kindern, von Männern zu Frauen und welche Rolle dabei die modernen Medien, also Computer und Facebook, spielen, erzählt.
Es geht um einen fremdgehenden Vater, der auf dem Computer seines Sohnes Porno-Seiten entdeckt. Seine Frau sucht ebenfalls amouröse Abenteuer. Es geht um eine ehrgeizige Mutter und ihre noch ehrgeizigere Tochter, die unbedingt berühmt werden möchte; was heißt „im Fernsehen sein“. Egal wie. Es geht um einen alleinerziehenden Football-begeisterten Vater, der den Kontakt zu seinem Sohn verliert. Denn dieser vermisst seine Mutter, die sie vor kurzem verließ. Seitdem spielt der gute Sportler nicht mehr in der Football-Mannschaft mit, sondern spielt das Multiplayer-Onlinespiel „Guild Wars“. Es geht um einen magersüchtigen Teenager. Es geht um eine kontrollsüchtige Mutter, die die NSA in den Schatten stellt.
Es geht immer um Beziehungen. Zwischen den Erwachsenen. Zwischen den die gleiche Schule besuchenden Jugendlichen. Zwischen den Eltern und ihren Kindern.
Das alles ist durchaus feinfühlig erzählt, die Schauspieler sind gut, aber über den Einfluss der modernen Kommunikation auf das Zusammenleben von Eltern und ihren Kindern erfahren wir, auch weil in dem Ensemblefilm keine Geschichte besonders überzeugend ist, nichts Substantielles. Vieles wirkt auch einfach ausgedacht und übertrieben. So ist, jedenfalls aus deutscher Sicht, die von Jennifer Garner gespielte Gluckenmutter, die mit missionarische Eifer vor den Gefahren das Internets warnt und dafür auch einen Selbsthilfe-Gesprächskreis hat, ein Cartoon-Charakter der langweiligen Sorte. Und die Panik an der Schule, als ein Junge nicht mehr Football spielen will, geht grotesk an den Problemen vorbei. Der Schulpsychiater will, dass er wieder in der Mannschaft mitspielt. Dass er gerade von seiner Mutter verlassen wurde und er jetzt von seinem Vater erzogen wird, wird dagegen in dem Gespräch nicht angesprochen. Die Internet-Pornoseite und das Computerspiel sind einfach nur austauschbare Gimmicks, die vor dreißig Jahren ein Porno-Magazin und irgendeine zeitintensive, aber schulferne Freizeitbeschäftigung (wie das Kiffen in einer Band) waren. Und dass auch die besten Ehen, irgendwann ihre Probleme haben, ist nichts neues. Immerhin darf Dennis Haysbert („24“, „The Unit“) als Liebhaber auftreten und Adam Sandler spielt ungewohnt zurückhaltend einen Vater und Ehemann.
Aber keine dieser Geschichten hat eine wirkliche emotionale Schlagkraft oder eine überraschende Wendung. Immer ist ein Malen-nach-Zahlen-Gefühl und das Wissen, dass man das alles schon besser gesehen hat, vorhanden.
Zu dem stockbiederen Erzählduktus, der die Geschichten parallel, aber, auch auf der visuellen Ebene, ohne Überraschungen erzählt, kommt noch die bescheuerte Idee, Bilder aus dem Weltall zu zeigen und im Original Emma Thompson als Erzählerin Carl Sagan zitieren und über die Botschaft der 1977 von der NASA losgeschickten Weltraumsonde Voyager an Außerirdische, die Kleinheit des Menschen im Universum und die Gedanken der Filmcharaktere philosphieren zu lassen. Das ist dann so New Agig, dass auch der gutwilligste Zuschauer sich fragt, was diese pathetische Botschaft aus den Siebzigern über den heutigen Zeitgeist aussagen soll.
Im Vergleich mit Henry-Alex Rubins Episodendrama „Disconnect“, das im Januar bei uns in einigen Kinos lief, fällt die Enttäuschung über Jason Reitmans „#Zeitgeist“ noch größer aus. Denn „Disconnect“ erzählt mit viel stärkeren Geschichten und einem viel diverserem Cast viel eindrucksvoller über die Veränderungen der sozialen Beziehungen durch moderne Kommunikationsmittel und auch wie sehr sie nur eine neue Schicht sind, die sich über elementare Dramen und Gefühle legt. In Rubins Film ist alles das vorhanden, was in Reitmans Schul- und Familiendrama fehlt.

#Zeitgeist - Neues_Plakat

#Zeitgeist – Von digitaler Nähe und analoger Entfremdung (Men, Women, and Children, USA 2014)
Regie: Jason Reitman
Drehbuch: Jason Reitman, Erin Cressida Wilson
LV: Chad Kultgen: Men, Women, and Children, 2011
mit Timothee Chalamet, Olivia Crocicchia, Kaitlyn Dever, Rosemarie DeWitt, Ansel Elgort, Jennifer Garner, Judy Greer, Dennis Haysbert, Katherine Hughes, Elena Kampouris, Shane Lynch, Dean Norris, Will Peltz, Adam Sandler, J. K. Simmons, Travis Tope, Emma Thompson (Erzählerin im Original)
Länge: 120 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

Hinweise
Amerikanische Homepage zum Film
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „#Zeitgeist“
Moviepilot über „#Zeitgeist“
Metacritic über „#Zeitgeist“
Rotten Tomatoes über „#Zeitgeist“
Wikipedia über „#Zeitgeist“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Jason Reitmans „Young Adult“ (Young Adult, USA 2011)

Meine Besprechung von Jason Reitmans „Labor Day“ (Labor Day, USA 2013)


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