TV-Tipp für den 20. März: Inside Man

März 19, 2020

RTL II, 20.15

Inside Man (Inside Man, USA 2006)

Regie: Spike Lee

Drehbuch: Russell Gewirtz

Dalton Russell überfällt eine Wall-Street-Bank. Schnell wird sie von der Polizei umzingelt und Detective Keith Frazier beginnt mit den Verhandlungen. Spätestens als Madaline White als Unterhändlerin des Bankgründers auftaucht und sich in die Verhandlungen einmischt, weiß er, dass er es nicht mit einem normalen Banküberfall zu tun hat.

„‘Inside Man’ ist ein typischer Spike-Lee-Film, insofern er in jeder Sekunde ein bisschen mehr ist al ein reiner Genrefilm. Er macht böse Witze ebenso über den kulturellen Reichtum New Yorks wie über Post-9/11-Paranoia und War-on-Terror-Vorurteile. Er analysiert die Mechanik der Macht, verbindet sie mit gesellschaftlicher Hierarchie und bricht sie an der Politik der Hautfarben.“ (Alexandra Seitz: Inside Man, in Gunnar Landsgesell/Andreas Ungerböck, Hrsg.: Spike Lee, 2006)

Ein feiner Thriller

mit Denzel Washington, Clive Owen, Jodie Foster, Willem Dafoe, Chiwetel Ejiofor, Christopher Plummer

Hinweise

Wikipedia über „Inside Man“ (deutsch, englisch)

Rotten Tomatoes über “Inside Man”

Drehbuch “Inside Man” von Russel Gewirtz (Fassung vom 17. Januar 2005)

Meine Besprechung von Spike Lees „Buffalo Solders ’44 – Das Wunder von St. Anna“ (Miracle at St. Anna, USA/Italien 2008)

Meine Besprechung von Spike Lees “Oldboy” (Oldboy, USA 2013)

Meine Besprechung von Spike Lees „BlacKkKlansman“ (BlacKkKlansman, USA 2018)


TV-Tipp für den 2. März: What happened to Monday?

März 1, 2020

ZDF, 22.15

What happened to Monday? (What happened to Monday?, Großbritannien 2017)

Regie: Tommy Wirkola

Drehbuch: Max Botkin, Kerry Williamson

Um den drohenden globalen Kollaps abzuwenden, verfolgt die Regierung eine radikale, kompromisslos durchgesetzte Ein-Kind-Politik. Als Terrence Settman zufällig Vater von Siebenlingen wird, fasst er einen genialen Plan. Er erzieht sein Töchter und an jedem Wochentag darf eine andere Karen Settman die Wohnung verlassen. Das geht solange gut, bis eines Tages ‚Montag‘ verschwindet und damit das Leben ihrer Schwestern gefährdet.

TV-Premiere. Kein großartiger, aber ein großartig unterhaltsamer Science-Fiction-Thriller, erzählt mit mehr als einem Augenzwinkern und einer Noomi Rapace, die Montag, Dienstag, Mittwoch und die anderen Schwestern grandios spielt.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Noomi Rapace, Glenn Close, Willem Dafoe, Marwan Kenzari, Chrstian Rubeck, Pal Sverre Hagen, Clara Read

Wiederholung: Mittwoch, 4. März, 01.10 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „What happened to Monday?“

Metacritic über „What happened to Monday?“

Rotten Tomatoes über „What happened to Monday?“

Wikipedia über „What happened to Monday?“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Tommy Wirkolas „Hänsel und Gretel: Hexenjäger“ (Hansel and Gretel: Witch Hunters, USA/Deutschland 2012)

Meine Besprechung von Tommy Wirkolas „What happened to Monday?“ (What happened to Monday?, Großbritannien 2017)


TV-Tipp für den 16. Februar: Mississippi Burning – Die Wurzeln des Hasses

Februar 15, 2020

Tele 5, 20.15

Mississippi Burning – Die Wurzeln des Hasses (Mississippi Burning, USA 1988)

Regie: Alan Parker

Drehbuch: Chris Gerolmo

Südstaaten, 1964: Mitten im Hochsommer verschwinden im ländlichen Jessup County drei Bürgerrechtler spurlos. Ein älterer und ein jüngerer FBI-Agent sollen den Fall aufklären und wenn sie nur auf eine Mauer des Schweigens stoßen würden, wären sie froh.

Packender, auf einem wahren Fall basierender Polizei-Thriller. Zum Filmstart sah der Fischer Film Almanach das anders (wobei damals die Filmkritik auch anders war): „Parker lässt zu, dass ‚Mississippi Burning‘ sich zu einem konventionellen Reißer entwickelt, zu einem Polizeifilm, der mit den fragwürdigen Methoden seiner Protagonisten sympathisiert. Doch damit wird er seinem Thema nicht mehr gerecht. Ein Film der verschenkten Möglichkeiten.“ Dabei wird der erste Teil des Films wegen seiner dokumentarischen Qualitäten gelobt.

„Parkers von gewalttätigen Eruptionen durchsetzter FBI-Thriller ist wegen seiner (historisch unhaltbaren) Glorifizierung des FBI und wegen seiner Tendenz, die Rolle der Bürgerrechtler und der Schwarzen zu verfälschen (sie sind mehr oder weniger Randfiguren des Dramas), heftig kritisiert worden.“ (Wolfgang Schweiger: Der Polizeifilm, 1989)

Der Film feierte seine Premiere auf der Berlinale. Der immer überzeugende Gene Hackman erhielt den Silbernen Bären als bester Hauptdarsteller. Und bei den US-Kritikern kam der Film besser an als bei den deutschen Kritikern.

mit Gene Hackman, Willem Dafoe, Frances McDormand, Brad Dourif, R. Lee Ermey, Michael Rooker, Pruitt Taylor Vince, Tobin Bell (damals noch ein kleiner Nebendarsteller in seinem ersten namentlich genanntem Spielfilmauftritt)

Wiederholung: Mittwoch, 19. Februar, 01.36 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Mississippi Burning“

Wikipedia über „Mississippi Burning“ (deutsch, englisch)


Neu im Kino/Filmkritik: Willem Dafoe, Abel Ferrara, „Tommaso und der Tanz der Geister“

Februar 13, 2020

Einige Jahre war Abel Ferrara mit seinen gewalttätigen Neo-Noirs im Einklang mit dem Publikum. Sie reflektierten das damalige New York als eine gewalttätige, von Kriminalität, Sex und Trieben beherrschten Sündenpfuhl. Seine Filme, wie „The Driller Killer“ (1979, mit Ferrara in der Hauptrolle als psychopathischer Killer), „Die Frau mit der 45er Magnum“ (Ms. 45; Angel of Vengeance, 1981), „Krieg in Chinatown“/“China Girl“ (China Girl, 1987), „King of New York“ (1989) und „Bad Lieutenant“ (1992), hatten immer wieder Probleme mit der Zensur. Mit seinen Geldgebern hatte er ebenfalls immer wieder Probleme.

Diese Neo-Noirs und seine darauf folgenden Filme, wie „Snake Eyes“ (Dangerous Game, 1993; mit Madonna), „The Addiction“ (1994), „Das Begräbnis“ (The Funeral, 1996) und „The Blackout“ (1997), waren auch immer radikal persönliche Filme, die sich wenig um eingefahrene Publikumserwartungen kümmerten. Schließlich hätte Ferrara nach dem Erfolg von „King of New York“ und „Bad Lieutenant“ locker als zweiter Martin Scorsese weiter Gangsterfilme inszenieren können. Ferrara, der sich inzwischen als Buddhist bezeichnet, wurde erzkatholisch erzogen und die katholischen Kategorien von Schuld und Sühne sind ein wichtiger Pfeiler in seinem Werk. In den Neo-Noirs hatte er auch die ideale Form gefunden, um breitenwirksam von Schuld und Sühne zu erzählen.

Seit seiner William-Gibson-Verfilmung „New Rose Hotel“ (1998) versank er allerdings weitgehend in der Obskurität. Seine Filme, wie „Go Go Tales“ (2007), „Welcome to New York“ (2014) und „Pasolini“ (2014), wurden kaum noch vertrieben. In Deutschland erschienen sie oft irgendwann auf DVD und wurden einmal im Fernsehen gezeigt.

Mit seinem neuesten Film „Tommaso und der Tanz der Geister“ kehrt er jetzt, nach über zwanzig Jahren, wieder in die deutschen Kinos zurück. Mit einem weiteren radikal persönlichem Werk, das thematisch an seine früheren Filme anknüpft und, vom Ende betrachtet, ein Noir ist.

Tommaso (Willem Dafoe) ist ein amerikanischer Künstler, der mit seiner deutlich jüngeren ukrainisch-russisch-stämmigen Frau, und ihrer dreijährigen Tochter in Rom lebt.

Abel Ferrara nimmt sich viel Zeit, Tommasos Alltag zu schildern. Er beobachtet ihn mit seiner Frau und Tochter in ihrer Wohnung, auf dem Spielplatz und den Straßen Roms, beim Italienisch lernen, beim Einkaufen in seinem Viertel, bei seinen Yoga-Übungen, bei von ihm gegebenen Schauspielkursen, beim Entwickeln eines neuen Filmprojekts und bei den Treffen einer Selbsthilfegruppe ehemaliger Süchtiger, die sich Geschichten aus ihrem Leben als Süchtige erzählen. In diesen Szenen verfolgt Ferrara wie ein Voyeur mit unruhiger Handkamera Dafoe. Er lässt ihm alle Zeit der Welt, sich vor der Kamera zu präsentieren, ohne dass in diesen improvisierten und oft zu langen Alltagsbeobachtungen eine Geschichte vorangetrieben wird.

Willem Dafoe, der wieder mit Abel Ferrara zusammenarbeitet und inzwischen, wie Ferrara, in Rom lebt, spielt diesen Amerikaner in Rom als einen freundlichen Mann. So entspannt, so bürgerlich normal und so oft lachend sah man Dafoe noch nie in einem Film. Er ist ein freundlicher, aufgeschlossener Künstler. Nach turbulenten Jahren ist er in Rom zur Ruhe gekommen. Offensichtlich genießt er sein ruhiges, drogenfreies Leben als Ehemann einer deutlich jüngeren Frau und eines gemeinsamen Kindes. Als er seine Frau mit einem anderen Mann sieht, ändert sich das.

Diese Eifersuchtsgeschichte beginnt allerdings erst sehr spät im Film und sie wirkt mit ihrem Ende auch wie ein Fremdkörper in einem Film, der aufgrund der zahlreichen, gewollten autobiographischen Bezüge mühelos als ein Selbstporträt von Ferrara (mehr) und Dafoe (weniger) gelesen werden kann. Dazu trägt auch bei, dass Ferraras Ehefrau Cristina Chiriac Tommasos Frau spielt und ihre Tochter Anna Tommasos Tochter spielt.

Tommaso und der Tanz der Geister (Tommaso, Italien/Großbritannien/USA 2019)

Regie: Abel Ferrara

Drehbuch: Abel Ferrara

mit Willem Dafoe, Anna Ferrara, Cristina Chiriac

Länge: 117 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Moviepilot über „Tommaso und der Tanz der Geister“

Metacritic über „Tommaso und der Tanz der Geister“

Rotten Tomatoes über „Tommaso und der Tanz der Geister“

Wikipedia über „Tommaso und der Tanz der Geister“

Meine Besprechung von Abel Ferraras “King of New York” (King of  New York, USA 1989)

Abel Ferrara in der Kriminalakte


Neu im Kino/Buch- und Filmkritik: Edward Norton erkundet Jonathan Lethems „Motherless Brooklyn“ und nimmt sich einige Freiheiten

Dezember 12, 2019

Als vor zwanzig Jahren Jonathan Lethems Noir-Krimi „Motherless Brooklyn“ erschien wurde gleich über eine Verfilmung gesprochen. Denn Lethems geradlinige Kriminalgeschichte voller liebgewonnener Klischees eignet sich vorzüglich dafür. Es dauerte dann doch zwanzig Jahre und der Film hat wenig mit der Vorlage zu tun. Norton verlegte die Geschichte von den späten Neunzigern in die fünfziger Jahre und er erfand einen vollkommen neuen Kriminalfall. Nur der Held und der Grund für seine Ermittlungen blieben gleich.

Wer jetzt aber denkt, dass Jonathan Lethem in Interviews Gift und Galle über die Verfälschung seines literarischen Meisterwerks speit, irrt sich. Er äußerte sich wohlwollend über den Film und er weist darauf hin, dass Buch und Film zwei verschiedene Sachen sind, die eigenen Regeln gehorchen.

Im Roman wird Lionel Essrogs Chef Frank Minna ermordet. Minna zog ihn und einige andere Waisenkinder groß, indem er sie immer wieder für sich arbeiten ließ. Zuletzt als „Privatdetektive“. Dabei waren ihre Aufträge meistens mehr, selten weniger halbseiden. Jetzt sollen sie Minna beschützen, während er sich in einem Apartmentzimmer mit einem Auftraggeber trifft. Das Treffen gerät aus dem Ruder. Minna wird angeschossen und stirbt kurz darauf im Krankenhaus. Essrog und seine Kollegen haben keine Ahnung, wer der Täter ist.

Essrog beginnt den Täter zu suchen. Dabei versucht er aus seinen Beobachtungen und Frank Minnas rätselhaften letzten Worten eine Spur zum Täter zu finden.

Im Buch bewegen Essrog und die anderen Minna Men sich durch das heutige Brooklyn wie klassische Hardboiled-Dicks. Nur ist halt nicht mehr 1950 und sie sind alle keine Sam Spades und Philip Marlowes, sondern mäßig begabte Waisenkinder. Sie sind Handlanger, die in eine Geschichte hineinstolpern, die zu groß für ihre geistigen Fähigkeiten ist.

Außerdem leidet Ich-Erzähler Lionel Essrog am Tourette-Syndrom.

Edward Norton, der das Drehbuch schrieb, die Regie führte und die Hauptrolle übernahm, verlegt die Geschichte von der Gegenwart in die das New York der späten fünfziger Jahre und damit in die Zeit des klassischen Noirs. Damit erscheinen die Minna Men und ihr Verhalten nicht mehr anachronistisch.

Gleichzeitig erfand Norton einen Fall, der deutlich von Roman Polanskis „Chinatown“ beeinflusst ist. Nur dass es dieses Mal um einen Bauskandal aus New York geht.

Moses Randolph (Alec Baldwin) ist ein skrupelloser Baumogul und Teilzeitpolitiker, der mit seinem politischen Amt seine Bauprojekte fördert. Dazu gehört die Zerstörung von von armen, hauptsächlich Schwarzen bewohnten Wohnvierteln. Anschließend baut er dort moderne Mietwohnungen, die für Schwarze nicht bezahlbar sind. Oder er baut eine Schnellstraße. Er hat sich die Stadt zur Beute gemacht und verdient mächtig daran.

Baldwins Figur ist am deutlichsten von Robert Moses inspiriert. Der Stadtplaner entwarf das Gesicht des heutigen New Yorks.

Dieser sich tief in die Stadtgeschichte von New York hineingrabende Plot hat mit Lethems Plot nichts zu tun.

Mit gut zweieinhalb Stunden ist der Film deutlich zu lang geraten. Es ist eine Länge, die vor allem die Eitelkeit des Hauptdarstellers befriedigt, der mit seiner Performance überdeutlich auf einen Oscar zielt.

Für die anderen Schauspieler bleiben da nur noch Nebenrollen. Bruce Willis, der Essrogs Mentor Frank Minna spielt, verschwindet aus dem Film genauso schnell wie aus dem Buch. Nach ein paar Minuten Minuten ist er tot. Danach taucht er noch einige Male in Flashbacks und kurzen Traumszenen, in denen er Essrog kluge Ratschläge gibt, auf. Damit reiht sich diese Rolle vom Umfang her mühelos in Bruce Willis‘ Spätwerk ein. Immerhin tritt er dieses Mal in einem besseren Film auf.

Alec Baldwin, Willem Dafoe und Gugu Mbatha-Raw überzeugen in ihren wenigen, aber wichtigen Auftritten. Gerade Baldwins erster Auftritt ist sehr gelungen inszeniert.

Trotzdem ist „Motherless Brooklyn“ vor allem eine zu lang geratene Fleißarbeit. Noir-Motive werden zitiert, die bekannten Plot-Points mit den vertrauten Figuren abgehandelt. Nur der Protagonist, der Möchtegern-Privatdetektiv Lionel Essrog, fällt mit seiner Störung und den damit verbundenen Macken aus dem Rahmen. Norton präsentiert das überzeugend als ein Period-Piece.

So ist „Motherless Brooklyn“ ein Noir, der weniger Interesse am Krimiplot und dem überschaubar kompliziertem Mordkomplott, als am Ausstellen der schauspielerischen Fähigkeiten von Edward Norton hat.

Motherless Brooklyn (Motherless Brooklyn, USA 2019)

Regie: Edward Norton

Drehbuch: Edward Norton

LV: Jonathan Lethem: Motherless Brooklyn, 1999 (Motherless Brooklyn)

mit Edward Norton, Gugu Mbatha-Raw, Alec Baldwin, Willem Dafoe, Bruce Willis, Ethan Suplee, Cherry Jones, Boby Cannavale, Dallas Roberts, Josh Pais, Radu Spinghel, Michael Kenneth Williams, Leslie Mann

Länge: 145 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Die Vorlage

(lesenswert und ganz anders als die Verfilmung)

Jonathan Lethem: Motherless Brooklyn

(übersetzt von Michael Zöllner)

Tropen Verlag, 2019

376 Seiten

9, 95 Euro

Deutsche Erstausgabe

Tropen Verlag, 2001

Originalausgabe

Motherless Brooklyn

Doubleday, New York 1999

Neu von Jonathan Lethem

Wenige Tage vor dem Kinostart von „Motherless Brooklyn“ erschien die deutsche Ausgabe von Jonathan Lethems Kurzgeschichtensammlung „Alan, der Glückspilz“. Die neun Geschichte richten sich dabei nicht an den Lethem-Neueinsteiger. Der sollte besser mit einem seiner Romane, wie „Motherless Brooklyn“, beginnen. Die Kurzgeschichten sind Stilübungen, Skizzen, Momentaufnahmen, Ideen und auch Was-zur-Hölle-hat-er-sich-dabei-gedacht?-Texte. Mal mehr, mal weniger absurd, mal mehr, mal weniger in unserer Wirklichkeit spielend.

Jonathan Lethem: Alan, der Glückspilz

(übersetzt von Johann Christoph Maass)

Tropen, 2019

176 Seiten

20 Euro

Originalausgabe

Lucky Alan and other stories

Doubleday, New York 2015

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Motherless Brooklyn“

Metacritic über „Motherless Brooklyn“

Rotten Tomatoes über „Motherless Brooklyn“

Wikipedia über „Motherless Brooklyn“ (deutsch, englisch)

Perlentaucher über den Roman „Motherless Brooklyn“

Book Marks über den Roman „Motherless Brooklyn“

Homepage von Jonathan Lethem

Wikipedia über Jonathan Lethem (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Jonathan Lethems „Der wilde Detektiv“ (The feral detective, 2018)


Neu im Kino/Filmkritik: Der Arthaus-Horrorfilm „Der Leuchtturm“

November 29, 2019

Nach all den unterschiedlich schlechten Teenie-Slasher-Folter-Horrorfilmen, die jedes Jahr zu Halloween die Kinosäle fluten, ist „Der Leuchtturm“ ein Horrorfilm für den Cineasten, der regelmäßig Arte sieht.

Im Mittelpunkt des 1890 an der Küste Neuenglands spielenden Schauermärchens mit viel Seemansgarn stehen zwei Männer, die auf einer einsamen Insel mit „einem gigantischen Phallussymbol-Leuchtturm“ (Regisseur Robert Eggers) gemeinsam einige Wochen miteinander verbringen müssen. Es sind Ephraim Winslow (Robert Pattinson) und Thomas Wake (Willem Dafoe). Der alte Leuchtturmwärter Wake ist ein knurriger und herrischer Trinker, der von Anfang an festlegt, wer hier Chef und wer Diener ist.

Winslow ist zum ersten Mal auf der Insel. Vorher war er Holzfäller mit zweifelhafter Vergangenheit. Er muss die körperlich anstrengenden Handlangerdienste machen. Manchmal sieht er dabei eine Meerjungfrau, die er sexuell begehrt. Abends fließt reichlich Alkohol.

Dass diese ungute Mischung aus Alkohol, unterdrückten sexuellen Trieben, Todesahnungen, physischen und psychischen Repressalien, gegenseitiger, sich steigernder Abneigung und sich ebenfalls steigerndem Wahnsinn kein gutes Ende nimmt, ist von Anfang an absehbar.

Für Robert Eggers („The Witch“) ist diese Geschichte das Vehikel für seine Liebeserklärung an den Stummfilm und die Ästhetik des Stummfilms. Deshalb ist „Der Leuchtturm“ ein SW-Film, gedreht im fast quadratischen 1,19:1-Bildformat mit einer Panavision Millennium XL2-Kamera und Baltar-Linsen aus den 1930er Jahren. Das führt zu kontrastreichen Bildern, wie man sie aus Stummfilmen und frühen Tonfilmen kennt. Die bärtigen Gesichter von Robert Pattinson und Willem Dafoe erinnern an damalige Porträts. Auch die Kamerabewegungen und das Schnitttempo passen sich dieser aus Stummfilmen bekannten Ästhetik an. Oft beobachtet die Kamera Winslow oder Wake über eine längere Zeit. Die regelmäßigen gemeinsamen Mahlzeiten der beiden Leuchtturmwärter bestehen aus Halbtotalen und Nahaufnahmen, in denen sich über mehrere Minuten die Spannung zwischen ihnen steigert.

Auf das Einblenden von Texttafeln verzichtet Eggers dann doch in seinem dialogarmen Film. Diese Dialoge sind dann von Herman Melville, Robert Louis Stevenson, H. P. Lovecraft und Algernon Blackwood inspiriert.

Die Symbole, vor allem die für sexuelles Begehren und den Tod, sind aufgrund der gewählten Stummfilmästhetik teilweise störend überdeutlich. Zum Glück fehlt im Film die in Cannes bei der Premiere gezeigte Szene, in der der Leuchtturm zu einem erigiertem Penis wird. Dieses Bild überschreitet schon in meiner Fantasie die Grenze von überdeutlich zu pubertär.

Der Leuchtturm“ ist ein intensives, glänzend gespieltes und inszeniertes Schauermärchen, das vor allem eine Liebeserklärung an den Stummfilm ist. Für Cineasten ist diese Reise in den Wahnsinn ein Pflichttermin, der in einem dunklen Kinosaal auf einer großen Leinwand mühelos seine klaustrophobische Wirkung entfalten kann.

Der Leuchtturm (The Lighthouse, USA 2019)

Regie: Robert Eggers

Drehbuch: Robert Eggers, Max Eggers

mit Robert Pattinson, Willem Dafoe, Valeriia Karaman

Länge: 109 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Deutsche Facebook-Seite zum Film

Moviepilot über „Der Leuchtturm“

Metacritic über „Der Leuchtturm“

Rotten Tomatoes über „Der Leuchtturm“

Wikipedia über „Der Leuchtturm“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Robert Eggers‘ „The Witch“ (The Witch: A New-England Folktale, Kanada/USA 2015)


Neu im Kino/Filmkritik: „Vox Lux“ – irgendwie die Geschichte einer Pop-Sängerin

Juli 25, 2019

2000 wird Celeste (Raffey Cassidy) mit einem kitschigen Lied bekannt, in dem die Dreizehnjährige ihre Gefühle nach einem Amoklauf an ihrer Schule, den sie schwer verletzt überlebte, verarbeitet. Weil das Lied zu einer überall gesungenen Hymne wird, erhält Celeste einen Plattenvertrag. Sie wird zu einem Star aufgebaut. Ihre Schwester, die Songwriterin Eleanor (Stacy Martin), ist immer bei ihr. Ihr Manager (Jude Law) und die Pressesprecherin Josie (Jennifer Ehle) kümmern sich um alles. Vor allem um die perfekte, massentaugliche Pop-Produktion.

Dieser Aufstieg nimmt die erste Hälfte von Brady Corbets zweitem Spielfilm ein. Und es ist die bessere Hälfte von „Vox Lux“.

Nach einem mehrjährigem Zeitsprung spielt die zweite Hälfte des Films 2017. Es werden die Stunden vor einem Konzert von Celeste geschildert. Sie ist ein großer Popstar und das Konzert in ihrem Heimatort ist der Abschluss ihrer Tour. Auf der Bühne ist sie ein in Science-Fiction-Outfits auftretender Star. Hinter der Bühne kämpft sie mit ihrer Drogensucht, ihren Stimmungsschwankungen und ihren Selbstzweifeln. Sie ist, wie man es aus der Regenbogenpresse kennt, ein Bündel von Allüren, das davon ausgeht, dass sich der gesamte Kosmos um sie dreht. Die Beziehung zu ihrer Tochter ist verkorkst.

Diese Hälfte ist eine zerfaserte Abfolge elend lang und ohne großen Erkenntnisgewinn vor sich hin mäandernder Dialoge, garniert mit einigen bedeutungsschwangeren Bildern.

In dieser Hälfte wird Celeste von Natalie Portman gespielt. Raffey Cassidy, die zuerst Celeste spielte, spielt jetzt ihre Tochter Albertine. Stacy Martin, Jennifer Ehle und Jude Law (der immerhin seinen Bart abrasierte) spielen, optisch unverändert, die Rollen, die sie in der ersten Filmhälfte spielten, weiter. Ein Grund für diese idiotische Entscheidung, eine Schauspielerin durch eine andere zu ersetzen und die ersetzte Schauspielerin eine andere Rolle spielen zu lassen, ohne ihr Aussehen zu verändern (was dann ja als Hinweis auf den Rollenwechsel verstanden werden könnte), ist nicht ersichtlich. Außer dass es einen irritiert.

Nach einer guten Stunde langweiligem Seelenstriptease gibt es dann den aus der Werbung bekannten Auftritt von Natalie Portman als Celeste in einer Spektakel-Pop-Show, die auch Madonna gefiele. Und Celestes Überleben während des Amoklaufs wird mit einer Geschichte erklärt, die Musikfans schon bei Robert Johnson besser gehört haben.

Vox Lux“ zerfällt in eine interessante erste und eine hoffnungslos zerfaserte zweite Hälfte. In der ersten Stunde, wenn Corbet den Weg eines Mädchens zu einem internationalen Popstar nachzeichnet, findet er immer wieder ungewohnte Wege, um seine Geschichte zu erzählen. Und diese Geschichte hat auch einen eindeutigen Fokus. Der fehlt in der zweiten Hälfte. Den Abschluss bildet dann das Popkonzert, das einem nur gefällt, wenn man diese Disco-Stampfmusik mag, zu der futuristisch gekleidete Männer und Frauen synchronisierte Tanzbewegungen abliefern.

Im Original ist Willem Dafoe der Erzähler, der immer wieder bedeutungsschwanger Celestes Leben mit weltpolitischen Ereignissen verknüpft. Dafoes Stimme ist ein eindeutiger Pluspunkt in einem Film, bei dem unklar ist, was er erzählen möchte.

Die Filmmusik ist von Scott Walker. Die Songs sind von Sia.

Vox Lux (Vox Lux, USA 2018)

Regie: Brady Corbet

Drehbuch: Brady Corbet

mit Natalie Portman, Jude Law, Stacy Martin, Jennifer Ehle, Raffey Cassidy, Christopher Abbott, Willem Dafoe (Erzähler im Original)

Länge: 115 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Vox Lux“

Metacritic über „Vox Lux“

Rotten Tomatoes über „Vox Lux“

Wikipedia über „Vox Lux“ (deutsch, englisch)


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