Neu im Kino/Filmkritik: Abel Ferrara besucht „Siberia“

Juli 1, 2020

Jahrelang kam kein Film von Abel Ferrara in unsere Kinos und jetzt laufen, coronabedingt, nicht innerhalb weniger Wochen, sondern innerhalb weniger Monate, zwei seiner Filme in unseren Kinos. „Tommaso und der Tanz der Geister“ lief am 13. Februar an. Wenige Tage später feierte sein neuer Film „Siberia“ auf der Berlinale seine nicht gerade umjubelte Premiere. Denn nachdem Ferraras erste Filme blutige Genrefilme sind, die ihm in vielen Ländern unterschiedlich viel Ärger mit der Zensur bescherten, sind seine späteren Filme teils sehr persönliche Werke, wie „Tommaso und der Tanz der Geister“. „Siberia“, wieder mit Willem Dafoe in der Hauptrolle, geht einen Schritt weiter. Es ist ein Werk, in dem Ferrara sich nicht mehr um sein Publikum kümmert.

Die Story ist nur noch eine dürftige Skizze. Dafoe spielt Clint, einen Einsiedler, der sich in die verschneiten Berge zurückgezogen hat. Er lebt in einer Hütte, die auch so etwas wie eine verwaiste Gaststätte für durchziehende Reisende und Einheimische ist. Eines Tages bricht er mit seinen Hunden in die Einsamkeit auf. Er will sich noch weiter von der Menschheit zurückziehen. Seine Reise ist eine zusammenhanglose Collage von Erinnerungen, Fantasien und Erlebtem. Es gibt nackte Frauen, die alle keine Playboy-Idealmaße haben. Dafür dürfen wir ausführlich den dicken Bauch einer Schwangeren bewundern. Es gibt Gewalt. In einem einsam gelegenem, herrschaftlichem und ziemlich heruntergekommenem Anwesen wird eine Mischung aus drogengeschwängerter Party und satanischer Messe gefeiert, angemessen betont mit Heavy-Metal-Klängen. Es gibt viele Aufnahmen von verschneiten Berglandschaften und Tieren. Vor allem Hundeliebhaber, die zuletzt bei der Jack-London-Verfilmung „Ruf der Wildnis“ über den digital animierten Schlittenhund jammerten, dürften sich freuen.

Weil alle diese Szenen so kryptisch sind, stellt man schnell den Versuch einer autobiographischen Deutung, die bei „Tommaso“ mühelos gelang, ein.

Das macht den Film zu einem nicht uninteressanten Interpretationsangebot für männliche Gefühle und Obsessionen, die jeder für sich nach eigenem Gusto deuten kann.

Es ist allerdings auch ein Film, der nie versucht irgendeinen Kontakt zum Publikum aufzunehmen. „Siberia“ ist ein in sich verschlossenes Werk, das sich selbst genügt. Für einen Regisseur, der in der ersten Hälfte seiner Karriere unbedingt den Kontakt zum Publikum suchte, ist das eine sehr interessante Entwicklung hin zu einem inneren Exil.

.

Abel Ferrara sagt zu seinem Film:

Nach „Pasolini“ habe ich mich hingesetzt und dies ist mir zugeflogen: Verrückte, fremdartige Bilder, weder urban noch modern. Ich habe dem einfach freien Lauf gelassen. Dieser Ort, diese Art Jack-London-Welt, mit Hunden, mit gewissen Begegnungen, die sich ergeben, mit gewissen Stationen auf einer Reise, die durch diese total unterschiedlichen Orte und Zeiten geprägt sind. Nicht um ein perfektes Drehbuch zu schreiben, sondern um Bilder zu sammeln und die Erinnerung anzuzapfen, um Möglichkeiten zu schaffen, um unser Denken herauszufordern, um eine Erfahrung zu erschaffen und aufzuzeichnen, die hoffentlich wichtig genug ist, um beim Publikum Widerhall zu finden. Sachen, die zwar manchmal schwer zu erklären sind, dafür aber immer interessant umzusetzen und grundlegend filmisch. Das ist keine Abweichung von unserem Vorgehen – es ist dessen Fortsetzung. Seit dem ersten Film gehen wir weiter und weiter in die Dunkelheit. Ich habe ein großes Verlangen danach zu erfahren, was mit Film möglich ist.

Siberia (Siberia, Italien/Deutschland/Mexico 2020)

Regie: Abel Ferrara

Drehbuch: Abel Ferrara, Christ Zois

mit Willem Dafoe, Dounia Sichov, Simon McBurney, Cristina Chiriac, Daniel Giménez Cacho, Fabio Pagano, Anna Ferrara, Phil Neilson, Laurent Arnatsiaq, Valentina Rozumenko, Trish Osmond

Länge: 91 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Siberia“

Rotten Tomatoes über „Siberia“

Wikipedia über „Siberia“ (deutsch, englisch)

Berlinale über „Siberia“

Meine Besprechung von Abel Ferraras “King of New York” (King of  New York, USA 1989)

Meine Besprechung von Abel Ferraras „Tommaso und der Tanz der Geister (Tommaso, Italien/Großbritannien/USA 2019)

Abel Ferrara in der Kriminalakte

 


TV-Tipp für den 20. März: Inside Man

März 19, 2020

RTL II, 20.15

Inside Man (Inside Man, USA 2006)

Regie: Spike Lee

Drehbuch: Russell Gewirtz

Dalton Russell überfällt eine Wall-Street-Bank. Schnell wird sie von der Polizei umzingelt und Detective Keith Frazier beginnt mit den Verhandlungen. Spätestens als Madaline White als Unterhändlerin des Bankgründers auftaucht und sich in die Verhandlungen einmischt, weiß er, dass er es nicht mit einem normalen Banküberfall zu tun hat.

„‘Inside Man’ ist ein typischer Spike-Lee-Film, insofern er in jeder Sekunde ein bisschen mehr ist al ein reiner Genrefilm. Er macht böse Witze ebenso über den kulturellen Reichtum New Yorks wie über Post-9/11-Paranoia und War-on-Terror-Vorurteile. Er analysiert die Mechanik der Macht, verbindet sie mit gesellschaftlicher Hierarchie und bricht sie an der Politik der Hautfarben.“ (Alexandra Seitz: Inside Man, in Gunnar Landsgesell/Andreas Ungerböck, Hrsg.: Spike Lee, 2006)

Ein feiner Thriller

mit Denzel Washington, Clive Owen, Jodie Foster, Willem Dafoe, Chiwetel Ejiofor, Christopher Plummer

Hinweise

Wikipedia über „Inside Man“ (deutsch, englisch)

Rotten Tomatoes über “Inside Man”

Drehbuch “Inside Man” von Russel Gewirtz (Fassung vom 17. Januar 2005)

Meine Besprechung von Spike Lees „Buffalo Solders ’44 – Das Wunder von St. Anna“ (Miracle at St. Anna, USA/Italien 2008)

Meine Besprechung von Spike Lees “Oldboy” (Oldboy, USA 2013)

Meine Besprechung von Spike Lees „BlacKkKlansman“ (BlacKkKlansman, USA 2018)


TV-Tipp für den 2. März: What happened to Monday?

März 1, 2020

ZDF, 22.15

What happened to Monday? (What happened to Monday?, Großbritannien 2017)

Regie: Tommy Wirkola

Drehbuch: Max Botkin, Kerry Williamson

Um den drohenden globalen Kollaps abzuwenden, verfolgt die Regierung eine radikale, kompromisslos durchgesetzte Ein-Kind-Politik. Als Terrence Settman zufällig Vater von Siebenlingen wird, fasst er einen genialen Plan. Er erzieht sein Töchter und an jedem Wochentag darf eine andere Karen Settman die Wohnung verlassen. Das geht solange gut, bis eines Tages ‚Montag‘ verschwindet und damit das Leben ihrer Schwestern gefährdet.

TV-Premiere. Kein großartiger, aber ein großartig unterhaltsamer Science-Fiction-Thriller, erzählt mit mehr als einem Augenzwinkern und einer Noomi Rapace, die Montag, Dienstag, Mittwoch und die anderen Schwestern grandios spielt.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Noomi Rapace, Glenn Close, Willem Dafoe, Marwan Kenzari, Chrstian Rubeck, Pal Sverre Hagen, Clara Read

Wiederholung: Mittwoch, 4. März, 01.10 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „What happened to Monday?“

Metacritic über „What happened to Monday?“

Rotten Tomatoes über „What happened to Monday?“

Wikipedia über „What happened to Monday?“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Tommy Wirkolas „Hänsel und Gretel: Hexenjäger“ (Hansel and Gretel: Witch Hunters, USA/Deutschland 2012)

Meine Besprechung von Tommy Wirkolas „What happened to Monday?“ (What happened to Monday?, Großbritannien 2017)


TV-Tipp für den 16. Februar: Mississippi Burning – Die Wurzeln des Hasses

Februar 15, 2020

Tele 5, 20.15

Mississippi Burning – Die Wurzeln des Hasses (Mississippi Burning, USA 1988)

Regie: Alan Parker

Drehbuch: Chris Gerolmo

Südstaaten, 1964: Mitten im Hochsommer verschwinden im ländlichen Jessup County drei Bürgerrechtler spurlos. Ein älterer und ein jüngerer FBI-Agent sollen den Fall aufklären und wenn sie nur auf eine Mauer des Schweigens stoßen würden, wären sie froh.

Packender, auf einem wahren Fall basierender Polizei-Thriller. Zum Filmstart sah der Fischer Film Almanach das anders (wobei damals die Filmkritik auch anders war): „Parker lässt zu, dass ‚Mississippi Burning‘ sich zu einem konventionellen Reißer entwickelt, zu einem Polizeifilm, der mit den fragwürdigen Methoden seiner Protagonisten sympathisiert. Doch damit wird er seinem Thema nicht mehr gerecht. Ein Film der verschenkten Möglichkeiten.“ Dabei wird der erste Teil des Films wegen seiner dokumentarischen Qualitäten gelobt.

„Parkers von gewalttätigen Eruptionen durchsetzter FBI-Thriller ist wegen seiner (historisch unhaltbaren) Glorifizierung des FBI und wegen seiner Tendenz, die Rolle der Bürgerrechtler und der Schwarzen zu verfälschen (sie sind mehr oder weniger Randfiguren des Dramas), heftig kritisiert worden.“ (Wolfgang Schweiger: Der Polizeifilm, 1989)

Der Film feierte seine Premiere auf der Berlinale. Der immer überzeugende Gene Hackman erhielt den Silbernen Bären als bester Hauptdarsteller. Und bei den US-Kritikern kam der Film besser an als bei den deutschen Kritikern.

mit Gene Hackman, Willem Dafoe, Frances McDormand, Brad Dourif, R. Lee Ermey, Michael Rooker, Pruitt Taylor Vince, Tobin Bell (damals noch ein kleiner Nebendarsteller in seinem ersten namentlich genanntem Spielfilmauftritt)

Wiederholung: Mittwoch, 19. Februar, 01.36 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Mississippi Burning“

Wikipedia über „Mississippi Burning“ (deutsch, englisch)


Neu im Kino/Filmkritik: Willem Dafoe, Abel Ferrara, „Tommaso und der Tanz der Geister“

Februar 13, 2020

Einige Jahre war Abel Ferrara mit seinen gewalttätigen Neo-Noirs im Einklang mit dem Publikum. Sie reflektierten das damalige New York als eine gewalttätige, von Kriminalität, Sex und Trieben beherrschten Sündenpfuhl. Seine Filme, wie „The Driller Killer“ (1979, mit Ferrara in der Hauptrolle als psychopathischer Killer), „Die Frau mit der 45er Magnum“ (Ms. 45; Angel of Vengeance, 1981), „Krieg in Chinatown“/“China Girl“ (China Girl, 1987), „King of New York“ (1989) und „Bad Lieutenant“ (1992), hatten immer wieder Probleme mit der Zensur. Mit seinen Geldgebern hatte er ebenfalls immer wieder Probleme.

Diese Neo-Noirs und seine darauf folgenden Filme, wie „Snake Eyes“ (Dangerous Game, 1993; mit Madonna), „The Addiction“ (1994), „Das Begräbnis“ (The Funeral, 1996) und „The Blackout“ (1997), waren auch immer radikal persönliche Filme, die sich wenig um eingefahrene Publikumserwartungen kümmerten. Schließlich hätte Ferrara nach dem Erfolg von „King of New York“ und „Bad Lieutenant“ locker als zweiter Martin Scorsese weiter Gangsterfilme inszenieren können. Ferrara, der sich inzwischen als Buddhist bezeichnet, wurde erzkatholisch erzogen und die katholischen Kategorien von Schuld und Sühne sind ein wichtiger Pfeiler in seinem Werk. In den Neo-Noirs hatte er auch die ideale Form gefunden, um breitenwirksam von Schuld und Sühne zu erzählen.

Seit seiner William-Gibson-Verfilmung „New Rose Hotel“ (1998) versank er allerdings weitgehend in der Obskurität. Seine Filme, wie „Go Go Tales“ (2007), „Welcome to New York“ (2014) und „Pasolini“ (2014), wurden kaum noch vertrieben. In Deutschland erschienen sie oft irgendwann auf DVD und wurden einmal im Fernsehen gezeigt.

Mit seinem neuesten Film „Tommaso und der Tanz der Geister“ kehrt er jetzt, nach über zwanzig Jahren, wieder in die deutschen Kinos zurück. Mit einem weiteren radikal persönlichem Werk, das thematisch an seine früheren Filme anknüpft und, vom Ende betrachtet, ein Noir ist.

Tommaso (Willem Dafoe) ist ein amerikanischer Künstler, der mit seiner deutlich jüngeren ukrainisch-russisch-stämmigen Frau, und ihrer dreijährigen Tochter in Rom lebt.

Abel Ferrara nimmt sich viel Zeit, Tommasos Alltag zu schildern. Er beobachtet ihn mit seiner Frau und Tochter in ihrer Wohnung, auf dem Spielplatz und den Straßen Roms, beim Italienisch lernen, beim Einkaufen in seinem Viertel, bei seinen Yoga-Übungen, bei von ihm gegebenen Schauspielkursen, beim Entwickeln eines neuen Filmprojekts und bei den Treffen einer Selbsthilfegruppe ehemaliger Süchtiger, die sich Geschichten aus ihrem Leben als Süchtige erzählen. In diesen Szenen verfolgt Ferrara wie ein Voyeur mit unruhiger Handkamera Dafoe. Er lässt ihm alle Zeit der Welt, sich vor der Kamera zu präsentieren, ohne dass in diesen improvisierten und oft zu langen Alltagsbeobachtungen eine Geschichte vorangetrieben wird.

Willem Dafoe, der wieder mit Abel Ferrara zusammenarbeitet und inzwischen, wie Ferrara, in Rom lebt, spielt diesen Amerikaner in Rom als einen freundlichen Mann. So entspannt, so bürgerlich normal und so oft lachend sah man Dafoe noch nie in einem Film. Er ist ein freundlicher, aufgeschlossener Künstler. Nach turbulenten Jahren ist er in Rom zur Ruhe gekommen. Offensichtlich genießt er sein ruhiges, drogenfreies Leben als Ehemann einer deutlich jüngeren Frau und eines gemeinsamen Kindes. Als er seine Frau mit einem anderen Mann sieht, ändert sich das.

Diese Eifersuchtsgeschichte beginnt allerdings erst sehr spät im Film und sie wirkt mit ihrem Ende auch wie ein Fremdkörper in einem Film, der aufgrund der zahlreichen, gewollten autobiographischen Bezüge mühelos als ein Selbstporträt von Ferrara (mehr) und Dafoe (weniger) gelesen werden kann. Dazu trägt auch bei, dass Ferraras Ehefrau Cristina Chiriac Tommasos Frau spielt und ihre Tochter Anna Tommasos Tochter spielt.

Tommaso und der Tanz der Geister (Tommaso, Italien/Großbritannien/USA 2019)

Regie: Abel Ferrara

Drehbuch: Abel Ferrara

mit Willem Dafoe, Anna Ferrara, Cristina Chiriac

Länge: 117 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Moviepilot über „Tommaso und der Tanz der Geister“

Metacritic über „Tommaso und der Tanz der Geister“

Rotten Tomatoes über „Tommaso und der Tanz der Geister“

Wikipedia über „Tommaso und der Tanz der Geister“

Meine Besprechung von Abel Ferraras “King of New York” (King of  New York, USA 1989)

Abel Ferrara in der Kriminalakte


Neu im Kino/Buch- und Filmkritik: Edward Norton erkundet Jonathan Lethems „Motherless Brooklyn“ und nimmt sich einige Freiheiten

Dezember 12, 2019

Als vor zwanzig Jahren Jonathan Lethems Noir-Krimi „Motherless Brooklyn“ erschien wurde gleich über eine Verfilmung gesprochen. Denn Lethems geradlinige Kriminalgeschichte voller liebgewonnener Klischees eignet sich vorzüglich dafür. Es dauerte dann doch zwanzig Jahre und der Film hat wenig mit der Vorlage zu tun. Norton verlegte die Geschichte von den späten Neunzigern in die fünfziger Jahre und er erfand einen vollkommen neuen Kriminalfall. Nur der Held und der Grund für seine Ermittlungen blieben gleich.

Wer jetzt aber denkt, dass Jonathan Lethem in Interviews Gift und Galle über die Verfälschung seines literarischen Meisterwerks speit, irrt sich. Er äußerte sich wohlwollend über den Film und er weist darauf hin, dass Buch und Film zwei verschiedene Sachen sind, die eigenen Regeln gehorchen.

Im Roman wird Lionel Essrogs Chef Frank Minna ermordet. Minna zog ihn und einige andere Waisenkinder groß, indem er sie immer wieder für sich arbeiten ließ. Zuletzt als „Privatdetektive“. Dabei waren ihre Aufträge meistens mehr, selten weniger halbseiden. Jetzt sollen sie Minna beschützen, während er sich in einem Apartmentzimmer mit einem Auftraggeber trifft. Das Treffen gerät aus dem Ruder. Minna wird angeschossen und stirbt kurz darauf im Krankenhaus. Essrog und seine Kollegen haben keine Ahnung, wer der Täter ist.

Essrog beginnt den Täter zu suchen. Dabei versucht er aus seinen Beobachtungen und Frank Minnas rätselhaften letzten Worten eine Spur zum Täter zu finden.

Im Buch bewegen Essrog und die anderen Minna Men sich durch das heutige Brooklyn wie klassische Hardboiled-Dicks. Nur ist halt nicht mehr 1950 und sie sind alle keine Sam Spades und Philip Marlowes, sondern mäßig begabte Waisenkinder. Sie sind Handlanger, die in eine Geschichte hineinstolpern, die zu groß für ihre geistigen Fähigkeiten ist.

Außerdem leidet Ich-Erzähler Lionel Essrog am Tourette-Syndrom.

Edward Norton, der das Drehbuch schrieb, die Regie führte und die Hauptrolle übernahm, verlegt die Geschichte von der Gegenwart in die das New York der späten fünfziger Jahre und damit in die Zeit des klassischen Noirs. Damit erscheinen die Minna Men und ihr Verhalten nicht mehr anachronistisch.

Gleichzeitig erfand Norton einen Fall, der deutlich von Roman Polanskis „Chinatown“ beeinflusst ist. Nur dass es dieses Mal um einen Bauskandal aus New York geht.

Moses Randolph (Alec Baldwin) ist ein skrupelloser Baumogul und Teilzeitpolitiker, der mit seinem politischen Amt seine Bauprojekte fördert. Dazu gehört die Zerstörung von von armen, hauptsächlich Schwarzen bewohnten Wohnvierteln. Anschließend baut er dort moderne Mietwohnungen, die für Schwarze nicht bezahlbar sind. Oder er baut eine Schnellstraße. Er hat sich die Stadt zur Beute gemacht und verdient mächtig daran.

Baldwins Figur ist am deutlichsten von Robert Moses inspiriert. Der Stadtplaner entwarf das Gesicht des heutigen New Yorks.

Dieser sich tief in die Stadtgeschichte von New York hineingrabende Plot hat mit Lethems Plot nichts zu tun.

Mit gut zweieinhalb Stunden ist der Film deutlich zu lang geraten. Es ist eine Länge, die vor allem die Eitelkeit des Hauptdarstellers befriedigt, der mit seiner Performance überdeutlich auf einen Oscar zielt.

Für die anderen Schauspieler bleiben da nur noch Nebenrollen. Bruce Willis, der Essrogs Mentor Frank Minna spielt, verschwindet aus dem Film genauso schnell wie aus dem Buch. Nach ein paar Minuten Minuten ist er tot. Danach taucht er noch einige Male in Flashbacks und kurzen Traumszenen, in denen er Essrog kluge Ratschläge gibt, auf. Damit reiht sich diese Rolle vom Umfang her mühelos in Bruce Willis‘ Spätwerk ein. Immerhin tritt er dieses Mal in einem besseren Film auf.

Alec Baldwin, Willem Dafoe und Gugu Mbatha-Raw überzeugen in ihren wenigen, aber wichtigen Auftritten. Gerade Baldwins erster Auftritt ist sehr gelungen inszeniert.

Trotzdem ist „Motherless Brooklyn“ vor allem eine zu lang geratene Fleißarbeit. Noir-Motive werden zitiert, die bekannten Plot-Points mit den vertrauten Figuren abgehandelt. Nur der Protagonist, der Möchtegern-Privatdetektiv Lionel Essrog, fällt mit seiner Störung und den damit verbundenen Macken aus dem Rahmen. Norton präsentiert das überzeugend als ein Period-Piece.

So ist „Motherless Brooklyn“ ein Noir, der weniger Interesse am Krimiplot und dem überschaubar kompliziertem Mordkomplott, als am Ausstellen der schauspielerischen Fähigkeiten von Edward Norton hat.

Motherless Brooklyn (Motherless Brooklyn, USA 2019)

Regie: Edward Norton

Drehbuch: Edward Norton

LV: Jonathan Lethem: Motherless Brooklyn, 1999 (Motherless Brooklyn)

mit Edward Norton, Gugu Mbatha-Raw, Alec Baldwin, Willem Dafoe, Bruce Willis, Ethan Suplee, Cherry Jones, Boby Cannavale, Dallas Roberts, Josh Pais, Radu Spinghel, Michael Kenneth Williams, Leslie Mann

Länge: 145 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Die Vorlage

(lesenswert und ganz anders als die Verfilmung)

Jonathan Lethem: Motherless Brooklyn

(übersetzt von Michael Zöllner)

Tropen Verlag, 2019

376 Seiten

9, 95 Euro

Deutsche Erstausgabe

Tropen Verlag, 2001

Originalausgabe

Motherless Brooklyn

Doubleday, New York 1999

Neu von Jonathan Lethem

Wenige Tage vor dem Kinostart von „Motherless Brooklyn“ erschien die deutsche Ausgabe von Jonathan Lethems Kurzgeschichtensammlung „Alan, der Glückspilz“. Die neun Geschichte richten sich dabei nicht an den Lethem-Neueinsteiger. Der sollte besser mit einem seiner Romane, wie „Motherless Brooklyn“, beginnen. Die Kurzgeschichten sind Stilübungen, Skizzen, Momentaufnahmen, Ideen und auch Was-zur-Hölle-hat-er-sich-dabei-gedacht?-Texte. Mal mehr, mal weniger absurd, mal mehr, mal weniger in unserer Wirklichkeit spielend.

Jonathan Lethem: Alan, der Glückspilz

(übersetzt von Johann Christoph Maass)

Tropen, 2019

176 Seiten

20 Euro

Originalausgabe

Lucky Alan and other stories

Doubleday, New York 2015

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Motherless Brooklyn“

Metacritic über „Motherless Brooklyn“

Rotten Tomatoes über „Motherless Brooklyn“

Wikipedia über „Motherless Brooklyn“ (deutsch, englisch)

Perlentaucher über den Roman „Motherless Brooklyn“

Book Marks über den Roman „Motherless Brooklyn“

Homepage von Jonathan Lethem

Wikipedia über Jonathan Lethem (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Jonathan Lethems „Der wilde Detektiv“ (The feral detective, 2018)


Neu im Kino/Filmkritik: Der Arthaus-Horrorfilm „Der Leuchtturm“

November 29, 2019

Nach all den unterschiedlich schlechten Teenie-Slasher-Folter-Horrorfilmen, die jedes Jahr zu Halloween die Kinosäle fluten, ist „Der Leuchtturm“ ein Horrorfilm für den Cineasten, der regelmäßig Arte sieht.

Im Mittelpunkt des 1890 an der Küste Neuenglands spielenden Schauermärchens mit viel Seemansgarn stehen zwei Männer, die auf einer einsamen Insel mit „einem gigantischen Phallussymbol-Leuchtturm“ (Regisseur Robert Eggers) gemeinsam einige Wochen miteinander verbringen müssen. Es sind Ephraim Winslow (Robert Pattinson) und Thomas Wake (Willem Dafoe). Der alte Leuchtturmwärter Wake ist ein knurriger und herrischer Trinker, der von Anfang an festlegt, wer hier Chef und wer Diener ist.

Winslow ist zum ersten Mal auf der Insel. Vorher war er Holzfäller mit zweifelhafter Vergangenheit. Er muss die körperlich anstrengenden Handlangerdienste machen. Manchmal sieht er dabei eine Meerjungfrau, die er sexuell begehrt. Abends fließt reichlich Alkohol.

Dass diese ungute Mischung aus Alkohol, unterdrückten sexuellen Trieben, Todesahnungen, physischen und psychischen Repressalien, gegenseitiger, sich steigernder Abneigung und sich ebenfalls steigerndem Wahnsinn kein gutes Ende nimmt, ist von Anfang an absehbar.

Für Robert Eggers („The Witch“) ist diese Geschichte das Vehikel für seine Liebeserklärung an den Stummfilm und die Ästhetik des Stummfilms. Deshalb ist „Der Leuchtturm“ ein SW-Film, gedreht im fast quadratischen 1,19:1-Bildformat mit einer Panavision Millennium XL2-Kamera und Baltar-Linsen aus den 1930er Jahren. Das führt zu kontrastreichen Bildern, wie man sie aus Stummfilmen und frühen Tonfilmen kennt. Die bärtigen Gesichter von Robert Pattinson und Willem Dafoe erinnern an damalige Porträts. Auch die Kamerabewegungen und das Schnitttempo passen sich dieser aus Stummfilmen bekannten Ästhetik an. Oft beobachtet die Kamera Winslow oder Wake über eine längere Zeit. Die regelmäßigen gemeinsamen Mahlzeiten der beiden Leuchtturmwärter bestehen aus Halbtotalen und Nahaufnahmen, in denen sich über mehrere Minuten die Spannung zwischen ihnen steigert.

Auf das Einblenden von Texttafeln verzichtet Eggers dann doch in seinem dialogarmen Film. Diese Dialoge sind dann von Herman Melville, Robert Louis Stevenson, H. P. Lovecraft und Algernon Blackwood inspiriert.

Die Symbole, vor allem die für sexuelles Begehren und den Tod, sind aufgrund der gewählten Stummfilmästhetik teilweise störend überdeutlich. Zum Glück fehlt im Film die in Cannes bei der Premiere gezeigte Szene, in der der Leuchtturm zu einem erigiertem Penis wird. Dieses Bild überschreitet schon in meiner Fantasie die Grenze von überdeutlich zu pubertär.

Der Leuchtturm“ ist ein intensives, glänzend gespieltes und inszeniertes Schauermärchen, das vor allem eine Liebeserklärung an den Stummfilm ist. Für Cineasten ist diese Reise in den Wahnsinn ein Pflichttermin, der in einem dunklen Kinosaal auf einer großen Leinwand mühelos seine klaustrophobische Wirkung entfalten kann.

Der Leuchtturm (The Lighthouse, USA 2019)

Regie: Robert Eggers

Drehbuch: Robert Eggers, Max Eggers

mit Robert Pattinson, Willem Dafoe, Valeriia Karaman

Länge: 109 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Deutsche Facebook-Seite zum Film

Moviepilot über „Der Leuchtturm“

Metacritic über „Der Leuchtturm“

Rotten Tomatoes über „Der Leuchtturm“

Wikipedia über „Der Leuchtturm“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Robert Eggers‘ „The Witch“ (The Witch: A New-England Folktale, Kanada/USA 2015)


Neu im Kino/Filmkritik: „Vox Lux“ – irgendwie die Geschichte einer Pop-Sängerin

Juli 25, 2019

2000 wird Celeste (Raffey Cassidy) mit einem kitschigen Lied bekannt, in dem die Dreizehnjährige ihre Gefühle nach einem Amoklauf an ihrer Schule, den sie schwer verletzt überlebte, verarbeitet. Weil das Lied zu einer überall gesungenen Hymne wird, erhält Celeste einen Plattenvertrag. Sie wird zu einem Star aufgebaut. Ihre Schwester, die Songwriterin Eleanor (Stacy Martin), ist immer bei ihr. Ihr Manager (Jude Law) und die Pressesprecherin Josie (Jennifer Ehle) kümmern sich um alles. Vor allem um die perfekte, massentaugliche Pop-Produktion.

Dieser Aufstieg nimmt die erste Hälfte von Brady Corbets zweitem Spielfilm ein. Und es ist die bessere Hälfte von „Vox Lux“.

Nach einem mehrjährigem Zeitsprung spielt die zweite Hälfte des Films 2017. Es werden die Stunden vor einem Konzert von Celeste geschildert. Sie ist ein großer Popstar und das Konzert in ihrem Heimatort ist der Abschluss ihrer Tour. Auf der Bühne ist sie ein in Science-Fiction-Outfits auftretender Star. Hinter der Bühne kämpft sie mit ihrer Drogensucht, ihren Stimmungsschwankungen und ihren Selbstzweifeln. Sie ist, wie man es aus der Regenbogenpresse kennt, ein Bündel von Allüren, das davon ausgeht, dass sich der gesamte Kosmos um sie dreht. Die Beziehung zu ihrer Tochter ist verkorkst.

Diese Hälfte ist eine zerfaserte Abfolge elend lang und ohne großen Erkenntnisgewinn vor sich hin mäandernder Dialoge, garniert mit einigen bedeutungsschwangeren Bildern.

In dieser Hälfte wird Celeste von Natalie Portman gespielt. Raffey Cassidy, die zuerst Celeste spielte, spielt jetzt ihre Tochter Albertine. Stacy Martin, Jennifer Ehle und Jude Law (der immerhin seinen Bart abrasierte) spielen, optisch unverändert, die Rollen, die sie in der ersten Filmhälfte spielten, weiter. Ein Grund für diese idiotische Entscheidung, eine Schauspielerin durch eine andere zu ersetzen und die ersetzte Schauspielerin eine andere Rolle spielen zu lassen, ohne ihr Aussehen zu verändern (was dann ja als Hinweis auf den Rollenwechsel verstanden werden könnte), ist nicht ersichtlich. Außer dass es einen irritiert.

Nach einer guten Stunde langweiligem Seelenstriptease gibt es dann den aus der Werbung bekannten Auftritt von Natalie Portman als Celeste in einer Spektakel-Pop-Show, die auch Madonna gefiele. Und Celestes Überleben während des Amoklaufs wird mit einer Geschichte erklärt, die Musikfans schon bei Robert Johnson besser gehört haben.

Vox Lux“ zerfällt in eine interessante erste und eine hoffnungslos zerfaserte zweite Hälfte. In der ersten Stunde, wenn Corbet den Weg eines Mädchens zu einem internationalen Popstar nachzeichnet, findet er immer wieder ungewohnte Wege, um seine Geschichte zu erzählen. Und diese Geschichte hat auch einen eindeutigen Fokus. Der fehlt in der zweiten Hälfte. Den Abschluss bildet dann das Popkonzert, das einem nur gefällt, wenn man diese Disco-Stampfmusik mag, zu der futuristisch gekleidete Männer und Frauen synchronisierte Tanzbewegungen abliefern.

Im Original ist Willem Dafoe der Erzähler, der immer wieder bedeutungsschwanger Celestes Leben mit weltpolitischen Ereignissen verknüpft. Dafoes Stimme ist ein eindeutiger Pluspunkt in einem Film, bei dem unklar ist, was er erzählen möchte.

Die Filmmusik ist von Scott Walker. Die Songs sind von Sia.

Vox Lux (Vox Lux, USA 2018)

Regie: Brady Corbet

Drehbuch: Brady Corbet

mit Natalie Portman, Jude Law, Stacy Martin, Jennifer Ehle, Raffey Cassidy, Christopher Abbott, Willem Dafoe (Erzähler im Original)

Länge: 115 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Vox Lux“

Metacritic über „Vox Lux“

Rotten Tomatoes über „Vox Lux“

Wikipedia über „Vox Lux“ (deutsch, englisch)


TV-Tipp für den 18. Mai: John Wick

Mai 17, 2019

Wenige Tage bevor John Wick wieder im Kino kämpft (Jubelarie zum Filmstart), gibt es heute und morgen die ersten beiden John-Wick-Filme. So als Vorbereitung.

Pro7, 22.30

John Wick (John Wick, USA 2014)

Regie: Chad Stahelski, David Leitch (ungenannt)

Drehbuch: Derek Kolstad

Als der missratene Sohn eines Mafiosos den Hund von John Wick tötet, packt der Ex-Killer John Wick seine eingelagerten Waffen wieder aus.

Actionfilm der wegen seines Stils und seiner furiosen Actionszenen begeistert.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Keanu Reeves, Michael Nyqvist, Alfie Allen, Willem Dafoe, Dean Winters, Adrianne Palicki, Omer Barnea, Toby Leonard Moore, Daniel Bernhardt, Bridget Moynahan, John Leguizamo, Ian McShane

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Moviepilot über „John Wick“

Metacritic über „John Wick“

Rotten Tomatoes über „John Wick“

Wikipedia über „John Wick“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Chad Stahelskis „John Wick“ (John Wick, USA 2014)

Meine Besprechung von Chad Stahelskis „John Wick: Kapitel 2“ (John Wick: Chapter 2, USA 2017)

Der Trailer für den dritten John-Wick-Film


Neu im Kino/Filmkritik: „Van Gogh – An der Schwelle zur Ewigkeit“, mitten im miserablen Leben zeichnend

April 20, 2019

Vincent van Gogh (geboren am 30. März 1853 in Groot-Zundert, gestorben am 29. Juli 1890 in Auvers-sur-Oise) ist ein weltbekannter niederländischer Maler und Zeichner, der sich sein linkes Ohr abschnitt. Als einer der Begründer der modernen Malerei wird er zu den Post-Impressionisten gezählt. Zu Lebzeiten wurden seine Werke kaum verkauft. Inzwischen erzielen sie bei Auktionen astronomische Preise.

Sein heute bekanntes Werk besteht aus über 860 Gemälden und über 1000 Zeichnungen, die alle zwischen 1880 und 1890 entstanden.

Sein Leben wurde in mehreren Spielfilmen erzählt. Zu den bekanntesten gehören Vincente Minnellis „Vincent van Gogh – Ein Leben in Leidenschaft (Lust for Life, 1956, mit Kirk Douglas als Van Gogh), Robert Altmans „Vincent und Theo“ (Vincent and Theo, 1990, mit Tim Roth als Van Gogh), Maurice Pialats „Van Gogh“ (1991, mit Jacques Dutronc als Van Gogh) und, zuletzt, 2017, Dorota Kobiela und Hugh Welchmans animierter Spielfilm „Loving Vincent“.

Angesichts dieser Menge bekannter Regisseure und Schauspieler, die den Maler in den letzten Jahrzehnten bereits spielten, stellt sich natürlich die Frage, ob wir unbedingt einen weiteren Film über den Maler brauchen. Und der dann auch noch von Willem Dafoe gespielt wird. Denn er dürfte der älteste Schauspieler sein, der bis jetzt Vincent van Gogh spielte. Um nicht missverstanden zu werden: Dafoe ist unbestritten ein grandioser Schauspieler. Aber ist er mit 63 Jahren nicht etwas zu alt, um einen Mittdreißiger zu spielen?

Diese auf den ersten Blick berechtigte Frage wird schnell Makulatur. Abgesehen von den bekannten Selbstporträts und einigen unbekannteren Fotos, auf denen er deutlich älter aussieht als er zum Zeitpunkt der Aufnahme war, gibt es keine Bilder von van Gogh. Insofern fällt es leicht, Dafoe als ausgemergelten, vom Leben gezeichneten van Gogh zu akzeptieren. Und wenn er manisch durch das Bild stolpert oder in einem Zimmer hastig ein Bild malt, dann ist er van Gogh.

Für sein Spiel wurde Dafoe unter anderem als bester Schauspieler für den Oscar und den Golden Globe nominiert. In Venedig, wo der Film letztes Jahr seine Premiere hatte, gab es ebenfalls Preise für Dafoe und Julian Schnabel, den Regisseur von „Van Gogh – An der Schwelle zur Ewigkeit“.

Schnabel ist selbst ein bekannter Maler, der erst relativ spät mit der Filmregie begann. Sein Debüt war „Basquiat“ (1996, über den Graffiti-Künstler). Danach folgten „Before Night Falls“ (2000), „Schmetterling und Taucherglocke“ (Le scaphandre et le papillon, 2007) „Lou Reed’s Berlin (2007) und „Miral“ (2010).

In seinem neuesten Spielfilm hat er kein Interesse an einem typischen Biopic. Selbstverständlich bemüht er sich, historisch möglichst genau zu sein. Soweit das bei teilweise widersprechenden Geschichten über bestimmte Ereignisse und fehlender Dokumente überhaupt möglich ist. Es muss also immer wieder spekuliert werden und es kann philosophische Gespräche und Begegnungen geben, die so vielleicht niemals stattgefunden haben.

Aber während andere Filme von außen auf den Künstler blicken, nimmt Schabel van Goghs Perspektive ein und erzählt alles aus van Goghs Perspektive. Wir sind in van Goghs Kopf. Wir sehen die Welt durch seine Augen. Wir erfahren unmittelbar, wie er sich zwischen Genie und Wahnsinn fühlte. Schließlich hatte er zeitlebens psychische Probleme und war immer wieder in psychiatrischer Behandlung. Er kämpfte mit Vorwürfen gegen seinen Malstil und immer wieder steigerte er sich in einen wahren Schaffensrausch hinein.

Schnabel konzentriert sich auf die letzten Lebensjahre von Vincent van Gogh. Es sind die Jahren, in denen er sich als Künstler verwirklichte. Nachdem van Gogh in Paris andere Künstler kennen lernt und erfolglos seine Bilder ausstellt, zieht er nach Arles, einem Dorf in Südfrankreich, verbringt einige Zeit in der Nervenheilanstalt Saint-Remy und seine letzten Tage in Auvers. Immer wieder malt er wie im Rausch Bilder von der Landschaft und von Dorfbewohnern. Schnabel zeigt auch die für Vincent von Gogh wichtigen Beziehungen zu seinem Bruder Theo (Rupert Friend), der ihn zeitlebens förderte, und zu seinem Malerkollegen Paul Gauguin (Oscar Isaac), die verschiedene Malstile hatten und darüber diskutierten.

Van Gogh – An der Schwelle zur Ewigkeit“ ist ein beeindruckendes und originäres Porträt eines innerlich zerrissenen Künstlers, der heute als Genie gefeiert wird.

Van Gogh – An der Schwelle zur Ewigkeit (At Eternity’s Gate, USA/Frankreich 2018)

Regie: Julian Schnabel

Drehbuch: Jean-Claude Carrière, Julian Schnabel, Louise Kugelberg

mit Willem Dafoe, Rupert Friend, Oscar Isaac, Mads Mikkelsen, Mathieu Amalric, Emmanuelle Seigner, Niels Arestrup, Anne Consigny, Amira Casar, Vincent Perez

Länge: 111 Minuten

FSK: ab 6 Jahre (ich würde ihn allerdings nicht mit Kindern besuchen)

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Van Gogh“

Metacritic über „Van Gogh“

Rotten Tomatoes über „Van Gogh“

Wikipedia über „Van Gogh“ (deutsch, englisch)


TV-Tipp für den 10. April: A most wanted man

April 9, 2019

Arte, 20.15

A most wanted man (A most wanted man, Deutschland/Großbritannien 2014)

Regie: Anton Corbijn

Drehbuch: Andrew Bovell

LV: John le Carré: A most wanted man, 2008 (Marionetten)

Als der militante Tschetschene und Islamist Issa Karpov in Hamburg auftaucht, ist Geheimagent Günther Bachmann (Philip Seymour Hoffman) alarmiert. Mit seinem Team und anderen Geheimdiensten heftet er sich an Karpovs Fersen. Der behauptet, nur ein Flüchtling zu sein.

Überfällige TV-Premiere einer sehr gelungenen, top besetzten John-le-Carré-Verfilmung und einer der letzten Leinwandauftritte des viel zu früh verstorbenen Philip Seymour Hoffman.

Eine kleine Episode aus dem unglamourösen Agentenleben, die in erster Linie ein intellektuelles Vergnügen ist, bei der wir beobachten, wie die Dienste, unter ständiger Berücksichtigung ihrer Eigeninteressen, zusammenarbeiten und im entscheidenden Moment eiskalt ihre Chance nutzen. Da ist der Einzelne, wie man es auch aus den anderen Romanen von John le Carré kennt, nur ein von anderen benutzter Spielball.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Philip Seymour Hoffman, Rachel McAdams, Grigoriy Dobrygin, Willem Dafoe, Robin Wright, Homayoun Ershadi, Nina Hoss, Franz Hartwig, Daniel Brühl, Kostja Ullmann, Vicky Krieps, Rainer Bock, Herbert Grönemeyer, Charlotte Schwab, Martin Wuttke

Hinweise
Englische Homepage zum Film
Moviepilot über „A most wanted man“
Metacritic über „A most wanted man“
Rotten Tomatoes über „A most wanted man“
Wikipedia über „A most wanted man“ (deutsch, englisch)

Homepage von John le Carré

Meine Besprechung von John le Carrés „Geheime Melodie“ (The Mission Song, 2006)

Meine Besprechung von John le Carrés “Marionetten (A most wanted man, 2008)

Meine Besprechung von John le Carrés “Verräter wie wir” (Our kind of traitor, 2010)

Meine Besprechung von John le Carrés “Empfindliche Wahrheit” (A delicate truth, 2013)

Meine Besprechung von John le Carrés „Das Vermächtnis der Spione“ (A Legacy of Spies, 2017)

Meine Besprechung der John-le-Carré-Verfilmung “Bube, Dame, König, Spion” (Tinker, Tailor, Soldier, Spy, Großbritannien/Frankreich/Deutschland 2011)

Meine Besprechung der John-le-Carré-Verfilmung “A most wanted man” (A most wanted man, Deutschland/Großbritannien 2014) und der DVD

Meine Besprechung der John-le-Carré-Verfilmung „Verräter wie wir“ (Our Kind of Traitor, Großbritannien 2016)

Meine Besprechung der ersten beiden Episoden von Susanne Biers „The Night Manager“ (The Night Manager, Großbritannien/USA 2016) und der gesamten Miniserie

John le Carré in der Kriminalakte

Meine Besprechung von Anton Corbijns John-le-Carré-Verfilmung „A most wanted man“ (A most wanted man, Deutschland/Großbritannien 2014) (DVD-Kritik)

Meine Besprechung von Anton Corbiijns „Life“ (Life, Kanada/Deutschland/Österreich 2015)


TV-Tipp für den 15. Januar: Daybreakers

Januar 14, 2019

Pro 7 Maxx, 22.00

Daybreakers (Daybreakers, Australien/USA 2009)

Regie: Michael Spierig, Peter Spierig

Drehbuch: Michael Spierig, Peter Spierig

2019 (also ungefähr jetzt [in einer anderen Galaxis?]): Vampire beherrschen die Welt. Weil es aber nicht mehr genug Menschenblut gibt, forscht Vampir Edward Dalton für Bromley an einem Blutersatz. Als er auf einige Menschen, die im Untergrund leben, trifft, muss er sich zwischen den Menschen und den Vampiren entscheiden.

Daybreakers“ ist ein feiner Film, der trotz Ethan Hawke, Willem Dafoe und Sam Neill und der guten Einspielergebnissen in anderen Ländern bei uns keinen Kinostart erhielt. Das führt zu der traurigen Erkenntnis, dass Vampirfilme damals nur als Biss-Filme genug kommerzielles Appeal für eine Kinoauswertung haben. Eine in sich glaubwürdige Dystopie, die detailreich eine Welt zeichnet, in der durchaus kultivierte Blutsauger die Macht übernommen haben, gehört nicht dazu.

mit Ethan Hawke, Willem Dafoe, Sam Neill, Claudia Karvan, Michael Dorman, Isabel Lucas

Wiederholung: Mittwoch, 16. Januar, 01.15 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Wikipedia über „Daybreakers“ (deutsch, englisch)

Rotten Tomatoes über “Daybreakers”

Fearnet telefoniert mit den Spierig-Brüdern (19. Oktober 2007)

Killerfilm trifft die Spierig-Brüder (8. Januar 2010)

Meine Besprechung von Michael und Peter Spierigs „Daybreakers“ (Daybreakers, Australien/USA 2009)

Meine Besprechung von Michael und Peter Spierigs „Predestination (Predestination, Australien 2014)

Meine Besprechung von Michael und Peter Spierigs „Winchester – Das Haus der Verdammten“ (Winchester, USA 2018)


Neu im Kino/Filmkritik: „Aquaman“ Arthur Curry sucht einen Dreizack

Dezember 20, 2018

Neben Marvel ist DC Comics das andere große Unternehmen, das mit seinen Superheldencomics seit Jahrzehnten unendlich viele Kinder zum Lesen verführte. Bei den Filmen hat Marvel seit Jahren die Nase vorn. Die Kritiken sind gut. Die Einspielergebnisse fantastisch. Die Fans begeistert. Bei DC Comics kann man sich dagegen nur so halbwegs über die Einspielergebnisse des DC Extended Universe freuen. „Man of Steel“ (2013), „Batman v Superman: Dawn of Justice“ (2016), „Suicide Squad“ (2016) und „Justice League“ (2017) waren mehr oder weniger missratene Geduldsproben. Nur „Wonder Woman“ (2017) überzeugte.

Aquaman“ ist wieder eine Geduldsprobe. Gut aussehend, mit viel Action und durchaus sympathischen Darstellern, aber mit einem konfusem Nichts an Story.

Arthur Curry (Jason Momoa), der titelgebende Aquaman, Sohn von Atlanna (Nicole Kidman), Königin von Atlantis, und dem Leuchtturmwächter Tom Curry (Temuera Morrison), kann mühelos im Wasser und auf der Erde leben. Als erster Sohn von Königin Atlanna könnte er den Thron von Atlantis für sich beanspruchen. Aber der Einzelgänger ist daran nicht interessiert. Viel lieber lebt er das Leben eines ungebundenen Drifters, der ab und an selbstlos einigen Menschen hilft.

Als er erfährt, dass sein machtgieriger Halbbruder Orm (Patrick Wilson) alle Ozean-Königreiche vereinigen und gegen die Landbewohner in den Krieg ziehen will, beschließt Arthur um den Thron zu kämpfen. Denn er möchte nicht, dass die Landbewohner getötet werden. Auch wenn sie seit Jahrzehnten die Ozeane verschmutzen. Orm benutzt diese Umweltsünden als Rechtfertigung für seinen Krieg gegen die Menschen.

Bevor Arthur die Königswürde zugestanden wird, muss er den verlorenen Dreizack von Atlan findet und sich so als legitimer Herrscher des Meeres erweisen. Weil niemand weiß, wo der Dreizack ist, muss Curry mit Mera (Amber Heard), der Prinzessin des Meereskönigreichs Xebel, um die halbe Welt reisen. Von einem Abenteuer zum nächsten.

Diese Story ist die Entschuldigung für eine Abfolge viel zu lang geratener Actionszenen, die auch in einem „Fast & Furious“-Film nicht auffielen (naja, bis auf die Unterwasser-Action), langweiligen Erklärdialogen und Szenen, die anscheinend aus einem anderen Film stammen. Oder wie will man sonst damit umgehen, dass zwischen zwei Actionszenen Aquaman und Mera auf Sizilien Zeit haben, gemütlich wie ein frisch verliebtes Paar über den Markt zu schlendern, während ein bekannter Song die Boxen des Kinos austestet? Immerhin wird nach dem Song die Harmonie von einer wilden Hatz über die Dächer des Dorfes abgelöst. Oder dass, als sie auf ihrer globalen Schnitzeljagd in der Wüste die nächste Spur zum Ziel suchen, er sich wie ein pubertierender Teenager, der keine Lust auf eine Wanderung hat, benimmt? Das sind Szenen, die von ihrer Tonalität in einen vollkommen anderen Film gehören und die auch einen vollkommen anderen Arthur Curry zeichnen. Das ist, als ob James Bond plötzlich Mr. Bean würde.

In dem Moment hat man schon lange alle Fragen von Logik, storyinterner Stimmigkeit und Plausibilität ad acta gelegt. Da können Meeresbewohner mal mühelos Luft atmen, mal nicht. Da wird die Reise zum nächsten Ziel zunächst mit einem alten Fischerboot tuckernd begonnen, bevor Aquaman und Mera den Rest des Weges superflott im Wasser zurücklegen und so im Sturm den sie attackierenden Seemonstern entkommen. Da gibt es in Atlantis einen eigentümlichen Mix aus High Tech und tiefster Urzeit. Da ist die Gesellschaft immer noch wie ein uraltes Königreich aufgebaut, das sich in den vergangenen Jahrhunderten nicht veränderte. Das ist der verstaubte Mythenquark, der vor Jahrzehnten in den Zimmern pubertierender Jungs abgeladen wurde.

Da hilft auch kein muskelbepackter Jason Momoa als breit grinsender Aquaman.

Am Ende des mit gut zweieinhalb Stunden viel zu lang geratenen Wasserfilms bleibt eine große Frage: Warum ist es so schwer, einen gescheiten Superheldenfilm zu drehen? Oder anders formuliert: Was macht Marvel so viel besser als DC bei seinen Filmen?

Aquaman (Aquaman, USA 2018)

Regie: James Wan

Drehbuch: David Leslie Johnson-McGoldrick, Will Beall (nach einer Geschichte von Geoff Johns, James Wan und Will Beall) (nach einem Charakter von Mort Weisinger und Paul Norris)

mit Jason Momoa, Amber Heard, Willem Dafoe, Patrick Wilson, Nicole Kidman, Dolph Lundgren, Yahya Abdul-Mateen II, Temuera Morrison, Michael Beach, Randall Park, Graham McTavish, Leigh Whannell

Länge: 144 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche WarnerBrosDC-Facebook-Seite zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Aquaman“

Metacritic über „Aquaman“

Rotten Tomatoes über „Aquaman“

Wikipedia über „Aquaman“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von James Wans „Insidious: Chapter 2“ (Insidious: Chapter 2, USA 2013)

Meine Besprechung von James Wans „The Conjuring“ (The Conjuring, USA 2013)

Meine Besprechung von James Wans „Fast & Furious 7″ (Furious 7, USA 2015)

Meine Besprechung von James Wans „The Conjuring 2″ (The Conjuring 2, USA 2016)

 


TV-Tipp für den 27. Oktober: The Hunter

Oktober 27, 2018

Servus TV, 20.15

The Hunter (The Hunter, Australien 2011)

Regie: Daniel Nettheim

Drehbuch: Alice Addison, Wain Fimeri (Original Adaptation)

LV: Julia Leigh: The Hunter, 1999 (Der Jäger)

Martin David (Willem Dafoe, grandios!) soll für einen Konzern den sagenumwobenen Tasmanischen Tiger finden und von ihm genetische Proben entnehmen. Allerdings jagen auch andere Menschen das Tier und David gerät in einen Konflikt zwischen Umweltschützern und Einheimischen.

„The Hunter“ ist ein angenehm altmodischer Abenteuerfilm mit Öko-Touch, einem Kopfnicken in Richtung „Mein großer Freund Shane“ und grandiosen Landschaftsaufnahmen.

mit Willem Dafoe, Sam Neill, Frances O’Connor, Sullivan Stapleton, Callan Mulvey, Morgana Davies, Jacek Koman, Dan Wyllie

Wiederholung: Sonntag, 28. Oktober, 00.05 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Homepage zum Film

Rotten Tomatoes über „The Hunter“

Wikipedia über „The Hunter

Meine Besprechung von Daniel Nettheims „The Hunter“ (The Hunter, Australien 2011)


TV-Tipp für den 26. August: Aviator

August 25, 2018

Arte, 20.15

Aviator (The Aviator, USA 2004)

Regie: Martin Scorsese

Drehbuch: John Logan

Biopic über den Multimillionär Howard Hughes und sein Leben in den dreißiger und vierziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Gut gespielt, liebevoll ausgestattet, straff erzählt mit einem Blick auf die dunklen Seiten des Porträtierten, aber von Scorsese erwarte ich mehr.

Denn letztendlich ist „Aviator“ Ausstattungskino.

Mit Leonardo DiCaprio, Cate Blancett, Kate Beckinsale, John C. Reilly, Alan Alda, Jude Law, Alec Baldwin, Alan Alda, Ian Holm, Danny Huston, Gwen Stefani, Willem Dafoe

Wiederholung: Freitag, 31. August, 14.05 Uhr

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Aviator“

Wikipedia über „Aviator“ (deutsch, englisch)

Martin-Scorses-Fanseite

Meine Besprechung von Martin Scorseses “Hugo Cabret” (Hugo, USA 2011)

Meine Besprechung von Martin Scorseses „The Wolf of Wall Street“ (The Wolf of Wall Street, USA 2013) und ein Infodump dazu

Meine Besprechung von Martin Scorseses „Silence“ (Silence, USA 2016)

Martin Scorsese in der Kriminalakte

 


TV-Tipp für den 4. April: Pasolini

April 4, 2018

Arte, 22.50

Paolini (Pasolini, Belgien/Frankreich/Italien 2013)

Regie: Abel Ferrara

Drehbuch: Maurizio Braucci (nach einer Idee von Abel Ferrara und Nicola Tranquillino)

Essayistisches Porträt über die letzten Stunden von Pier Paolo Pasolini.

In den späten siebziger und achtziger Jahrer erarbeitete Abel Ferrara sich seinen Ruf als stilprägender Neo-Noir-Regisseur mit gewalttätigen Großstadtfilmen, wie „The Driller Killer“, „Die Frau mit der 45er Magnum“, „Fear City“, „China Girl“ und „King of New York“. In den neunziger Jahren war er auf dem Höhepunkt seiner Karriere mit Filmen wie „Bad Lieutenant“, „Snake Eyes“, „The Addiction“ und „Das Begräbnis“. In den letzten zwanzig Jahren fanden seine Filme ein immer kleineres Publikum und sie wurden oft in Deutschland nicht mehr oder kaum gezeigt. Auch „Pasolini“ wurde in Deutschland nur auf einigen Festivals präsentiert.

mit Willem Dafoe, Riccardo Scamarcio, Maria de Medeiros, Giada Colagrande, Valerio Mastandrea, Adamo Dionisi

Hinweise

Metacritic über „Pasolini“

Rotten Tomatoes über „Pasolini“

Wikipedia über „Pasolini“

Meine Besprechung von Abel Ferraras “King of New York” (King of  New York, USA 1989)

Abel Ferrara in der Kriminalakte


Neu im Kino/Filmkritik: „The Florida Project“ – kein Geld im Paradies, trotzdem eine Menge Spaß

März 19, 2018

Täglich fahren hunderte Touristen über den Highway 192 nach Disney World. Vorbei an Dutzenden Billigmotels, in denen nicht andere Touristen, die ebenfalls Disney World besuchen wollen, übernachten, sondern Menschen leben, die durch das in den USA sehr dünne soziale Raster gefallen sind. Täglich bringen sie die 38 Dollar Miete für die nächste Nacht im „The Magic Castle Motel“ auf. Oder sie sind ein, zwei Nächte, bis sie wieder Geld haben, obdachlos. Wobei Motel-Manager Bobby (Willem Dafoe) ein Herz für seine Stammbewohnerinnen und ihre Kinder hat. Da dehnt er die Regeln ab und an etwas, während er den Laden in Schuss hält.

Im Mittelpunkt von Sean Bakers neuem Film „The Florida Project“ stehen dann einige der Motelbewohnerinnen, die sich mit Gelegenheitsjobs, Diebstählen, Verkauf von Hehlerware, Prostitution und Betteleien über Wasser halten, wenn sie sich nicht gerade am Swimming-Pool sonnen oder in einem Motelzimmer fern sehen. Sie sind zwar Mütter, aber selbst noch fast Kinder. Und Kindererziehung ist ein Fremdwort für sie. Das erledigt Bobby als Ersatzvater mit liebevoller Strenge.

Die meiste Zeit tun die sechsjährige Moonee (Brooklyn Kimberly Prince), ihr Freund Scooty (Christopher Rivera) und die neuen Freundin Jancey (Valeria Cotto), die wenige Meter weiter in einem anderen Motel wohnt, das, was Kinder tun: sie erkunden die Gegend, schnorren Eis, spielen, toben herum und nerven die Erwachsenen.

Baker stellt sie in den Mittelpunkt seines neuen Films. Er folgt ihnen auf Augenhöhe. Für Moonee, Scooty und Jancey ist die Gegend der Billigmotels, der abgewrackten Imbisse und Ruinen, die in Florida immer noch gut aussehen, und der nahe liegenden Sümpfe ihre Welt und ihr sommerlicher Abenteuerspielplatz. Hinter jeder Ecke kann ein neues Abenteuer lauern. Außerdem muss man Jancey ja alles mögliche im Motel und um das Motel herum zeigen. Und Jancey will Moonee ebenfalls ihre Welt zeigen.

Baker erzählt den Film durch die Augen der drei Kinder, die die Welt voller neugieriger Entdeckerfreude erkunden. Es ist auch der kindliche Blick, der aus „The Florida Project“ etwas Besonderes macht. Denn er kennt keine Vorurteile. Er verurteilt nicht. Er hat auch kein Bedauern mit den Erwachsenen und den Kindern. Er analysiert nicht. Er zeigt nur, wie Menschen, die durch das soziale Netz gefallen sind, überleben, während sie teils keine Hilfe haben wollen, teils keine Hilfe bekommen, weil sich niemand um sie kümmert. Und er zeigt auch die Probleme die sie haben und in welchem Teufelskreis sie stecken. Ohne etwas sozialpädagogisch zu erklären oder eine Disney-Lösung zu haben.

Sean Baker sieht sein Drama als moderne Version der Kleinen Strolche. „In diesen Comedy-Kurzfilmen, die Hal Roach in den Zwanziger- und Dreißigerjahren produzierte, ging es um Kinder, die während der Großen Depression in einer prekären Situation aufwachsen. Ihre ökonomische Situation war die Kulisse für die Filme – im Mittelpunkt standen aber die aberwitzigen und urkomischen Abenteuer, die die Kinder erlebten.“ (Sean Baker) Daneben orientierte Baker sich an europäischen Filmen mit Kindern, wie „Kes“ von Ken Loach, „Ponette“ von Jacques Doillon und die TV-Miniserie „Kindkind“ von Bruno Dumont. Er hätte auch noch „Jack“ von Edward Berger nennen können. Amerikanische Filme mit Kindern seien ihm oft zu künstlich. „Ich wollte die Kinder in meinem Film so agieren lassen, wie sie eben sind. Ihnen in langen Einstellungen zusehen und sie einfach Kinder sein lassen.“ (Sean Baker)

Ein Kinderfilm ist „The Florida Project“ trotzdem nicht. Es ist ein Film mit Kindern als Protagonisten, der episodisch, witzig, ernst, todtraurig und, trotz allem, mutmachend ist. Es ist auch ein Film über das heutige Amerika. Obwohl Sean Baker und sein Co-Drehbuchautor Chris Bergoch die ersten Ideen für den Film bereits 2011 hatten. In den folgenden Jahren unternahmen sie mehrere Recherchereisen nach Florida. Für den Film sahen sie sich dann auch nach Laiendarstellern um, die in den billigen Motels leben und die sich im Film mehr oder weniger selbst spielen.

The Florida Project (The Florida Project, USA 2017)

Regie: Sean Baker

Drehbuch: Sean Baker, Chris Bergoch

mit Brooklynn Kimberly Prince, Bria Vinaite, Willem Dafoe, Christopher Rivera, Caleb Landry Jones, Mela Murder, Karren Karagulian

Länge: 111 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „The Florida Project“

Metacritic über „The Florida Project“

Rotten Tomatoes über „The Florida Project“

Wikipedia über „The Florida Project“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Sean Bakers „Tangerine L. A.“ (Tangerine, USA 2015)

DP/30 unterhält sich mit Sean Baker über den Film (leider mit etwas zu viel Hintergrundgeräuschen)

Ein Gespräch mit Sean Baker, Chris Bergoch (Co-Autor, Produzent) und Samantha Quan (Acting Coach, Produzentin) beim NYFF


Neu im Kino/Filmkritik: Hercule Poirot und der „Mord im Orientexpress“: bekannte Story, neues Ensemble

November 9, 2017

Erstens: es war vielleicht keine gute Idee, vor dem Genuss der neuesten Verfilmung von Agatha Christies Herucle-Poirot-Roman „Mord im Orientexpress“ noch einmal die vorherigen Verfilmungen anzusehen und noch einmal die Vorlage durchzulesen.

Zweites: ich bin kein großer Fan von traditionellen Rätselkrimis. Meistens empfinde ich den Teil zwischen Auffinden der Leiche und Enttarnung des Täters als eine ziemlich langweilige Abfolge von Befragungen. Ein Puzzle eben, das man nicht wirklich lösen kann, weil man letztendlich doch nicht alle wichtigen Fakten kennt.

Das sollte als einordnendes Vorgeplänkel für meine Besprechung von Kenneth Branaghs Verfilmung von „Mord im Orientexpress“ genügen. Branagh hält sich, nach einem Drehbuch von Michael Green („Green Lantern“, „Logan“), an die wahrscheinlich allseits bekannte Geschichte. Immerhin ist Christies Roman in verschiedenen Übersetzungen gut erhältlich und die klassische Verfilmung von Sidney Lumet läuft ja öfter im Fernsehen.

1934 klärt Hercule Poirot in Jerusalem einen Diebstahl, der das fragile Gleichgewicht der Religionen stört, auf. Danach begibt er sich auf die Reise nach England. Dort werden seine überragenden detektivischen Fähigkeiten gebraucht. Einen Teil seiner Reise legt er im Orientexpress zurück.

In der zweiten Nacht seiner Reise im Orientexpress wird Edward Ratchett ermordet. Der Täter muss sich noch im Zug aufhalten, der auf einer Brücke von einer heruntergekrachten Lawine abrupt gestoppt wurde. Im Roman und den früheren Verfilmungen reichte eine banale Schneeverwehung aus.

Poirot beginnt die Passagiere zu befragen. Dabei ist der Mord ein ziemlich vertrackter Fall. Ratchett wurde bedroht und er hatte Angst, ermordet zu werden. Am Tatort findet Poirot verschiedene, widersprüchliche Spuren. So hat Ratchett zwar eine Pistole zur Selbstverteidigung, aber er benutzte sie nicht. Die zwölf Stichwunden, die zu seinem Tod führten, sind willkürlich gesetzt. Mal wurde stärker, mal schwächer zugestochen. Mal von einem Linkshänder, mal von einem Rechtshänder. Das offene Fenster wird schnell als Ablenkungsmanöver abgetan. Aber die verschlossene Zugabteiltür wirft Rätsel auf (wobei das zu den Fundamenten eines Rätselkrimis gehört). Dafür scheint die Tatzeit, dank Ratchetts zerbrochener Taschenuhr, klar zu sein.

Und in der Mordnacht kam es zu mehreren seltsamen Ereignissen. So sah Poirot eine Frau in einem roten Kimono. Aber keine der Passagierinnen besitzt einen solchen Kimono. So wird im Nebenabteil ein Knopf von einer Schlafwagenschaffneruniform gefunden. Aber an Pierre Michels Uniform sind noch alle Knöpfe. Und in der Nacht hörte Poirot Geräusche in Ratchetts Abteil. Auf die besorgte Nachfrage des Schlafwagenschaffners antwortete eine Männerstimme auf französisch sagte, dass alles in Ordnung sei. Nur: Ratchett spricht keine Fremdsprachen.

Rätsel über Rätsel, die nur ein Meisterdetektiv in langwierigen Befragungen aufdröseln kann. Immerhin hat Poirot schnell herausgefunden, dass Ratchett unter falschen Namen durch Europa reiste. Unter seinem richtigen Namen war er in den USA – zu Recht – verurteilt worden, das Kind einer vermögenden Familie entführt und getötet zu haben. Dieser aufsehenerregende Prozess führte zu mehreren Todesfällen in der Familie und ihrem Umfeld.

Kenneth Branagh orientiert sich in seiner Verfilmung selbstverständlich an Lumets Verfilmung. Allein schon das Aufgebot an Stars ist immens: Kenneth Branagh als Hercule Poirot, Johnny Depp als Edward Ratchett, Josh Gad als Hector MacQueen, Derek Jacobi als Edward Masterman, Michelle Pfeiffer als Caroline Hubbard, Penélope Cruz als Pilar Estravados, William Dafoe als Gerhard Hardman,Lucy Boynton als Gräfin Andrenyi, Sergei Polunin als Graf Andrenyi, Judi Dench als Fürstin Natalia Dragomiroff, Olivia Colman als Hildegarde Schmidt, Daisy Ridley als Mary Debenham, Manuel Garcia-Rulfo als Biniamino Marquez, Marwan Kenzari als Pierre Michel, Leslie Odom, jr. als Dr. Arbuthnot und Tom Bateman als Bouc (und Kenner der Geschichte kennen jetzt, auch wenn drei Namen verändert wurden und es einen neuen Charakter gibt, den Namen des Mörders). Auch im Hinblick auf Dekors und Kostüme schöpft Branagh aus dem Vollen. Nicht weil es unbedingt nötig ist, sondern weil er es kann. Das Essen im Zug wird pompös zubereiten und auf Porzellantellern serviert. Damals war eine Zugfahrt, jedenfalls in der ersten Klasse, nicht eine Fahrt von A nach B, sondern ein rollendes Nobelhotel.

Selbstverständlich gibt es auch einige Änderungen zum Roman und den vorherigen Verfilmungen. Die meisten fallen nicht sonderlich ins Gewicht. So ist es letztendlich einerlei, welchen Fall Poirot in der Levante aufklärt. Wie in den anderen Verfilmungen dient dieser Fall nur dazu, uns zu zeigen, wie brillant der Detektiv ist. Auch bei den Aussagen der Zugpassagiere änderten sich, wie in allen Verfilmungen, einige, letztendlich unerhebliche Details.

Einige Änderungen sind eher missglückt. Jedenfalls gibt es, auch weil es bis auf eine deplatzierte Actionszene (Poirot prügelt sich nicht! Das macht Sherlock Holmes.) für die Handlung egal ist, keinen Grund, den Zug mitten im Gebirge, auf einer Brücke zum Stillstand zu bringen. Dieses Mal wird der Zug sogar von einer Lawine gestoppt. In den älteren Versionen zwingt eine Schneeverwehung den Orientexpress zum Anhalten. Das ist zwar weniger spektakulär und fotogen, erfüllt aber seinen Zweck.

Danach konnte Branagh nicht der Versuchung widerstehen, mehrere Szenen außerhalb des Zuges spielen zu lassen. Auch wenn es nicht viel Sinn ergibt. So wird für ein Gespräch zwischen Poirot und einer Verdächtigen ein Essenstisch im Schnee aufgebaut. Oder die Erste-Klasse-Passagiere setzen sich in einer Imitation von Leonardo da Vincis „Das letzte Abendmahl“ in einen Tunnel und warten auf Poirot. Warum auf den Zuggleisen, auf denen der Orientexpress fahren soll, ein Podest mit Tisch und Stühlen steht, wird nicht verraten.

Auch das Auffinden der Tatwaffe unterscheidet sich von den vorherigen. Normalerweise findet Caroline Hubbard das Messer in ihrer Tasche. Anscheinend hat der Mörder es nach der Tat, auf seiner Flucht durch ihr Abteil, dort versteckt. Dieses Mal steckt es, reichlich sinnfrei, in ihrem Rücken.

Und es gibt einige Änderungen, die eindeutig falsch sind. Das gilt vor allem für die Chronologie der Mordnacht und der Verhöre. Während in allen anderen Versionen der Geschichte uns die Ereignisse in der Tatnacht chronologisch präsentiert werden, gibt es jetzt in der Tatnacht Lücken, die erst später gefüllt werden. Die Verhöre werden teilweise in einem Zusammenschnitt mehrere Verhöre präsentiert. Das ist heute üblich, um sie zu komprimieren und auch etwaige Widersprüche aufzuzeigen. Aber gerade bei Rätselkrimis sind das die Momente, in denen die Schauspieler brillieren können. Auch präsentiert Branagh die verschiedenen Spuren, die zum Täter führen, erstaunlich ungeschickt, fast schon chaotisch.

Sowieso fehlt der zweiten Hälfte (also ab der Entdeckung der Leiche) durchgängig der Humor, die inszenatorische Geschlossenheit, die Verspieltheit und Experimentierfreude der ersten Hälfte. Stattdessen wirkt alles etwas schludrig und fahrig. Als ob man für diese Filmhälfte mit einer früheren Drehbuchversion arbeiten musste oder etliche Szenen nicht drehen konnte. Die Schauspieler können nie so brillieren, wie sie es eigentlich sollten und es gelingt der Regie nicht mehr, ein Gefühl für den Raum und die zeitliche Abfolge zu entwickeln.

Auch der von Kenneth Branagh gespielte Hercule Poirot verliert in diesem Moment plötzlich seine bis dahin gepflegten Marotten, die ihn zu einem Verwandten von Adrian Monk machen. Genau wie Monk sucht Poirot nach dem perfekten Gleichgewicht und weil Verbrechen diese Harmonie stören, sieht er die Abweichungen davon mit übergroßer Deutlichkeit. Bei Monk ist diese Suche nach Harmonie, die er nur bei der Enttarnung des Mörders verspürt, das Prinzip seines Lebens. Er kämpft immer und überall gegen das Chaos. Er sucht die perfekte Balance. Bei Poirot ist es im Film zunächst nur die Suche nach dem perfekten Paar Eier. Was durchaus witzig ist. Oder wenn er mit seinem linken Schuh in einen Kuhfladen tritt und dann, wegen des Gleichgewichts, auch mit seinem rechten Schuh in den Fladen tritt und, unter dem Gelächter des Kinopublikums, „Besser“ murmelt.

Am Ende, wenn er die Verdächtigen versammelt, um seinem staunenden Publikum den Täter zu präsentieren, wird dieser Punkt wieder aufgenommen. Jetzt behauptet Poirot, im Gegensatz zur Romanvorlage, dass er einen Zwiespalt sehe zwischen seinem Verständnis für das Motiv und seinem Gefühl für universelle Symmetrie; also dass der Mörder für seine Tat bestraft werden muss.

In diesem Moment wird, in jeder Beziehung denkbar ungeschickt, die Frage nach den Gründen für Selbstjustiz gestellt. Eine Frage, die während des gesamten Films uninteressant war und die im Kosmos eines Rätselkrimis nicht wirklich behandelt werden kann. Jedenfalls nicht in einem traditionellen Rätselkrimi, in dem es nur um das Zusammensetzen des „Wer war der Täter?“-Puzzles geht. Da sind moralische Fragen, Ambivalenzen und die Motive für eine Tat nebensächlich. Auch der Detektiv steht nie vor einem moralischen Dilemma. Er enttarnt den Täter und übergibt ihn an die Justiz. Meist ist bei der Enttarnung auch ein Polizist mit gezückten Handstellen dabei und der Täter begibt sich, ohne mit der Wimper zu zucken, ins Gefängnis. Es ist die gerechte Strafe für das Fehlschlagen seines perfekten Planes.

Und so ist diese Version des „Mord im Orient-Express“ eine Fassung, die an etlichen dramaturgischen Fehlentscheidungen und einer irritierend schwachen zweiten Hälfte leidet. Dafür kann Branaghs nostalgisches Ausstattungskino mit einer 1-A-Besetzung punkten.

Mord im Orientexpress (Murder on the Orient Express, USA 2017)

Regie: Kenneth Branagh

Drehbuch: Michael Green

LV: Agatha Christie: Murder on the Orient Express, 1934 (Mord im Orientexpress)

mit Kenneth Branagh, Daisy Ridley, Johnny Depp, Michelle Pfeiffer, Penélope Cruz, Judi Dench, Willem Dafoe, Josh Gad, Lucy Boynton, Marwan Kenzari, Olivia Colman, Miranda Raison, Derek Jacobi, Tom Bateman, Sergei Polunin , Manuel Garcia-Rulfo, Leslie Odom, jr.

Länge: 114 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Die Vorlage

Agatha Christie: Mord im Orientexpress

(übersetzt von Otto Bayer)

Atlantik Verlag, 2017

256 Seiten

10 Euro

Originalausgabe

Murder on the Orient Express

HarperCollins, London, 1934

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Mord im Orientexpress“ (2017)

Metacritic über „Mord im Orientexpress“ (2017)

Rotten Tomatoes über „Mord im Orientexpress“ (2017)

Wikipedia über „Mord im Orientexpress“ (Roman [deutsch, englisch], Lumet-Verfilmung [deutsch, englisch], Schenkel-Verfilmung [englisch], Martin-Verfilmung [deutsch], Branagh-Verfilmung [deutsch, englisch]) und Agatha Christie (deutsch, englisch)

Homepage von Agatha Christie

Krimi-Couch über Agatha Christie

Thrilling Detective über Hercule Poirot

Meine Besprechung von Agatha Christies „Mord im Orientexpress“ (Murder on the Orient Express, 1934)

Meine Besprechung von Kenneth Branaghs „Jack Ryan: Shadow Recruit“ (Jack Ryan: Shadow Recruit, USA 2013)

Meine Besprechung von Kenneth Branaghs „Cinderella“ (Cinderella, USA 2015)

Simon Mayo unterhält sich mit Kenneth Branagh über den Film

Kenneth Branagh über den „Mord im Orientexpress“


Verfilmte Bücher: „Mord im Orientexpress“ ist, mal wieder, „Mord im Orientexpress“

November 8, 2017

 

Auch wenn wahrscheinlich jeder, der Sidney Lumets regelmäßig im Fernsehen laufende Agatha-Christie-Verfilmung „Mord im Orient-Express“ gesehen hat, die Lösung kennt: sie wird in dieser Besprechung über den Roman und die bisherigen Verfilmungen verraten. Meine Besprechung der Neuverfilmung von und mit Kenneth Branagh als Hercule Poirot gibt es zum Kinostart am 9. November. .

 

Der Roman

 

1934 veröffentlichte Agatha Christie ihren neunten Roman mit dem belgischen Privatdetektiv Hercule Poirot. Besondere Kennzeichen: seine Hinweise auf seine „kleinen grauen Zellen“ und sein liebevoll gepflegter Schnurrbart. Inspiriert war „Mord im Orientexpress“ von der damals weltweit Aufsehen erregenden Entführung und Ermordung des Babys von Charles Lindbergh. Diese damals noch nicht aufgeklärte Tat ist dann auch die Grundlage für das Mordmotiv.

Der Fall selbst bewegt sich in den etablierten Rätselkrimipfaden.

Hercule Poirot reist mit dem Orientexpress von Istanbul nach Calais. In Jugoslawien bleibt der Zug in einer Schneewehe stecken. Samuel Edward Ratchett, der Drohbriefe erhielt und Poirot als seinen Beschützer engagieren wollte, liegt ermordet in seinem Erster-Klasse-Abteil. Er wurde mit zwölf Messerstichen, die anscheinend von mehreren Personen stammen, ermordet. Das geöffnete Abteilfenster ist eine falsche Fährte. Denn es gibt keine vom Zug wegführenden Fußspuren im Schnee. Schwieriger zu entschlüsseln sind andere Spuren: der im Nebenabteil, das der Mörder anscheinend für seine Flucht benutzte, gefundene Knopf von einer Uniform von einem Schlafwagenschaffner, das Taschentuch mit dem Monogramm „H“, die von Poirot in der Mordnacht gesehene Frau im roten Kimono und die Frage nach der Tatzeit. Zwar zeigt die zerbrochene Uhr des Toten mit 01.15 Uhr eine eindeutige Uhr- und Tatzeit an, aber schon vorher antwortete ein Mann in Ratchetts Abteil auf die nach einem Geräusch gestellte Frage des Schlafwagenschaffners, dass alles in Ordnung sei. Allerdings antwortete er auf französisch und der tote US-Bürger Ratchett spricht keine Fremdsprachen. Sagt sein Sekretär.

Es gibt also genug Hinweise und falsche Fährten, die Poirot in den kommenden Stunden, bis der Zug weiterfahren kann, entschlüsseln muss. Er beginnt die zwölf Passagiere der ersten Klasse zu befragen. In schönster Rätselkrimitradition muss sich der Mörder unter ihnen befinden.

Neben „Alibi“ (The Murder of Roger Ackroyd, 1926), einem anderen Hercule-Poirot-Krimi, in dem sie die Erwartungen des Publikums nach dem Mörder auf den Kopf stellte, und dem Theaterstück „Die Mausefalle“ (The Mousetrap, 1952), das eine ähnliche, den Erwartungen widersprechende Lösung hat, präsentiert sie in „Mord im Orientexpress“ alle Verdächtigen, also alle Zugpassagiere, als den Mörder. Ratchett, eigentlich Cassetti, hat vor einigen Jahren John Armstrongs Baby entführt und getötet. Cassetti wurde angeklagt und wegen eines Formfehlers nicht verurteilt. Die Passagiere des Schlafwagens waren mit Armstrong als Verwandte, Angestellte und Freunde verbunden und, nachdem Ratchett freigesprochen wurde, beschlossen sie, Selbstjustiz zu üben. Was sie, nach präziser Planung, in der Mordnacht taten. Weil mit Poirot ein nicht eingeplanter Gast in dem Zugabteil mitreiste, legten sie außerdem zahlreiche falsche Fährten.

Am Ende präsentiert Poirot den versammelten Verdächtigen diese Lösung und eine andere, in der ein unbekannter, flüchtiger Täter Ratchett ermordete. Die Täter geben ihre Tat zu und der ebenfalls im Zug mitreisende Direktor der Zuggesellschaft, Monsieur Bouc, und der Arzt Dr. Constantine entscheiden sich dafür, der Polizei zu erzählen, dass Ratchett von einem flüchtigen Einzeltäter ermordet wurde.

Diese Lösung (also dass Ratchett gleichzeitig von zwölf Menschen ermordet wurde) ist zwar überraschend, aber auch nicht besonders logisch. So soll das Mordopfer keinen der Mitreisenden erkannt haben.

Wie die Täter, die sich teilweise vorher nicht kannten, sich kennen lernten und wie sie sich zu dieser Tat verabredeten, wird nicht erwähnt. Auch nicht, wie sie sich überzeugten, gemeinsam einen kaltblütigen Mord auszuführen. Wer über diese Punkte auch nur kurz nachdenkt, wird ernsthafte Probleme mit der von Agatha Christie präsentierten Lösung haben.

Der offensichtliche Konflikt zwischen einer moralisch vielleicht gerechtfertigter Selbstjustiz und der Herrschaft des Gesetzes (inklusive einem rechtsstaatlichen Gerichtsverfahren) wird in dem Roman nicht weiter thematisiert. Schließlich steht in einem Rätselkrimi die Tätersuche als intellektuelles Puzzlespiel im Vordergrund. Mit der Illusion, dass man als Leser den Täter ebenfalls enttarnen kann, weil der Autor alle Fakten präsentiert. Sogar wenn man die Lösung kennt, wird man nur wenige Hinweise auf die richtige Lösung finden. Im Klassischen Rätselkrimi, wie ihn Agatha Christie erfand, geht es sogar nur um die Tätersuche. Oder in Poirots Worten: „Es gibt für diesen Mord zwei mögliche Lösungen. Ich werde Ihnen beide vorstellen, und dann mögen Monsieur Bouc und Dr. Constantine entscheiden, welche von ihnen die richtige ist.“

Der Roman ist in einer heute altertümlichen Sprache geschrieben und die gut vierzig Seiten bis zur Entdeckung der Leiche sind ziemlich spannungsfrei.

Ziemlich witzig sind, jedenfalls aus heutiger Sicht, die schamlos vorgetragenen, jeder Grundlage entbehrenden Urteile über verschiedene Völker. Sie sind einfach eine Ansammlung absurder Vorurteile.

 

Die Verfilmungen

 

Seit seiner Veröffentlichung wurde der Roman mehrmals verfilmt. Bei uns sind die beiden Spielfilme (die zweite Spielfilm-Verfilmung startet am Donnerstag) und spielfilmlangen TV-Filme bekannt.

Am bekanntesten ist die Verfilmung von Sidney Lumet. Er sperrte 1974 ein Dutzend Stars in den Zug ein und bei den Verhören von Hercule Poirot hatte jeder seinen großen Auftritt. Das Rezept war so erfolgreich, dass danach, mit Peter Ustinov als Poirot, „Tod auf dem Nil“ und „Das Böse unter der Sonne“ entstanden. Der dritte Ustinov/Poirot Kinofilm „Rendezvous mit einer Leiche“ hatte dann weniger Stars und war auch weniger erfolgreich. Davor spielte Ustinov den Detektiv auch in drei TV-Filmen. Nach dem gleichen Rezept entstand damals, mit Angela Lansbury als Miss Marple, „Mord im Spiegel“.

Lumets Verfilmung ist heute immer noch vergnügliches, aus der Zeit gefallenes, in einer Parallelwelt spielendes Starkino, bei dem jeder Schauspieler in mondäner Kulisse mindestens einmal groß aufspielen darf.

Carl Schenkel verlegte 2001 in seiner erschreckend spannungsfrei inszenierten Verfilmung die Geschichte in die Gegenwart, was man vor allem an einem Handy und einem Laptop erkennt.

Am Ende, wenn Poirot erklärt, dass er der Polizei die Version von dem flüchtigen Täter erzählen wird, zeigt sich ein großes Problem. Damals, als Christie den Roman schrieb, war eine solche Erklärung möglich. Heute, in Zeiten von CSI, ist eine solche Erklärung nicht mehr glaubwürdig. Sie würde allen Spuren widersprechen.

Neun Jahre später inszenierte Philip Martin im Rahmen der langlebigen TV-Serie „Agatha Christie’s Poirot“ mit David Suchet als Hercule Poirot, eine weitere Version des Romans. Wie alle Suchet/Poirot-Filme spielt sie in den Dreißigern. Bei Christie-Fans sind die siebzig TV-Filme mit Suchet sehr beliebt sind.

In diesem Fall wird die Lösung sehr früh präsentiert und Poirot hadert danach länger mit der Frage, welche Lösung er der Polizei präsentieren soll. Es entsteht sogar das Gefühl, dass die Täter jetzt ihn als unliebsamen Zeugen ermorden könnten.

Am Ende bleibt offen, welche Lösung er der Polizei erzählt. Der Zuschauer muss sich entscheiden.

Martins Verfilmung ist deutlich gelungener als Schenkels misslungene Verfilmung. Und Poirots Zweifel wenn er der Polizei als Mörder präsentieren soll, führen zu einigen noirischen Kameraeinstellungen, die das Gefühl vermitteln, dass Poirot wirklich in Lebensgefahr schwebt und bald von den Ratchetts Mördern, die zu einem mordlüsternen Mob werden, umgebracht werden könnte. Das ist, weil in einem Rätselkrimi der Detektiv nach der Enttarnung keine Angst vor irgendwelchen Aktionen des Mörders haben muss, eine interessante Variante, die nur bedingt funktioniert. Auch weil Hercule Poirot danach keine weiteren Fälle lösen könnte.

Beide TV-Filme stehen im Schatten von Lumets Verfilmung.

Und am 9. November kommt Kenneth Branaghs Verfilmung in unsere Kinos. Allein schon von der hochkarätigen Besetzung knüpft er an Lumets Verfilmung an.

In den einschlägigen Foren wird bis dahin emsig über Hercule Poirots Bart diskutiert. Wie auch bei Albert Finney, Alfred Molina und David Suchet darüber diskutiert wurde.

Ich persönlich halte Branaghs Poirot-Bart für eine monströse Geschmacksverirrung.

Agatha Christie: Mord im Orientexpress

(übersetzt von Otto Bayer)

Atlantik Verlag, 2017

256 Seiten

10 Euro

Originalausgabe

Murder on the Orient Express

HarperCollins, London, 1934

Die erste deutsche Übersetzung erschien 1934 als „Die Frau im Kimono“; später „Der rote Kimono“. Elisabeth van Bebber war die Übersetzerin.

Die aktuelle Übersetzung erschien erstmals 2002 im S. Fischer Verlag. Sie müsste, auch wenn es im Impressum nicht gesagt wird, identisch mit Otto Bayers 1999 im Scherz Verlag erschienener Übersetzung sein.

Die Verfilmungen

Der bekannte Kinofilm

Mord im Orient-Express (Murder on the Orient Express, Großbritannien 1974)

Regie: Sidney Lumet

Drehbuch: Paul Dehn, Anthony Shaffer (ungenannt)

mit Albert Finney, Lauren Bacall, Martin Balsam, Ingrid Bergman, Jacqueline Bisset, Jean-Pierre Cassel, Sean Connery, Sir John Gielgud, Anthony Perkins, Vanessa Redgrave, Michael York, Richard Widmark, Wendy Hiller, Colin Blakely

Die unbekannte TV-Verfilmung

Mord im Orient-Express (Murder on the Orient-Express, USA 2001

Regie: Carl Schenkel

Drehbuch: Stephen Harrigan

mit Alfred Molina, Meredith Baxter, Leslie Caron, Peter Strauss, Fritz Wepper, Kai Wiesinger, Amira Casar, Nicolas Chagrin, Tasha de Vasconcelos, David Hunt, Adam James, Dylan Smith, Natasha Wightman

Die TV-Verfilmung im Rahmen der Serie „Agatha Cristie’s Poirot“

 

Agatha Christie’s Poirot: Mord im Orient-Express (Agatha Christie’s Poirot: Murder on the Orient Express, Großbritannien 2010)

Regie: Philip Martin

Drehbuch: Stewart Harcourt

mit David Suchet, Toby Jones, David Morrissey, Jessica Chastain, Barbara Hershey, Susanne Lothar, Tristan Shepherd, Sam Crane, Brian J. Smith, Stewart Scudamore, Serge Hazanavicius, Eileen Atkins, Denis Ménochet, Hugh Bonneville, Marie-Josée Croze, Stanley Weber, Elena Satine, Joseph Mawle, Samuel West

Polyband veröffentlichte diese Verfilmung jetzt als Einzel-DVD „Poirot – Mord im Orient-Express“

Die Neuverfilmung (Kritik gibt es zum Filmstart am 9. November 2017)

Mord im Orientexpress (Murder on the Orient Express, USA 2017)

Regie: Kenneth Branagh

Drehbuch: Michael Green

mit Kenneth Branagh, Daisy Ridley, Johnny Depp, Michelle Pfeiffer, Penélope Cruz, Judi Dench, Willem Dafoe, Josh Gad, Lucy Boynton, Marwan Kenzari, Olivia Colman, Miranda Raison, Derek Jacobi, Tom Bateman

Länge: 114 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Homepage von Agatha Christie

Krimi-Couch über Agatha Christie

Thrilling Detective über Hercule Poirot

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Mord im Orientexpress“ (2017)

Metacritic über „Mord im Orientexpress“ (2017)

Rotten Tomatoes über „Mord im Orientexpress“ (2017)

Wikipedia über „Mord im Orientexpress“ (Roman [deutsch, englisch], Lumet-Verfilmung [deutsch, englisch], Schenkel-Verfilmung [englisch], Martin-Verfilmung [deutsch], Branagh-Verfilmung [deutsch, englisch]) und Agatha Christie (deutsch, englisch)


TV-Tipp für den 19. Oktober: Leben und Sterben in L. A.

Oktober 19, 2017

Tele 5, 20.15

Leben und Sterben in L. A. (USA 1985, Regie: William Friedkin)

Drehbuch: William Friedkin, Gerald Petievich

LV: Gerald Petievich: To live and die in L. A., 1984 (Leben und Sterben in L. A.)

Zwei Polizisten jagen einen Geldfälscher. Dabei sind sie in der Wahl ihrer Mittel nicht gerade zimperlich.

Nihilistischer Polizei- und Gangster-Thriller mit rasanten Action-Szenen. Unterschätzt!

Mit William L. Petersen, Willem Dafoe, John Pankow, John Turturro, Dean Stockwell, Gerald Petievich (in einer Minirolle als „Special Agent“)

Wiederholung: Freitag, 20. Oktober, 02.15 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Homepage von Gerald Petievich

Rotten Tomatoes über „Leben und Sterben in L. A.“

Wikipedia über „Leben und Sterben in L. A.“ (deutsch, englisch)

Noir of the Week über „To Live and Die in L. A.“

Combustible Celluloid: Ein kurzes Interview mit William Friedkin über „To Live and Die in L. A.“  (21. November 2003)

MovieWeb: Ein Gespräch mit William Friedkin anläßlich der Blu-Ray-Veröffentlichung von „To Live and Die in L. A.“ (19. Februar 2010)

Yahoo/Associated Content: William Friedkin, William L. Petersen und Darlanne Fluegel über „To Live and Die in L. A.“ (31. Januar 2011)


%d Bloggern gefällt das: