Garry Disher gibt Profieinbrecher Wyatt „Hitze“

November 13, 2019

Wyatt gehört zu einer kleinen Gruppe literarischer Serientäter. Polizisten, Privatdetektive und auch Geheimagenten ermitteln normalerweise in Krimiserien. Verbrecher selten. Sie sind ja die gegen Gesetze verstoßende Bösewichter, die am Ende der Geschichte geschnappt werden. Aber seitdem Richard Stark 1962 in „The Hunter“ (später, wegen der Verfilmungen „Point Blank“ und „Payback“, auf deutsch zuerst „Jetzt sind wir quitt“) Parker über die George-Washington-Brücke Richtung Manhattan gehen ließ, gibt es auch einige eiskalt Gewinn und Risiko abwägende Profiverbrecher, die stoisch ihrer Berufung folgen, bevorzugt allein arbeiten und immer wieder Ärger mit anderen Verbrechern und, selten, der Polizei haben. Moralische Bedenken haben sie nicht und am Ende der Geschichte können sie ziemlich oft mit der Beute entkommen.

Parkers bekannteste und erfolgreichsten Nachfolger sind Garry Dishers Wyatt, der 1991 in „Gier“ (Kickback) seinen ersten Diebstahl verübte, und Wallace Strobys Crissa Stone, die seit 2011 in nur vier Romanen auftrat. Wobei auch bei ihr eine Fortsetzung, wie ein Blick auf die Karrieren von Parker und Wyatt zeigt, nicht ausgeschlossen ist.

Am Anfang von „Hitze“, dem achten Wyatt-Abenteuer, braucht Wyatt wieder Geld. Mintos Angebot für einen Diebstahl, den Wyatt allein durchführen kann, kommt da gerade im richtigen Moment. Er soll ein Gemälde aus einer Wohnung an der Gold Coast, einem Touristen- und Rentnerparadies in Australien, stehlen. Verdienen würde er hunderttausend Dollar. Dass es sich bei dem von einem flämischen Maler im 17. Jahrhundert gemaltem Bild möglicherweise um Raubkunst handelt und es nach dem Diebstahl wieder in den Händen des rechtmäßigen Besitzers wäre, würde Wyatt nur dann interessieren, wenn er seine Diebstähle mit irgendwelchen moralischen Kriterien verbände. So ist es einfach nur sein nächster Diebstahl. Dieses Mal halt ein Auftragsdiebstahl mit einigen Mitwissern mehr als ihm gefällt. Denn die Auftraggeberin, eine in Brüssel lebende Jüdin, ist ebenfalls vor Ort. Mintos Nichte, die Immobilienmaklerin Leah Quarrell, hat das Haus ausspioniert und sie möchte gerne stärker in Wyatts Diebstahl involviert sein. Sie schmiedet auch schon einige Pläne, wie sie an das Gemälde kommen könnte.

Während Wyatt noch hofft, dass es trotz der vielen Mitwisser ein einfacher Diebstahl wird, braut sich über dem Diebstahl einiges an Unheil zusammen.

Hitze“ ist ein weiterer gelungener Wyatt-Roman. Disher erzählt gewohnt schnörkellos. Er pendelt zwischen mehreren Erzählsträngen und hat immer noch genug Zeit für einige überraschende Wendungen, die aus einem einfachen Einbruch an einem sonnigen Nachmittag eine veritable Selbstmordmission machen. Denn in Wyatts Welt sind Gier, Verrat und Dummheit immer nur einen Schritt weit entfernt. Aber Wyatt ist clever und er könnte mit der Beute entkommen.

Zur Freude aller Wyatt-Fans erschien in Australien, Garry Dishers Heimat, bereits 2018 das neunte Wyatt-Abenteuer „Kill Shot“.

Garry Disher: Hitze

(übersetzt von Ango Laina und Angelika Müller)

pulp master, 2019

288 Seiten

14,80 Euro

Originalausgabe

The Heat

Text Publishing, 2015

Hinweise

Homepage von Garry Disher

Wikipedia über Garry Disher (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Garry Dishers „Dirty Old Town“ (Wyatt, 2010)

Meine Besprechung von Garry Dishers „Kaltes Licht“ (Under the cold bright lights, 2017)

Garry Disher in der Kriminalakte

 

 


Wyatt ist zurück im „Dirty Old Town“

Januar 2, 2014

Disher - Dirty Old Town

Wyatt, der eiskalte Profi-Gangster ist zurück und in den gut fünfzehn Jahren seiner literarischen Abwesenheit veränderte er sich überhaupt nicht. Gleich auf den ersten Seiten von „Dirty Old Town“ begeht er einen Überfall, der schiefgeht. Er flüchtet indem er in der Menge untertaucht, dabei seine .32er entsorgt, seine Kleider wechselt und ein Auto klaut. Danach plant er den nächsten Coup.

Der Hehler Eddie Oberin nennt ihm einen Juwelier, der mit gestohlenen Waren aus Europa Geld verdient und jetzt wieder eine größere Lieferung bekommt. Oberin will dabei sein. Ebenso seine Ex-Frau Lydia Stark, von der der Tipp stammt.

Wyatt ist skeptisch. Denn als Profi arbeitet er lieber allein. Aber er braucht das Geld und ist einverstanden. Allerdings weiß er nicht, dass der aus Europa kommende Kurier Alain Le Page ein veritabler und skrupelloser Gegner ist, er keinen Schmuck, sondern Wertpapiere (die sehr wertvoll sind) schmuggelt und Oberin eine ziemlich durchgeknallte Freundin hat.

Oh, und dann ist da noch Tyler, der Neffe von Ma Gadd (einer Blumenhändlerin und Waffenverkäuferin), der Wyatt bewundert und eine Karriere als Verbrecher anstrebt.

Natürlich ist Wyatt die australische Ausgabe von Richard Starks Parker und Garry Disher will das auch überhaupt nicht verleugnen. Im Gegenteil. Wenn er auf den ersten Seiten von „Dirty Old Town“ Wyatt und sein Berufsethos vorstellt, könnte dort genausogut „Parker“ stehen. Und das ist gut so. Denn es gibt inzwischen einfach zu wenige geradlinige Gangsterkrimis.

„Dirty Old Town“ erhielt, verdient, den Ned-Kelly-Preis als bester Kriminalroman des Jahres.

Garry Disher: Dirty Old Town

(übersetzt von Ango Laina und Angelika Müller)

Pulp Master, 2013

336 Seiten

13,80 Euro

Originalausgabe

Wyatt

2010

(Disher wollte den Roman, so meine Erinnerung, ursprünglich „Dirty Old Town“ nennen)

Wyatts frühere, sehr empfehlenswerte Raubzüge

1. Gier (Kickback, 1991)

2. Dreck (Paydirt, 1993)

3. Hinterhalt (Deathdeal, 1993)

4. Willkür (Crosskill, 1994)

5. Port Vila Blues/Vergeltung (Port Vila Blues, 1995)

6. Niederschlag (The Fallout, 1997)

7. Dirty Old Town (Dirty Old Town, Wyatt, 2010)

Hinweise

Homepage von Garry Disher

Wikipedia über Garry Disher (deutsch, englisch)

Garry Disher in der Kriminalakte


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