Neu im Kino/Filmkritik: „Gergedan Mevsimi – Jahreszeit des Nashorns“ ist ein Drama über einen angeblich toten Dichter

April 18, 2013

 

Vor der Islamischen Revolution 1979 war der Iran ein durchaus liberales, westlich orientiertes Land. Danach wurde es zu einem Gottesstaat und auch ein harmloser Dichter wie Sahnel Farzan wird wegen regierungsfeindlicher Propaganda inhaftiert. Seine Frau wird ebenfalls verurteilt, aber schon frühzeitig, nach der Intervention eines in sie verliebten Beamten freigelassen.

Farzan bleibt dagegen drei Jahrzehnte in Haft. Als er entlassen wird, macht er sich auf die Suche nach seiner inzwischen in Istanbul lebenden Frau, die glaubt, dass er vor vielen Jahren gestorben ist.

Was jetzt ein packendes Drama, inspiriert von dem Schicksal des persischen Dichters Sadegh Kamangar, werden könnte, wird schnell zu einer neunzigminütigen Geduldsprobe; gefühlt mindestens zehnmal so lang, die das Ansehen von trocknender Farbe in einem dunklen Zimmer zu einer hochspannenden Angelegenheit werden lässt. Denn die Bilder, durchaus schön komponiert, sind meistens dunkel. Die Einstellungen lang und statisch. Die Schauspieler sitzen meist schweigend irgendwo und starren, tief in ihre Gedanken versunken, irgendwohin. Gegen diese Ode des Schweigens ist sogar ein Stummfilm redselig. Und die sehr langsam erzählte, fast schon statische Geschichte, die in ihrer Anlage von Schuld und Sühne, Lüge, Betrug und Verrat, gar nicht so schlecht ist, packt niemals wirklich, weil man gerade, unruhig auf seinem Platz im dunklen Kino herumrutschend, gegen den Schlaf kämpft.

Denn es ist wirklich nur begrenzt interessant eine Reihe von Quasi-Standfotos anzustarren.

Gergedan Mevsimi - Jahreszeit des Nashorns - Plakat

Gergedan Mevsimi – Jahreszeit des Nashorns (Gergedan Mevsimi, Türkei 2012)

Regie: Bahman Ghobadi

Drehbuch: Bahman Ghobadi

Mit: Behrouz Vossoughi, Monica Bellucci, Beren Saat, Belçim Bilgin, Yilmaz Erdogan

Länge: 94 Minuten

FSK: ?

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Jahreszeit des Nashorns“

Rotten Tomatoes über „Jahreszeit des Nashorns“

Wikipedia über „Jahreszeit des Nashorns“ (englisch, türkisch)

BBC News: Porträt von Regisseur Bahman Ghobadi (13. September 2012)

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Neu im Kino/Filmkritik: „The Butterfly’s Dream – Kelebegin Rüyasi“ ist eine mitreisende Liebeserklärung an das Dichten und das Leben

Februar 25, 2013

Yilmaz Erdogans „The Butterfly’s Dream – Kelebegin Ruyasi“, der das für einen türkischen Film enorme Budget von 15 Millionen US-Dollar hat, läuft bei uns, trotz einer großen Deutschland-Premiere hier in Berlin, nur in der Originalversion mit deutschen Untertiteln, was ja – leider – viele Leute von einem Kinobesuch abhält.

Denn Yilmaz Erdogan erzählt mit einer wundervollen Leichtigkeit von der Freundschaft von Muzaffer Tayyip Uslu und Rüstu Onur, die 1941 in der am Schwarzen Meer gelegenen Stadt Zonguldak Außenseiter sind. Denn sie sehen sich, obwohl noch keines ihrer Werke gedruckt wurde, als Dichter und sie leben nur für das Dichten. Für sie ist das Leben, das Leid, der Schmerz und das Glück, ein Vorwand zum Dichten. Als sie Susan, die Tochter eines reichen Unternehmers, das erste Mal sehen, verlieben sich beide sofort in die Schönheit. Sie beschließen, dass Susan anhand eines von ihnen geschriebenen Gedichts entscheiden soll, wer der Auserwählte sein soll. Schnell wird das Gedicht unwichtig. Die Drei verleben einen lockeren Sommer, in dem sie, wie Jules, Jim und Catherine in Francois Truffauts Meisterwerk „Jules und Jim“ ohne Eifersucht die gemeinsame Zeit, einen Schwebezustand des sich nicht entscheiden Wollens, verbringen. Rüstu probt mit ihnen ein vom ihm geschriebenes in Zonguldak spielendes Theaterstück, das wiederum die Wirklichkeit inspiriert. Sie versuchen weiter, ihre Gedichte veröffentlichen zu lassen, und sie treffen sich mit ihrem Lehrer Behcet Necatigil, dem Erneuerer der türkischen Lyrik und Übersetzer von Heinrich Böll, Wolfgang Borchert und Rainer Maria Rilke, der sie mit väterlicher Milde unterstützt und im Film deutlich älter als seine beiden Schüler ist. Denn Necatigil wurde am 16. April 1916 geboren.

Ein paradiesischer Zustand, wäre da nicht der nahende Weltkrieg und die vom Staat angeordnete Zwangsarbeit in den Bergwerken (wobei beides eher vernachlässigbar im Hintergrund bleibt) und die Tuberkulose, die zuerst Rüstu, später auch Muzaffer befällt. Als Rüstu in einem auf einem Zauberberg gelegenem Sanatorium aufgenommen wird, trennen sich kurzzeitig die Wege der drei Freunde.

Erdogans Film ist eine mit der Leichtigkeit eines Nouvelle-Vague-Films inszenierte Liebeserklärung an die Dichtkunst (und die Schriftstellerei) und das Unbedingte Verfolgen von Träumen (denn, wie gesagt: das Leben ist nur ein Vorwand zum Dichten) mit immer positiv gestimmten Protagonisten, die fast schon wie Paul Newman und Robert Redford in „Butch Cassidy und Sundance Kid“, aber auf der richtigen Seite des Gesetzes, mit einem gewinnendem Lachen und einem klugen Spruch gegen die triste Wirklichkeit ankämpfen. So lassen sie sich nicht von Hustenkrämpfen, Fieberanfällen und Brechanfällen, von Dunkelheit und Papiermangel beirren. Sie sehen immer das Positive und blicken entsprechend hoffnungsvoll in die Zukunft.

Muzaffer und Rüstu werden gewinnend von Kivanc Tatlitug und Mert Firat gespielt. Ihre Phantasiefrau, in die sie sich beim ersten Anblick verlieben und die später ihre bodenständig-emanzipierte Freundin wird, wird ebenso natürlich von Belcim Bilgin gespielt und Regisseur und Autor Yilmaz Erdogan hat für sich die Rolle des ebenso kunstbegeisterten Lehrers und Förderers in die Geschichte hineingeschrieben. Auch die anderen Schauspieler, die in Deutschland alle unbekannt sind, überzeugen.

Allerdings ist der Film mit über 140 Minuten etwas zu lang geraten und das Ende – der durch die Krankheit verursachte frühen Tod von Muzaffer und Rüstu – ist vielleicht folgerichtig und nötig, wenn man so etwas wie eine Biographie erzählen will, aber mir hätte ein positives Ende, vielleicht nachdem ihre ersten Gedichte veröffentlicht wurden, gefallen.

Aber auch „Jules und Jim“ endet tragisch.

The Butterfly's Dream - Plakat

The Butterfly’s Dream – Kelebegin Rüyasi (Kelebegin Rüyasi, Türkei 2012)

Regie: Yilmaz Erdogan

Drehbuch: Yilmaz Erdogan

mit Kivanç Tatlitug, Belçim Bilgin, Mert Firat, Farah Zeynep Abdullah, Yilmaz Erdogan

Länge: 144 Minuten (läuft nur als Original mit Untertitel, aber vielleicht wird noch eine Synchronisation erstellt)

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „The Butterfly’s Dream“

Rotten Tomatoes über „The Butterfly’s Dream“

The Butterfly's Dream - Teaser

 


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