TV-Tipp für den 6. Februar: The Lobster

Februar 6, 2019

3sat, 22.25

The Lobster (The Lobster, Irland/Griechenland/Großbritannien/Frankreich/Niederland 2015)

Regie: Yorgos Lanthimos

Drehbuch: Yorgos Lanthimos, Efthymis Filippou (als Efthimis Filippou)

45 Tage hat David Zeit, um in einem Paarungshotel seine künftige Frau zu finden. Wenn nicht, wird er in einen Hummer verwandelt. Als er kein Glück hat, flieht er und trifft im Wald auf eine Gruppe radikaler Einzelgänger, die mindestens genauso streng-absurde Regeln befolgen.

Köstliche Satire, die in Cannes den Preis der Jury erhielt.

mit Colin Farrell, Rachel Weisz, John C. Reilly, Léa Seydoux, Ben Whishaw, Olivia Colman, Jessica Barden

Hinweise

Rotten Tomatoes über „The Lobster“

Wikipedia über „The Lobster“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Yorgos Lanthimos‘ „The Killing of a sacred Deer (The Killing of a sacred Deer, Großbritannien/Irland 2017)

Meine Besprechung von Yorgos Lanthimos‘ „The Favourite – Intrigen und Irrsinn“ (The Favourite, USA 2018)

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Neu im Kino/Filmkritik: Neid und Missgunst in königlichen Gemächer: „Maria Stuart, Königin von Schottland“ und „The Favourite – Intrigen und Irrsinn“ bei Königin Anne

Januar 24, 2019

Für die Fans des britischen Königshauses, die es gerne mit der rosaroten Brille haben, dürften beide Filme nichts sein. Einmal wird Maria Stuart durch die feministische Brille neu betrachtet, einmal gibt es Neid und Missgunst am Hofe von Königin Anne und die Männer stehen, hübsch geschminkt und kostümiert, am Spielfeldrand. Yorgos Lanthimos‘ „The Favourite – Intrigen und Irrsinn“ ist eine grandiose, tiefschwarze Komödie. Josie Bourkes „Maria Stuart, Königin von Schottland“ wirkt dagegen wie ein Lore-Roman.

Als Achtzehnjährige kehrt Maria Stuart (Saoirse Ronan) 1561 als Witwe aus Frankreich nach Schottland zurück. Sie präsentiert sich als freigeistige Herrscherin. Anstatt ihrem Volk die Religion vorzugeben, dürfen sie Protestanten bleiben, während sie Katholikin ist. Für sie ist Schottland nur eine Station auf dem Weg nach London. Denn sie ist, nach der Erbfolge, die rechtmäßige Herrscherin des englischen Königreichs. Ein Anspruch, der während des gesamten Films nie ernsthaft bestritten wird.

Trotzdem will Königin Elizabeth I (Margot Robbie) die Krone nicht abgeben.

Während in den kitschigen Adelsschmonzetten die Liebe im Mittelpunkt steht, geht es in „Maria Stuart, Königin von Schottland“ um die weltliche Macht. Heirat ist dabei nur ein Arrangement, um einen Thronnachfolger zu zeugen. Dafür braucht Maria Stuart einen Mann (den sie als Friedensangebot gegenüber Königin Elizabeth heiratet) und seinen Samen. Dass er homosexuell ist, ist ihr egal. Sowieso geht es an ihrem Hof in jeder Beziehung sehr leger zu.

Das sind in einem Kostümdrama schon einige neue Töne. Aber Theaterregisseurin Josie Rourke gelingt es in ihrem Filmdebüt nicht, daraus mehr als eine längliches Drama zu machen. Der Konflikt zwischen Maria Stuart und Königin Elizabeth stagniert, die Intrigen zwischen weltlicher und geistlicher Macht (bzw. Mächten) und die Heiratspolitik interessiert höchstens Historiker, die diesen Historienstreifen zum Anlass genommen haben, über die richtige Interpretation von Maria Stuart zu streiten. Die können sicher auch sofort erklären, ob der Hofstaat von Mary Stuart wirklich ethisch so divers wie im Film war.

The Favourite“ ist dagegen grandioses Schauspielerkino, das den Königshof als einziges Intrigantenstadl zeichnet und fröhlich die historische Korrektheit ignoriert. Im Gegensatz zu anderen Filmen, in denen ständig die historische Genauigkeit betont und dann von Fachleuten bestritten wird, werden die Macher von „The Favourite“ nicht müde zu betonen, dass sie sich viele Freiheiten erlaubten. Dem Film schadete es nicht. Es ist ein sehr zeitgenössisches Werk, in dem zwei Frauen um ihre Stelle bei der Königin kämpfen.

Königin Anne (Olivia Colman, grandios!!!) ist die Herrscherin des Königreichs, als es zum Königreich Großbritannien wird und zur Weltmacht aufsteigt. Sie ist kränklich, hat schwere Gicht und ist übergewichtig. Trotz 17 Geburten zeugt sie keinen Thronfolger. Sie war die letzte Regentin aus dem Hause Stuart.

Sie gilt als schwach und manipulierbar. Ihre Cousine und Vertraute Lady Sarah Churchill, Herzogin von Marlborough (Rachel Weisz), übernimmt dagegen die Regierungsgeschäfte.

Ungefähr um 1700 taucht Abigail Masham (Emma Stone) am königlichen Hof auf. Also genaugenommen wird sie mit einem Tritt aus der Kutsche in den Matsch vor dem Palast gestoßen. Schon in dem Moment ist klar, dass Lanthimos Film kein Heile-Welt-Film wird. Mit Abigail ändert sich das Machtgefüge am Hof. Zunächst muss die arme Verwandte der Königin als Magd den Küchenboden schrubben. Doch schnell schleimt sie sich bei der Königin ein.

Lanthinos („The Lobster“, „The Killing of a sacred Deer“) inszeniert einen herrlich dekadenten Zickenkrieg, in dem immer wieder unklar ist, wer hier gerade wen manipuliert und drei Schauspielerinnen brillieren dürfen.

In den vergangenen Wochen wurde der Film zu recht mit Lob, Nominierungen und Preisen überschüttet. Der aktueller Höhepunkt sind die zehn Oscar-Nominierungen in den Kategorien „Bester Film“ (Ceci Dempsey, Ed Guiney, Yorgos Lanthimos, Lee Magiday), „Beste Regie“ (Yorgos Lanthimos), „Bestes Originaldrehbuch“ (Deborah Davis, Tony McNamara), „Beste Hauptdarstellerin“ (Olivia Colman), „Beste Nebendarstellerin“ (Emma Stone), „Beste Nebendarstellerin“ (
Rachel Weisz), „Beste Kamera“ (Robbie Ryan), „Bester Schnitt“ (Yorgos Mavropsaridis), „Bestes Szenenbild“ (Fiona Crombie, Alice Felton) und „Bestes Kostümdesign“ (Sandy Powell).

The Favourite“ ist ein früher Höhepunkt des diesjährigen Kinojahrs.

Maria Stuart, Königin von Schottland (Mary, Queen of Scots, Großbritannien 2018)

Regie: Josie Rourke

Drehbuch: Beau Willimon

LV: John Guy: Queen of Scots: The True Life of Mary Stuart, 2004

mit Saoirse Ronan, Margot Robbie, Jack Lowden, Joe Alwyn, David Tennant, Guy Pierce, Gemma Chan, Martin Compston, Ismael Cruz Cordova, Brendan Coyle, Ian Hart, Adrian Lester

Länge: 125 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Facebook-Seite zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Maria Stuart, Königin von Schottland“

Metacritic über „Maria Stuart, Königin von Schottland“

Rotten Tomatoes über „Maria Stuart, Königin von Schottland“

Wikipedia über „Maria Stuart, Königin von Schottland“ (deutsch, englisch)

The Favourite – Intrigen und Irrsinn (The Favourite, USA 2018)

Regie: Yorgos Lanthimos

Drehbuch: Deborah Davis, Tony McNamara

mit Olivia Colman, Emma Stone, 
Rachel Weisz, Nicholas Hoult, Joe Alwyn, Mark Gattis, James Smith

Länge: 120 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „The Favourite“

Metacritic über „The Favourite“

Rotten Tomatoes über „The Favourite“

Wikipedia über „The Favourite“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Yorgos Lanthimos‘ „The Killing of a sacred Deer (The Killing of a sacred Deer, Großbritannien/Irland 2017)

 


Neu im Kino/Filmkritik: Über Yorgos Lanthimos‘ „The Killing of a sacred Deer“

Dezember 28, 2017

Den meisten Kritikern gefällt Yorgos Lanthimos‘ neuer Film „The Killing of a sacred Deer“ und auf einer intellektuellen Ebene kann ich das auch nachvollziehen. Jedenfalls teilweise.

Es geht, in einem Satz, um eine Arztfamilie, die von einem jungen Mann, der ihr Leben zerstören will, bedroht wird und wie sich die Familie dagegen wehrt. Wie es sich für einen Mystery-Thriller gehört, wird der Grund für das zunächst seltsame Verhalten des jungen Mannes erst spät enthüllt. Spätestens in dem Moment ist der Filmtitel für Menschen mit einer gesunden abendländischen Bildung mühelos verständlich.

Und ungefähr jetzt begeben wir uns notgedrungen auf das Terrain von Spoilern.

Denn der Filmtitel spielt auf den griechischen Mythos der Iphigenie an. Danach muss Agamemnon seine Tochter Iphigenie opfern, weil er in einem heiligen Hain der Jagdgöttin Artemis einen Hirsch getötet hat und sich mit der Tat brüstete.

Im Film ist dann Doktor Steven Murphy Agamemnon. Vor Jahren starb bei einer Operation einer seiner Patienten. Vorher hatte der Patient einen Autounfall. Aber der ist für die Filmgeschichte egal. Irgendwie geplagt von Schuldgefühlen trifft er sich mit Martin, dem sechzehnjährigen Sohn des toten Patienten. Und dieser schleicht sich in Murphys Familie ein. Er will sogar Murphy mit seiner Mutter verkuppeln und so wohl wieder eine richtige Familie haben. Letztendlich ist Martin aber kein nach Liebe und Geborgenheit suchender Stalker, sondern der durchgeknallte Psycho von nebenan, den wir aus zahlreichen Filmen kennen und der stoisch seinen Racheplan verfolgt.

Denn er schleicht sich nicht nur in de Bilderbuchfamilie Murphy ein, sondern belegt sie mit einem Fluch. Plötzlich können Murphys beiden Kinder sich nicht mehr bewegen und Martin fordert Murphy auf, eines seiner Kinder zu opfern. Oder er werde die gesamte Familie töten.

Diesen eher wenig plausiblen Konflikt (Warum rächt er sich nicht an der Person, die den tödlichen Unfall verursachte? Warum will er nur Murphy und nicht auch das restliche Klinikpersonal bestrafen?) etablieren Lanthimos und seinem Stamm-Co-Autor Efthimis Filippou arg umständlich. Jedenfalls wenn man die gängigen Drehbuchregeln anlegt. Auch verglichen mit ihrem vorherigen, ungleich gelungeneren Film „The Lobster“ (ebenfalls mit Colin Farrell n der Hauptrolle) dauert es in „The Killing of a sacred Deer“ lange, bis der Konflikt etabliert ist und die damit zusammenhängende Geschichte beginnt. Dafür zeigen sie, in schönster David-Lynch-Manier inszeniert und mit Schauspielern, die konsequent unnatürlich spielen, in elegant gefilmten Szenen die bröselige Fassade des gut situierten Bürgertums. Diese Szenen bringen die Geschichte nicht vorwärts, aber sie etablieren eine herrlich ver-rückte, absurde Welt. Emotionslos werden Sätze vorgetragen. Man agiert eher neben- als miteinander und auch offensichtliche Lügen zerstören den schönen Schein nicht. Das führt zu wohltuenden Irritationen in einer durch und durch artifiziellen Welt, die mit der Realität oder einer realistischen Inszenierung der Realität nichts zu tun hat. Das ist eher die Welt von „Twin Peaks“. Ohne die Überhöhungen, Symbolismen und Andeutungen von großen Geheimnissen, die irgendwann gelöst werden.

In der zweiten Hälfte, wenn die Murphys Martin im Keller gefangenhalten (nicht in einem kleinen Kellerloch, sondern im Freizeitzimmer) und die üblichen Psychospielchen beginnen, mutiert „The Killing of a sacred Deer“ schnell zu einer banalen und erschreckend eindimensionalen Rachegeschichte in der Martin sich rächen und Murphy seine Familie beschützen will. Wie in Sabus „Happiness“, der vor einigen Wochen bei uns anlief und der in der Mitte einen ähnlichen erzählerischen Bruch hat, zieht sich dieser Teil elendig lang hin, ohne dass wir etwas substantiell neues erfahren, die Geschichte irgendeine Entwicklung hat oder das Thema aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet wird.

In „The Killing of a sacred deer“ wäre es natürlich die Frage, welches Opfer für eine schlimme Tat erbracht werden muss. Im alten Griechenland war es ein Menschenopfer. In dem Film verlangt das auch Martin. Immerhin ist, aus seiner Sicht, Murphy für den Tod seines Vaters verantwortlich.

Weil Lanthimos diese Frage nur innerhalb der von ihm selbst sehr eng gesteckten Regeln seines Spiel thematisiert, geht es nur darum, ob die Murphys Martin töten oder einer aus ihrer Familie (oder alle) sterben. Das hat einen Erkenntnisgewinn, der nicht über das alttestamentarische Auge um Auge, Zahn um Zahn hinausgeht, weil die Spielregeln genau so festgelegt wurden. Diese verkopfte Rache- oder, je nach Perspektive, Sühnegeschichte im Arthaus-Gewand ist damit sogar flacher als ein hundsgewöhnliches und strunzdummes Revenge-B-Movie.

The Killing of a sacred Deer (The Killing of a sacred Deer, Großbritannien/Irland 2017)

Regie: Yorgos Lanthimos

Drehbuch: Yorgos Lanthimos, Efthimis Filippou

mit Colin Farrell, Nicole Kidman, Barry Keoghan, Alicia Silverstone, Raffey Cassidy, Sunny Suljic, Bill Camp

Länge: 121 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „The Killing of a sacred Deer“

Metacritic über „The Killing of a sacred Deer“

Rotten Tomatoes über „The Killing of a sacred Deer“

Wikipedia über „The Killing of a sacred Deer“ (deutsch, englisch)

Die Cannes-Pressekonferenz

Q&A beim TIFF


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