Neu im Kino/Filmkritik: „Beach Bum“ Moondog, glücklich beduselt in Florida

März 29, 2019

Moondog ist der ultimative Abhänger. Vor Ewigkeiten schrieb er ein erfolgreiches Buch mit Gedichten. Später heiratete er die vermögende Minnie (Isla Fisher), die ihn bedingungslos liebt, mit ihm eine inzwischen 22-jährige Tochter hat und ihn finanziell durchfüttert. Dabei braucht Moondog nicht viel. Er lebt auf einem Hausboot, was in Florida nicht ungewöhnlich ist. Er konsumiert die Drogen, die schon die Beatniks in rauen Mengen genossen. Er hat Affären mit anderen Frauen. Und er torkelt fröhlich bekifft, das Leben genießend, über die Strandpromenade.

Diesen Mann verkörpert Matthew McConaughey als einen grenzdebilen, immer freundlichen und allseits toleranten Freigeist, der die Anforderungen der Konsumgesellschaft nonchalant ignoriert. Und der dabei, wegen des Vermögens seiner Frau, hemmungslos von ihr profitiert. Er ist ein Schnorrer, Faulenzer und Kiffer. Er verkörpert nicht das philosophische Gegenmodell zum Kapitalismus. Er ist ein zu Gefühlen unfähiger Parasit, dessen Rechnungen im Zweifelsfall immer von Minnie bezahlt werden.

Harmony Korine idolisiert diesen Menschen in seinem neuen Film „Beach Bum“. Mit ihm kehrt er, sieben Jahre seinem letzten Film, dem erfolgreichen „Spring Breakers“, zurück in den Sunshine State. Wieder hat er kein Interesse am konventionellen Erzählen einer Geschichte. Er ignoriert all die bekannten Drehbuchregeln. Wieder glorifiziert er den Lebensstil seiner in rauen Mengen Drogen konsumierenden Charaktere. Unklar ist dabei, ob es sich nicht vielleicht doch um eine sehr versteckte und subtile Art der Kritik am US-Lebensstil handeln könnte.

Beach Bum“ ist, mit einigen Nebencharakteren, eine Charakterstudie über einen Mann, der keine Lust hat, sich zu verändern und die Studie eines fröhlichen Stillstands. Das was Korine als Handlung anbietet, ist weniger als nichts. So soll Moondog nach dem von ihm mitverschuldetem Tod seiner Frau nur dann sein Erbe erhalten, wenn er sein lange geplantes neues Buch endlich vollendet. Das führt dazu, dass Korine in der zweiten Filmhäfte einige Male Moondog an verschiedenen Orten mit einer alten mechanischen Schreibmaschine zeigt. Dann haut der Poet fröhlich bekifft, fotogen am Strand sitzend, in die Tasten. Dass er dabei irgendetwas verwertbares herstellt, erscheint unwahrscheinlich. Und dass dieser Vollzeitkiffer jetzt noch irgendeinen bemerkenswerten Gedanken formuliert, erscheint unmöglich. Denn während des gesamten Films hat Moondog zwar eine klare und eindeutige Haltung zum Leben, aber dass er in der Lage ist, diese in Poesie zu überführen, wird noch nicht einmal angedeutet. Es wird nur von seiner Frau, seinen Freunden und seinem Manager behauptet, dass er früher einmal ein großer Poet war.

Heute hat der Aussteiger noch nicht einmal die Energie, um sich dem uramerikanischen Leistungsprinzip zu verweigern. Das wäre zu viel Aktivität. Dazu müsste er eine Haltung dazu entwickeln, ein Ziel haben und es verfolgen. Stattdessen trinkt und kifft er sich, wie ein Haustier, einfach durch den Tag. Den nächsten und den übernächsten.

Weil ein Tag wie der andere ist und weil Moondog keine Entwicklung durchmacht und Minnies Tod keinerlei Auswirkung auf sein Leben hat, könnten die Erlebnisse von Moondog auch in irgendeiner anderen Reihenfolge gezeigt werden.

Dieser Moondog ist nämlich eine Person ohne Geheimnisse. Entsprechend schnell weiß man alles über ihn und die Komödie erscheint, trotz schöner Bilder, witziger Szenen, Starauftritten und einer mit etwas über neunzig Minuten (mit Abspann) kurzen Laufzeit ziemlich lang.

Harmony Korine: „Ich wollte etwas machen, das einen in Hochstimmung versetzt und völlig respektlos ist. Es soll die Menschen auf den Humor und die Poesie des Lebens einstimmen, man soll eine Weile eintauchen können in einen durch und durch aberwitzigen Trip. Die Welt ist so dunkel und ernst und pedantisch geworden. Ich finde, es ist erfrischend, einem unangepassten Hallodri zu folgen, einem Typ, dem Regeln völlig egal sind, jemandem, der total abgefahren ist, aber einen gleichzeitig mit seinem Charme sofort für sich einnimmt. Die Geschichte mag einem albern erscheinen, aber es geht um echte Menschen und Menschlichkeit.

Im Herzen ist Moondog immer jung geblieben. Er hat jedes Hindernis, das das Leben vor einem aufstellen kann, bezwungen. Am Ende des Tages reicht es ihm, high zu sein, anders zu sein als die Anderen und so viele Frauen und Drinks wie möglich zu haben. Es macht ihm Spaß, andere Leute auf die Palme zu bringen. Die Geschichte von Moondog ist wie eine perverse Jimmy-Buffett-Ballade. Er ist der Held einer modernen Stoner-Rock-Erzählung. In der heutigen Welt kommt uns das wie Fantasy vor. Dieser Typ sagt einfach:,Fickt Euch alle! Ich lasse meine Füße in den Sand baumeln, trinke und genieße das Leben.‘ Für ihn ist es, als würde er seine Poesie jetzt nicht mehr schreiben, sondern einfach nur noch ausleben.

Für mich ist er die Strandversion eines Cheech-und-Chong-Films.“

Isla Fisher: „’Beach Bum‘ ist wie ein Gedicht ohne Pointe.“

Beach Bum (The Beach Bum, USA 2019)

Regie: Harmony Korine

Drehbuch: Harmony Korine

mit Matthew McConaughey, Isla Fisher, Snoop Dog, Zac Efron, Jonah Hill, Martin Lawrence, Stefania LaVie Owen, Jimmy Buffett

Länge: 95 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Beach Bum“

Metacritic über „Beach Bum“

Rotten Tomatoes über „Beach Bum“

Wikipedia über „Beach Bum“

Meine Besprechung von Harmony Korines „Spring Breakers“ (Spring Breakers, USA/Frankreich 2012)

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Neu im Kino/Filmkritik: „The Disaster Artist“ erzählt die Geschichte eines schlechten Films

Februar 1, 2018

Wer sich regelmäßig auf US-Kinoseiten herumtreibt, hat schon von Tommy Wiseaus Film „The Room“ gehört. Das Werk wurde zum Kinostart 2003 von den Kritikern einhellig verrissen und war hundertfünfzigprozentiges Kassengift. Im Gegensatz zu vielen anderen schlechten Filmen, die schnell vergessen werden, hat „The Room“, dank der Mundpropaganda, seitdem ein langes Leben in Mitternachtsvorstellungen. Noch heute läuft er regelmäßig in den USA in Kinos und die Macher werden zu Kinotouren eingeladen. Das scheint dann ein kollektives Bad-Taste-Erlebnis zu sein.

In Deutschland haben wir, weil „The Room“ nie bei uns veröffentlicht wurde, davon nichts mitbekommen.

Bis jetzt.

Denn mit James Francos „The Disaster Artist“ erfahren wir, wie „The Room“ entstand.

Die Geschichte beginnt 1998 in San Francisco. Bei einem Theaterworkshop lernen sich der neunzehnjährige Greg Sestero und der deutlich ältere Tommy Wiseau kennen. Wiseau schockiert mit einer rohen Performance die anderen Kursteilnehmer. Sestero ist begeistert über diesen ungefilterten Gefühlsausbruch des Einzelgängers. Sie befreunden sich und ziehen gemeinsam nach Los Angeles, um dort eine Schauspielerkariere zu beginnen. Sestero kann in Wiseaus großer Wohnung in West Hollywood leben.

Als sie nach Jahren vergeblicher Vorsprechtermine immer noch auf den Durchbruch warten – wobei Sestero öfter Vorsprechtermine hat und ihm jeder rät, seine Beziehung zu dem sinisteren Wiseau zu beenden – schlägt Wiseau Sestero vor, gemeinsam einen Film zu drehen. Das Geld habe er.

Nach einem Drehbuch von Wiseau beginnen sie, mit Wiseau als Produzent, Regisseur und Hauptdarsteller, mit den Dreharbeiten zu „The Room“; einem auf dem Papier kleinen Film, der schnell dank Wiseaus Wesen – er hat keine Ahnung, er ist von sich selbst überzeugt, er ist unbelehrbar, er ist egozentrisch und ängstlich – für alle Beteiligten zu einem, immerhin bezahlten Höllentrip wird, der nichts, aber auch überhaupt nichts mit einem auch nur halbwegs professionellem Dreh zu tun hat.

James Franco erzählt diese Geschichte mit sich als Wiseau als Kömodie mit ernsten Zwischentönen aus und über Hollywood und über eine Freundschaft. Mit seinem Bruder Dave Franco als Sestero und vielen bekannten Schauspielern in oft kleinen Rollen. Einige treten nur am Anfang auf und geben die aus Dokumentarfilmen bekannten Eingangsstatements ab, in denen sie erzählen, wie beeindruckend das Werk ist.

Diese Herangehensweise behält James Franco bei. Er inszenierte „The Disaster Artist“ wie eine „Making of“-Doku, die Jahre nach dem ursprünglichen Film angefertigt wurde und daher einen halbwegs objektiven, aber immer positiven Blick auf den Film hat. Das ist informativ, aber auch etwas oberflächlich – und, vor allem bei den Dreharbeiten für „The Room“, witzig.

Wie Tim Burtons „Ed Wood“ ist James Francos „The Disaster Artist“ eine Liebeserklärung an den Enthusiasmus eines Machers, der sich durch Widerstände nicht beirren lässt und an sein Werk glaubt. Wobei Tommy Wiseau schon ein sehr spezieller Charakter ist, der über das (aus unklarer Quelle kommende) Geld, aber nicht über das Talent verfügt. Offiziell soll „The Room“ sechs Millionen Dollar gekostet haben, wel Wiseau einfach das Geld zum Fenster herauswarf.

Francos Film hat, zum Vergleich, zehn Millionen Dollar gekostet und jeder Cent wurde klug investiert.

Obwohl Franco viel über die Dreharbeiten und die Freundschaft zwischen Sestero und Wiseau erzählt, bleibt unklar, warum Greg Sestero Tommy Wiseau so sehr bewundert. Damals und heute immer noch. Aber echte Freundschaften sind auch immer, wie eine Liebe, etwas unerklärlich. Denn Wiseau als Alice-Cooper-Lookalike mit starkem Akzent (Uh, wie der wohl synchronisiert wurde?) und einem Benehmen, das ihn als missratenen Nachfahren eines osteuropäischen Vampirgeschlechts ausweist (obwohl Wiseau, was sich schnell zu einem Running Gag entwickelt, behauptet, aus New Orleans zu kommen), ist wirklich der unwahrscheinlichste Typ, den man sich am Beginn seiner Karriere zum Freund aussucht. Allerdings, und das wird am Anfang von „The Disaster Artist“ gezeigt, legt Wiseau im Theaterworkshop einen beeindruckend enthemmten Auftritt hin und er ist die einzige Person, die an Sestero glaubt.

Am Ende des Dramas stellt Franco Szenen aus Tommy Wiseaus „The Room“ und den Re-Enactments in „The Disaster Artist“ gegenüber. Diese Gegenüberstellung zeigt, wie präzise sie die Szenen nachstellten und wie sehr auch Mist, wenn er von guten, engagierten Schauspielern gespielt wird, an Qualität gewinnt.

The Disaster Artist (The Disaster Artist, USA 2017)

Regie: James Franco

Drehbuch: Scott Neustadter, Michael H. Weber

LV: Greg Sestero, Tom Bissell: The Disaster Artist: My Life Inside the Room, the Greatest Bad Movie Ever Made, 2003

mit James Franco, Dave Franco, Seth Rogen, Alison Brie, Art Graynor, Jacki Weaver, Josh Hutcherson, Zac Efron, Bryan Cranston, Sharon Stone, Melanie Griffith, Zoey Deutsch, Kristen Bell, Adam Scott, Zach Braff, J. J. Abrams (teilweise nur Cameos)

Länge: 104 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „The Disaster Artist“

Metacritic über „The Disaster Artist“

Rotten Tomatoes über „The Disaster Artist“

Wikipedia über „The Disaster Artist“ (deutsch, englisch)


Neu im Kino/Filmkritik: „Mike and Dave need Wedding Dates“ für die nächste Hochzeit

September 1, 2016

US-Zoten, nächste Runde. Dieses Mal nennt sich das Werk „Mike and Dave need Wedding Dates“.

Mike und Dave sind Brüder und dieses Mal möchte ihr Vater, dass sie die Hochzeit ihrer Schwester nicht in das übliche Chaos verwandeln. Sie sollen also Anstandsdamen mitbringen.

Mike und Dave wollen zuerst nicht, weil sie doch für gute Stimmung sorgen.

Ihre während des Gesprächs neben ihrem Vater sitzende Schwester sagt: „Bitte!“

Mike und Dave sagen: „Für dich tun wir alles. Wir wollen doch, dass du glücklich bist.“

Und damit könnte der Film nach fünf Minuten zu Ende sein. Denn in den folgenden neunzig Minuten wird eben dieses Gespräch mit viel Leerlauf und dem untauglichen Versuch, auch ernste Themen anzusprechen, auf Spielfilmlänge ausgewalzt.

Aus europäischer Sicht gibt es immerhin zwei bemerkenswerte Punkte.

Erstens wird dieses Mal auf den zu US-Vulgärhumorzoten gehörenden Gag mit den an verschiedenen peinlichen Orten aufgemalten Penissen, die oft panisch abgerubbelt werden, verzichtet. Das muss man wohl Fortschritt nennen.

Zweitens sehen wir nackte Frauen. Von hinten und von vorne. Ausgiebig können wir ihre Hintern und Brüste bewundern. Für eine US-Zote ist das ein gewaltiger Fortschritt.

Für uns Europäer ist es nichts, was uns irgendwie aufregt.

Mike and Dave need Wedding Dates - Plakat

Mike and Dave need Wedding Dates (Mike and Dave need Wedding Dates, USA 2016)

Regie: Jake Szymanski

Drehbuch: Andrew Jay Cohen, Brendan O’Brien

mit Zac Efron, Anna Kendrick, Adam Devine, Aubrey Plaza, Sugar Lyn Beard, Alice Wetterlund, Mary Holland, Stephanie Faracy, Stephen Root

Länge: 99 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

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Moviepilot über „Mike and Dave need Wedding Dates“

Metacritic über „Mike and Dave need Wedding Dates“

Rotten Tomatoes über „Mike and Dave need Wedding Dates“

Wikipedia über „Mike and Dave need Wedding Dates“


Neu im Kino/Filmkritik: Robert De Niro ist „Dirty Grandpa“ – und das ist kein Witz

Februar 11, 2016

Nein!
Nein!
Nein!
Nein!
Nein!
Nein!
Nein!
.
.
.
Nein!
Außer Sie findet es witzig, wenn gut zwei Stunden der Grundschulwitz mit dem Furzkissen erzählt wird und wir uns wieder einmal über ein aufgemaltes männliches Geschlechtsteil amüsieren sollen.
Der Witz war schon beim ersten Mal nicht witzig, kommt aber in jeder pubertären US-Klamauk-Komödie mindestens einmal vor.
Dazu gibt es, auch keine Überraschung, altbacken-verklemmte Witze über Minderheiten, über die die Minderheiten gefälligst lachen sollen und dass das alles so wundervoll politisch unkorrekt und tabubrechend sein soll, glaubt auch niemand. Denn es ist vor allem peinlich und ungefähr so witzig wie Hämorrhoiden.
Dass Robert De Niro freiwillig und im Vollbesitz seiner geistigen Fähigkeiten die Hauptrolle des nach dem Tod seiner Frau heftig pubertierenden Großvaters auf Spring-Break-Tour übernommen hat, kann nur als der erfolgreiche Versuch gewertet werden, sein Lebenswerk möglichst vollumfänglich zu demolieren.
Was ihm gelungen ist.
„Dirty Grandpa“ ist der traurige Tiefpunkt eines eh schon seit Jahren, bis auf wenige Ausnahmen, nicht beeindruckenden Spätwerkes, das sich darauf konzentriert in schlechten Filmen seinen Gehaltsscheck einzustreichen. Wenige Ausnahmen bestätigen die Regel.
Denn selbstverständlich gibt es auch für ältere Schauspieler gute Rollen. Seht euch die letzten Filme von Clint Eastwood, Robert Redford, Dustin Hoffman und Michael Douglas an. Um nur die wirklich bekanntesten Namen zu nennen.

Dirty Grandpa - Plakat

Dirty Grandpa (Dirty Grandpa, USA 2015)
Regie: Dan Mazer
Drehbuch: John M. Phillips
mit Robert De Niro, Zac Efron, Aubrey Plaza, Zoey Deutch, Julianne Hough, Jason Mantzoukas, Adam Pally, Dermot Mulroney, Danny Glover
Länge: 102 Minuten
FSK: ab 12 Jahre (in den USA gab’s immerhin ein R-Rating)

Hinweise
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Moviepilot über „Dirty Grandpa“
Metacritic über „Dirty Grandpa“
Rotten Tomatoes über „Dirty Grandpa“
Wikipedia über „Dirty Grandpa“ (deutsch, englisch)


Neu im Kino/Filmkritik: „Um jeden Preis“ ist lost in Iowa

November 18, 2013

 

Ein hochkarätiger Cast mit Dennis Quaid und Zac Efron in den Hauptrollen, ein Regisseur, der für seine vorherigen, niedriger budgetierten Independent-Filme viel Lob und Preise erhielt, ein wichtiges Thema – und trotzdem überzeugt „Um jeden Preis“ keine Sekunde.

Denn Ramin Bahrani will den großen amerikanischen Roman im Film erzählen. Es geht um das Schicksal der Farmerfamilie Whipple in Iowa. Henry Whipple (Dennis Quaid) möchte, dass seine Kinder die Farm übernehmen. So wie er sie von seinem Vater übernommen hat. Aber der älteste Sohn Grant verlässt die Farm für einen ausgedehnten Südamerika-Trip und außer einigen Postkarten hören wir nichts mehr von ihm. Deshalb soll Dean (Zac Efron), der ungeliebte zweite Sohn, die Farm übernehmen. Aber Dean möchte als Rennwagenfahrer Iowa verlassen.

Während die Nachfolge noch ungeklärt ist, kämpft Henry Whipple um das Überleben des Betriebs. Ein anderer Farmer wirbt ihm langjährige Kunden ab. Es gibt Ärger wegen des Saatguts. Denn wenn es genetisch verändert ist, muss es jedes Jahr von den Saatgut-Firmen aufs Neue gekauft werden. Aber die Farmer haben das noch nie gemacht. Auch Henry Whipple nicht und jetzt beginnen Mitarbeiter der Saatgut-Firma sein Saatgut zu kontrollieren.

Außerdem hat der sich als Muster-Daddy präsentierende Henry Whipple eine Geliebte. Dean hat eine Freundin, die sich auch für die Farm interessiert. Und Vater und Sohn Whipple sind verfeindet mit der Farmerfamilie Johnson. Während der ältere Johnson Henry Whipple Kunden abspenstig macht, ist sein Sohn ein erfolgreicher Konkurrent von Dean auf der Rennstrecke.

Ach ja, und dann will Henry Whipple noch, getreu dem Motto „Expandiere oder stirb“, sein Farmland vergrößern, indem er das Land eines gerade verstorbenen Landbesitzers aufkauft.

Bahrani erzählt alle Plots gleichberechtigt nebeneinander, fügt Episoden ein und auch wenn sich rückblickend so etwas wie die Geschichte einer Firmenübergabe vom Vater zum Sohn ergibt, kann Bahrani sich nicht für eine zentrale Geschichte und ein Thema entscheiden.

Diese Unentschlossenheit, sich für eine Hauptgeschichte und damit auch für einen Protagonisten zu entscheiden, wird besonders deutlich in einer Szene aus dem Filmanfang: während einer nächtlichen Spritztour mit einigen Freunden wirft Dean das Fenster eines Geschäfts ein und stiehlt ein Motorteil, das er für sein Rennauto braucht. Dieser Diebstahl wird in dem gesamten Film nie wieder angesprochen, obwohl es gerade gegen Filmende, wenn Dean ein weiteres, schlimmeres Verbrechen begeht, es eine spiegelbildliche Szene und eine damit verbundene Thematisierung von Schuld und Sühne, von Verantwortung und von Vater-Sohn-Beziehungen geben könnte.

Allerdings ist auch während des gesamten Film unklar, ob jetzt der Vater oder der Sohn der Protagonist des Films ist und eben diese Nicht-Entscheidung schwächt den gesamten Film, der so ohne dramaturgisches Zentrum zu einer Abfolge weitgehend unverbundener Episoden wird, in der auch die Auswirkungen der Politik von Konzernen auf kleine Farmer und dem Konkurrenzkampf zwischen den Farmern angesprochen werden, aber die immer von Familien- und Liebesgeschichten ausgebremst werden.

Während die meisten Schauspieler, wie Kim Dickens als Mutter Whipple, Heather Graham als Geliebte von Vater Whipple, Clancy Brown als konkurrierender Farmer und Zac Efron als Sohn, die meiste Zeit in einem Paul-Newman-Gedächtnis-Unterhemd in verstockter James-Dean-Pose, unauffällig spielen, legte Dennis Quaid seine Rolle als Farmer, den wir während einer Beerdigung, auf der er sich den Hinterbliebenen als potentieller Landkäufer andient, in einem nervigem Overacting als vor falscher Freundlichkeit sprudelndem Unternehmer an, das höchstens in einer Soap-Opera für den chargierenden Bösewicht glaubwürdig ist.

Um jeden Preis“ überzeugt nur als Monument der verpassten Chancen.

Um jeden Preis - Plakat

Um jeden Preis – At any price (At any price, USA 2012)

Regie: Ramin Bahrani

Drehbuch: Ramin Bahrani, Hallie Elizabeth Newton

mit Dennis Quaid, Zac Efron, Kim Dickens, Heather Graham, Clancy Brown, Red West, Maika Monroe, Ben Marten, Chelcie Ross

Länge: 105 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

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Film-Zeit über „Um jeden Preis“

Moviepilot über „Um jeden Preis“

Metacritic über „Um jeden Preis“

Rotten Tomatoes über „Um jeden Preis“

Wikipedia über „Um jeden Preis“ 

 

 


Buchkritik & Filmkritik: „Paperboy“ – ein Roman von Pete Dexter, ein Film von Lee Daniels

Juli 17, 2013

Der Plot von „Paperboy“ klingt gut und hat sich schon in zahlreichen Büchern und Filmen bewährt: ein Fremder kommt in die Stadt und räumt auf. In Pete Dexters Roman kommen zwei Reporter in den sechziger Jahren in eine US-Kleinstadt, um den Mörder des Sheriffs zu finden. Denn sie glauben nicht, dass der zum Tode verurteilte Hillary Van Wetter der Mörder ist.

Auch die ersten Zeilen von Peter Dexters „Paperboy“ sind gut. In ihnen führt er pointiert seine Charaktere und die Konflikte ein. Thurmond Call, der ermordete Sheriff von Moat County, einem Flecken Land in den Sümpfen von Florida, war ein Mann, „der in Ausübung seines Amtes eine selbst für die Verhältnisse von Moat County unangemessen hohe Anzahl von Schwarzen umgebracht hatte“. Nachdem er einen Weißen zu Tode trampelte, wird er bestialisch ermordet und Hillary Van Wetter, ein Verwandter des Toten, einer seit Ewigkeiten in den Sümpfen lebenden Hinterwäldlersippe, wird zum Tode verurteilt.

Während er im Gefängnis sitzt, verliebt sich Charlotte Bless in ihn und will ihn freibekommen. Zwei Reporter der Miami Times, Ward James und Yardley Acheman, sollen mit ihrer Hilfe eine Reportage über ihn schreiben, die den damaligen Fall wieder aufrollt. Ward ist der eine Sohn des Herausgebers der örtlichen Tageszeitung. Jack ist sein zweiter Sohn und der Erzähler von „Paperboy“. Der Junge verdient, nachdem er kurz nach Studienbeginn wegen Vandalismus von der University of Florida exmatrikuliert wurde, sein Geld als Zeitungsausfahrer und dann als Fahrer von seinem Bruder und Yardley. Außerdem verliebt er sich in die Mittvierzigerin Charlotte, der Inbegriff eines „Heißen Fegers“, einer Frau, die Männer reihenweise den Kopf verdreht und immer den falschen Mann auswählt.

Sie beginnen den Fall aufzurollen und stoßen schnell auf einige Ungereimtheiten. Van Wetter scheint unschuldig im Gefängnis zu sitzen.

Aber der Krimiplot und das Aufdecken der kleinstädtischen Bigotterie steht nicht wirklich im Mittelpunkt von Pete Dexters mit dem Literary Award des PEN Center USA ausgezeichneten Romans.

Stattdessen geht es auch um das sexuelle Erwachen von Jack, der sich in Charlotte verliebt, die Beziehung zwischen den beiden Brüdern und zu ihrem Vater William Ward James und verschiedene kleinere Erlebnisse von Jack, die die Haupthandlung nicht voranbringen. Jedenfalls wenn man die Recherchen von Ward und Yardley als die Haupthandlung betrachtet und nicht das Leben von Ward (immerhin beginnt Dexter seinen Roman mit dem Satz „Mein Bruder Ward war einmal berühmt.“) oder die Entwicklungsgeschichte des Ich-Erzählers oder die Geschichte der Familie James. Sowieso ist der Ich-Erzähler eher ein passiver Beobachter der Recherchen als ein aktiver Teil. Wichtige Erkenntnisse erfährt er, und damit auch wir, sogar nur vom Hörensagen.

Und nach zwei Dritteln ist der Krimiplot ziemlich abgehandelt. Denn nachdem auf Seite 205 die beiden Journalisten ihre Recherche-Ergebnisse veröffentlichen, kommt Van Wetter frei – und anstatt jetzt im letzten Drittel des Romans den Krimiplot, den Dexter auch auf den vorherigen Seiten eher mitschleppte als energisch zu entwickeln, weiter voranzutreiben, lässt er ihn links liegen und erzählt zunehmend langatmig vor sich hin plätschernd von dem weiteren Leben der Hauptcharaktere. Dabei wird die Geschichte von Wards Berühmtheit durch den Artikel über Van Wetter, für den er sogar den Pulitzer-Preis erhielt, zunehmend beliebiger und langweiliger. Denn plötzlich geht es nur noch über gefühlt tausende von Seiten um die Befindlichkeiten von Jack, Ward und Yardley, aber es ist auch vollkommen unklar, welches Ende Pete Dexter ansteuert; also was er erzählen will.

Auch die Verfilmung von „Paperboy“ ist eine überraschend große Enttäuschung. Pete Dexter schrieb eine frühere Fassung des Drehbuchs. Regisseur Lee Daniels („Precious“) überarbeitete sie, so erzählt er im Bonusmaterial der DVD, und wahrscheinlich stammt die starke Betonung der Rassenkonflikte, die so im Buch nicht vorhanden ist, von ihm. Obwohl dieses Thema auch in Dexters Werk wichtig ist und dem Film eine durchaus interessante Dimension beifügt.

Indem sich stärker auf den Krimiplot konzentriert wird, unterscheidet die Filmgeschichte, die von der afroamerikanischen Haushälterin der Jansens erzählt wird, sich – zu ihrem Vorteil – kräftig vom Roman. Ebenso wird Jacks Verliebtheit in Charlotte Bless und sein damit verbundenes Coming-of-Age-Drama klarer herausgearbeitet. Es geht auch deutlicher um die damaligen Umbrüche, vulgo Rassenkonflikte, Alltagsrassismus, Homosexualität und Homophobie.

Die Besetzung, unter anderem Matthew McConaughey, Nicole Kidman, John Cusack, Scott Glenn und Ned Bellamy, ist hochkarätig und spielfreudig. Die unbekannteren Schauspieler Zac Efron und David Oyelowo, die als Jack Warden und Yardley Acheman wichtige Rollen spielen, sind ebenfalls gut. Aber sie alle werden von Nicole Kidman als Charlotte Bless und John Cusack als Hillary Van Wetter in den Schatten gestellt. Beide sind konträr zu ihrem Typ besetzt und sie werfen sich lustvoll in ihre Rollen. Sie spielen unsympathische Charaktere, die auch unsympathisch bleiben. So ist Hillary Van Wetter ein Arschloch vor dem Herrn, das sich in seiner Rolle gefällt und überhaupt nicht sympathisch sein will. Er ist einfach nur ein notgeiler, dummer, bauernschlauer Hinterwädler und ziemlich böse.

Die Locations, vor allem die Bilder aus den Sümpfen, gefallen und verleihen dem Film eine fiebrige Atmosphäre.

Aber all die Teile bleiben Splitter, die sich nie zu einem kohärentem Ganzen zusammenfügen. „Pete Dexters The Paperboy“ wird somit schnell zu einem zähen Drama irgendwo zwischen Coming-of-Age-Drama und Film Noir, das sich nie wirklich entscheiden kann, wessen Geschichte erzählt wird, weil Lee Daniels irgendwie alles erzählen will.

Letztendlich ist die Verfilmung – wie das Buch – eine große Enttäuschung. Nicht weil sie so schlecht ist, sondern weil sie so viel besser hätte sein können. Aber als Camp funktioniert der hysterisch-schwüle „The Paperboy“, mit etlichen abgedrehten Szenen (meistens mit Kidman und Cusack) prächtig.

Dexter - Paperboy

Pete Dexter: Paperboy

(übersetzt von Bernhard Robben)

Liebeskind, 2013

320 Seiten

19,80 Euro

Originalausgabe

The Paperboy

Random House, 1995

Verfilmung

The Paperboy - DVD-Cover

Pete Dexters The Paperboy (The Paperboy, USA 2012)

Regie: Lee Daniels

Drehbuch: Pete Dexter, Lee Daniels

mit Zac Efron, Matthew McConaughey, Nicole Kidman, John Cusack, Macy Gray, David Oyelowo, Scott Glenn, Ned Bellamy

DVD

Studiocanal

Bild: 2,35:1 (16:9)

Ton: Deutsch, Englisch (Dolby 5.1)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Making Of, Hinter den Kulissen, Interviews mit Cast und Crew, Trailer, Wendecover

Länge: 102 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Krimi-Couch über Pete Dexter

Englische Homepage zum Film

Film-Zeit über „The Paperboy“

Metacritic über „The Paperboy“

Rotten Tomatoes über „The Paperboy“

Wikipedia über Pete Dexter (deutsch, englisch) und „The Paperboy“ 


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