Neu im Kino/Buch- und Filmkritik: Agentenaustausch auf der „Bridge of Spies – Der Unterhändler“ ist auch dabei

Als James Donovan (Tom Hanks) 1957 die Anfrage für ein Pflichtmandat erhält, will er zuerst ablehnen. Nach dem Krieg war er zwar Assistent des Hauptanklagevertreters bei den Nürnberger Prozessen, aber jetzt ist er vor allem ein Versicherungsanwalt. Strafrecht hat er schon lange nicht mehr praktiziert. Aber solche Pflichtmandate müssen gemacht werden. Er wird also Rudolf Abel (Mark Rylance) verteidigen. Abel ist ein hochrangiger sowjetischer Spion und ihm droht die Todesstrafe. Donovan kann sie verhindern, indem er argumentiert, dass es möglich sei, dass in naher Zukunft die Sowjets einen wichtigen US-Bürger verhaften. Dann könne man die Gefangenen austauschen.
Am 1. Mai 1960 schießen die Sowjets den U-2-Piloten und CIA-Spion Francis Gary Powers während eines Spionagefluges, den er über ihrem Gebiet unternimmt, ab. Sie präsentieren ihn und seine Spionageausrüstung im Fernsehen und verurteilen ihn zu einer langjährigen Haftstrafe.
Anfang 1962 soll Donovan im Auftrag der US-Regierung in Berlin über den Austausch verhandeln.
Auch wenn man weiß, wie die Geschichte damals endete – es war der erste Gefangenenaustausch zwischen Ost und West, die Medien berichteten damals nachträglich groß darüber und Donovan veröffentlichte schon 1964 ein Buch über seine Begegnung mit Oberst Rudolf Iwanowitsch Abel und den Gefangenenaustausch – ist „Bridge of Spies – Der Unterhändler“ ein spannender Thriller, in dem Steven Spielberg nach der enttäuschenden Geschichtsstunde „Lincoln“ wieder zur gewohnten Form zurückkehrt. Denn trotz einer Laufzeit von über 140 Minuten wird es nie langweilig. Das straffe und pointierte Drehbuch von Matt Charman und den Coen-Brüdern half sicher. Alle Hintergründe werden erklärt (was bei „Lincoln“ ein Problem war), die Geschichte entwickelt sich beständig weiter und die Schauspieler dürfen mit klugen Sätzen brillieren, während die Ausstattung sich im Zeitkolorit badet und Spielbergs Stamm-Kameramann Janusz Kaminski (der für „Schindlers Liste“ und „Saving Private Ryan“ Oscars erhielt) die damalige Zeit und auch die damals beliebten, heute eher vergessenen Kalter-Krieg-Thriller, in denen es in Ost-Berlin mindestens fünf Grad kälter als in West-Berlin ist, wieder aufleben lässt. Dass auch an historischen Orten, wie der Glienicker Brücke, an der dieser erste von mehreren Gefangenaustäusche stattfand, gedreht wurde, erhöht nur die Glaubwürdigkeit der wahren Geschichte, bei der sich für den Film einige wenige Freiheiten genommen wurden, die vor allem Geschichts-Geeks in den Wahnsinn treiben.
Alle anderen dürfen einen feinen Schauspielerfilm genießen.

Bridge Of Spies - Plakat

Bridge of Spies – Der Unterhändler (Bridge of Spies, USA 2015)
Regie: Steven Spielberg
Drehbuch: Matt Charman, Ethan Coen, Joel Coen
mit Tom Hanks, Mark Rylance, Scott Shepherd, Amy Ryan, Sebastian Koch, Alan Alda, Austin Stowell, Mikhail Gorevnoy, Will Rogers
Länge: 142 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

Die Hintergrundgeschichte

Donovan - Strangers on a Bridge - 4

Es gibt inzwischen mehrere Sachbücher, die sich mit diesem Agentenaustausch beschäftigen. Spielbergs Film basiert explizit auf keiner Vorlage.
Dennoch wird die Neuausgabe von James B. Donovans „Strangers on a Bridge – Der Fall des Oberst Abel“ vom Goldmann- Verlag als die Hintergrundgeschichte zum Film beworben, was durchaus zutreffend ist. Immerhin verteidigte Donovan Abel und er verhandelte den Agentenaustausch.
Donovan (1916 – 1970) war während des Zweiten Weltkriegs Marine-Offizier und juristischer Berater des Office of Strategic Services (dem militärischen Nachrichtendienst und Vorläufer der CIA) und danach Assistent des Hauptanklagevertreters der Nürnberger Prozesse. Er war also, auch wenn er als Pflichtverteidiger zu dem Fall Abel kam, keine so schlechte Wahl wie der Film suggeriert. Denn, so Donovan in „Strangers on a Bridge“: „Die Wahl verdankte ich (…) dem Vorsitzenden des Ausschusses. Vor mehr als zehn Jahren hatte Goodenough einen Vortrag über die Nürnberger Prozesse angehört, den ich vor einer Gruppe konservativer Rechtsanwälte aus Brooklyn gehalten hatte und unter denen auch einige prominente Deutsch-Amerikaner waren. Goodenough hatte meinem Kompagnon erzählt, die Schlussdebatte sei damals recht hitzig gewesen, und er meinte, ich sei jedenfalls für meine Überzeugung eingetreten.“
Donovan nimmt das Mandat an, weil er überzeugt ist, dass „auch der gemeinste Verbrecher, Anspruch auf Rechtsbeistand und ein faires Gerichtsverfahren habe.“
In dem Buch, das auf seinen Tagebuch, das er während des Prozesses führte und das er für die Veröffentlichung um Gerichtsprotokolle, Briefe und gekabelte Berichte für das Außenministerium (über seine Verhandlungen in Berlin) ergänzte, erzählt er vor allem die Geschichte des Prozesses. Sie nimmt deutlich über die Hälfte des 576-seitigen Buches (über 330 Seiten) ein. Die Verhandlungen über den im Film zentralen Gefangenaustausch werden auf knapp siebzig Seiten érzählt, die Donovan mit dem Hinweis „Aus Sicherheitsgründen mussten gewisse Fakten unerwähnt bleiben und manche Einzelheiten verändert werden“ einleitet.
Das gesagt ist Donovans Einblick in seine Arbeit als Abels Pflichtverteidiger ein faszinierender Einblick in die Arbeit eines Verteidigers, in das damalige US-Rechtssystem und die damalige Geisteshaltung nach der Ära McCarthy und vor dem Bau der Mauer und der Kuba-Krise.
Wer also tiefer in die damalige Zeit eintauchen möchte, sollte sich diesen spannenden Erlebnisbericht eines Zeitzeugen, geschrieben mit dem damaligen Wissen, zulegen.

James B. Donovan: Strangers on a Bridge – Der Fall des Oberst Abel
(übersetzt von Eva Bornemann und Michael Molitor; mit einem neuen Vorwort von Jason Matthews)
Goldmann, 2015
560 Seiten
9,99 Euro

Originalausgabe
Strangers on a Bridge – The Case of Colonel Abel
Atheneum House, Inc., 1964

Frühere deutsche Ausgabe
Der Fall des Oberst Abel
Scheffler-Verlag, 1965

Hinweise
Amerikanische Homepage zum Film
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „Bridge of Spies“
Moviepilot über „Bridge of Spies“
Metacritic über „Bridge of Spies“
Rotten Tomatoes über „Bridge of Spies“
Wikipedia über „Bridge of Spies“ (deutsch, englisch)
History vs. Hollywood über „Bridge of Spies“
Das Drehbuch zum Film

Meine Besprechung von Steven Spielbergs “Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels” (Indiana Jones and the kingdom of the skull, USA 2008)

Meine Besprechung von Steven Spielbergs “Gefährten” (War Horse, USA 2011)

Meine Besprechung von Steven Spielbergs “Lincoln” (Lincoln, USA 2012)

Steven Spielberg in der Kriminalakte

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