TV-Tipp für den 27. Mai: Das Gesetz der Begierde

Mai 26, 2017

One, 22.00

Das Gesetz der Begierde (Spanien 1986, Regie: Pedro Almodóvar)

Drehbuch: Pedro Almodóvar

Pablo liebt Juan. Antonio liebt Pablo und Pablos Schwester Tina, die früher ein Mann war. Und schon dreht sich das Liebes- und Eifersuchtskarussell.

„Der Showdown ist schlichtweg genial, und zwar gerade weil er unüberbietbar kitschig ist. (…) Der Rest stellt sich als banale Eifersuchtsgeschichte unter Schwulen dar“, urteilte der Fischer Film Almanach damals über Almodóvars Frühwerk, das auch international Kasse machte.

mit Eusebio Poncela, Carmen Maura, Antonio Banderas, Miguel Molina

Wiederholung: Montag, 29. Mai, 03.00 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Wikipedia über „Das Gesetz der Begierde” (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Pedro Almodóvars “Fliegende Liebende” (Los amates Pasajeros, Spanien 2013)

Meine Besprechung von Pedro Almodóvars „Julieta“ (Julieta, Spanien 2016)

Pedro Almodóvar in der Kriminalakte


Neu im Kino/Filmkritik: Stockholm Syndrom ist „Berlin Syndrom“

Mai 26, 2017

Stockholm-Syndrom: „ein psychologisches Phänomen, bei dem Opfer von Geiselnahmen ein positives emotionales Verhältnis zu ihren Entführern aufbauen. Dies kann dazu führen, dass das Opfer mit den Tätern sympathisiert und mit ihnen kooperiert.“ (Wikipedia)

Berlin Syndrom“ könnte der Titel eines Films von Dario Argento sein. Dann wäre es ein herrlich durchgeknallter Horrorfilm der den Exzess zum Stilprinzip erhebt.

Es ist aber der Titel des neuen Films der Australierin Cate Shortland („Lore“), der in Berlin spielt und, wenig subtil, auf das Stockholm-Syndrom anspielt.

Die australische Rucksackreisende Clare Havel (Teresa Palmer) trifft in Berlin-Kreuzberg Andi Werner (Max Riemelt). Er ist ein charmanter, literarisch interessierter Englischlehrer, der ihr Berlin abseits der Touristenpfade zeigt. Weil man als Reisende an keinen festen Terminkalender gebunden ist, verbringt sie etwas Zeit mit ihm. Inclusive einer Nacht in seinem Bett. Das ist, immerhin ist „Berlin Syndrom“ ein Thriller, ein böser Fehler. Denn Andi sperrt sie in seiner hermetisch abgeschlossenen Hinterhofwohnung in einem leeren, renovierungsbedürftigen und daher menschenleeren Wohnblock ein.

In diesem Moment ist das Fundament für einen klassischen Konflikt zwischen Entführer und Gefangener gelegt, der natürlich unterschiedlich ausformuliert werden kann. Einerseits, wie in dem Kriegsfilm-Klassiker „Gesprengte Ketten“ oder der Stephen-King-Verfilmung „Misery“, indem die Gefangene von der ersten Minute alles versucht, um auszubrechen. Andererseits indem die Gefangene Sympathie für den Täter entwickelt und sich vielleicht sogar in ihn verliebt.

Shortland beschreitet keinen dieser Wege konsequent. Zwar benutzt Clare etwaige Fluchtmöglichkeiten, wenn sie ihr auf dem Silbertablett serviert werden. Aber das sieht immer nach einer halbherzigen Pflichterfüllung aus. Die üblichen Thrillermechanismen einer Ausbruchsgeschichte werden in diesen Momenten höchst halbherzig bis zum vorhersehbaren Ende, das seine eigenen Probleme hat, bedient.

Als Thriller ist „Berlin Syndrom“ daher eine ziemliche Enttäuschung.

Auf der anderen Seite entwickelt sich keine Beziehung zwischen Clare und Andi. Sie leben fast wie ein altes Ehepaar nebeneinander her. Sie macht mehr oder weniger den Haushalt. Er verdient als Lehrer das Geld und er erzählt auch seinen Arbeitskollegen von seiner neuen Freundin. Dass diese Beziehung nur eine begrenzte Haltbarkeit hat, wird schon früh in einem Gespräch zwischen Andi und seinem Vater (Matthias Habich) deutlich. Er fragt seinen Sohn, warum er immer Berlin-Besucherinnen als Freundin habe.

In diesen Momenten könnte „Berlin Syndrom“ ein Drama über eine eine verquere Beziehung, über die Dynamik zwischen Anziehung und Ablehnung, und über Abhängigkeiten werden. Aber dafür geschieht einfach zu wenig zwischen Clare und Andi und das, was geschieht, bleibt zu sehr an der Oberfläche.

Immerhin liefert Max Riemelt ein hübsches Psychopathenporträt (natürlich mit DDR-Trauma) und es gibt Berlin-Impressionen von dem schon oft abgefilmten Kreuzberg (was bei Berlinern natürlich immer bestimmte Gefühle auslöst), während der Film das Potential seiner Prämisse verschenkt.

Berlin Syndrom (Berlin Syndrome, Australien 2017)

Regie: Cate Shortland

Drehbuch: Shaun Grant, Cate Shortland (zusätzliches Material)

LV: Melanie Joosten: Berlin Syndrome, 2011

mit Teresa Palmer, Max Riemelt, Matthias Habich, Emma Bading, Elmira Bahrami, Christoph Franken, Lucie Aron, Nassim Avat

Länge: 112 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Berlin Syndrom“

Metacritic über „Berlin Syndrom“

Rotten Tomatoes über „Berlin Syndrom“

Wikipedia über „Berlin Syndrom“ (deutsch, englisch)

Berlinale über „Berlin Syndrom“


TV-Tipp für den 26. Mai: Gingerbread Man – Eine nächtliche Affäre

Mai 25, 2017

3sat, 22.35

The Gingerbread Man – Eine nächtliche Affäre (USA 1998, Regie: Robert Altman)

Drehbuch: Clyde Hayes

LV: John Grisham (Originalstory – soweit bekannt nicht veröffentlicht)

Anwalt Rick Magruder verknallt sich in Mallory Doss und bemerkt nicht, wie sehr sie ihn für ihre Interessen benutzt.

Die erfolgloseste und – so auch meine Ansicht – die beste Grisham-Verfilmung. Altman verfilmte einen Drehbuch-Entwurf, den Grisham vor seinem Leben als Bestseller-Autor schrieb, und das Studio startete den Film – nach einem Streit mit Altman über die endgültige Fassung – fast unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Im Gegensatz zu den erfolgreichen Grisham-Bücher und deren Verfilmungen löst der Held, natürlich ein Anwalt, nicht das Problem, sondern er ist das Problem. In dem düsteren Südstaaten-Thriller glänzen etliche Stars: Kenneth Branagh, Robert Downey Jr., Embeth Davidtz, Robert Duvall, Tom Berenger, Daryl Hannah, Famke Janssen

Hinweise

Homepage von John Grisham

Wikipedia über John Grisham (deutsch, englisch)

Krimi-Couch über John Grisham

Rotten Tomatoes über “The Gingerbread Man”

Wikipedia über „The Gingerbread Man“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Ron Manns Doku „Altman“ (Altman, Kanada 2014)


Neu im Kino/Filmkritik: „Song to Song“, Terrence Malick to Terrence Malick

Mai 25, 2017

Seinen neuen Film drehte Terrence Malick in Austin, Texas. Unter anderem bei den dortigen Rockmusikfestivals und neben den Filmstars sind auch etliche Rockmusiker, wie Patti Smith, Iggy Pop und John Lydon (aka Johnny Rotten), dabei. Das macht „Song to Song“ allerdings nicht zu einem Film über die Musikszene von Austin oder die Rockmusik. Sie ist nur der beliebig austauschbare Hintergrund für Malickrismen, die in der richtigen Stimmung ihren Reiz entfalten können, meistens aber nur als Kunstkitsch nerven. Auch in seinem vorherigen Film „Knight of Cups“, in dem Christian Bale einen erfolgreichen Hollywood-Comedy-Drehbuchautor in einer Midlife-Crisis spielte, war es so. Da wurde im Presseheft zwar behauptet, dass Bale einen Autor spielte, aber man sah ihn nie bei der Arbeit und man erfuhr nichts, aber auch absolut nichts über Hollywood. Bale hätte genausogut jeden anderen Beruf ausüben können.

Im Gegensatz zu Malicks vorherigen Filmen ist in „Song to Song“ fast eine Geschichte erkennbar. Wenn man „Geschichte“ als eine weitgehende Übereinstimmung zwischen Synopse, Film und Wahrnahme des Films sieht. Bei „Knight of Cups“ war die Synopse dagegen nur eine mögliche Zusammenfassung des Films. Bei „Song to Song“ geht es um eine junge Musikerin (Rooney Mara), die zwischen zwei Männern steht. Der eine ist ein erfolgreicher Musikproduzent (Michael Fassbender). Der andere ein aufstrebender Songwriter (Ryan Gosling). Sie ist mit beiden mal zusammen, mal getrennt. Mit einem gründet sie dann eine Familie.

An dieser „Geschichte“ hängt Terrence Malick seine Bilder auf, die sich nie um eine nachvollziehbare Chronologie kümmern und bei denen man auch überhaupt nicht versuchen sollte, sie in eine Chronologie zu pressen. Das war schon bei seinen vorherigen Filmen, die er seit 2011 mit „The Tree of Life“ in einem wahren Schaffensrausch heraushaute, so. Es geht Malick nicht um eine Geschichte, sondern nur um eine ästhetisch ansprechende Symphonie von Bildern und Tönen. Und genauso sehr, wie sich die Filme ähneln, könnte man einfach eine alte Besprechung recyclen. Denn wie in Malicks vorherigen Filmen ist der pompös herausgestellte Ort und das achsowichtige Milieu der Geschichte für die Handlung und die Charaktere vollkommen egal. So dürfen die Schauspieler in „Song to Song“ zwar, wie Groupies, im Backstage-Bereich der Bühne herumstehen und über das Festivalgelände streunen, aber sie könnten genausogut beliebige Festivalbesucher oder Freunde der Veranstalter sein. Am Ende der zwei Stunden wissen wir noch nicht einmal, welche Musik Faye, Cook und BV machen; außer dass es keine Klassik ist. Dann wären sie durch ein Opernhaus gestolpert.

Entsprechend beliebig ist der Soundtrack, den wahrscheinlich ein jüngerer Mitarbeiter von Malick als Mix-Tape zusammenstellen durfte, und die Auftritte der teils groß herausgestellten Rockmusiker. Bis auf Patti Smith beschränken sich ihre Auftritte auf Ein-Satz-Statements im Backstage-Bereich. Gedreht wurde während dem 2012er Austin City Limits Festival, dem South by Southwest Festival (SXSW) und dem Fun Fun Fun Fest. Im Film gibt es einige kurze Konzertausschnitte und Backstage-Impressionen mit mehr oder weniger bekannten Musikern und Bands.

Immerhin können die Austin-Festivalmacher sich über einen großen Werbefilm für Austin freuen. Die Weltpremiere des Films war dann auch am 10. März 2017 auf dem SXSW.

Fans der neuen Malick-Filme werden in „Song to Song“ all das finden, was ihnen an seinen in diesem Jahrzehnt gedrehten Filmen gefiel. Die schwebenden Bilder von Kameramann Emmanuel Lubezki; wobei die Festivalimpressionen sich nicht so wahnsinnig von anderen Konzertfilmen und Festivalberichten unterscheiden und sie auch nicht so schön wie Sonnenuntergänge in der Wüste sind. Die bedeutungsschwangeren Off-Texte, die dieses Mal von den verschiedenen Charakteren geflüstert werden und die die Liebesgeschichte etwas strukturieren. Über Kalenderweisheiten kommen sie allerdings nie hinaus. Und alles wird mit religiösem Kitsch zugekleistert.

Wobei es dieses Mal sehr lange dauert, bis der religiöse Kitsch in seiner ganzen Kraft zuschlägt. Dafür ist er am Ende des Films noch penetranter als in seinen vorherigen Filmen. Immerhin sorgte das Ende im Kinosaal für einen ungläubigen halbkollektiven Lacher und Oh-my-god-Stöhner. Denn Ironie, Witz, eine gewisse Doppeldeutigkeit oder ein Interpretationsspielraum bei der Botschaft kommen in Malicks Welt und im gesamten Film nicht vor. Dafür dürfen die Schauspieler, wie in seinen vorherigen Filmen, ohne Drehbuch improvisieren und so die Dreharbeiten als befreiende Selbsterfahrung erleben. Sie hatten sicher ihren Spaß. Für das Publikum ist das Ergebnis dann prätentiöser Quark mit banalreligiöser Beigabe, die immerhin schön aussieht.

Mit seinem grandiosen Frühwerk – „Badlands“ (1973), „In der Glut des Südens“ (Days of Heaven, 1978), „Der schmale Grad“ (The Thin Red Line, 1998) und, wenn auch sehr eingeschränkt, „The New World“ (2005) – hat „Song to Song“ nichts zu tun.

Song to Song (Song to Song, USA 2017)

Regie: Terrence Malick

Drehbuch: Terrence Malick

mit Ryan Gosling, Rooney Mara, Michael Fassbender, Natalie Portman, Cate Blanchett, Holly Hunter, Val Kilmer, Bérénice Marlohe, Lykke U, Tom Sturridge, Patti Smith, Iggy Pop, John Lydon, Florence Welch, The Black Lips, The Red Hot Chili Peppers (die meisten Auftritte bewegen sich im Cameo-Bereich)

Länge: 129 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Aus der Freigabebegründung der FSK

Kindern im Grundschulalter bietet die Handlung praktisch keine Anknüpfungspunkte, weshalb sie eine große Distanz zu den Geschehnissen wahren können. Zugleich werden Kinder ab 6 Jahren von den teils mysteriös-poetischen Bilderwelten des Films nicht überfordert oder geängstigt.

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Song to Song“

Metacritic über „Song to Song“

Rotten Tomatoes über „Song to Song“

Wikipedia über „Song to Song“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Terrence Malicks „To the Wonder“ (To the Wonder, USA 2012)

Meine Besprechung von Terrence Malicks „Knight of Cups“ (Knight of Cups, USA 2015)

Meine Besprechung von Dominik Kamalzadeh/Michael Peklers “Terrence Malick” (2013)

Terrence Malick in der Kriminalakte

Das Publikumsgespräch bei der Premiere mit Michael Fassbender und Terrence Malick (einer seiner sehr sehr, sehr seltenen öffentlichen Auftritte)

 


TV-Tipp für den 25. Mai: Der dritte Mann

Mai 24, 2017

3sat, 20.15

Der dritte Mann (Großbritannien 1949, Regie: Carol Reed)

Drehbuch: Graham Greene

LV/Buch zum Film: Graham Greene: The third man, 1950 (Der dritte Mann)

Wien, kurz nach dem Krieg: Holly Martins kann es nicht glauben. Sein toter Freund Harry Lime soll ein skrupelloser Geschäftemacher sein. Holly will Harrys Unschuld beweisen.

Na, den Film kennen wir – das kaputte Wien, die grandiosen Leistungen der Schauspieler, die Verfolgung durch die Wiener Kanalisation, die Zither-Melodie von Anton Karas – und sehen ihn immer wieder gern.

3sat zeigt die restaurierte HD-Fassung von 2015.

Mit Joseph Cotten, Orson Welles, Alida Valli, Trevor Howard, Bernard Lee, Erich Ponto, Paul Hörbiger

Wiederholung: Freitag, 26. Mai, 02.20 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Fanseite über Graham Greene

Wikipedia über Graham Greene (deutsch, englisch)

Wikipedia über „Der dritte Mann“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Graham Greenes Roman „Brighton Rock“ und den beiden Verfilmungen

Meine Besprechung von Carol Reeds „Ausgestoßen“ (Odd Man Out, Großbritannien 1947)

Meine Besprechung von Orson Welles’ “Im Zeichen des Bösen” (Touch of Evil, USA 1958)


DVD-Kritik: Über die Noirs „Die Narbenhand“ und „Die rote Schlinge“

Mai 24, 2017

Mit einem feinen Doppelschlag setzt Koch Media seine uneingeschränkt lobenswerte „Film Noir Collection“ fort. „Die Narbenhand“ ist ein echter Noir-Klassiker. „Die rote Schlinge“ ist eine äußerst unterhaltsame Screwball-Comedy, in der man die Noir-Anteile mit der Lupe suchen muss.

Duke Halliday (Robert Mitchum) flüchtet im Hafen von Vera Cruz vor Vincent Blake (William Bendix). Dort trifft er auf Joan ‚Chiquita‘ Graham (Jane Greer), der er wenige Minuten später in einem Hotelzimmer wieder begegnet. Sie will von Jim Fiske (Patrick Noles) das Geld haben, das sie ihm geliehen hat, bevor er nach Mexiko verschwand. Fiske kann sie beschwatzen und flüchtet mit einem Koffer voll gestohlenem Army-Geld, das Halliday unbedingt haben will. In dem Moment wissen wir noch nicht, warum Halliday das Geld will, warum Blake ihn jagt und ob Halliday zu den Guten oder den Bösen zählt.

Aber weil Halliday und Joan das Gleiche wollen, verfolgen sie gemeinsam den flüchtigen Fiske quer durch Mexiko. Dabei werden sie von dem wutschnaubenden Blake verfolgt und von Inspector General Ortega (Ramon Novarro), dem bauernschlauen mexikanischen Polizeichef, der amüsiert das erregte Treiben der Amerikaner beobachtet.

In seinem dritten Spielfilm „Die rote Schlinge“ erzählt Don Siegel die Geschichte so flott, das man kaum darüber nachdenken kann wer wen warum verfolgt und ob das schlüssig ist.

Dafür gibt es umwerfend komische Wortgefechte zwischen Robert Mitchum und Jane Greer, die bereits in „Goldnes Gift“ (Out of the Past, USA 1947) ein Paar waren. Sie hatten erkennbar ihren Spaß. Wie auch die anderen Schauspieler.

Bei den Schlägereien und einer langen, auch heute noch ziemlich beeindruckende Autoverfolgungsjagd zeigt Don Siegel sein Können als Action-Regisseur. Sowieso beeindruckt, wie souverän Don Siegel die Geschichte inszenierte und an wie vielen Schauplätzen sie spielt. Gedreht wurde in Mexiko und auf der Ray Corrigan Ranch in Simi Valley, Kalifornien. Allerdings, das muss auch gesagt werden, hatte Siegel hier viele Drehtage zur Verfügung und ein großzügiges Budget. Das Budget für seinen später gedrehten Science-Fiction-Klassiker „Die Dämonischen“/“Invasion der Körperfresser“ (Invasion of the Body Snatchers, USA 1956) betrug 382.190 Dollar. „Die rote Schlinge“ kostete letztendlich 780.000 Dollar und war teurer als geplant. Das lag vor allem an dem komplizierten Drehplan. Während des Drehs musste Robert Mitchum eine Haftstrafe wegen des Konsums von Marihuana antreten und damit wurde der gesamte Drehplan obsolet. Das sieht man unter anderem daran, dass Mitchum und Bendix, der eine andere Verpflichtung hatte, nur zwei gemeinsame Szenen haben (den Rest erledigte der Schnitt), Jane Greer am Ende des Drehs hochschwanger war (hier halfen passende Kleider) und das Drehbuch umgeschrieben werden musste. Doch am Ende des Tages zählt das Ergebnis und das stimmt bei „Die rote Schlinge“.

Zusätzlich neben dem üblichen Bonusmaterial der „Film Noir Collection“ (Booklet, Trailer, Bildergalerie) gibt es dieses Mal ein kleines „Making of“ (von 2007), einen interessanten Audiokommentar von Filmhistoriker Richard B. Jewell und eine später ohne die Urheber des Originalfilms entstandene Farbversion, die gegenüber der originalen SW-Version sehr blass aussieht.

 

Die Narbenhand“ ist einer der großen Noirs, „einer der Schlüsselfilme des frühen Film noirs“ (Paul Werner: Film noir) und wenn man sich den Film heute wieder ansieht, sieht man auch sofort warum: „Die Schattenspiele des Kameramanns [John F.] Seitz waren ebenso stilbildend und vorbildlich für die späteren Filme wie die wulgärpsychologische Motivierung des Killers.“ (Paul Werner: Film noir)

Die Geschichte basiert auf einem Roman von Graham Greene, der eine archetypische Noir-Geschichte erzählt (weshalb der Roman offiziell nur zweimal, inoffiziell tausend Mal verfilmt wurde).

Profikiller Philip Raven (Alan Ladd), der eine ‚Narbenhand‘ hat, erledigt seine Jobs präzise und unauffällig. Als „der eiskalte Engel‘ von seinem letzten Auftraggeber Willard Gates (Laird Cregar) mit markierten Scheinen (die angeblich von der Nitro Chemical Corporation geklaut wurden) bezahlt wird und so auf die Fahndungsliste der Polizei gerät, beginnt er ihn zu suchen. Seine Spur führt nach Los Angeles. Dort trifft er die Barsängerin Ellen (Veronica Lake), die ebenfalls an Gates interessiert ist.

Nach dem Film war Alan Ladd, der bei der Erstauswertung an vierter Stelle genannt wurde, ein Star und er und Lake waren das Noir-Traumpaar, das sich danach noch einige Male verlieben durfte. Ich sage nur „Der gläserne Schlüssel“ (The Glass Key, USA 1942) und „Die blaue Dahlie“ (The Blue Dahlia, USA 1945)

Die Drehbuchautoren Albert Maltz und W. R. Burnett erzählen die Noir-Thrillergeschichte, was in einem Noir selten ist, vor dem aktuellen politischen Hintergrund des Zweiten Weltkriegs. Deshalb ist der Bösewicht in illegale Geschäfte mit dem Feind verwickelt. Regisseur Frank Tuttle erzählt die Geschichte mit der Präzision und Genauigkeit eines Handwerkers, der in allen Genres reüssierte ohne sich selbst in den Mittelpunkt zu stellen.

Im direkten Vergleich mit der umfangreich ausgestatteten DVD zu „Die rote Schlinge“ enttäuscht die DVD-Ausgabe von „Die Narbenhand“. Angesichts der normalen Veröffentlichungspraxis von Koch Media scheint es kein Bonusmaterial zu geben. Das sollte einen aber nicht vom Kauf abhalten. Denn „Die Narbenhand“ ist ein echter Noir-Klassiker, der laut der OFDb noch nie im Fernsehen lief. Auch ich kann mich an keine Ausstrahlung des Films erinnern.

Die rote Schlinge (The big Steal, USA 1949)

Regie: Don Siegel

Drehbuch: Geoffrey Homes (aka Daniel Mainwaring), Gerald Drayson Adams

LV: Richard Wormser: The Roads to Carmichael’s, 1942 (Erzählung)

mit Robert Mitchum, Jane Greer, William Bendix, Patrick Knowles, Ramon Novarro, Don Alvarado, John Qualen, Pascual Garcia Pena

DVD

Koch Media (Film Noir Collection # 25)

Bild: 1.33:1 (16:9)

Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 2.0)

Untertitel: Englisch

Bonusmaterial: Farbversion, Making of, Audiokommentar von Filmhistoriker Richard B. Jewell, Englischer Trailer, Bildergalerie

Länge: 71 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Moviepilot über „Die rote Schlinge“

Rotten Tomatoes über „Die rote Schlinge“

TCM über „Die rote Schlinge“

Wikipedia über „Die rote Schlinge“ (deutsch, englisch)

Noir of the Week über „Die rote Schlinge“

Meine Besprechung von Don Siegels „Der Tod eines Killers“ (The Killers, USA 1964 – Ronald Reagans letzter Film)

Meine Besprechung von Don Siegels „Der letzte Scharfschütze“ (The Shootist, USA 1976 – John Waynes letzter Film)

Kriminalakte über Don Siegel

Die Narbenhand (This Gun for hire, USA 1942)

Regie: Frank Tuttle

Drehbuch: Albert Maltz, W. R. Burnett

LV: Graham Greene: A Gun for sale/A Gun for hire, 1936 (Das Attentat)

mit Alan Ladd, Veronica Lake, Robert Preston, Laird Cregar, Tully Marshal, Marc Lawrence

DVD

Koch Media (Film Noir Collection # 24)

Bild: 1,18:1 (4:3)

Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 2.0)

Untertitel: Englisch

Bonusmaterial: Englischer Trailer, Bildergalerie

Länge: 78 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Moviepilot über „Die Narbenhand“

Rotten Tomatoes über „Die Narbenhand“

TCM über „Die Narbenhand“

Wikipedia über „Die Narbenhand“ (deutsch, englisch)

Noir of the Week über „Die Narbenhand“


TV-Tipp für den 24. Mai: Still Alice – Mein Leben ohne Gestern

Mai 23, 2017

ZDF, 20.15

Still Alice – Mein Leben ohne Gestern (Still Alice, USA 2014)

Regie: Richard Glatzer, Wash Westmoreland

Drehbuch: Richard Glatzer, Wash Westmoreland

LV: Lisa Genova: Still Alice, 2009 (Mein Leben ohne Gestern)

Alice hat Alzheimer. Alice ist fünfzig Jahre und Sprachwissenschaftler. Sie und ihre Familie versuchen damit umzugehen.

Berührendes Drama.

Julianne Moore erhielt für ihre Darstellung der Alice unter anderem den Oscar, den Golden Globe, den Bafta und den Screen Actors Guild Award.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Julianne Moore, Kristen Stewart, Alec Baldwin, Kate Bosworth, Hunter Parrish, Shane McRae, Stephen Kunken

Wiederholung: Donnerstag, 25. Mai, 01.45 Uhr (Taggenau!)

Hinweise
Deutsche Homepage zum Film
Englische Homepage zum Film
Film-Zeit über „Still Alice“
Moviepilot über „Still Alice“
Metacritic über „Still Alice“
Rotten Tomatoes über „Still Alice“
Wikipedia über „Still Alice“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Richard Glatzer/Wash Westmorelands „Still Alice – Mein Leben ohne Gestern“ (Still Alice, USA 2014)


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