TV-Tipp für den 26. August: Mörderischer Engel

August 25, 2019

Arte, 22.15

Mörderischer Engel (On ne meurt que deux fois, Frankreich 1985)

Regie: Jacques Deray

Drehbuch: Jacques Deray, Michel Audiard

LV: Derek Raymond (Robin Cook): He died with his eyes open, 1984 (Er starb mit offenen Augen)

Hat die schöne Barbara den Pianisten umgebracht? Inspektor Staniland versetzt sich immer mehr in die Persönlichkeit des Toten und verliebt sich in Barbara.

Nicht so düster wie das Buch (der erste Band der Factory-Serie), in Teilen sogar langatmig, aber solide aufgebaut, mit zahlreichen Anleihen beim „Film Noir“ und zwei wundervollen Hauptdarstellern:.

mit Michel Serrault, Charlotte Rampling, Xavier Deluc, Cérard Darmon, Elisabeth Depardieu

Hinweise

AlloCiné über „Mörderischer Engel“

Rotten Tomatoes über „Mörderischer Engel“

Wikipedia über „Mörderischer Engel (englisch, französisch) und Derek Raymond (deutsch, englisch)

 

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Neu im Kino/Buch- und Filmkritik: „Paranza – Der Clan der Kinder“ will in Neapal an die Macht

August 25, 2019

Neapel, Italien. Mafialand. Roberto Saviano zeichnete 2006 in seinem dokumentarischen Roman „Gomorrha“ ein sehr unglamouröses Bild vom organisierten Verbrechens in seiner Heimatstadt. Das Buch wurde ein weltweiter Bestseller. Es wurde als Spielfilm und TV-Serie verfilmt. Weitere Sachbücher, Reportagen und Romane folgten. 2016 erschien in Italien „Der Clan der Kinder“. In dem Roman erzählt er die Geschichte von Nicolas und seinen Freunden, einer Bande Fünfzehnjähriger, die Geld und Ansehen (was vor allem der richtige Tisch im richtigen Nachtclub ist) wollen, dafür zu Verbrechern werden und innerhalb der örtlichen Camorra aufsteigen wollen. Diese besteht aus Banden, die unter sich die Straßen und Viertel Neapels aufgeteilt haben. Finanzieren tun sich sich mit Drogenhandel auf der Straße und Schutzgelderpressung bei den kleinen, örtlichen Einzelhändlern. Das sind nicht die aus Gangsterfilmen bekannten großen Geschäfte, sondern die gelebte Kleinvieh-macht-auch-Mist-Methode.

Der Roman ist schwer zu lesen. Das liegt an Savianos journalistischem, auf objektivierende und zusammenfassende Betrachtungen abzielendem Schreibstil, der kaum erkennbaren Haupthandlung, den vielen austauschbaren Figuren, den ständigen Zeitsprüngen und Pespektivenwechsel. Saviono hat auch kein erkennbares Interesse an einer typischen Gangstergeschichte à la „Little Caesar“ oder „Scarface“. Ihm geht es mehr um ein Porträt der heutigen Camorra in Neapel. Zwischen all den Namen und Episoden, die sich zeitlich oft nicht einordnen lassen, entsteht nie so etwas wie ein richtiger Lesefluss, der einen begeistert die nächsten Seiten umblättern lässt.

Claudio Giovannesi verfilmte jetzt den Roman nach einem Drehbuch, bei dem auch Saviano mitschrieb und das dieses Jahr auf der Berlinale den Silbernen Bären für das Beste Drehbuch erhielt.

Giovannesi inszenierte die Geschichte, die eine Ansammlung von Vignetten des Gangster- und Jugendfilms ist. Er drehte chronologisch. Die Schauspieler, allesamt Laiendarsteller, wussten dabei nicht, wie sich die Geschichte weiterentwickelt. Stilistisch knüpft er dabei an den Neorealismus an.

Am Ende bleibt nicht die Geschichte im Gedächtnis, sondern wie die Jugendlichen mit ihren Vespas durch die Stadt fahren, wie sie durch die Straßen streunen, wie sie Freizeit totschlagen und wie wenig sich diese Bilder von Bildern aus italienischen Filmen der fünfziger und sechziger Jahre unterscheiden.

Paranza – Der Cland der Kinder (La paranza dei bambini, Italien 2019)

Regie: Claudio Giovannesi

Drehbuch: Roberto Saviano, Claudio Giovannesi, Maurizio Braucci

LV: Roberto Saviano: La paranza dei bamini, 2016 (Der Clan der Kinder)

mit Francesco Di Napoli, Viviana Aprea, Ar Tem, Alfredo Turitto, Valentina Vannino, Pasquale Marotta, Luca Nacarlo, Carmine Pizzo

Länge: 112 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Die Vorlage

Roberto Saviano: Der Clan der Kinder

(übersetzt von Annette Kopetzki)

dtv, 2019

416 Seiten

12,90 Euro

Deutsche Erstausgabe

Carl Hanser Verlag, 2018

Originalausgabe

La paraza dei bambini

Feltrinelli Editore, 2016

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Paranza – Der Clan der Kinder“

Metacritic über „Paranza – Der Clan der Kinder“

Rotten Tomatoes über „Paranza – Der Clan der Kinder“

Wikipedia über „Paranza – Der Clan der Kinder“ (deutsch, englisch, italienisch)

Berlinale über „Paranza – Der Clan der Kinder“

Perlentaucher über Roberto Savianos „Der Clan der Kinder“


TV-Tipp für den 25. August: Jacques – Entdecker der Ozeane

August 24, 2019

3sat, 20.15

Jacques – Entdecker der Ozeane (L’Odyssée, Frankreich/Belgien 2016)

Regie: Jérôme Salle

Drehbuch: Jérôme Salle, Laurent Turner

LV: Jean-Michel Cousteau, Albert Falco: Capitaine De La Calypso, 1990

TV-Premiere des sehenswerten, wohlwollenden Biopics über den begeisterten Taucher, Erfinder und Visionär Jacques-Yves Cousteau (1910 – 1997), der in zahllosen Tauchgängen das Leben in den Ozeanen filmisch festhielt und einem weltweiten Publikum präsentierte.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Lambert Wilson, Pierre Niney, Audrey Tautou, Laurent Lucas, Benjamin Lavernhe, Vincent Heneine, Thibault de Montalembert, Roger Van Hool, Chloe Hirschman, Adam Neill

Hinweise

Deutsche Facebook-Seite zum Film

AlloCiné über „Jacques“

Moviepilot über „Jacques“

Rotten Tomatoes über „Jacques“

Wikipedia über „Jacques“ (englisch, französisch) und Jacques Costeau

Meine Besprechung von Jérôme Salles „Largo Winch – Tödliches Erbe“ (Largo Winch, Frankreich 2008)

Meine Besprechung von Jérôme Salles „Largo Winch II – Die Burma-Verschwörung“ (Largo Winch II, Frankreich/Belgien/Deutschland 2011)

Meine Besprechung von Jérôme Salles „Zulu“ (Zulu, Frankreich/Südafrika 2013) und der DVD

Meine Besprechung von Jérôme Salles „Jacques – Entdecker der Ozeane“ (L’Odyssée, Frankreich/Belgien 2016)


Neu im Kino/Filmkritik: Über Brian Shoafs „Aardvark“

August 24, 2019

Dass Josh Norman (Zachary Quinto) psychische Probleme hat, ist vom ersten Moment an offensichtlich. Aber immerhin weiß er das und geht zu einer Psychologin, die er auch bezahlen kann. Das ist angesichts seiner abgenutzten Kleidung und seiner unzuverlässig erledigten Aushilfsarbeit in einem Stehcafé nicht selbstverständlich.

Er erzählt seiner Therapeutin Emily Milburton (Jenny Slate), sein Bruder Craig sei zurückgekehrt. Craig sei ein bekannter Hollywoodschauspieler, ein Verwandlungskünstler, der hundertfünfzigprozentig in jede Rolle hineinschlüpft. So wie Josh ihn schildert, ist Craig ein Gestaltwandler, der ihn überallhin verfolgt.

Für die im Beruf noch sehr unerfahrene Emily ist die Diagnose aus fachlicher Sicht einfach. Josh hat massive Wahnvorstellungen.

Diese Erklärung liefert auch der Film einige Minuten später, Dann begegnet Josh in einer Gasse einer Bettlerin, die er für Craig hält und die unter keinen Umständen ein Mann ist.

Außerdem taucht Craig (Jon Hamm) kurz darauf bei Emily auf. Er erzählt ihr einiges über seinen Bruder und umwirbt sie.

Aardvark“ ist vor allem ein Showcase für Hauptdarsteller Zachary Quinto. Er ist bekannt als Spock aus den neuen „Star Trek“-Filmen und er ist einer der Produzenten des Films. Davon abgesehen ist Brian Shoafs Spielfilmdebüt ein missglückter und sehr dröger Mix aus Psychostudie (immer wieder, wie in „Fight Club“, erzählt aus Joshs Perspektive), Familienaufstellung (Was geschah in der Kindheit von Josh und Craig?) und Liebesgeschichte (Kriegt die fesche Therapeutin den edlen Hollywoodstar?).

Das Drama ist Film für die Zachary-Quinto- und Jon-Hamm-Komplettisten.

P. S.: Aardvark ist das englische Wort für Erdferkel.

Aardvark (Aardvark, USA 2017)

Regie: Brian Shoaf

Drehbuch: Brian Shoaf

mit Zachary Quinto, Jenny Slate, Jon Hamm, Sheila Vand

Länge: 89 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Moviepilot über „Aardvark“

Metacritic über „Aardvark“

Rotten Tomatoes über „Aardvark“

Wikipedia über „Aardvark“ 


TV-Tipp für den 24. August: Helden der Nacht

August 23, 2019

ZDFneo, 22.05

Helden der Nacht (We own the Night, USA 2007)

Regie: James Gray

Drehbuch: James Gray

Stilsicherer, an das Kino der Siebziger erinnernder, 1988 in New York spielender Polizeithriller über zwei Brüder: der eine folgt der Familientradition und wird Polizist; der andere Discobesitzer und Verbrecher. Jetzt steht der Discobesitzer vor der Frage, ob er vollständig mit seiner Familie brechen soll.

„Helden der Nacht hat alle Ingredienzien eines Genrethrillers. Mehr noch, Gray scheint einigen dieser Klassiker seine Reverenz erweisen wollen. In seinen besten Momenten ruft Helden der Nacht Erinnerungen an die Korruptionsthriller Sidney Lumets oder die dreckigen kleinen Nachtfilme Scorseses wach.“ (epd Film 2/2008)

Mit Joaquin Phoenix, Mark Wahlberg, Eva Mendes, Robert Duvall, Tony Musante

Hinweise:

Rotten Tomatoes über „Helden der Nacht“

Wikipedia über „Helden der Nacht“ (deutsch, englisch)

Film & Video: Interview mit James Gray über Stuntmen und digitale Bildbearbeitung

Salon Conversations: Podcast mit James Gray

Dark Horizons: Interview mit James Gray

Meine Besprechung von James Grays „Two Lovers“ (Two Lovers, USA 2008)

Meine Besprechung von James Grays „Die versunkene Stadt Z“ (The lost City of Z, USA 2016)


Neu im Kino/Filmkritik: Bruuuce!, dein größter Fan ist „Blinded by the light“

August 23, 2019

Javed ist ein ganz gewöhnlicher Jugendlicher. Er wächst in Luton, einer wenige Kilometer nördlich von London liegenden Stadt, auf. Er schlägt sich mit den typischen Pubertätsproblemen zwischen Schule und erster Liebe herum. Er wird den den örtlichen Faschos durch die Straßen gejagt und sein Vater hat genaue Vorstellungen, was er jetzt und später tun soll.

Javed möchte dagegen ein Schriftsteller werden. Das ist ein Beruf, den sein pakistanischer Vater, ein Arbeiter und patriarchalisch-konservatives Familienoberhaupt, nicht als Beruf anerkennt. Gleichzeitig sucht Javed nach seiner Position in der Gesellschaft als Einwandererkind, das zwischen zwei Kulturen und Ansprüchen zerrissen ist. Er fragt sich, wie englisch er sein soll und was ist überhaupt englisch?

Als er sich eine Musikkassette mit der Musik von Bruce Springsteen, die er von einem Mitschüler erhielt, anhört, glaubt er, dass Bruce Springsteen ihn genau versteht und direkt zu ihm redet. Das was Springsteen über seine Heimat Asbury Park, New Jersey, und sein Leben und seine Gefühle singt, ist sein Leben in Luton.

Er pflastert sein Zimmer mit Springsteen-Plakaten, verändert seine Kleidung und Frisur und will alle von Springsteen überzeugen.

Er möchte in der Schulzeitung über Springsteen schreiben. Die schnöseligen Schülerzeitungsredakteure sind davon nicht begeistert.

Er will im Schulradio Springsteen-Songs spielen. Die hippen, trendbewussten Radiomacher lehnen das empört ab. Springsteen sei – der Film spielt 1987 – Schnee von gestern. Und so unrecht haben sie nicht. Denn nach dem Megaerfolg von „Born in the U. S. A.“ (1984) war „Tunnel of Love“ (1987) eine Enttäuschung. „Lucky Town“ und „Human Touch“, die fünf Jahre später (und damit nach der Filmgeschichte) erschienen, waren nicht viel besser. Außerdem hat der Songwriter-Rock von Bruce Springsteen nichts mit den damals angesagten britischen Bands zu tun.

Kick it like Beckham“-Regisseurin Gurinder Chadha nimmt in ihrem neuesten Film „Blinded by the Light“ die Musik von Bruce Springsteen als Kommentar zu Javeds Leben. In ihrer warmherzigen, mit viel Zeitkolorit angereicherte Feelgood-Komödie, zeigt sie, wie wichtig ein Musiker (und eine Band) bei der Selbstfindung eines Teenagers sein können. Dieses Erwachsenwerden findet in einer bestimmten Welt – hier ist es das England der Thatcher-Jahre, das Leben der Einwanderer und der Arbeiterklasse – und in Bezug zu anderen Menschen statt. Bei Javed (Viveik Kalra) sind es Springsteen-Fan Roops (Aaron Phagura), sein aktuelle Popmusik spielender Jugendfreund Matt (Dean-Charles Chapman), die gleichaltrige Aktivistin Eliza (Nell Williams), die ihn fördernde Lehrerin Miss Clay (Hayley Atwell; sie ist zu gut, um wahr zu sein), seine Familie (Kulvinder Ghir, Meera Gantatra, Nikita Mehta) und ein Nachbar (David Hayman [bekannt aus der Krimiserie „Der Preis des Verbrechens“] in einer kleinen, aber nicht unwichtigen und sehr sympathischen Rolle).

Immer wieder durchbricht Chadha die realistische Erzählung. Wenn Javed die legendären frühen Springsteen-Songs hört, wird der Film zu einem Music-Clip mit staunenden, singenden und tanzenden Menschen und Texteinblendungen, die auch den Nicht-Die-hard-Springsteen-Fans verraten, um was es in den Songs geht und welche Textteile Javed in dem Moment besonders wichtig sind.

Manchmal wird der Film sogar zu einem Musical, das dann auch den Unterschied zwischen Film und Realität thematisiert. Während Javed text-, aber nicht tonsicher singt und sich dabei komisch bewegt, blicken ihn die anderen Menschen zunächst irritiert an. Auf einem Flohmarkt stimmen sie dann in den Song ein.

Blinded by the Light“ basiert auf den Jugenderinnerungen von Sarfraz Manzoor, der im Film Javed heißt. Manzoor wurde 1971 in Pakistan geboren, kam als Dreijähriger nach England und ist heute ein Journalist (u. a. The Guardian, BBC Radio 4 und Channel 4). Er ist immer noch mit Roops befreundet und sie sind immer noch Springsteen-Fans. Sie beuschten unzählige Konzerte und der Boss (für Nichtfans: das ist Kosename der Fans für Springsteen) kennt sie persönlich. Deshalb war Springsteen auch mit der Verwendung seiner Songs in dem Film einverstanden. Ohne dieses Einverständnis hätte der Film nicht gemacht werden können.

Gurinder Chadhas warmherziges Feelgood-Movie reiht sich in die Reihe von aktuellen Musikfilmen ein, in denen legendäre Musiker und Bands präsentiert werden. „Bohemian Rhapsody“ (über Freddie Mercury und Queen) und „Rocketman“ (über Elton John) sind Biopics, die sich mehr oder weniger viele künstlerische Freiheiten nehmen. „Yesterday“ (über die Beatles) ist eine Was-wäre-wenn-Fantasie. Und „Blinded by the Light“ ist eine Coming-of-Age-Geschichte, die ohne die Musik von Bruce Springsteen nicht funktionieren würde.

Blinded by the Light (Blinded by the Light, USA 2019)

Regie: Gurinder Chadha

Drehbuch: Paul Mayeda Berges, Gurinder Chadha, Sarfraz Manzoor

LV: Sarfraz Manzoor: Greetings from Bury Park: Race, Religion and Rock’n’Roll, 2007

mit Viveik Kalra, Kulvinder Ghir, Meera Ganatra, Aaron Phagura, Dean-Charles Chapman, Nikita Mehta, Nell Williams, Tara Divina, Rob Brydon, Frankie Fox, Hayley Atwell, Sally Phillips, David Hayman

Länge: 118 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Blinded by the Light“

Metacritic über „Blinded by the Light“

Rotten Tomatoes über „Blinded by the Light“

Wikipedia über „Blinded by the Light“ (deutsch, englisch)

Ein Gespräch mit Gurinder Chadha über den Film

Ein Gespräch mit Gurinder Chadha, Sarfraz Manzoor und Viveik Kalra über den Film


Neu im Kino/Filmkritik: „I am Mother“ und die Probleme der Kindererziehung in der Zukunft

August 23, 2019

Wer Science-Fiction nicht als kunterbunten Jahrmarkt, sondern als Auseinandersetzung mit wichtigen Fragen schätzt, sollte sich „I am Mother“ ansehen. In diesem, je nach Rechnung, Zwei- oder Dreipersonenstück erzieht ein Roboter, der sich ‚Mutter‘ nennt, in einer hermetisch abgeschlossenen, sehr geräumigen Station ein Kind, das sie ‚Tochter‘ nennt.

Der Grund für diese ungewöhnliche Form der Erziehung ist ein Notfallplan der Menschen. Vor einigen Jahren vernichtete sich die Menschheit in einem Krieg. Seitdem ist die Erdoberfläche verseucht. Ein Leben ohne Schutzanzug ist nicht möglich. In der Station, in der tausende Embryonen gelagert sind, sollen die künftigen Menschen entstehen.

Im Moment ist Tochter ihr einziges Versuchsobjekt. Mühsam zieht sie sie über viele Jahre groß. Tochter entwickelt sich in jeder Beziehung prächtig. Die zahlreichen regelmäßigen Tests und Prüfungen bestätigen ihre Entwicklungsfortschritte. Außerdem sind Mutter und Tochter ein Herz und eine Seele. Auch wenn Mutter ein klobiger, menschenähnlich aussehender Roboter ist, der mehr an Robocop als an C-3PO erinnert.

Als Tochter im Teenageralter ist, klopft es an der Tür zum Bunker, in dem sie lebt. Eine verletzte ‚Frau‘ steht vor der Stahltür. Sie behauptet, sie werde verfolgt und sie benötige Hilfe.

Tochter, die bis jetzt nie gegen ein Befehl von Mutter verstieß, lässt die Frau in die Station und versteckt sie. Die Frau erzählt ihr, dass alles, was Mutter ihr über die Außenwelt erzählt habe, gelogen sei. Aber erzählt die Frau die Wahrheit?

Das SF-Kammerspiel „I am Mother“ ist das überzeugende Spielfilmdebüt von Regisseur Grant Sputore und Drehbuchautor Michael Lloyd Green. Gemeinsam entwickelten sie eine Geschichte, die gelungen Thrillerspannung mit einer ordentlichen Portion Paranoia und philosophischen Fragen verbindet. Es geht in der Geschichte um Künstliche Intelligenz. Selbstverständlich wurde Mutter programmiert. Aber wir kennen ihre Programmierung nicht. Wir wissen auch nicht, ob sie ihre Programmierung befolgt, wenn sie behauptet, sie beschütze Tochter und sich dann verhält, als habe sie noch nie etwas von Isaac Asimovs bekannten Robotergesetzen gehört.

Es geht auch um Fragen der Erziehung und Vorbilder. Einerseits weil Mutter Tochter erzieht, andererseits weil Tochter sich zwischen Mutter und der von Außen kommenden Frau, der Fremden, entscheiden muss.

Und damit geht es auch um die Frage, wie Tochter vom Kind zur Frau wird.

Das sind universelle Fragen, auf die es keine eindeutigen und endgültigen Antworten gibt und mit denen man sich noch nach dem Filmende beschäftigen kann.

„I am Mother“ ist ein zum Nachdenken anregender, spannender SF-Thriller.

I am Mother (I am Mother, Australien 2019)

Regie: Grant Sputore

Drehbuch: Michael Lloyd Green (nach einer Geschichte von Grant Sputore und Michael Lloyd Green)

mit Clara Rugaard, Hilay Swank Rose Byrne (im Original: Stimme Mutter), Luke Hawker (Körper von Mutter)

Länge: 114 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Moviepilot über „I am Mother“

Metacritic über „I am Mother“

Rotten Tomatoes über „I am Mother“

Wikipedia über „I am Mother“ (deutsch, englisch)


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