TV-Tipp für den 26. Februar: Rebecca

Februar 26, 2017

Oscar: Bester Film des Jahres 1941

Arte, 20.15

Rebecca (USA 1940, Regie: Alfred Hitchcock)

Drehbuch: Robert E. Sherwood, Joan Harrison

LV: Daphne du Maurier: Rebecca, 1938 (Rebecca)

Hitchcocks Einstand in Hollywood: ein viktorianisches Thrillermelodrama über die junge Frau de Winter, die in dem Familienschloss Manderley überall Spuren der verstorbenen Rebecca de Winter findet und anscheinend von ihrem Mann und der Haushälterin in den Tod getrieben werden soll.

Obwohl David O. Selznick gerade sehr mit „Gone with the wind“ beschäftigt war und Hitch deshalb in Ruhe arbeiten ließ, ist „Rebecca“ in erster Linie ein Selznick-Film.

Hitchcock war von dem Film nicht begeistert: „Das ist kein Hitchcock-Film. Das ist eine Art Märchen,…eine ziemlich vorgestrige, altmodische Geschichte. Es gab damals viele schriftstellernde Frauen. Dagegen habe ich nichts, aber Rebecca ist eine Geschichte ohne jeden Humor.“

Anschließend, um 22.20 Uhr, zeigt Arte die einstündige Doku „Daphne du Maurier – Auf den Spuren von Rebecca“.

Mit Laurence Olivier, Joan Fontaine, George Sanders, Judith Anderson, Nigel Bruce, Leo G. Carroll

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Rebecca“

Turner Classic Movies über „Rebecca“

Wikipedia über „Rebecca“ (deutsch, englisch)

Sex in a Submarine über „Rebecca“

Wikipedia über Alfred Hitchcock (deutsch, englisch)

Senses of Cinema (Ken Mogg) über Alfred Hitchcock

Meine Besprechung von „Alfred Hitchcock präsentiert – Teil 1“

Meine Besprechung von „Alfred Hitchcock präsentiert – Teil 2“

Meine Besprechung von „Alfred Hitchcock zeigt – Teil 1“

Meine Besprechung von „Alfred Hitchcock zeigt – Teil 2

Meine Besprechung von Alfred Hitchcocks “Mr. und Mrs. Smith” (Mr. and Mrs. Smith, USA 1941)

Meine Besprechung von Thilo Wydras “Alfred Hitchcock”

Alfred Hitchcock in der Kriminalakte

Meine Besprechung von Robert Blochs “Psycho” (Psycho, 1959)

Meine Besprechung von Robert V. Galluzzos “Psycho Legacy” (The Psycho Legacy, USA 2010 – eine sehenswerte Doku über die “Psycho”-Filme mit Anthony Perkins, mit vielen Stunden informativem Bonusmaterial)

Meine Besprechung von Stephen Rebellos “Hitchcock und die Geschichte von ‘Psycho’” (Alfred Hitchcock and the Making of ‘Psycho’, 1990)

Meine Besprechung von Sacha Gervasis auf Stephen Rebellos Buch basierendem Biopic “Hitchcock” (Hitchcock, USA 2012)


Neu im Kino/Filmkritik: „Do not resist – Police 3.0“ zeigt die beängstigende Gegenwart und erschreckende Zukunft der Polizeiarbeit

Februar 26, 2017

Die Verbrecher werden immer schlimmer und gewalttätiger. Neben ihren Drogen horten sie gewaltige Vorräte an Schusswaffen, die sie skrupellos einsetzen. Deshalb muss die Polizei Waffengleichheit herstellen und aufrüsten. So klingt die konventionelle Erzählung für gepanzerte Polizeifahrzeuge, Sturmgewehre und Schutzkleidung, die auch in Deutschland Polizisten bei Fußballspielen und Demonstrationen wie Statisten für den nächsten „Robocop“-Film aussehen lässt. Am Brandenburger Tor, einem touristischen Hotspot, tut es dann die schusssichere Weste.

In den USA ist die Polizei, wie so oft, schon mindestens einen Schritt weiter. In seinem Dokumentarfilm „Do not resit – Police 3.0“ zeichnet Craig Atkinson die zunehmende Militarisierung der Polizei in den vergangenen Jahren nach. Sie zeigt sich besonders deutlich an zwei Punkten: etwa vierzig Prozent der Mitglieder von SWAT-Spezialeinheiten haben einen militärischen Hintergrund mit Kampferfahrungen in Falludscha und Afghanistan und damit ein ganz anderes Training als normale Polizisten für den Umgang mit dem „polizeilichem Gegenüber“.

Die meisten Einsätze, bei denen ich Polizisten in den letzten Jahren begleitet habe, stellten sich als Fälle von häuslicher Gewalt oder psychischer Probleme heraus. Und in vielen dieser Fälle wäre es notwendig, in der Lage zu sein, die Situation zu deeskalieren. Oft waren die Einsatzkräfte jedoch völlig unvorbereitet und nicht fähig, deeskalierend vorzugehen. Kam es jedoch zu Gewalthandlungen, konnten sie problemlos darauf reagieren.“ (Craig Atkinson)

Außerdem werden Geräte und Fahrzeuge, die das Militär für Einsätze in Kriegsgebieten kaufte, kostenlos und ohne irgendeine Kontrolle an Gemeinden weitergegeben. Auch wenn, was Craig Atkinson in „Do not resist“ zeigt, es in der Gemeinde keine Morde gab, die Verbrechensrate provinziell ist, Terroranschläge utopisch sind und die Polizeistation so klein ist, dass sie kaum das Personal für eines dieser Fahrzeuge hat. Geschweige denn für die zwei MRAP-Panzerwagen, die auf dem Parkplatz der Polizeistation stehen und sonntags einmal durch das Dorf gefahren werden.

Atkinson zeigt in seinem Dokumentarfilm noch mehr so absurde Beispiele. Dabei beschränkte sich bei den Dreharbeiten, die drei Jahre dauerten (und bei denen er ständig um Drehgenehmigungen rang), auf die Rolle als Teilnehmender Beobachter bei Einsätzen, Hearings und Präsentationen.

So beginnt „Do not resist“ mit Bildern von den Demonstrationen in Ferguson, Missouri, nachdem am 9. August 2014 ein weißer Polizist den 18-jährigen afroamerikanischen Schüler Michael Brown erschossen hatte. Bei den Demonstrationen setzte die Polizei all die Geräte ein, die sie in den letzten Jahren auch vom Militär erhalten hatte – und die nächtlichen Bilder unterscheiden sich kaum von den aus der „Tagesschau“ vertrauten Bildern aus Bürgerkriegsgebieten.

Er begleitete SWAT-Teams bei ihren Einsätzen. Atkinson wollte im Film das gesamte Spektrum der Polizeieinsätze zeigen wollte. Allerdings werden die SWAT-Teams meisten für Hausdurchsuchungen, meist bei einfachen Drogendelikten, eingesetzt. Und das zeigt er. Andere Einsätze gab es während der Dreharbeiten nicht.

Der Vater von Regisseur Craig Atkinson war in einer Nachbarstadt von Detroit 29 Jahre Polizist . „Während der dreizehn Jahre zwischen 1989 und 2002, in denen mein Vater Teil einer SWAT-Einheit war, hat diese insgesamt 29 Hausdurchsuchungen durchgeführt. Heutzutage führen Teams in vergleichbaren Gegenden über 200 Hausdurchsuchungen durch – pro Jahr.“ (Craig Atkinson)

Er zeigt Ausschnitte aus Seminaren des marktführenden Coach Dave Grossman, der die Polizei im Krieg sieht. Bei ihm werden Polizisten und Soldaten, einträchtig nebeneinander sitzend, fortgebildet. Gemeinsame Trainings gibt es auch.

Er zeigt auch Ausschnitte aus der Anhörung des Senats zur „Verteilung und Einsatz von Militärausrüstung bei der Polizei“, bei der die Vertreter des Heimatschutz- und des Verteidigungsministerium keine Ahnung hatten, was mit der verteilten Militärausrüstung geschah.

Die Bilder der Einsätze und auch die Statements der Polizisten sind in ihrer Konzentration auf eine Dokumentation schockierend, weil sie zeigen, wie sehr militärisches Denken und Handeln inzwischen die Arbeit von SWAT-Teams bestimmt. In ihrer täglichen Arbeit, meistens bei Durchsuchungen von Häusern, rücken sie, reichlich aufgeputscht und kampfeslustig aus, als müssten sie gegen einen skrupellosen, schießwütigen Drogenboss (so irgendwo zwischen „Scarface“ und Pablo Escobar) vorgehen und dessen hochgesichertes Anwesen mühsam erkämpfen. Meistens vollstrecken sie die Durchsuchungsbefehle in den immergleichen Nachbarschaften. Diese Polizisten treten dort für die Bewohner nicht mehr als „Bürger in Uniform“ oder als „Freund und Helfer“, sondern als Gegner auf, die sich im Feindesland mit der Erst-Schießen-Dann-Reden-Militärlogik (falls dann überhaupt noch ein Gespräch möglich ist) bewegen.

Atkinson sind hier einige beeindruckende Bilder gelungen, weil er, mehr oder weniger oft, den gesamten Einsatz dokumentieren konnte und danach auch mit den Betroffenen sprechen konnte.

Die unkommentierten Bilder geben einen gelungenen ersten Einblick in die Militarisierung der Polizeiarbeit und die Doku eignet sich vorzüglich als Ausgangspunkt für Diskussionen. Allerdings fehlt ihr die analytische Schärfe eines Alex Gibney oder Errol Morris. Sie hätten die Bilder eloquent und konsequent in einen größeren Zusammenhang einordnet.

Auch werden einige wichtige Informationen nur nebenbei erwähnt und nicht weiter verfolgt. Das gilt vor allem für den hohen Anteil von Kriegsveteranen in SWAT-Teams, die dann in einer friedlichen Nachbarschaft vorgehen, als seien sie in Falludscha oder welche Interessen hinter der Militarisierung stecken und wie die Militarisierung der Polizei nicht nur das Bild der Polizei in der Bevölkerung verändert, sondern auch den Blick auf Kriminalität verändert. Denn wenn das SWAT-Team, wie „Do not resist“ zeigt, in voller Montur in die Wohnung eines gefährlichen Drogenhändlers stürmt, dabei schon beim Betreten das halbe Haus zerstört, dann muss es sich doch um einen sehr gefährlichen Drogenhändler handeln. Dass, wie der Film zeigt, der afroamerikanische Drogenhändler noch ein bei seinen Eltern lebender Teenager ist und dass diese Drogenhöhle eher wie das gepflegte Einfamilienhaus einer gesetzestreuen, ärmlichen Familie aussieht: geschenkt. Bei dem gefährliche Drogenhändler findet das SWAT-Team in seinem Rucksack einige Gramm, die kaum die Eigenbedarf-Menge erreichen und für die ein weißer Schüler noch nicht einmal verwarnt würde.

Im Presseheft erzählt Craig Atkinson von im Film nicht gezeigten SWAT-Einsätze gegen einen Gitarrenladen wegen der Verwendung eines falschen Holzes und einer Durchsuchung eines Friseurladens, der keine Lizenz dafür hatte. Das klingt nicht nach „Terrorismus“ oder „Organisierter Kriminalität“.

Natürlich ist die in „Do not resist“ gezeigte Polizeiarbeit und die zunehmende Militarisierung der Polizei nicht direkt mit der Arbeit der Polizei in Deutschland vergleichbar. Aber es fällt schwer, engagiert dagegen zu argumentieren. Vor allem wenn man daran denkt, dass die Polizei in Brandenburg um Feldjäger wirbt und das Militär zahlreiche Panzerwagen und Gewehre hat, die ab und an erneuert werden müssen.

Bis dahin besorgt Hamburg sich schon einmal einen Panzerwagen und Sturmgewehre. Man müsse ja, auch wenn es keine konkreten Hinweise gebe, für den nächsten Terroranschlag gerüstet sein.

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Do not resist – Police 3.0 (Do not resist, USA 2016)

Regie: Craig Atkinson

Drehbuch: Craig Atkinson

Länge: 72 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

In ausgewählten Kinos und als EST/TVOD auf: ITunes, Amazon Instant Video, Maxdome, Videoload, Google Play

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Do not resist“

Metacritic über „Do not resist“

Rotten Tomatoes über „Do not resist“


Im AOL Building spricht Craig Atkinson über seinen Film


TV-Tipp für den 25. Februar: Die Verurteilten

Februar 25, 2017

Vox, 20.15
Die Verurteilten (USA 1994, Regie: Frank Darabont)
Drehbuch: Frank Darabont
LV: Stephen King: Rita Hayworth and the Shawshank Redemption, in Different Seasons, 1982 (Pin up; Die Verurteilten in „Frühling, Sommer, Herbst und Tod“; einer Sammlung von vier Novellen)
Ein unschuldig verurteilter Bankmanager flüchtet nach jahrelanger Kleinarbeit aus dem Gefängnis.
Eindrucksvolles Gefängnisdrama, das beim Kinostart nicht als „Stephen-King-Film“ beworben wurde. Zu Recht, denn damals stand Kings Name fast ausschließlich für minderwertige Horrorfilme.
„Die Verurteilten“ ist inzwischen ein äußerst beliebter und erfolgreicher Film. In dem All-Time-Great-Ranking der Internet Movie Database steht er derzeit auf Platz 1; – was einen dann doch etwas an dieser Liste zweifeln lassen kanne. Auch wenn der zweite und dritte Platz von „Der Pate“ und „Der Pate 2“ belegt werden.
Mit Tim Robbins, Morgan Freeman, Bob Gunton, William Sadler, Clancy Brown, Gil Bellows, Mark Rolston, James Whitmore, Jude Ciccolella

Wiederholung: Sonntag, 26. Februar, 03.10 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Die Verurteilten“

Wikipedia über „Die Verurteilten“ (deutsch, englisch)

Homepage von Stephen King

Mein Porträt zu Stephen Kings Geburtstag

Meine Besprechung von Stephen Kings/Richard Bachmans „Qual“ (Blaze, 2007)

Meine Besprechung von Stephen Kings „Nachgelassene Dinge“ (The things they left behind) in Ed McBains „Die hohe Kunst des Mordens“ (Transgressions, 2005)

Meine Besprechung von Stephen Kings „Colorado Kid“ (The Colorado Kid, 2005)

Meine Besprechung von Joe Hill/Stephen King/Richard Mathesons „Road Rage“ (Road Rage, 2012)

Meine Besprechung der auf Stephen Kings Novelle “The Colorado Kid” basierenden TV-Serie “Haven”

Stephen King in der Kriminalakte, in seinem Trailer-Park und auf Europa-Tour

Meine Besprechung von Kimberly Peirces Stephen-King-Verfilmung “Carrie” (Carrie, USA 2013)

Meine Besprechung von Tod Williams‘ Stephen-King-Verfilmung „Puls“ (Cell, USA 2016)


Neu im Kino/Filmkritik: Über Pablo Larraíns Biopic/Nicht-Biopic „Neruda“

Februar 24, 2017

Mit „Neruda“ ist natürlich der bekannte Literaturnobelpreisträger Pablo Neruda (1904 – 1973) gemeint – und man muss absolut nichts über Pablo Neruda wissen, um Pablo Larraíns Film über den Dichter zu genießen, der zu einem kleinen Teil ein konventionelles Biopic und zu einem großen Teil eine erfundene Geschichte ist, die dann doch wieder viel mit Pablo Neruda und dem Zusammenhang von Fakt und Fiktion zu tun hat.

Der Film beginnt 1948. Neruda ist geachteter Dichter, Lebemann und Kommunist (beides mit großer Überzeugung) und wortgewaltiger Senator für die nordchilenischen Provinzen Tarapacá und Antotagasta.

Präsident González Videla ist Mitglied der Radikalen Partei und Diktator am Beginn seiner Karriere, der mit Sondergesetzen, willkürlichen Verhaftungen, Verfolgung missliebiger Personen und einem 1947 eingerichtetem Straflager für politische Gefangene in der Atacama-Wüste (geleitet von Augusto Pinochet) seine Herrschaft ausbaut. Er verbietet auch die Kommunistische Partei, für die Neruda im Kongress sitzt und lässt deren Mitglieder verfolgen.

Neruda hält vor dem Kongress eine flammende Anklagerede gegen Videla. Danach muss er, um nicht in das Straflager gesteckt zu werden, mit seiner Frau Delia del Carril untertauchen.

Im Untergrund schreibt er weiter an seiner epochalen Gedichtzyklus „Canto General“ und gegen die Machthaber. Und er denkt überhaupt nicht daran, sein Leben als Bonvivant aufzugeben. Auf gute Küche, Wein, Frauen, Literatur (wozu auch Krimis gehören) und die Auftritte in der Öffentlichkeit will er nicht mehr als nötig verzichten. So kann er auch Präsident Videla an der Nase herumführen.

Der Polizist Óscar Peluchonneau verfolgt ihn. Er ist eine Figur, die es so nur in einem Noir-Roman gibt, und die folgerichtig erfunden ist. Bei seiner Suche nach dem untergetauchtem Dichter ist Peluchonneau, ein an seiner eigenen Unzulänglichkeit leidender Konservativer, zunehmend von Nerudas Schriften fasziniert. Außerdem wird der Film mit seiner Stimme (im Voice-Over) erzählt.

Neruda“ ist ein großer, südländisch burlesker Spaß, in dem Neruda auch auf der Flucht, wie ein kleines Kind ist, das das Leben genießen will. Die Ausstattung und die Locations erinnern dann an Federico Fellini, auch weil „Neruda“ mit einem fellininesken Maskenball und einem dekadentem Fest der Sinne, bourgeois und kommunistisch gesättigt, beginnt. Denn Pablo Neruda war, was schon die ersten Minuten zeigen, eine schillernde Persönlichkeit, die in dem auf mehreren Ebenen funktionierendem und erzählten Film auch entsprechend vielschichtig porträtiert wird.

Alles das, was Pablo Larraín in seinem nächsten Film „Jackie“ (seit 26. Januar im Kino) über Jackie Kennedy und die Tage zwischen der Ermordung ihres Mannes und seiner Beerdigung, nicht gelang, gelingt ihm in „Neruda“, seinem durchgehend ironischen Neruda-Metafilm/fiktion über die Monate zwischen seinem Untertauchen und 1949 seiner Flucht über die südlichen Kordilleren nach Argentinien.

Unser Film ist wahrscheinlich weniger ein Film über Neruda als einer in seinem Geist – vielleicht ist er auch beides zusammen. Wir wollten einen Roman erzählen, von dem wir gerne hätten, dass Neruda ihn mit Vergnügen liest.“ (Pablo Larraín)

Das „Anti-Biopic“ (Larraín) ist ein großer Spaß. Auch für Menschen, die nichts über Pablo Neruda wissen, nichts von ihm gelesen haben und auch nichts von ihm lesen wollen. Wobei: Was spricht gegen die Lektüre eines guten Buches? Außer der Angst, intelligenter zu werden?

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Neruda (Neruda, Chile/Argentinien/Frankreich/Spanien 2016)

Regie: Pablo Larraín

Drehbuch: Guillermo Calderón

mit Luis Gnecco, Gael García Bernal, Mercedes Morán, Diego Munoz, Pablo Derqui, Michael Silva

Länge: 108 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Neruda“

Metacritic über „Neruda“

Rotten Tomatoes über „Neruda“

Wikipedia über „Neruda“ und Pablo Neruda (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Pablo Larrains „El Club“ (El Club, Chile 2015)

Meine Besprechung von Pablo Larraíns „Jackie: Die First Lady“ (Jackie, USA 2016)


Neu im Kino/Filmkritik: „Boston“, Patriots Day – der Spielfilm über den Anschlag auf den Boston-Marathon 2013

Februar 24, 2017

Am 15. April 2013 endet der jährliche Boston Marathon in einem Blutbad. Zwei in Rucksäcken versteckte selbstgebaute Bomben explodieren. Drei Menschen werden getötet. 264 Zuschauer und Läufer teilweise schwer verletzt.

In den folgenden Tagen sucht das FBI und die Polizei die Täter. Es sind die Brüder Dschochar (19 Jahre) und Tamerlan Zarnajew (26 Jahre). Sie stammen aus einer tschetschenisch-awarischen Einwandererfamilie, die 2002 Asyl in den USA beantragt hat.

Tamerlan wird nach einem Schusswechsel mit der Polizei von seinem Bruder getötet. Dschochar wird am 19. April 2013 verhaftet. Er hatte sich in einem Hinterhof in einem Boot versteckt.

Die Bilder des Anschlags und der Verhaftung gingen um die Welt.

Jetzt hat Peter Berg mit „Boston“ (wie der eher nichtssagende deutsche Titel von „Patriots Day“ lautet) einen packenden Thriller darüber gedreht. Wie in seinem vorherigen Film „Deepwater Horizon“, ebenfalls mit Mark Wahlberg, bleibt er nah bei den Fakten und er konzentriert sich auf einen kleinen Teil der großen Geschichte.

In „Deepwater Horizon“ waren es die Stunden vor der Explosion und der anschließenden Rettung der Bohrarbeiter von der brennenden Bohrinsel. Die durch die Explosion verursachte Umweltkatastrophe wird nur im Abspann angesprochen.

In „Boston“ ist es die Jagd auf die beiden Täter. Also die Zeit zwischen Anschlag und Verhaftung, erzählt fast ausschließlich aus der Sicht der beteiligten Polizisten. Weil in der Realität über tausend Beamte von Bundesbehörden, dem Staat Massachusetts und der Stadt Boston direkt in die Ermittlungen involviert waren und kein Beamter an allen entscheidenden Orten war, wurde mit dem von Wahlberg gespielten Boston Police Sergeant Tommy Saunders ein waschechter bodenständig-proletarischer Polizist erfunden, der zufällig fast immer am Ort des Geschehens ist. Das verleiht dem Film eine konventionelle Struktur und auch einen durchgehend präsenten Sympathieträger, der durch die gesamte Geschichte führt, ohne den zahlreichen realen Charakteren, die im Film ebenfalls auftauchen, allzuviel Raum zu nehmen. Denn Berg gibt all den anderen Menschen, die zur erfolgreichen Verhaftung beitrugen, und den beiden Terroristen genügend Raum. Sie alle sind dreidimensionale Charaktere, die von Schauspielern gespielt werden, die den realen Vorbildern sehr ähnlich sehen.

Die Action ist gewohnt gelungen. Das gilt vor allem für die nächtliche Schießerei in Watertown, einer kleinen, verschlafenen Vorstadt von Boston, bei der Beamte von über hundert Einheiten beteiligt waren. Es war eine der größten Schießereien in der Geschichte von Boston. In diesem Minuten zeigt Berg, dass er derzeit einer der wenigen Regisseure ist, die Action-Szenen inszenieren können. Ihm gelingt es, das Chaos der Schießerei so zu inszenieren, dass wir niemals den Überblick über das Geschehen verlieren und gleichzeitig einen Eindruck von dem Chaos bekommen, das damals die Schießerei beherrschte.

Der straff erzählte Thriller endet mit Statements von Ermittlern und Opfern des Anschlags, die eine klare, nicht auf Rache oder Vergeltung ausgerichtete Botschaft haben.

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Boston (Patriots Day, USA 2016)

Regie: Peter Berg

Drehbuch: Peter Berg, Matt Cook, Joshua Zetumer (nach einer Geschichte von Peter Berg, Matt Cook, Paul Tamasy und Eric Johnson)

mit Mark Wahlberg, Kevin Bacon, John Goodman, J. J. Simmons, Michelle Monaghan, Alex Wolff, Themo Melikidze, Jake Picking, Jimmy O. Yang, Rachel Brosnahan, Christopher O’Shea, Khandi Alexander

Länge: 129 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Boston“

Metacritic über „Boston“

Rotten Tomatoes über „Boston“

Wikipedia über „Boston“ (deutsch, englisch) und den Anschlag (deutsch, englisch)

History vs. Hollywood über „Boston“

Meine Besprechung von Peter Bergs „Battleship“ (Battleship, USA 2012)

Meine Besprechung von Peter Bergs „Lone Survivor“ (Lone Survivor, USA 2013)

Meine Besprechung von Peter Bergs „Deepwater Horizon“ (Deepwater Horizon, USA 2016)

DP/30 unterhält sich mit Peter Berg über den Film und den ganzen Rest

Peter Berg, Mark Wahlberg (auch einer der Produzenten) und Ed Davis, Polizeichef von Boston, sprechen im AOL Building über den Film

 


TV-Tipp für den 24. Februar: Pulp Fiction

Februar 24, 2017

3sat, 22.35

Pulp Fiction (USA 1994, Regie: Quentin Tarantino)

Drehbuch: Quentin Tarantino

Tausendmal gesehen, tausendmal hat’s Spaß gemacht.

„Im Stil der Pulp Fiction, der Groschenromane und B-Pictures aus den 30er und 40er Jahren, komprimiert Quentin Tarantino eine Handvoll Typen und Storys zu einem hochtourigen Film noir (…) Ein ausgezeichnetes Darsteller-Ensemble, eine intelligente Inszenierung und ein gutes Timung durch flotte Schnitte tragen dazu bei, dass Blutorgien mit Slapstick und bitterer Zynismus mit leichter Ironie so raffiniert ineinander übergehen oder aufeinander folgen, dass die Brüche und Übergänge nicht stören.“ (Fischer Film Almanach 1995)

Tarantino erzählt von zwei Profikillern, die zuerst Glück und dann Pech bei ihrer Arbeit haben, einem Boxer, der entgegen der Absprache einen Boxkampf gewinnt und sich dann wegen einer Uhr in Lebensgefahr begibt, einem Gangsterpärchen, das ein Schnellrestaurant überfällt, einem Killer, der die Frau seines Chefs ausführen soll und in Teufels Küche gerät, einer Gangsterbraut, die eine Überdosis nimmt, einem Killer, der zum Christ wird und von einem Tanzwettbewerb.

Kurz: wir haben mit einem Haufen unsympathischer Leute eine verdammt gute Zeit.

Der Kassenknüller erhielt zahlreiche Preise, aber für Krimifans zählt natürlich nur der gewonnene Edgar.

Mit Tim Roth, Harvey Keitel, Uma Thurman, Amanda Plummer, John Travolta, Samuel L. Jackson, Bruce Willis, Rosanna Arquette, Ving Rhames, Eric Stoltz, Christoper Walken, Quentin Tarantino, Steve Buscemi

Wiederholung: Sonntag, 26. Februar, 03.05 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Rotten Tomatoes über “Pulp Fiction”

Wikipedia über “Pulp Fiction”

Pulp Fiction (deutsche Fanseite zum Film)

Drehbuch “Pulp Fiction” von Quentin Tarantino und Roger Avary

The Quentin Tarantino Archives (Fanseite)

Everthing Tarantino (dito)

Q-Tarantino.de (noch eine Fanseite)

Meine Besprechung von Georg Seeßlens „Quentin Tarantino gegen die Nazis – Alles über ‘Inglourious Basterds’“ (Kleine Schriften zum Film: 1, 2009)

Meine Besprechung von Quentin Tarantinos “Django Unchained” (Django Unchained, USA 2012)

Kriminalakte über Quentin Tarantino und „Django Unchained“ (Bilder, Pressekonferenz, Comic)

Meine Bespechung von Quentin Tarantinos „The Hateful 8“ (The Hateful Eight, USA 2015)


Neu im Kino/Filmkritik: Rüdiger Suchsland sucht „Hitlers Hollywood“

Februar 23, 2017

Ich könnte den gesamten Text einfach trumpifizieren und afdifizieren. Aber das wäre zu einfach. Zu platt. Zu offensichtlich. Denn, und das zeigt Filmjournalist Rüdiger Suchsland in seinem Filmessay „Hitlers Hollywood“, gute Propaganda wirkt durch die Hintertür. Nicht die schon Überzeugten sollen überzeugt werden, sondern die noch nicht Überzeugten. Deshalb gab es in den während des Nationalsozialismus in Deutschland produzierten Filmen wenig echte, sofort erkennbare Propaganda für das System, aber viele Melodramen, Musicals, Komödien und Historienfilme. Leichte, scheinbar unpolitische Unterhaltung, die im Fernsehen immer noch regelmäßig gezeigt wird. Die Filme sind beliebt und teilweise Filmklassiker. Wie „Münchhausen“, „Große Freiheit Nr. 7“, „Die Feuerzangenbowle“ (dazu später mehr) und „Der Mann, der Sherlock Holmes war“.

Mit einer Szene aus dieser Komödie beginnt auch „Hitlers Hollywood“: Hans Albers und Heinz Rühmann singen in einer Hotelsuite den Schlager „Jawohl, meine Herr’n“ und, wie Rüdiger Suchsland in einem Gespräch nach dem Film bemerkte, in dem Schlager würden schon alles über die Herrschaftsstrategien der Nationalsozialisten gesagt: „Von heut an gehört uns die Welt. (…) Wir tun was uns gefällt./Und wer uns stört, ist eh er’s noch begreift, längst von uns schon eingeseift“.

Gleichzeitig ist die Szene der schwungvolle Auftakt zu einer Reise in die Finsternis. Rüdiger Suchsland nahm sich nach seiner ersten Dokumentation „Von Caligari zu Hitler“ die während des Nationalsozialismus in Deutschland unter der Leitung von Joseph Goebbels, Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda, entstandenen Filme vor. Goebbels war ein Filmfanatiker, der in Deutschland ein Gegenmodell zu Hollywood entwerfen wollte und der letztendlich bei allen Filmen das letzte Wort hatte. Die Filme sollten unterhalten, dem Publikum gefallen und die Nazi-Ideologie verbreiten.

Suchsland fragt sich: Wie taten sie das? Wie funktioniert Propaganda? Wie wirken die Filme heute? Muss zwischen der Botschaft und dem filmischen Handwerk getrennt werden? Kann ein Film ein guter Film sein, obwohl er eine schlechte Botschaft hat?

Auf diese Fragen sucht Rüdiger Suchsland in seinem Filmessay Antworten. Von den über tausend während des Nationalsozialismus hergestellten Spielfilmen sah er sich ungefähr zweihundert an. Fast achtzig Filmen werden dann in „Hitlers Hollywood“ in meist kurzen Ausschnitten präsentiert. Bekannte Werke, wie „Hitlerjunge Quex“, „Jud Süß“, „Kolberg“ und „Münchhausen“, sind dabei. Auch heute unbekanntere Filme, wie „Wir machen Musik“, „Wunschkonzert“, „Ich klage an“ und „Titanic“, und höchstens Cineasten bekannte Filme, wie „Paracelsus“ und „Großstadtmelodie“, werden in kurzen Szenen präsentiert.

Diesen Filmen nähert sich Suchsland dann mit den Augen des neugierigen Betrachters. Er erzählt in einem großen Essay, wie die Filme auf ihn wirken, legt dabei einige Propagandastrategien offen und zeigt, weil er in erster Linie chronologisch vorgeht, wie sich die Filme im Lauf der Zeit veränderten. Er zeigt auch einige Ausschnitte, in denen subversives Gedankengut (in homöopathischen Dosen) in die Filme eingeschmuggelt wurde. Das ermöglicht dann auch eine zweite Lesart. Er zeigt auch, wie die Filme sich immer wieder offen als Theater inszenierten und in den letzten Kriegstagen zunehmend dem Wahnsinn verfielen, weil Realität und Filmrealität grotesk auseinanderklafften.

Hitler Hollywood“ ist allerdings auch ein Film, der an der Oberfläche bleibt. Es gibt keine ’sprechenden Köpfe‘, keine alternativen Erklärungen, keine eindeutige, kontroverse These und auch keine tiefgehende Filmanalyse. Dafür sind die Ausschnitte einfach zu kurz. „Hitlers Hollywood“ ist vor allem ein Film, der neugierig macht auf eine wiederholte (?) Betrachtung der Nazi-Filme, verbunden mit der Frage, warum sie so gut funktionierten und immer noch funktionieren. Ein solches kritisches Sehen sensibilisiert dann auch für die Strategien von Propagandisten, Populisten und Verführern.

Und jetzt komme ich zur „Feuerzangenbowle“ zurück und zu Leni Riefenstahls „Olympia“, die wegen der Rechtesituation nicht in „Hitlers Hollywood“ enthalten sind. Beides sind ja bekannte Filme. „Die Feuerzangenbowle“ läuft regelmäßig im Fernsehen und es gibt wohl auch ständig Vorführungen in Universitäten (war mir damals beim Studium entgangen). „Olympia“, die gut vierstündige Dokumentation der Olympischen Spiele 1936, ist vor allem bekannt für seine Bildikonographie, die es bis in „Rammstein“-Musikvideos geschafft hat. Beide Filme würde man in einem Film über Hitlers Kino erwarten.

Die Originalfassung von „Olympia“ gehört allerdings inzwischen dem IOC und sie ist dort im Keller gebunkert. Suchsland behalf sich hier mit Filmfotos und Amateuraufnahmen. Die Verwertungsrechte der „Feuerzangenbowle“ gehören der privaten Verleiherin Cornelia Meyer zur Heyde, Mitglied des AfD-Vorstandes von Münster. Sie hat kein Interesse an einer kritischen Auseinandersetzung über den Film.

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Hitlers Hollywood (Deutschland 2017)

Regie: Rüdiger Suchsland

Drehbuch: Rüdiger Suchsland

Länge: 105 Minuten

FSK: ohne Altersbeschränkung

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Hitlers Hollywood“

Moviepilot über „Hitlers Hollywood“

Wikipedia über Rüdiger Suchsland

Hier geht es zu den Terminen der Kinotour.


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