TV-Tipp für den 20. Februar: Töte zuerst!

Februar 19, 2017

3sat, 22.25 (VPS 22.24)

Töte zuerst! – Der israelische Geheimdienst Schin Bet (Israel/Frankreich/Deutschland/Belgien 2012)

Regie: Dror Moreh

Drehbuch: Dror Moreh

Oscar-nominierte Doku über den israelischen Inlandsgeheimdienst, für den Dror Moreh alle noch lebenden Exchefs des Dienstes vor die Kamera bekam. In „The Gatekeepers“ (Originaltitel) reden sie erstaunlich offen und kritisch über ihre Arbeit.

Morehs spielfilmlange, von der Kritik abgefeierte Doku gewann bereits die Preise der Los Angeles Film Critics Association Awards, dem National Board of Review, USA und der National Society of Film Critics Awards, USA.

mit Ami Ayalon, Avi Dichter, Yuval Diskin, Carmi Gillon, Yaakov Peri, Avraham Shalom

Hinweise

Homepage zum Film

Metacritic über „The Gatekeepers“ (also dieser Titel gefällt mir besser als der deutsche Titel)

Rotten Tomatoes über „The Gatekeepers“

Wikipedia über „The Gatekeepers“ (deutsch, englisch)


TV-Tipp für den 19. Februar: Eine auswärtige Affäre

Februar 18, 2017

Arte, 22.20

Eine auswärtige Affäre (USA 1948, Regie: Billy Wilder)

Drehbuch: Billy Wilder, Charles Brackett, Richard L. Breen, Robert Harari (Adaptation) (nach einer Geschichte von David Shaw)

Berlin, kurz nach dem Krieg: eine US-Abgeordnete will die Moral der Truppe überprüfen. Die Tugendhafte hat aber nicht mit einem US-Besatzungsoffizier gerechnet, der in eine deutsche Nachtclubsängerin verliebt ist und auf dem Schwarzmarkt handelt.

Ein selten gezeigter und deshalb ziemlich unbekannter Film von Billy Wilder. Was auch daran liegen kann, dass die deutsche Premiere am 6. Mai 1977 in der ARD war. Im Juli 1991 gab es dann auch einen vermutlich sehr kleinen Kinostart.

inszeniert als frivol-ironisches Wechselspiel zwischen Moral und Unmoral, das Billy Wilder mit seinem ‚Komödien-Touch‘ wirkungsvoll überzogen hat. Amüsante Unterhaltung mit einem leicht zynischen Grundton.“ (Lexikon des internationalen Films)

mit Marlene Dietrich, Jean Arthur, John Lund, Millard Mitchell

Hinweise

Arte über „Eine auswärtige Affäre“

Rotten Tomatoes über „Eine auswärtige Affäre“

TCM über „Eine auswärtige Affäre“

Wikipedia über „Eine auswärtige Affäre“ (deutsch, englisch)


TV-Tipp für den 18. Februar: B-Movie – Das wilde West-Berlin der 80er Jahre

Februar 18, 2017

Arte, 23.50
B-Movie – Das wilde WEst-Berlin der 80er Jahre (TV-Titel)/B-Movie: Lust & Sound in West-Berlin 1979 – 1989 (Kinotitel) (Deutschland 2015)
Regie: Jörg A. Hoppe, Klaus Maeck, Heiko Lange
Drehbuch: Jörg A. Hoppe, Klaus Maeck, Heiko Lange
Mark Reeder kommt 1979 von Manchester nach Berlin, der Stadt seiner Träume. Er stürzt sich in das Nachtleben und begegnet dort einer pulsierenden Szene von Künstlern und Spinnern. In „B-Movie: Lust & Sound in West-Berlin 1979 – 1989“ (Kinotitel) blickt er äußerst kurzweilig auf die Zeit zwischen 1979 und 1989 zurück.
Dabei gelang es ihm und den Filmemachern Jörg A. Hoppe, Klaus Maeck und Heiko Lange eine unglaubliche Menge auch obskurer zeitgenössischer Film- und Tonaufnahmen zu beschaffen, die sie zu einer ebenso wilden, wie kurzweiligen und, dank Reeders selbstironischem Humor und nimmermüder Begeisterung, ämusanten und informativen Collage über ein pophistorisch noch nicht aufgearbeitetes Jahrzehnt zusammenstellten.
mit Mark Reeder, Gudrun Gut, Westbam, Blixa Bargeld, Nick Cave, Joy Division, Zazie de Paris, Nena, Die Toten Hosen, Der Wahre Heino, Einstürzende Neubauten, Die Ärzte, Malaria!, Ideal, Jörg Buttgereit

Das Buch zum Film

Reeder - B Book - 250
Eigentlich Reeders Filmkommentar (deutsch und englich) und viele Bilder. Neben den bekannten Gesichtern von/mit Nena, Nina Hagen, Inga Humpe, den Ärzten, den Einstürzenden Neubauten, und Underground-Stars gibt es Bilder von dem damaligen, herrlich abgeranzten Berlin, das es heute nicht mehr gibt.
Da wünscht man sich eine Zeitmaschine.

Mark Reeder: B-Book – Lust und Sound in West-Berlin
Edel, 2015
224 Seiten
39,95 Euro

Hinweise
Homepage zum Film
Filmportal über „B-Movie“
Film-Zeit über „B-Movie“
Moviepilot über „B-Movie“
Wikipedia über Mark Reeder (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Jörg A. Hoppe/Klaus Maeck/Heiko Langes „B-Movie: Lust & Sound in West-Berlin 1979 – 1989“ (Deutschland 2015)


TV-Tipp für den 17. Februar: Polizeiruf 110: Cassandras Warnung

Februar 17, 2017

ARD, 22.00

Polizeiruf 110: Cassandras Warnung (Deutschland 2011, Regie: Dominik Graf)

Drehbuch: Günter Schütter

Kaum beginnt Kommissar Hanns von Meuffels seinen Dienst in München, muss er auch gleich im Kreis der Kollegen ermitteln. Denn auf die Frau von Gerry Vogt wurde ein Anschlag verübt, bei dem ihre Freundin starb. Diana Vogt erhält Polizeischutz und von Meuffels und Vogt suchen die Mörderin, die wahrscheinlich eine verschmähte Verehrerin ist.

Der erste Auftritt von Matthias Brandt als Kommissar Hanns von Meuffels ist ein starkes Stück Kino, mitreisend erzählt mit kleinen Abschweifungen. Dass die Lösung, rückblickend, einige kleine Logikfehler hat, kann nach neunzig atemlosen Minuten verziehen werden.

mit Matthias Brandt, Ronald Zehrfeld, Philipp Moog, Alma Leiberg, Anna Maria Sturm, Tobias van Dieken

Wiederholung: One, Samstag, 18. Februar, 00.10 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

ARD über “Polizeruf 110″

Meine Besprechung von Dominik Grafs „Schläft ein Lied in allen Dingen“

Meine Besprechung der von Dominik Graf inszenierten TV-Serie  „Im Angesicht des Verbrechens“

Meine Besprechung von Johannes F. Sieverts Interviewbuch „Dominik Graf – Im Angesicht des Verbrechens: Fernseharbeit am Beispiel einer Serie“

Meine Besprechung von Chris Wahl/Jesko Jockenhövel/Marco Abel/Michael Wedel (Hrsg.) “Im Angesicht des Fernsehens – Der Filmemacher Dominik Graf”

Meine Besprechung von Dominik Grafs “Die geliebten Schwestern” (Deutschland/Österreich 2013/2014)

Dominik Graf in der Kriminalakte


Neu im Kino/Filmkritik: „Fences“ – Zäune, überall Zäune in August Wilsons Theaterstück

Februar 17, 2017

August Wilson, der nach seinem Theaterstück das Drehbuch schrieb, hat – wenn er in wenigen Tagen den Drehbuch-„Oscar“ gewinnt – eine überzeugende, bislang noch nie benutzte Entschuldigung für seine Abwesenheit. Er ist tot. Seit dem 2. Oktober 2005.

Am 16. Oktober 2005 wurde am Broadway das Virginia Theatre in August Wilson Theatre umbenannt. Es ist das erste Broadway-Theater, das nach einem Afroamerikaner benannt wurde. Und das sagt für den Anfang genug über seine Bedeutung für die Theaterwelt aus.

Vor seinem Tod schrieb der am 27. April 1945 in Pittsburgh geborene Schriftsteller unter anderem den aus zehn Stücken bestehenden, mehrfach ausgezeichneten „The Pittsburgh Cycle“ über die verschiedenen Facetten des afroamerikanischen Lebens im zwanzigsten Jahrhundert. „Fences“ schrieb er in den frühen achtziger Jahren und es ist Teil des „Pittsburgh Cycle“.

Im Mittelpunkt des 1957 spielenden Stückes (mit einem Epilog 1965) steht der 53-jährige Troy Maxson, ein im Hill District von Philadelphia lebender Müllarbeiter. Ein Schwarzer, wie man damals Afroamerikaner nannte, der nicht lesen kann, keinen Führerschein hat und trotzdem darüber räsoniert, dass kein Schwarzer den Müllwagen fahren darf.

Der Spielfilm „Fences“ basiert auf dem gleichnamigen Theaterstück, das 1985 seine Premiere am Yale Repertory Theatere in New Haven, Connecticut, hatte, 1987 erstmals am Broadway aufgeführt wurde und einen Pulitzer Preis, einen Tony Award und den New York Drama Critics‘ Award erhielt. 2010 traten Denzel Washington und Viola Davis, die auch die Hauptrollen in der Verfilmung spielen, in einer Neuinszenierung des Stückes am Broadway auf. Davis und Washington wurden als beste Darsteller mit Tonys ausgezeichnet. Die Inszenierung gewann weitere Tonys.

Jetzt verfilmte Denzel Washington Wilsons Stück, das seine Herkunft als Theaterstück nie verleugnen kann und auch überhaupt nicht will. Die Beschränkung auf wenige Handlungsorte und die Dialoge sind reinstes Theater. In der Bühnenfassung spielt das gesamte Stück im Hinterhof. Im Film gibt es mehrere Szenen im Haus von Maxson und, für die Fliegenbeinzähler, an wenigen anderen Orten, die aber nichts daran ändern, dass „Fences“ eindeutig ein Theaterstück ist.

Die Dialoge sind auch reine Theaterdialoge, in denen die Menschen sich Dinge erklären, die sie entweder wissen oder sich niemals gegenseitig sagen würden. Sie haben auch eine Tendenz zum Monologisieren. Wobei man Wilsons Monologen und Dialogen gerne zuhört.

Fences“ ist vor allem die Charakterstudie eines enttäuschten Mannes, der frustriert, verärgert, bestimmend, herrisch, aber auch liebevoll ist. Sonst hätte seine Frau Rose (Viola Davis, die bereits einen Golden Globe für diese Rolle erhielt und für einen Oscar nominiert ist) ihn schon lange verlassen. Sie bleibt auch bei ihm, nachdem er von einer anderen Frau ein Kind erwartet.

Als junger Mann hatte Maxson von einer Baseball-Karriere geträumt. Aber in der Zeit vor Jackie Robinson war Schwarzen der Aufstieg in die Major League und damit zur großen Karriere verwehrt. Jetzt träumt sein zweiter Sohn Cory (Jovan Adepo) von einer Karriere als Sportler. Maxson will ihm die Flausen austreiben, während er einen Zaun um sein Haus errichten will.

Für den hundertvierzigminütigen Film, der keine Minute zu lang ist, verließ Denzel Washington sich auf die ihm von seinen zahlreichen Auftritten mit Viola Davis vertraute 2010er Broadway-Inszenierung.

Das Stück inszenierte er als reinstes Schauspielerkino, das sich auf den Text und die Schauspieler verlässt und, was vielleicht auch an der Handlungszeit liegt, „Fences“ eine ordentliche Portion Fünfziger-Jahre-Patina verleiht. Das ändert nichts daran, dass die Themen und Fragen des Stückes noch heute aktuell sind.

In den vergangenen Wochen erhielt Washingtons Film viel verdientes Kritikerlob, zahlreiche Nominierungen und Preise. Wichtig sind, neben den schon erwähnten Oscar-Nominierungen für das Drehbuch und Viola Davis als beste Nebendarstellerin, ist Denzel Washington als bester Schauspieler und der Film als bester Film nominiert. Gegen „La La Land“ stehen hier allerdings die Chancen schlecht.

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Fences (Fences, USA 2016)

Regie: Denzel Washington

Drehbuch: August Wilson, Tony Kushner (ungenannt) (basierend auf August Wilsons Theaterstück „Fences“)

mit Denzel Washington, Viola Davis, Jovan Adepo, Stephen McKinley Henderson, Russell Hornsby, Mykelti Williamson, Saniyya Sidney

Länge: 139 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Fences“

Metacritic über „Fences“

Rotten Tomatoes über „Fences“

Wikipedia über „Fences“ (deutsch, englisch) und August Wilson (deutsch, englisch)


Neu im Kino/Buch- und Filmkritik: „Oh…“ – Philippe Djians Roman ist jetzt Paul Verhoevens „Elle“

Februar 17, 2017

Im Moment ist Paul Verhoeven Präsident der Berlinale-Jury und gleichzeitig läuft sein neuer Film „Elle“ endlich in unseren Kinos an. Seine grandiose Philippe-Djian-Verfilmung wurde bereits 2016 bei den Filmfestspielen von Cannes gezeigt. Seitdem gab es Preise, wie Golden Globes als bester fremdsprachiger Film und für Isabelle Huppert als beste Darstellerin, eine Oscar-Nominierung für Huppert, elf César-Nominierungen und Nominierungen für den Europäischen Filmpreis in den Kategorien „Bester Film“, „Beste Regie“ und „Beste Darstellerin“, die auf die Qualitäten von Verhoevens neuem Film hinweisen.

Isabelle Huppert spielt Michèle Leblanc, die Chefin einer Videogame-Firma.

Als sie in ihrer Wohnung vergewaltigt wird, kriegt sie keine Panikattacke oder ruft um Hilfe. Stattdessen räumt sie äußerlich ungerührt die Scherben weg. Sie geht zum Arzt und lässt sich auf mögliche Krankheiten und Infektionen testen. Sie kauft sich Pfefferspray. Bei einem Abendessen in einem noblen Restaurant mit ihrem Ex-Mann Richard, einem erfolglosem Schriftsteller, ihrer Geschäftspartnerin und Freundin Anna und deren Mann Robert (mit dem Michèle ein Verhältnis hat), sagt sie ihnen beiläufig, dass sie vergewaltigt wurde. Weiter will sie nicht darüber reden.

Sie ist ein Biest, das sich schon früh einen Panzer zulegte,und ihren Mitmenschen in einer Mischung aus schnippischer Kaltschnäuzigkeit, gnadenloser Ehrlichkeit und offensichtlicher Ungerührtheit über ihre Gefühle begegnet, Sie ist in keinster Weise liebenswert, aber dank Isabelle Hupperts Spiel schließt man sie dann doch ins Herz. Soweit das möglich ist, bei einer Person, die sich nie als Opfer sieht, immer die Kontrolle behält und keine Emotionen zeigt.

Die anderen Menschen und Paul Verhoevens eiskalt-illusionsfreier Blick auf die conditio humana zeichnet ein reichlich misanthropisches Bilder der Menschheit. Kein Mann ist auch nur im Ansatz eine Zierde seines Geschlechts. Es sind Jammerlappen. Robert ist einfach nur ein ständig notgeiler Trottel. Christian Berkel hatte erkennbar seinen Spaß an diesem tumben Mannsbild. Die Frauen sind kaum besser. Michèles Mutter lässt sich ständig liften und hält sich jüngere Liebhaber. Ihre Nachbarin ist eine überzeugte Katholikin, die auf einem Tischgebet besteht und am Ende einen harmlos klingenden Satz sagt, der, weil wir den Hintergrund und die wahre Dimension des Satzes kennen, schlimmer kaum sein könnte. Ob er aus ehrlicher Erkenntnis oder vollkommener Verlogenheit gesagt wurde, bleibt dagegen dem Zuschauer überlassen. Ihre Freundin Anna erscheint da schon fast wie eine moralische Lichtgestalt.

Es sind, wenn auch mit mehr oder weniger großen Abweichungen von der Norm, ganz normale Menschen, die immer ihr Geheimnis bewahren. Das liegt auch an David Birkes Drehbuch, in dem jeder Satz ein Treffer ist, und Paul Verhoevens präziser Regie. Sie haben aus Philippe Djians Roman „Oh…“ vieles übernommen, ihn aber an den entscheidenden Stellen verbessert und Motive und Beziehungen klarer herausgearbeitet. Dem mit dem Prix Interallié ausgezeichneten Roman fehlt die klare Struktur, der ironische Ton und die satirische Schärfe des Films. So ist Michèle im Roman eine Filmproduzentin, die oft zu Hause Drehbücher liest. Im Film ist sie eine Videogame-Produzentin, die vor allem junge Männer angestellt hat, die gerade ein neues, sehr sexistisches und gewaltverherrlichendes Spiel programmieren. Michèles reale Vergewaltigung wird im Spiel mehr als einmal in verschiedenen Facetten reflektiert. Im Roman wird das Verbrechen von ihrem Vater nur angedeutet. Im Film erfahren wir die ganze Wahrheit. Der Katholizismus von ihrer Nachbarin spielt im Film eine größere Rolle. Sowieso wurden etliche Szenen dazu erfunden, die gleichzeitig Konflikte stärker zuspitzen als im Roman, die Charaktere in einem kälteren Licht erscheinen lassen und der gesamten Geschichte eine faszinierende Zwiespältigkeit verleihen. Denn Verhoeven und sein grandioses Ensemble lassen den Charakteren immer einen Hauch ihres Geheimnisses und fast jeder Satz und jede Handlung kann auf mindestens zwei Arten interpretiert werden.

Auch weil Michèle, nachdem sie die Identität ihres Vergewaltigers enthüllte, mit ihm eine Beziehung eingeht.

Elle“ gehört zu den Filmen, die beim zweiten Ansehen besser als beim ersten Ansehen sind. Wie gut wird der Erotik-Thriller dann beim dritten Ansehen sein?

elle-plakat

Elle (Elle, Frankreich/Deutschland/Belgien 2016)

Regie: Paul Verhoeven

Drehbuch: David Birke

LV: Philippe Djian: Oh…, 2012 (Oh…)

mit Isabelle Huppert, Laurent Lafitte, Anne Consigny, Christian Berkel, Charles Berling, Virginie Efira, Judith magre, Jonas Bloquet, Alice Isaaz, Vamila Pons

Länge: 126 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Die Vorlage

djian-oh

Philippe Djian: Oh…

(übersetzt von Oliver Ilan Schulz)

Diogenes, 2017

240 Seiten

12 Euro

Deutsche Erstausgabe

Diogenes, 2014

Originalausgabe

Oh…

Éditions Gallimard, 2012

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Französische Homepage zum Film

Filmportal über „Elle“

Moviepilot über „Elle“

Metacritic über „Elle“

Rotten Tomatoes über „Elle“

Wikipedia über „Elle“ (deutsch, englisch, französisch)

Perlentaucher über Philippe Djian

Wikipedia über Philippe Djian (deutsch, englisch, französisch)

Meine Besprechung von Philippe Djians „Die Rastlosen“ (Incidences, 2010 – und der Verfilmung „Liebe ist das perfekte Verbrechen“)

Meine Besprechung von Paul Verhoevens „Flesh + Blood“ (Flesh + Blood, USA 1985)


Neu im Kino/Filmkritik: „T2 Trainspotting“ – Was wurde aus den „Trainspotting“-Jungs?

Februar 17, 2017

Trainspotting“ war der „Easy Rider“ der neunziger Jahre. Ein Film, der den Nerv der Jugend traf und ihre Kultur porträtierte. Ein sofortiger, aus dem Nichts kommender Kultfilm über einige Jungs aus Edinburgh, die Drogen konsumieren und denen alles egal ist. Außer den Drogen. Schon die ersten Minuten, untermalt von Iggy Pops „Lust for Life“, geben das Tempo und die No-Nonsense-Haltung des Films vor.

Wie bei allen richtigen Kultfilmen ist auch bei „Trainspotting“ eine Fortsetzung unnötig. Auch wenn Irvine Welsh, Autor der Romanvorlage, die in England schon vor dem Film ein Bestseller war, später wieder zu Renton, Sick Boy, Spud und Begbie zurückkehrte. In „Porno“ erzählte er 2002, zehn Jahre nach „Trainspotting“, ihre Geschichte weiter.

Und jetzt haben Danny Boyle und Drehbuchautor John Hodge eine Kinofortsetzung gemacht, die lose auf beiden Büchern basiert und die Geschichte des Kinofilm weiter erzählt.

T2 is really an adaptation of two books: Porno, Irvines 10 years later sequel but, even more, it’s a direct loop back to Trainspotting. For me, the original book is like a modern Ulysses. It’s unsurpassed I think, and reading it is still like the ‚rush of ocean to the heart‘. The new film is constantly drawn back into its orbit and it’s been a privilige to step back into that world.“ (Danny Boyle)

Am Ende von „Trainspotting“ klaute Renton (Ewan McGregor) von seinen Freunden Spud (Ewen Bremner), ‚Sick Boy‘ Simon (Jonny Lee Miller) und Begbie (Robert Carlyle) das Geld, das sie für den Verkauf von Drogen erhielten.

Jetzt zwanzig Jahre später kehrt er nach Edinburgh zurück. Seine Mutter ist gestorben. Aber das ist für die Filmgeschichte, die wieder, primär, eine Ansammlung von höchst lose zusammenhängenden Episoden und Anekdoten ist. Seine damaligen Freunde sind immer noch in Edinburgh und sie haben sich nicht verändert. Spud hängt immer noch an der Nadel. Sick Boy führt eine extrem schlecht gehende Kneipe. Mit Sexvideos will er von den städtischen Honoratioren genug Geld für sein nächstes großes Projekt erpressen. Er will mit seiner Freundin (mehr platonisch als sexuell) ein Bordell eröffnen. Und Begbie, die menschliche Handgranate, geht immer noch keiner, meist von ihm provozierten, Schlägerei aus dem Weg. Jetzt, also eigentlich seit „Trainspotting“, sitzt er im Gefängnis. Als ein Entlassungsantrag abgelehnt wird, bricht er aus und quartiert sich bei seiner Frau und seinem Sohn ein.

Begbie (mehr) und Sick Boy (weniger) sind immer noch über Rentons Diebstahl verärgert. Sie wollen, dass er dafür bezahlt. Spud, dem Renton damals ein Viertel des Geldes gab, hätte dagegen gerne auf das Geld verzichtet. Als Junkie investierte er das Geld nur in Drogen.

Das ist die sich langsam materialisierende Ausgangslage. Denn Boyle und John Hodge (der auch das Drehbuch für „Trainspotting“ schrieb) führen die einzelnen Charaktere langsam ein. Es dauert einige Zeit, bis Renton wieder in seiner alten Heimat ist, bis er seine alten Freunde, mehr oder weniger freiwillig, getroffen hat und Sick Boy ihm das Geschäft seines Lebens vorschlägt.

Dieses Mal verzichten Boyle und Hodge auch auf eine Erzählerstimme, die den ersten Film strukturierte und ihm von der ersten Minute an eine Haltung gab. Das ist ein Problem von „T2 Trainspotting“. Ein anderes, viel gravierenderes, ist, dass sich Renton, Spud, Sick Boy und Begbie in den vergangenen zwanzig Jahren nicht änderten. Sie sind nur älter geworden.

Ein anderes Problem ist die episodische Struktur, die hier dazu führt, dass fast keine Handlung und Ereignis Folgen hat. So spielt Rentons Herzanfall in der ersten Minute später keine Rolle mehr. Dank einer Operation kann er noch Jahrzehnte leben und, angesichts des von ihm im Film absolvierten Sportpensums, muss er sich auch in keinster Weise einschränken. Später erzählt er Sick Boy, dass er glücklich verheiratet sei. Noch später erzählt er ihm, dass das eine Lüge war. Seine Ehe sei gescheitert und er habe seinen Job verloren. Weil wir weder seine Frau, noch seinen Job, noch sein Leben in Holland kennen lernen, und es auch keinen Einfluss auf die Filmgeschichte hat, ist es egal. Das gleiche gilt auch für seine Freunde. Nur Begbie hat mit einer Frau und einem Sohn so etwas wie ein Leben und ein Ziel: er will mit ihnen zusammen sein und seinen Sohn ebenfalls zu einem Verbrecher erziehen. Der hat allerdings Pläne für ein ehrliches, bürgerliches Leben mit einer ordentlichen beruflichen Ausbildung.

Insgesamt ist „T2 Trainspotting“ ein überflüssiger Film. Das heißt jetzt nicht, dass er schlecht ist. Er hat einige tolle Szenen, die dummerweise meistens „Trainspotting“ mehr oder weniger direkt zitieren. Sowieso ist „T2 Trainspotting“ mit Flashbacks, Zitaten und Querverweise zum ersten Film überreich gesegnet. Aber wir erfahren in „T2 Trainspotting“ nichts über die vier Jungs, was wir nicht schon in „Trainspotting“ über sie wussten. Damit wirkt der Film wie die Wiedervereinigung einer einstmals geliebten Band, die jetzt eine neue CD einspielt, die in ihren besten Momenten alte Ideen wiederholt, in ihren schlechtesten Momenten langweilt.

t2-trainspotting-plakat

T2 Trainspotting (T2 Trainspotting, Großbritannien 2017)

Regie: Danny Boyle

Drehbuch: John Hodge

LV: Irvine Welsh: Trainspotting,1993 (Trainspotting); Porno, 2002 (Porno)

mit Ewan McGregor, Ewen Bremner, Jonny Lee Miller, Robert Carlyle, Anjela Nedyalkova, Kelly Macdonald

Länge: 117 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Die Weltpremiere

Die Vorlage

Porno von Irvine Welsh

Irvine Welsh: Porno

(übersetzt von Clara Drechsler und Harald Hellmann)

Heyne, 2017

576 Seiten

10,99 Euro

Originalausgabe

Porno

Jonathan Cape, London, 2002

Deutsche Erstausgabe bei Kiepenheuer & Witsch.

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „T2 Trainspotting“

Metacritic über „T2 Trainspotting“

Rotten Tomatoes über „T2 Trainspotting“

Wikipedia über „T2 Trainspotting“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Danny Boyles „Trance – Gefährliche Erinnerung“ (Trance, GB 2013)

Meine Besprechung von Danny Boyles „Steve Jobs“ (Steve Jobs, USA 2015)

Homepage von Irvine Welsh

Meine Besprechung von Jon S. Bairds Irvine-Welsh-Verfilmung „Drecksau“ (Filth, Großbritannien 2013 – mit weiteren Videoclips) und der DVD

 


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